Graphic Design Das Museum für Gestaltung in
Zürich stellte in der Ausstellung «Communicate» 45 Jahre britische
Grafikkultur vor. Werbewoche-Redaktor Luca Aloisi unterhielt sich mit
dem Londoner Kurator und Autor Rick Poynor über
die Bedeutung der Sammlung.WW: Woran denken Sie beim Begriff Schweizer Grafik-Design?Rick Poynor: Wenn
ich an die Tradition der Schweizer Grafik und Typografie denke, von Max
Bill über Josef Müller-Brockmann und Emil Ruder, denke ich an
Ordnung, Klarheit, Disziplin, Schönheit und Modernität. Alles starke
Tugenden – und zu einem gewissen Grad vielleicht auch Ausdruck von
Starrheit. Ich fühle mich aber ebenso stark von Wolfgang Weingarts
Bruch mit diesen Konventionen angezogen. Er erweiterte diese
Eigenschaften um anarchische, subjektive und ausdrucksstarke
(expressive) Züge. Persönlich fühle ich mich eher beim unvorhersagbaren
Erfindungsreichtum der gegenwärtigen Schweizer Designer wie einem
Cornel Windlin und Ralph Schraivogel zu Hause als bei der
traditionellen, kontrollierteren Schweizer Grafik.
WW:
Und worin unterscheidet sich das unabhängige britische vom Schweizer Grafik-Design?Rick Poynor:
Im Vergleich zum Schweizer Stil war das britische Design nie so
doktrinär oder streng. Britische Designer der späten 1950er- und frühen
1960er-Jahre schauten sich die Ausgaben der «Neuen Grafik» an und waren
vom Magazin wie von der Schweizer Typografie zweifellos beeinflusst. Das kann man beispielsweise sehr gut an Romek Marbers
strukturierten Penguin-Buchumschlägen erkennen, die auf einem gleich
bleibenden Liniennetz aufbauen. Britische Designer haben alles
übernommen, was sie verwenden konnten. Aber das geschah kaum aus
ideologischen Beweggründen. All diese Einflüsse haben sie dann
miteinander vermischt, vor allem jene, die aus den USA stammten. Das
britische Design war sozusagen eine Art Hybrid und ist es während der
Jahrzehnte bis heute eigentlich auch geblieben. Man kann weder einen
vorbestimmten Stil noch eine Attitüde feststellen. Alles ist möglich.
Handkehrum ist diese pluralistische Form ein Zustand, den man
mittlerweile überall kennt – auch in der Schweiz.
WW:
Diese zunehmende Durchmischung fällt ins Kapitel der Globalisierung, in
der Trends immer schneller aufeinander folgen und vernetzter sind. Gibt
es unter diesen Umständen immer noch typisch britische Elemente im
britischen Graphic Design?Rick Poynor:
Die Ausstellung «Communicate» zeigt die Arbeiten von mehr als 100
Designern aus den unterschiedlichsten Sektoren – aus dem
Verlagsbusiness, der Musik, den Künsten, Unternehmensmarken, selbst
initiierte Arbeiten und so weiter. Diese Designer verwenden eine
dermassen breite Auswahl grafischer Methoden, dass es unmöglich ist,
sie alle auf eine oder zwei visuelle Schlüsseleigenschaften
zusammenzufassen. Nehmen Sie beispielsweise die politischen oder
gesellschaftlichen Segmente, hier scheinen die Werkgruppen eines Robin
Fior aus den 1960er-Jahren und jene von Jonathan Barnbrook aus der
Jahrtausendwende von zwei verschiedenen grafischen Galaxien zu stammen.
Trotzdem verbindet ihre Überzeugung eine nachdenkliche und skeptische
Haltung sowie eine Ablehnung jeglicher Kompromisse. Sie wollen
ihre eigenen Entdeckungen und Erfahrungen zum Designerdasein machen.
WW: Ist es diese Nonkonformität, die dem Ausstellungstitel das offenbar wichtige Attribut «unabhängig» verleiht?Rick Poynor:
Zugegeben, «independent graphic design» dürfte als Begriff weniger
verbreitet sein als unabhängiger Film oder Indie-Musik. Aber der
Löwenanteil am innovativsten, einflussreichsten und nachhaltigsten
Design Grossbritanniens kam während der vergangenen 45 Jahre ganz klar
von Designern, die die Beibehaltung ihrer Autonomie in der Arbeit zur
ersten Priorität gemacht haben. Autonome Designer ziehen es vor, ihre
Studios verhältnismässig klein zu halten, als Geschäftsgründer
Inhaber ih-res Unternehmens zu bleiben und somit die vollen Freiheiten
der Geschäftsentwicklung und -ausrichtung zu
bewahren. Den Hauptgrund für die ethische und fachliche Unabhängigkeit
hat einer der ausgestellten Designer so zusammengefasst: «Wir sind
keinen Shareholders und keiner Konzernmutter Rechenschaft schuldig. Wir
existieren einzig und allein, um gutes Design zu kreieren.»
