Tom Goodwin: Der Antiexzentriker
Als Experte für Zukunftstechnologie unterscheidet sich Tom Goodwin gleich in zweierlei Hinsicht von vielen Kollegen: Er ist bescheiden – und er hat meistens Recht. Ein Gespräch.

m&k: Tom Goodwin, ich habe in der Vergangenheit mit einigen sogenannten Futuristen gesprochen – und etliche von ihnen lagen mit ihren Prognosen daneben. Sie hingegen haben mit einer Vielzahl von Dingen, die Sie in Ihrem 2018 erschienenen Buch «Digitaler Darwinismus» vorausgesagt haben, Recht. Was unterscheidet Sie von einem grossen Rest Ihrer Zunft?
Tom Goodwin: Zunächst einmal: Das ist wirklich nett von Ihnen, vielen Dank. Ich denke, der Hauptgrund für Ihre Einschätzung – sollte sie denn zutreffen – ist, dass die von Ihnen erwähnten Kollegen einen anderen Schwerpunkt haben. Viele Futuristen bauen ihren Erfolg darauf auf, möglichst ausgefallene und exzentrische Prognosen aufzustellen. Wenn Sie zu einer Konferenz über die Zukunft des Einzelhandels gehen und den Teilnehmenden erzählen, dass eine clevere Etikettierung, eine bessere Schulung des Personals oder eine schnellere Kassensoftware die meisten Probleme lösen könnten, werden die Leute wahrscheinlich ein bisschen enttäuscht sein. Sie wollen etwas über Drohnen und den 3D-Druck von Lebensmitteln zu Hause hören (lacht). Aber ich bin lieber hilfreich als extravagant. Ich lese Studien, ich recherchiere, ich spreche mit allen möglichen Menschen und versuche dann, mich dem jeweiligen Sachverhalt mit Empathie und Pragmatismus anzunähern. Seien wir doch ehrlich: Die grossen Veränderungen in unserer heutigen Gesellschaft werden nicht durch Quantencomputer verursacht, sondern durch Kinder, die ihre ganze Zeit auf TikTok verbringen. Unser Alltag wird weniger von der 5G-Technologie beeinflusst als vom Arbeitskräftemangel im Niedriglohnsektor. Es gibt dringende Probleme für die nahe und mittelfristige Zukunft, mit denen wir uns beschäftigen müssen.
Trotz Ihres Pragmatismus waren Sie schon immer jemand, der mit Nachdruck für «Disruption von innen» in der Wirtschaft plädiert hat. Man konnte Sie über viele Jahre sogar dem Lager der «Disrupt or Die»-Evangelisten zuordnen. Nun erleben wir mit Pandemie und Krieg massive «Disruption von aussen». Wie hat sich das auf Ihre Arbeit ausgewirkt?
Die Gesellschaft spricht gerne und viel über die Bedrohungen, die mit den von Ihnen erwähnten Entwicklungen verbunden sind. Doch – ohne zynisch klingen zu wollen – sind selbige Entwicklungen ein Teil des Lebensrhythmus. Wie reagieren wir also auf sie? Ich denke, es ist ganz entscheidend, dass wir unseren Bezugsrahmen ändern und viel mehr über Chancen als über Gefahren nachdenken. Wir müssen jetzt zeigen, dass wir widerstandsfähig und effizient sind, und dann können wir – ungeachtet der Situation, in der wir uns gerade befinden – auf eine bessere Zukunft hinarbeiten.
Ich hoffe, es klingt nicht völlig amoralisch, wenn ich Sie im Anschluss frage, ob all die Tragödien und Herausforderungen unserer Zeit also auch ein «Weckruf» sind?
Es ist zweifellos … schwierig, das Geschehen zu betrachten und so darüber zu sprechen, dass es nicht unsensibel erscheint. Aber das Wichtigste, was wir meiner Meinung nach aus den aktuellen Ereignissen lernen, ist, «dass wir das schaffen». Sehen Sie sich das Ausmass der externen Disruption an, die wir erlebt haben – noch erleben … und dann die Art und Weise, wir wir damit umzugehen gelernt haben. Erinnern Sie sich, wie der Bau von Beatmungsgeräten zu Beginn der Pandemie hochskaliert wurde? Wie Unternehmen Software aus der Beta-Testphase zur Marktreife brachten, damit «Remote Work» überhaupt erst möglich wurde? Von der Entwicklung des Impfstoffs, basierend auf einer grundlegend neuen MRNA-Technologie, brauchen wir da noch gar nicht zu reden. Wenn es darauf ankommt, können wir zusammenarbeiten, wir können schnell Entscheidungen treffen und wir können die Gesellschaft mobilisieren. Das nehme ich aus den Krisen der Gegenwart als ermutigende Erkenntnis mit.
