Thjnk ist an der Spitze des Kreativrankings 2022

Hatte die Agentur Thjnk im Jahr 2021 noch pausiert, arbeitete sie sich 2022 auf Platz eins des jährlich erscheinenden Kreativrankings. Knapp hinter Thjnk positioniert sich, gewohnt stabil, die Boutique-Agentur Ruf Lanz. Von Platz neun hat sich Wunderman Thompson auf den dritten Rang katapultiert.

Mit 445 Punkten ist die Agentur Thjnk Zürich in diesem Jahr klar die Nummer eins im Ranking der kreativsten Agenturen. Die Agentur, die seit sechs Jahren in Zürich die Branche aufmischt, hat sich kontinuierlich gesteigert. 2019 rangierte sie schon auf Platz zwei, fiel dann 2020 auf Platz drei, pausierte im Jahr 2021 und hat sich nun mit Platz eins im Kreativranking ganz nach oben gearbeitet. Alexander Jaggy, Co-Founder und CCO von Thjnk Zürich ist überwältigt vom Ergebnis. «Dass wir sechs Jahre nach unserer Gründung ganz oben auf dem Treppchen stehen, hat mit viel Liebe, Hartnäckigkeit und natürlich auch mit ein bisschen Glück zu tun, dass man bei den Kreativwettbewerben entsprechend punktet.» Für ihre Kampagnen mit Ochsner Sport (Runtime und Teile dein Feuer) , Denner (Alles da. Immer nah.) und Bio Suisse (Gemüseteller) gewann die Agentur zahlreiche Preise, sowohl national als auch international.

Auf den Ausblick 2023 angesprochen, gibt sich Jaggy hoffnungsvoll: «2023 steht im Zeichen des Hasen. Der Hase steht in der chinesischen Kultur für Langlebigkeit, Frieden und Wohlstand. Hoffen wir, dass sich der Gang der Welt in diese Richtung entwickelt.»

Die Top 5 2023: Thjnk setzt sich mit mehr als 50 Punkten Abstand an die Spitze, gefolgt von Ruf Lanz. Platz drei geht an Wunderman Thompson. Auf Rang vier positioniert sich Farner, und TBWA freut sich über Platz fünf.

Platz zwei bis fünf

Mit knapp 50 Punkten Unterschied setzt sich die Boutique Agentur Ruf Lanz auf dem zweiten Rang fest. Bereits zum dritten Mal in Folge rangiert die achtköpfige Kreativschmiede auf Platz zwei. Markus Ruf ist dementsprechend zufrieden. Er freut sich über das berauschende Resultat und ist stolz, seit 2002 ununterbrochen ganz vorne mit dabei zu sein. Hervorheben möchte er, dass es sich lohnen würde, die Mitarbeiterzahl ins Ranking einfliessen zu lassen, denn mit acht Köpfen sei Ruf Lanz der David unter den Goliaths. Umso stolzer sei er auf seine Mitarbeiter:innen. Mit den Kampagnen für Welti-Furrer durfte die Agentur zahlreiche Awards entgegennehmen, genau wie bei der langjährigen Zusammenarbeit mit der VBZ, die als erste Kampagne überhaupt schon zum zweiten Mal mit dem Evergreen-Award des ADC ausgezeichnet wurde. Zuletzt wurde ausserdem die BFU-Kampagne «Immer anhalten bei Ablenkung im Strassenverkehr» ins «Lürzers Archive Best Advertising Worldwide» aufgenommen.

Platz drei im Ranking geht dieses Jahr mit 322 Punkten an Wunderman Thomp­son. Nach dem neunten Rang im Jahr 2021 ist dies ein gravierender Sprung nach oben. Es sei ein grossartiges Ergebnis, tönt es aus der Schaltzentrale der Agentur, und dies sei das Resultat konstant harter Arbeit für kreative Exzellenz. Wobei es nicht nur darum gehe, «kreativ» zu sein, sondern darum zu beweisen, dass Kreativität Wachstum beflügele. Deshalb sei die Agentur besonders stolz auf zweimal Gold und einmal Silber bei den Schweizer Effies. Zudem sind sie stolz, den Anspruch als Full-Service-Agentur zu unterstreichen, indem sie Preise für insgesamt 7 verschiedene Unternehmen in 14 verschiedenen Kategorien von Multichannel über Social Media und Digital bis hin zu PR gewonnen hätten. Für die Zukunft ist der Agentur wichtig, weiterhin für die Mitarbeitenden ein Umfeld zu schaffen, in dem sie sich verstanden, geschätzt und gefördert fühlen.