Entsprechend hat sich die Ausstellung «Communicate» zum Ziel gesetzt,
die Besucher an die Bedeutung von kreativem Schaffen zu erinnern, das
im Geist der Unabhängigkeit entsteht, und der Titel signalisiert diesen
Umstand sehr deutlich.
WW: Was hat Sie inspiriert, diese umfassende Sammlung zusammenzutragen?
Rick Poynor: Der Hauptgrund für die Zusammenstellung von «Communicate» liegt in der
Bedeutung der Arbeiten, in ihrem unbestritten hohen kulturellen Wert
und liegt ebenso im grossen Beitrag, den die unabhängigen Designer
daran geleistet haben. Ich war denn auch überrascht festzustellen, dass
es bisher noch nie eine vergleichbare Ausstellung oder ein Buch über
das unabhängige britische Design in dieser Detailliertheit gegeben hat.
WW:
Wenn es so etwas noch nie zuvor gegeben hat, was waren dann Ihre Auswahlkriterien für die Arbeiten in der Ausstellung?
Das Ziel war, Designwerke vorzustellen, die auf irgendeine Weise
innovativ waren, die in ihrer Ausführung und Typologie herausragende
Beispiele darstellen. Arbeiten, die in Grossbritannien und zum Teil
auch im Ausland einflussreich waren, die eher ein bleibendes als ein
zeitweiliges Interesse generiert haben. Zeugnisse ihrer Zeit, die den
Zeitgeist stark kontextualisieren und das Schlüsselargument der
Ausstellung, den Wert der Kleinheit, beispielhaft zum Ausdruck bringen.
WW:
Das klingt sehr anspruchsvoll. Aber in Anbetracht der grossen Bedeutung und Ausstrahlung der britischen
Popszene fragt man sich, wo wäre das unabhängige britische Design ohne
die Musikindustrie?Rick Poynor:
Da ist was dran. In den 1960er-Jahren begann die Musikindustrie für die
meisten kreativen britischen Designer eine immer wichtigere Rolle zu
spielen. Leute wie Hipgnosis, Barney Bubbles, Malcolm Garrett,
Peter Saville, Vaughan Oliver und Julian House von Intro waren in
diesem Bereich ton- angebend. Ich glaube nicht, dass man den prägenden
Einfluss ihrer Arbeiten und ihrer Modelle überschätzen kann, auch auf
Designer, die nicht in der Musikindustrie involviert waren.
WW: Wie gross war denn die Akzeptanz dieses neuen Designstils in der visuellen Kommunikation im England der 60er- und 70er-Jahre?Rick Poynor:
Das hängt davon ab, von welcher Stilrichtung und von welchem
spezifischen Gesellschaftsmilieu wir sprechen. In den 60er-Jahren waren
die Reaktionen auf das neue Graphic Design im Allgemeinen positiv. Die
Zeit stimmte offenbar. Die Wirtschaft boomte. Ein neuer Optimismus
machte sich breit, neue Kräfte wurden vereint, die Bedeutung des Image
in der Werbung, in der Mode, im Detailhandel, im TV und der Popmusik
faszinierte grosse Kreise. Aber die Designbranche selbst war bereits in
den 70er-Jahren ein weites Feld mit den unterschiedlichsten
Stilrichtungen und Designern. Es ist sehr erstaunlich, wie lange der
professionelle Mainstream noch brauchte, bis er die Bedeutung und
Anwendbarkeit der Innovationen akzeptierte, die von Designern wie
Neville Brody ausgingen, deren Fokus auf die Popkultur gerichtet war.
Noch in den 80er-Jahren bekundete die alte Garde des Designs ihre Mühe
mit der «Frivolität» der so genannten Style Graphics. Das traditionelle
Designdenken begünstigte immer noch den Approach an der starken,
klaren, grossen Kreatividee. Diese ältere Designergeneration konnte
schlicht und ergreifend nicht verstehen, wie jemand wie Brody grafische
Signale an eine junge Zielgruppe aussenden konnte, die ihrerseits keine
Probleme hatte, die kommunizierten Codes zu entschlüsseln.
WW: Waren das die Beweggründe, die auch die jüngere Designergeneration vom
Einstieg in die vereinnahmende Maschinerie der grossen Designindustrie
abhielt?Rick Poynor:
Die Beweggründe haben sich, wie zu erwarten war, geändert. Einige
Designer sind politisch stark engagiert – ich habe die beiden Robin
Fior und Jonathan Barnbrook genannt. David King, der eine Reihe
beachteter Politposters für antifaschistische Organisationen kreiert
hatte, ist ein weiteres Beispiel aus der Ausstellung für
gesellschaftskritisch motiviertes Graphic Design. Andere Kreative
dagegen wollen einfach so frei und unabhängig wie möglich arbeiten und
ihre Interessenthemen zweck- und anwendungsfrei wahrnehmen können, also
visuelle Gestaltung ohne Hintergedanken an Anwendung, Geschäft und
Nutzen. Trotz der weiten Spanne glauben sie alle, dass ihre Stimmen,
ihre Ausdrucksformen verloren gingen, wenn sie in einem grossen
Werbenetzwerk arbeiten würden und sich den Vorstellungen und der Agenda
anderer anpassen müssten.