In der ersten Version Ihres Bestsellers «Digital Darwinism» von 2018 sprechen Sie von «Disruptions-Helden» wie Airbnb oder Uber. Inzwischen sind diese Firmen etabliert und Unternehmen wie Zoom oder TikTok in den Mittelpunkt der globalen Aufmerksamkeit gerückt. Ein jedes Ding hat seine Zeit, sagt die Bibel – doch: Gibt es etwas, das all diese Unternehmen gemeinsam haben?
Es gibt sogar mehrere, ganz wichtige Gemeinsamkeiten. Die erste ist, dass all die von Ihnen erwähnten Unternehmen als Antwort auf sehr wichtige, bis dato unerfüllte menschliche Bedürfnisse hin gegründet wurden: Bei Zoom geht es darum, uns auf eine zeitgemässe, visuell ansprechende Weise miteinander zu verbinden. Die Idee hinter TikTok ist, dass wir uns als Teil eines «Stammes» fühlen, als Teil einer kulturellen Bewegung. Bei Uber geht es darum, dass man sich simpler und effizienter fortbewegen kann; egal wo auf dem Planeten man sich befindet. Alle genannten Unternehmen sind bei genauer Betrachtung weniger technologie- als nutzerzentriert, auch wenn sie natürlich von modernster Technologie angetrieben werden. Eine weitere Gemeinsamkeit ist, dass sie in ihrer Bedienung auf intuitive, fast spielerische Interfaces setzen. Und sie haben einen klaren Fokus: Zoom versucht nicht, ein Telemedizinanbieter oder eine Blogging-Plattform zu werden, sondern bleibt nah an den eigenen Kernkompetenzen.
Sie beraten Unternehmen in der Transformation ihrer Geschäftsmodelle und -prozesse und bemängeln, dass oft der Wille fehlt, Veränderungsprozesse konsequent bis zu deren Ende durchzuführen. Woran liegt das – und frustriert Sie das mitunter?
Früher hat mich das sogar ziemlich häufig frustriert (lacht). Aber das wurde besser, als ich zu verstehen begann, wo die Gründe dafür liegen: In gewisser Weise sind grosse Unternehmen wie Öltanker. Sie sind unglaublich gut in dem, was sich über Jahre oder Jahrzehnte zu ihrer Hauptaufgabe entwickelt hat. Und sie sind schrecklich schlecht darin, irgendetwas anderes zu tun. Start-ups hingegen sind wie Schnellboote: Sie sehen beeindruckend aus, sie sind fix, sie können andauernd die Richtung ändern, aber ihre «Ladekapazität» – um innerhalb der Metapher zu bleiben – ist geringer; sie sind für gewöhnlich mehr auffällig, als dass sie profitabel wären. Und einen perfekten Hybriden zwischen Öltanker und Schnellboot gibt es noch nicht. Da wir aber schon von Transformation sprechen: Sie haben bereits erwähnt, dass ich früher ein überzeugter Anhänger der «Disrupt or Die»-Philosophie war … Das bin ich aber nicht mehr. Heute glaube ich, Unterbrechungen und Veränderungen nur um ihrer selbst willen können einem Unternehmen mehr schaden als nützen.
Es gibt also Unternehmen, die nicht versuchen sollten, sich ständig zu verändern und zu verbessern?
Das möchte ich damit nicht sagen. Was ich zum Ausdruck bringen will, ist, dass wir sowohl ein internes als auch ein externes Erwartungsmanagement dazu brauchen, in welchen Bereichen man optimieren sollte und in welchen nicht. Schauen Sie sich Brands wie McDonald’s, Nike, Adidas oder die Lufthansa an: Niemand erwartet von diesen Marken, dass sie ihr Businessmodell binnen ein oder zwei Tagen komplett verändern. Den Aktionären gefällt, dass sie einen positiven Cashflow haben und regelmässig Renditen fliessen. Ich glaube, dass viele Menschen – und da nehme ich mich explizit nicht aus – über Jahre überzeugt waren: «Netflix wird das Fernsehen zerstören, Amazon wird Walmart zerstören, Airbnb wird Marriott zerstören» – aber das ist nicht passiert. Die «Traditionalisten» in dieser Aufzählung haben sich vielmehr die Bereiche angeschaut, in denen sie schon sehr gut funktionieren, und haben die Bereiche verbessert, in denen sie ein Potenzial sahen, es besser zu machen. Oft indem sie die Technologie der «Newcomer» für ihre Zwecke verwendet haben.
Können Sie mir ein Beispiel nennen?