Die Farner-Gruppe konnte sich von Platz acht im Jahr 2021 auf Platz vier hocharbeiten. Dies ist eine markante Verbesserung, die Farner-Schweiz-Partner und CCO Philipp Skrabal sehr freut. Mit der Kampagne «Krebsliga Schweiz Re­sipes rewritten» gewann die Agentur neben viel medialer Aufmerksamkeit auch zweimal Silber, einmal Bronze beim ADC und zweimal Bronze beim ADC Europe. Mit der SBB-Employer-Branding- Kampagne «Back to Business» für Wiedereinsteiger:innen holte sich Farner einen Silber-Effie. Die Branded-Content-Kampagne «UBS Growth Talk» gewann am SDV-Award Silber sowie den Branchenpreis. Philipp Skrabal möchte bei all der Freude aber noch eines betonen: «Schade ist, dass sich namhafte Agenturen hinter uns nicht rangieren lassen, was die Aussagekraft des Rankings hintenraus schmälert. Ob wir unter diesen Umständen künftig weiter am Ranking teilnehmen werden, ist offen. Was klar bleibt: Wir werden uns auch weiterhin an unseren Arbeiten messen lassen.»

Den fünften Rang hält TBWA\Switzerland, und dies schon zum zweiten Mal. Für Manuel Wenzel, Teil der Führungsmannschaft und seit 2019 alleinig verantwortlich für die Krea­tion, geht dieser Platz völlig in Ordnung. Er und seine Mitarbeitenden sind stolz, im Jahr 2022 mit zehn verschiedenen Arbeiten gepunktet zu haben. Von Bell über Coop und Terre des Femmes bis hin zu Porsche, für dessen Kampagne «Tesla Targeting» TBWA Gold und Bronze bei den Epica-Awards erhielt sowie Bronze beim ADC Europe. Und natürlich McDonald’s. Man wolle alles geben, um auch weiterhin in den Top 5 mitspielen zu können. Manuel Wenzel ergänzt noch: «Es freut uns auch nicht zuletzt, weil wir das Ergebnis hingekriegt haben in einem Jahr, in dem wir uns auch als Agentur weiterentwickelt haben. Wir sind dank spannender neuer Kunden weiter gewachsen, haben mit Buzz eine Social-Media-Unit gegründet und uns mit Superleuten verstärkt. Natürlich wären wir gern noch höher im Ranking, würden gern noch bessere Sachen machen und noch mehr wachsen im 2023. Und irgendwas mit AI machen natürlich, hahaha.»

Rang sechs bis zehn

Havas Switzerland rangiert dieses Jahr auf Rang sechs und hat sich damit im Ranking einen Platz hochgearbeitet. Das Jahr 2022 habe die Vision herausgefordert und geschärft. Das entschlossene Bestreben der ganzen Agentur, die Kompetenzen im Bereich «Customer Experience» immer weiter zu stärken, habe die kreativen Strategien und somit auch die kreativen Ideen positiv beeinflusst, heisst es als Statement aus dem Hause Havas. Das neue Mindset eröffne neue Möglichkeiten und erlaube es, innovative Kampagnen zu entwickeln, die sowohl auf Performance wie auch auf Kreativität setzen. The Punishment (La Punition) von Canal+, für die Kampagne erhielt Havas Gold beim ADC, zeige exemplarisch, wie Havas ein ganzes Ökosystem einsetzen könne, um diesen Ansatz zu verfolgen und gleichzeitig den Erwartungen der Kunden und der Kreativ­agentur gerecht zu werden.

Publicis Groupe fällt von Rang drei auf Rang sieben. Natürlich gratulieren Martin Stauch (Notch) und Matthias Koller (Publicis) den Agenturen auf den vorderen Rängen, sind sich aber einig, dass die Zahl 7 zwar als Glückszahl gilt, man damit aber natürlich nicht zufrieden sei. Dennoch behalte man 2022 als erfolgreiches Jahr in Erinnerung. Für die Kund:innen konnte man wichtige Projekte realisieren und gleichzeitig spannende Mandate dazugewinnen. Wie in jedem Jahr möchte sich die Agentur auch im 2023 weiterentwickeln und ist bereits gespannt auf viele Herausforderungen und neue Möglichkeiten.

