Tabak I Die Zigarettenindustrie hat sich in
den USA mit den restriktiveren Werberegelungen gut arrangiert.
Community bildende Events boomen.
Seit 1998, als den Tabakunternehmen in den
USA umfangreiche Restriktionen vor allem in ihrer Marketingpraxis
auferlegt wurden, ist die Ikone der amerikanischen Raucher, der
«Marlboro Man», aus der Öffentlichkeit verschwunden. Die nächste
Generation wird ihn aus ihrem Bewusstsein gestrichen haben. Tatsächlich verlor Marlboro in den acht Jahren öffentlichen
Totgeschwiegenwerdens kaum den Boden unter den Füssen. Vier von zehn
Rauchern in Amerika greifen nach einer Marlboro. 50 Prozent der 69
Milliarden Dollar schweren Industrie dominiert Marktführer Philip
Morris, dank der Zugkraft seiner Topmarken Marlboro, Virginia Slims und
Parliament. «Die Zigarettenindustrie ist grösser als die Bier- und
Getränkeindustrie», so Pascal Fernandez, Marketing Vice President bei
Philip Morris, auf einer Konferenz der American Marketing Association
in diesem Jahr.
Fernandez tat hier ausserdem etwas, wovon weder in den Medien, an
Universitäten noch anderswo in der Öffentlichkeit viel geredet wird:
Wie die Tabakindustrie in Zeiten eines umfangreichen Werbeverbots und
der zunehmenden Tabuisierung des Rauchens überhaupt noch Marketing
betreiben kann. Unter dem Druck der Regierungsbehörden, die 1998 im
Rahmen des so genannten «Master Settlement Agreement» eine Zahlung von
246 Milliarden Dollar innerhalb von 25 Jahren an die 50
US-Bundesstaaten verfügte, verwandelte sich das öffentliche Auftreten
der Unternehmen schlagartig: Hatten sie bisher das Image eines
Herstellers exquisiter Genussmittel vermittelt, wurde ihre wichtigste
Mission fortan, eine Aufklärungskampagne über die Risiken des Rauchens
anzuführen. Fernsehspots über die Gesundheitsschäden des Rauchens
werden mit Hilfe dieser Gelder nicht nur von den Behörden, sondern auch
den Konzernen bis heute gezeigt.
Werbung nur für Konsumenten
Unter dem ständigen Beschuss lautstarker Antiraucherorganisationen
beschränkt sich Philip Morris – wie auch andere Tabakunternehmen –
jetzt offiziell darauf, seine Ware an die bereits rauchenden
Konsumenten zu vermarkten. Der zweite Schwerpunkt liegt in der
POS-Werbung. Um den Händlern die Platzierung der Zigaretten an
attraktiven Stellen wie der Kasse schmackhafter zu machen, erhalten sie
ausserdem Preisnachlässe. Besonders in den ersten drei Jahren nach dem
Verbot war dies eine beliebte Marketingstrategie, sagt Tyzoon Tyebjee,
Marketingprofessor an der Universität von Santa Clara. «Alles, was man
mit dem Werbeverbot erreicht hat, ist, dass die Unternehmen andere Wege
gefunden haben, ihre Botschaft unters Volk zu bringen», sagt er. «Statt
Radio- und Fernsehspots zu schalten, wirbt man eben durch andere
Kanäle.»
Doch das Settlement Agreement liess den Konzernen einige Schlupflöcher
offen, wird darin doch ausdrücklich unterschieden zwischen Werbung bei
öffentlichen Veranstaltungen und Events, die nur Erwachsenen offen sind, etwa Bars und
Nachtclubs. «Den Marketingunternehmen ist es erlaubt, Marketing in
Lokalitäten zu betreiben, die nur für Erwachsene sind», heisst es
darin. Auch Werbemittel wie Direkt Mail und kostenlose Probepackungen
werden noch heute angewandt, nachdem der Empfänger zuvor nachweisen
musste, dass er über 21 Jahre alt ist. Die Firmen bemühen sich hier um
besondere Aufmerksamkeit, ist das Thema Jugendmarketing doch ein
empfindliches Thema in den USA.