Airbnb bietet eine Menge Möglichkeiten, an diverse Unterkünfte zu gelangen. Aber die Qualität der Gäste-Experience variiert enorm. Denn Airbnb ist nun einmal kein klassischer Hotelleriebetrieb. Ein Unternehmen wie Marriott hat hingegen viel mehr Kontrolle über jeden einzelnen Touchpoint: Es kann Mindeststandards für die Reinigung gewährleisten, Prozessabläufe für Beschwerdemanagement definieren … Deshalb, noch einmal: Unternehmen müssen einschätzen, wann sie sich selbst treu bleiben und sich auf ihre Stärken besinnen sollten und wann sie von Disruptoren lernen sollten. Kurz: Für Marriott ist der beste Weg, Airbnb zu konkurrenzieren, nicht unbedingt, wie Airbnb zu werden – sondern so gut wie möglich Marriott zu sein.
In Ihren Büchern beschreiben Sie vier verschiedene Innovationsstrategien für grosse Unternehmen: «Selbstkannibalisierung», bei der man mit neuen Produkten beginnt, das eigene, traditionelle Sortiment zu konkurrenzieren; Innovationsmomente als Teil der regulären Betriebsabläufe; begrenzte «Experimente» mit neuen Produkten oder Dienstleistungen – oder Investitionen in Start-ups oder Hedgefonds. Wie entscheiden Unternehmen, welche Strategie für sie die richtige ist?
Das Spektrum, das Sie nennen, hat fliessende Grenzen. Und die von Ihnen angesprochenen Strategien schliessen einander nicht aus – man kann mehrere gleichzeitig anwenden, wenn man über die entsprechenden Ressourcen verfügt. Aber ein Indikator, auf welche Strategie man sich vielleicht konzentrieren sollte, könnten die Risiken sein, die man einzugehen bereit ist. Wenn Sie in Start-ups oder Hedgefonds investieren, halten Sie sich weitestgehend aus deren Tagesgeschäft raus. Und Sie sagen: «Bei uns selbst verändern wir nichts, wir verdienen einfach Geld mit denen, die besser für die Zukunft aufgestellt sind als wir» (lacht). «Selbstkannibalisierung» hingegen ist das riskanteste und existenziellste Konzept für Business-Transformation: Das gesamte Produktportfolio umzukrempeln, um mit «einer vergangenen Version seiner selbst» zu konkurrieren, ist etwas völlig anderes, als ein paar Prozent des Jahresumsatzes in Apple-Aktien zu investieren. Wenn Sie vor einer solchen Entscheidung stehen, dann denken Sie darüber nach, wie stark Ihr Unternehmen bedroht ist. Sind Sie mehr oder weniger – verzeihen Sie die Wortwahl – am Arsch (lacht), wenn Sie so weitermachen wie bisher? Dann wagen Sie den Sprung ins kalte Wasser. Geht es Ihnen einigermassen gut, aber Sie brauchen einen kleinen «Push»? Dann können Sie konservativer agieren.
Vor ein paar Jahren war die Idee vom «Internet der Dinge» in aller Munde. Jetzt dreht sich die Diskussion um «das Metaverse». Verstehen die Unternehmen überhaupt in ausreichendem Masse, was dieser Begriff bedeutet – oder bräuchten sie dafür ein höheres Mass an «digitaler Alphabetisierung»?
Was Sie da implizieren, ist ein bisschen unfair (lacht). Das klingt schon sehr, sehr skeptisch gegenüber den Fähigkeiten moderner Unternehmen. Ich glaube, der Begriff «Metaverse» ist zu einem Tool geworden, das unterschiedliche Stakeholder so benutzen, wie es ihnen am nützlichsten erscheint. Wenn Sie also von einer Firma ausgehen, die an Blockchain-basierten Lösungen arbeitet, wird selbige das Metaversum durch die Brille des Web 3.0, der Interoperabilität, der Dezentralisierung betrachten. Wenn Sie jedoch als Spielehersteller oder als soziales Netzwerk an die Sache herangehen, dann sehen Sie das Metaversum primär als Tor zu einer dreidimensionalen, immersiven, virtuellen Welt. Das sind zwei völlig unterschiedliche Wege, sich ein- und demselben Phänomen anzunähern; und wenn einem das klar wird, dann versteht man auch, wieso eine gemeinsame Terminologie hier so undifferenziert wirkt.
Wie würde Tom Goodwin «das Metaverse» beschreiben?