Den achten Rang hat sich Serviceplan Schweiz gesichert. Die Agentur schätzt sich glücklich, dass sie im 2022 gute Arbeiten für die Kund:innen erbringen konnte. Dennoch hätten die Nachwehen von Corona die Agentur beschäftigt und Kraft gekostet. Man konzentriere sich wieder auf seine Stärken und wolle in diesem Jahr auf jeden Fall noch mehr kreative, wirkungsvolle Kampagnen für die Kund:innen realisieren.

Für Bühler & Bühler ist der erstmalige Vorstoss in die Top 10 als eher kleines Team eine grosse Ehre. Mit dem neunten Rang sind sie zufrieden, der Fokus läge aber nicht auf der Jagd nach Punkten, sondern primär auf dem Erfolg für die eigene Kundschaft und auf dem guten Team-Vibe im Agenturalltag. Wenn dabei der eine oder andere Award raus­springt, sei das umso besser. Mit «Burn Baby» wurde die Agentur 2022 beim SDV Award mit dem höchsten Agentur-Branchenpreis ausgezeichnet. Für Swisscom holte sie sich einen Effie in der Kategorie Marketing-Automation. Man sei mit grossem Enthusiasmus ins 2023 gestartet, auch dank des Gewinns eines namhaften neuen Kunden. «Bald können wir mehr verraten … Und wir feiern in diesem Jahr unser zehnjähriges Bestehen inklusive neues Branding. Darauf freuen wir uns ganz besonders», so Raphael Bühler.

Auf dem zehnten Rang platziert sich Freundliche Grüsse. 2018 nahm die Agentur erstmals am Ranking teil, setzte dann aus und ist nun froh, auf Anhieb wieder Teil der Top 10 zu sein. Man setzt sich folgende Ziele: «2023 stehen die Kernwerte der Agentur – Create Positive Impact – voll im Fokus: Wir wollen mit allem, was wir machen, einen positiven Effekt erzielen: Ob das nun die Erfüllung von Business-Zielen unserer Kunden, kreative Exzellenz oder ein Beitrag zu einer besseren Gesellschaft ist. Wir wollen uns noch intensiver unseren Stärken widmen – Kreativität und vernetztes Denken in der digitalen und analogen Welt. Dies betrifft das Agentursetup, unsere Arbeiten sowie neue Formen der Zusammenarbeit mit Kunden.»


Statement von Alexander Jaggy, Thjnk, zum 1. Rang im Kreativranking 2022

«2022 war unser bisher stärkstes Jahr»

Ochsner Sport Runtime: Der erste Running-Podcast, der nur läuft, wenn man rennt. Zwölf Episoden mit Marathon-Europa­meister Viktor Röthlin und Moderator Marc Jäggi.

Zum Sieg beim Kreativranking 2022

Nachdem wir letztes Jahr beim Kreativranking pausiert haben, ist das natürlich ein Wiedereinstieg nach Mass. Es geht ein Ruck durch die Agentur, dass wir sechs Jahre nach unserer Gründung erstmals ganz oben auf dem Treppchen stehen. Neben viel Liebe und Hartnäckigkeit gehört natürlich immer auch ein bisschen Glück dazu, dass man bei den Kreativwettbewerben entsprechend punktet. An dieser Stelle möchten wir nicht vergessen, unseren Mitbewerber:innen ebenfalls zu gratulieren, die uns anspornen und besser machen, indem sie uns jeden Tag zeigen, was möglich ist.

Zum Geschäftsjahr 2022

2022 war unser bisher stärkstes Jahr. Wir sind auf 34 Mitarbeiter:innen gewachsen und konnten unser Portfolio in Grösse, Qualität und Expertise breiter abstützen. Neben unseren langjährigen Mandaten stehen hier der Neuzugang von Sunrise und der Pitchgewinn von 24/7, unserer Spezialistin für dynamische Content-Entwicklung, um die globale Creative-Management-Plattform der Lufthansa Group im Vordergrund.

Zum Ausblick auf das Jahr 2023

2023 wird für uns das Jahr des Steigerungslaufs. Wir wollen uns inhaltlich und prozessual noch weiter verbessern. Wichtiger scheint uns jedoch, was um uns herum geschieht. 2023 steht im Zeichen des Hasen. Der Hase steht in der chinesischen Kultur für Langlebigkeit, Frieden und Wohlstand. Hoffen wir, dass sich der Gang der Welt in diese Richtung entwickelt.