WW: Hat sich diese kritische Einstellung über die Jahre nicht geändert?Rick Poynor:
Eigentlich nicht. Auch wenn heutzutage Designer mit einer starken
ideellen und politischen Motivation viel seltener sind, glaube ich,
dass der Geist der hartnäckigen und kompromisslosen Unabhängigkeit
immer noch sehr wach ist, wie man an den Werken jüngeren Datums in der
Ausstellung sehen kann.
WW: Wo und wie hat das unabhängige britische Design die Werbung und die kommerzielle Kommunikation im Generellen beeinflusst?Rick Poynor:
Ich glaube nicht, dass eine Verallgemeinerung in diesem Zusammenhang
sinnvoll ist. Ein paar spezielle Beispiele können die Frage besser
beantworten. Fletcher Forbes Gill, die sich später in Pentagram
umgetauft hatten, sollten für alle kleinen, engagierten, kreativen,
motivierten Designstudios der 1960er-Jahre Schablonencharakter
erhalten. Noch heute treten die meisten britischen Designer, ohne es zu
realisieren, in die Fussstapfen der stilbildenden FFG. Später folgte
Brody, der einen riesigen Einfluss auf das Design der 1980er-Jahre
hatte – nicht nur in Grossbritannien, sondern auf der ganzen Welt.
Seine Zeitgenossen Peter Saville und Vaughan Oliver prägten überall die
Graphic Designers im Musikbusiness. Auch die Mitglieder der 8vo, die
sich stark an die Schweizer Typografie lehnten, hatten eine grosse
Wirkung. Sie führten den modernistischen Approach an die Typografie im
britischen Graphic Design wieder ein. Man erkennt ihren Einfluss
noch 20 Jahre nach ihrem Wirken. In den 1990er-Jahren erfand The
Designers Republic einen computergesteuerten technoiden Stil, der in
kurzer Zeit zu einem internationalen Phänomen wuchs und Designer in der
Schweiz, in Deutschland, den USA und in Japan mitriss. Und so
ging und geht es weiter. «Communicate» versammelt eine Fülle von
Designern, deren Arbeit beispielhaft und bahnbrechend für das britische
wie für das internationale Design war.
WW: Die unabhängigen Graphic Designer haben lange eine schwierige Beziehung
zum kommerziellen Mainstream gehabt. Heute hingegen setzen sie auf die
gleichen Kommunikationsmechanismen internationaler Konzerne und
verschaukeln Letztere überspitzt und zynisch. Ist das die Krönung des
unabhängigen Graphic Design und stellt das einen Verlust seiner
Identität und Inspiration dar?Rick Poynor:
Ich hoffe es nicht, und ich glaube es auch nicht. Es wird immer
unabhängig gesinnte Grafiker geben, die kritisch und selbstbestimmt
kreativ ihren eigenen Weg gehen. Kultur sollte nicht fein verpackt aus
vorhersagbaren Quellen und Richtungen kommen. Will sie ihren breit
angelegten Zweck erfüllen, darf sie nicht von ein paar wenigen
Mainstreamkonzernen zuerst auf ihre Gewinnträchtigkeit überprüft
werden. Eine Kultur, der es an unabhängigen Stimmen mangelt, käme
schnell in grosse Schwierigkeiten. Und wenn das auf Musik, Film und
Literatur zutrifft, dann gilt es auch für Design, als vitaler Aspekt
unserer Kultur. Das ist eine globale Tatsache. Deshalb hoffe ich, dass
auch die Besucherinnen und Besucher in der Schweiz die Ausstellung in
diesem Sinne verstehen, sich gut unterhalten und sich von einigen der
profiliertesten britischen Designer inspirieren lassen.
Kraftvolle Grafik
In Grossbritannien ist seit den 1960er-Jahren eine der innovativsten
und vielfältigsten Grafikkulturen der Welt entstanden. Die Ausstellung
mit mehr als 600 Exponaten – von LP-Hüllen über Zeitschriften wie The
Face bis zu Plakaten und Musikclips für Kraftwerk – zeigt die
Entwicklung der unabhängigen britischen Grafik der letzten vierzig
Jahre und deren Einfluss auf die zeitgenössische Kultur. «Communicate»
ist vom 18. März bis 7. Mai im Museum für Gestaltung, Zürich, zu
besichtigen. Infos: www.museum-gestaltung.ch.
Luca Aloisi