Die wohl einfachste Art, das Ganze zu konkretisieren, ist folgende: Denken Sie an jene Momente in unserem Leben, in denen die Digitalisierung bereits Dinge möglich macht, die wir noch vor einigen Jahren nicht für möglich gehalten hätten. Extreme und «Science Fiction»-mässige Vorhersagen sind ja nicht so mein Ding, deswegen schauen wir uns doch einfach mal um: Wir leben bereits innerhalb von praktischen Anwendungen des Metaversums, und zwar permanent! Wenn Sie Google Maps verwenden, nutzen Sie eine Art von Augmented Reality. Wenn Sie zu spät zu einem Treffen mit einem Freund kommen und eine Textnachricht erhalten, in der steht: «Keine Sorge, ich bin in das Café nebenan gegangen. Ich habe mir ein Buch mitgebracht, also keine Eile» – dann erweitert digitale Verbundenheit unsere physische Realität, und wir denken nicht einmal darüber nach! Überhaupt, dieser Gedanke des «Verbunden-Seins»: Hätte man vor zehn oder fünfzehn Jahren einen Teenager gefragt, wie viel Zeit er pro Tag im Internet verbringt, hätte er wahrscheinlich «drei bis vier Stunden» gesagt. Heute sind wir in jedem Moment, in dem wir nicht schlafen, via Smartphone oder andere Gadgets online – verstehen also das Konzept, auf dem die Frage gründet, überhaupt nicht mehr.
Die Zukunft beginnt mit Werkzeugen, die uns bereits zur Verfügung stehen.
Wir leben in einer Welt, in der wir alle verstanden haben, dass die Grenzen zwischen physischer und virtueller Realität durchlässig geworden sind; in der wir mobile Daten von Servern abrufen, um unser Leben «on the go» einfacher zu machen. Unsere Telefone sind unser ausgelagertes Gedächtnis und halten alle Momente fest, die uns etwas bedeuten. So weit sind wir schon. Und nun? Wo gehen wir hin? Vor uns wurde die grösste, leerste, wunderbarste Leinwand montiert, die es in der Geschichte der Zivilisation jemals gegeben haben mag. Und wir beginnen jetzt, zu malen.
Sie haben deutlich gemacht, dass das Prinzip «Disrupt or Die» nicht immer bis zum Äussersten durchexerziert werden muss – und Unternehmen trotzdem überleben, ja: florieren können. Dennoch werden einige Firmen die aktuellen Zeiten des Wandels nicht überstehen, oder?
Zunächst einmal sollten wir uns klar machen, dass der «Tod» eines Unternehmens nicht mit dem Tod eines Menschen gleichzusetzen ist. Es ist nicht immer traurig, wenn ein Unternehmen «stirbt». Evolution basiert auf der Idee, dass Dinge vergehen und das, was danach kommt, sich besser entwickelt. Das ist Fortschritt – Wachstum und Niedergang als unvermeidliche Bestandteile des wirtschaftlichen Kreislaufs. Überhaupt bin ich ein grosser Freund von Metaphern des Wachstums anstelle von Wörtern wie «Veränderung»: Warum sollte man danach streben, Menschen oder Firmen «umzuprogrammieren», um von einem «nur dieses» zu einem «nur jenes» zu gelangen? Sollte man nicht eher darüber sprechen, wie die Felder, die wir einst bestellt haben, in Zukunft auch andere Früchte tragen könnten? Der Tod sollte nicht den Grundtenor bestimmen. Im Fokus unseres Denkens sollte die Geburt stehen; das, was wir schaffen können, was wir lernen können. Das, was der Nachwelt bleibt, wenn wir einmal nicht mehr da sind.










Dr. Alexander Haldemann, CEO der Publicis Groupe ZürichJüngst hatte ich Gelegenheit, mich bei einem Abendessen in Zürich mit der Werbe-Ikone Sir John Hegarty auszutauschen. Es mag zwar fraglich erscheinen, überhaupt jemanden als eine «Ikone» zu bezeichnen (denn unsere Branche hat über die Jahre nicht nur mehr als genug «goldene Kälber» gesehen, sondern auch die Ermattung von deren vermeintlichem Glanz beobachtet). Aber sollte man den Begriff ausnahmsweise einmal verwenden wollen, dann wohl für Sir John: Er hat mit Barton Bogle Hegarty (das heute als BBH Global firmiert) eine Agentur geschaffen, die Audi den Slogan «Vorsprung durch Technik» schenkte, die Levi’s-Jeans wieder sexy machte und Lego zum Lieblingsspielzeug gleich mehrerer Generationen erhob.Dieser Jahrhundert-Kreative sass mir also beim Dinner gegenüber und sprach, zwischen zwei Schlucken seines selbst produzierten Languedoc-Rotweins, einen vermeintlich simplen Satz: «Kreativität», sagte Hegarty, «ist Authentizität.» Seine Aussage beschäftigt mich seitdem immer und immer wieder. Warum? Weil sie in ihrer Einfachheit doch auf eine profunde Wahrheit weist, die im Alltag von uns professionellen Kommunikatorinnen und Kommunikatoren mitunter in den Hintergrund zu treten scheint. «Niemand», führte Sir John aus, «kann auf hohem Niveau kreativ sein, wenn er nicht absolut und unerschütterlich davon überzeugt ist, dass er aus totaler Authentizität heraus handelt.»