Die Kampagne «Teile dein Feuer» von Thjnk Zürich für Ochsner Sport.
Der Bio-Suisse-Gemüseteller von Thjnk.
Die Kampagne «Alles da, immer nah» mit dem bekannten Denner-Baby, umgesetzt von Thjnk Zürich.

Statement von Markus Ruf, Ruf Lanz, zu Rang 2 im Kreativranking 2022

«Ruf Lanz ist mit acht Köpfen der David unter den Goliaths»

«Die Nachricht über unser erneut grandioses Abschneiden im Kreativranking hat mich in einer Dschungellodge in Kolumbien erreicht, über ein WLAN-Netz mit dem treffenden Namen ‹One Love›. Ich habe eine Flasche des lokalen Biers Happy Colibri aufgemacht und als Erstes auf unsere tollen Kunden angestossen. Die nächste Flasche habe ich auf unsere talentierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erhoben und auf meine unerschrockene Geschäftspartnerin Danielle. Bei der dritten Flasche habe ich zu sinnieren begonnen, wie es wäre, wenn man die Mitarbeiterzahl ins Kreativranking einfliessen lassen würde. Ruf Lanz ist mit acht Köpfen ja der David unter den Goliaths im Ranking. Was ich bei der vierten Flasche gedacht habe, erspare ich euch. Fazit: Wir freuen uns über das berauschende Resultat, mehr aber noch über die Konstanz, seit 2002 ununterbrochen vorne dabei zu sein. 2022 war generell ein gutes Jahr für uns, mit wunderbaren neuen Kunden wie Tilsiter ­Switzerland, der Münchner Verkehrsgesellschaft MVG und der Stadt Zürich und mit zusätzlichen Projekten langjähriger geschätzter Auftraggeber wie VBZ, BFU, Ex Libris und EWZ. Unser Fokus für 2023: Weiterhin beherzt dranbleiben. Und eine lokale Biermarke gewinnen!»

Die VBZ-Kampagne «Umsteigen lohnt sich» von Ruf Lanz wurde als erste Kampagne zum zweiten Mal mit dem begehrten Evergreen-Award des ADC ausgezeichnet.
Welti-Furrer durfte 2022 neben Kunstwerken unzählige Awards transportieren: Die Kampagne «When art has to move» gewann u. a. das Swiss Poster of the Year, Gold und Silber vom ADC Switzerland, Gold und Silber von den Epica-Awards, Doppelsilber vom ADC of Europe, drei Merits von den One Show Awards und die einzige Nomination für die Schweiz in Cannes.

Statement von Swen Morath, Co-CEO und CCO bei Wunderman Thompson, zu Rang 3 im Kreativranking 2022

«Es ist das Resultat konstant harter Arbeit für kreative Exzellenz.»

Handbutts: Die Geberit-Kampagne, die europaweit in 14 Märkten ­gelaufen ist, punktet nicht nur bei zahlreichen Kreativawards, sondern holt auch Gold und Silber beim Effie.

Ein riesiges Dankeschön an unsere tollen Kund:innen und den fantastischen WuThomClan. Der Podestplatz ist ein Resultat konstant harter Arbeit für kreative Exzellenz. Dabei geht es nicht darum, einfach «nur» kreativ zu sein, sondern zu beweisen, dass Kreativität Wachstum beflügelt. Deshalb freuen wir uns besonders über zweimal Gold und einmal Silber bei den Schweizer Effies. Wichtig für uns ist auch die Tatsache, dass wir Preise für insgesamt 7 verschiedene Unternehmen in 14 verschiedenen Kategorien von Multichannel über Social-Media und Digital bis hin zu PR gewonnen haben. Das unterstreicht unseren Anspruch als Full-Service-Agentur.

Geschäftsjahr 2022

Wir konnten tolle Neukunden bei uns begrüssen und als Team Connect (Hogarth, Ogilvy, Scholz & Friends, Wunderman Thompson) die Migros-Fachmärkte mit einem vollkommen neuen WPP-Agenturmodell überzeugen. Und wir durften unsere einzigartige Agenturkultur ausleben: mit einer 60-Jahre-Jubiläumsfeier, mit Apéros, Trendbreakfasts, Sommerfest, Collision Sprints, Lunch and Learns und vor allem mit einem jetzt schon sagenumwobenen Disney-Weihnachtsfest – inklusive Besuch der Feuerwehr.