Treue Raucher belohnt
Darauf wurde auch während der 50-Jahre-Marlboro- Feierlichkeiten
geachtet. Exklusive Vorstellungen in 49 US-Städten von Stars wie Lenny
Kravitz und Marc Anthony wurden da für ein handverlesenes – erwachsenes
– Publikum gegeben. Die Teilnehmer waren zum grossen Teil Raucher, die
in die wohl gepflegte Philip-Morris-Kundendatenbank aufgenommen worden
waren und unter denen als Belohnung für ihre Treue Konzerttickets
verlost wurden. Andere Anreize für Marlboro-Raucher sind Besuche auf
der Crazy Mountain Ranch in Montana, wo Rodeos, Snowmobiling und
Rafting angesagt sind. Abendliche Lagerfeuer und kostenlose Drinks
versüssen die authentische Marlboro-Atmosphäre. Darüber hinaus gibt es
eine «Marlboro- Rennschule», wo die Teilnehmer echte Rennwagen auf
echten Rennbahnen mit Hilfe echter Rennfahrer geniessen können. «Viele
Marlboro-Raucher wollen von uns hören und mit unseren Marken
interagieren», ist Fernandez überzeugt.
Wer es nicht in die Marlboro-Erlebnisparks schafft, bekommt immerhin
einen Katalog mit Kleidung, Reitausrüstung und anderen Produkten. Wer
fleissig die Barcode-Labels auf den Zigarettenpackungen ausschneidet,
sammelt damit «Marlboro Miles» und kann diese dann gegen eine Jacke
oder Reitstiefel eintauschen. Zum Marlboro-Geburtstag bekamen treue
Raucher ausserdem eine Geschenkkarte im Wert von 35 Dollar,
Aschenbecher oder Zigarettenanzünder. Auch grosszügige
Discount-angebote werden von den Rauchern gern angenommen: Bekamen sie
ihre Marlboros doch im Geburtstagsjahr schon für vier Dollar pro
Karton, das sind 40 Cents pro Packung.
Solche Vergünstigungen und Exklusivevents geben den geplagten
amerikanischen Rauchern ausserdem das Gefühl, Teil einer ausgegrenzten
Minderheit zu sein, was sie umso mehr zusammenschweisst. «Viele Raucher
fühlen sich ausgeschlossen und haben den Eindruck, dass sie
diskriminiert werden», sagt Norman Kjono von der Verbraucherlobby
«Forces», die auch für die Rechte der Raucher eintritt. Kjono weist
ausserdem darauf hin, dass Konzerne wie Philip Morris eine «schwierige
PR-Strategie» verfolgen: Einerseits wird den Kunden mit Preisen und
Erlebnisfahrten auf die Marlboro-Ranch das Zuckerbrot gegeben, doch mit
den Aufklärungskampagnen gegen das Rauchen gleichzeitig auch die
Peitsche. «Sie bekommen widersprüchliche Signale.»
Ein weiteres erfolgreiches Mittel, die Botschaft unters Volk zu
bringen, haben die Tabakkonzerne in den vergleichsweise kostengünstigen
Kampagnen gefunden: Die Kunde von Events oder anderen Vergünstigungen,
die über Internet-Chatrooms oder durch Mund-zu-Mund-Propaganda
verbreitet wird. Ein gelungenes Beispiel war die «Marlboro Outwit the
West»-Kampagne im
vergangenen Jahr, ein Kontest, bei dem die Teilnehmer wie in einer
Schnitzeljagd Trivia über die Zigarettenmarke zusammentragen mussten
und gleichzeitig durch Montana, die Heimat von «Marlboro Country»,
reisen durften.
Methoden erreichen Europa
Auch in England, wo ein ähnliches Werbeverbot gilt wie in den USA,
versucht Marlboro alternative Werbeformen einzuführen. Hier soll
verstärkt mit «Experiential Marketing» gearbeitet werden, einer
Mischung aus Design und Ästhetik, die dem Kunden die Marke mehr
suggeriert als ihn direkt zum Kauf auffordert. Den Besitzern gehobener
Bars wird hier angeboten, gegen finanzielle Anreize so genannte
«Installationen» einzurichten: Sitzecken mit rot-weissen Sofas und
Bildschirmen, auf denen Videos von der rauen Schönheit des
amerikanischen Westens gezeigt werden – Anspielungen auf den «Marlboro
Man» und seine Zigarette, ohne dass die Marke direkt genannt
wird.
Am weitesten geht mit diesem Konzept nun der Konkurrent RJ Reynolds. Im
Januar lancierte der Tabakhersteller seine neue Luxusmarke Marshall
McGearty, die ausschliesslich in der dazugehörigen Tabaklounge gekauft
werden kann. Diese Lounge, die jetzt in Chicago eröffnet wurde,
zeichnet sich nicht nur durch rote Plüschsofas und schwere
Brokatvorhänge aus, sondern vor allem dadurch, dass die Zigaretten von
einem «Tobacconisten» für acht Dollar pro Packung handgerollt werden.
Das Konzept hat bisher jede Menge PR-Storys generiert und soll, wenn
erfolgreich, in weiteren Städten ausprobiert werden.
Gerti Schön