Ausblick 2023

Die globalen Krisen sind nicht verschwunden, diese tangieren auch die Schweiz und unsere Arbeit. Deshalb hat für uns eine ausgezeichnete und inspirierende Beziehung zu unseren Kund:innen absolute Priorität. Denn als eingespieltes Team auf Augenhöhe können wir gestärkt aus diesen schwierigen Zeiten kommen. Und wir arbeiten weiter daran, für unsere Mitarbeitenden ein Umfeld zu schaffen, in dem sie sich verstanden, geschätzt und gefördert fühlen, um die besten Arbeiten ihrer Kar­riere machen zu können.

Die einzige Schweizer Arbeit bei den New York Festivals, die mit Gold ausgezeichnet wird.

«Ich bin einfach sehr glücklich»

Die Agentur Thjnk hat das Kreativranking 2022 souverän gewonnen. Im Interview verrät Mitgründerin Andrea Bison, wann sie zur Hochform aufläuft und was es braucht, um dieses Leistungsniveau zu halten.

Andrea Bison ist Co-CEO, Chief Operation Officer & Partnerin bei Thjnk Zürich. (Bild: zVg.)

m&k: Andrea Bison, herzlichen Glückwunsch zum Sieg im Kreativranking 2022. Wie stolz sind Sie?

Andrea Bison: Stolz ist vielleicht das falsche Wort, es klingt so arriviert. Ich bin einfach sehr glücklich, dass aus dieser Agentur, die vor sechs Jahren ganz bescheiden in Untermiete gestartet ist, regelmässig so viele sichtbare Kreativimpulse kommen. Glücklich bin ich auch mit dem Stil, den wir über die Jahre etabliert haben. Wir glauben fest an den einen Gedanken, der alles verändern kann. Sobald dieser da ist, geht es darum, ihm Leben einzu­hauchen. Besonders dann, wenn wir Marken ganzheitlich auf dem Weg von der Vision zum Auftritt begleiten können, laufen wir zur Hochform auf. Es fasziniert mich immer wieder, wie aus Bruchstücken eines Briefings plötzlich Markenpersönlichkeiten entstehen, die mit dem Publikum sprechen. Das motiviert mich, dafür stehe ich jeden Morgen auf. Gut okay, davor streiche ich noch ein paar Brote für meine Kinder.

 

Was braucht es, um diese Erfolgs­geschichte zu schreiben?

Viel Leidenschaft und Hartnäckigkeit. Aber auch viele Fragen stellen. In unserer Agentur kursiert ein lustiges Bild: Wir sind ein bisschen wie Columbo, wir kommen immer wieder zur Tür rein und stellen noch eine Frage, die uns in unserer Arbeit weiterhilft. Wir versuchen, Marken zu beraten, zu führen, besser zu machen. Ich denke, es wird generell unterschätzt, wie viel Einfluss man beim Formen von Markenkommunikation hat. Dort liegt sehr viel Differenzierungspotenzial. Gleichzeitig wird überschätzt, dass dies allein im geschützten Raum einer Marktforschung entstehen kann.

 

Das Kreativranking ist für die ­Schweizer Agenturszene eine gute Referenz. Wofür nutzt Ihre Agentur diese?

Das Kreativranking ist eine der seltenen Möglichkeiten, einen mehr oder weniger objektiven Vergleich in Sachen Kreativität zu ziehen. Es geht in erster Linie um Wettkampf und Konkurrenzfähigkeit. Darum beteiligen wir uns an Kreativwettbewerben. Wir wollen konkurrenzfähig bleiben. Für alle, die sich für unsere Agenturmarke interessieren, neue Kunden und neue Mitarbeitende.

 

Thjnk surft auf einer Erfolgswelle: Harte Arbeit, gepaart mit kreativer Genia­lität. Verraten Sie uns, wie diese Balance zustande kommt.

Das mit der Balance ist keine einfache Frage. Ich denke, es ist eine Mischung aus Vertrauen und Fokussierung. Wir versuchen in unserer Agentur, den Mitarbeitenden grösstmöglichen Spielraum zu lassen, aber dann sind wir auch immer wieder in der Lage, die Energie im entscheidenden Moment zu bündeln. Diesen Sweet Spot zu finden, ist zugegebenermassen nicht immer leicht.

 

Welche Kampagnen haben Sie besonders begeistert?

Im letzten Jahr begeisterten mich viele unserer Kampagnen. Allen voran der neue Auftritt für Sunrise. Der Launch der neuen Marke im späten Frühjahr, der gemeinsam mit unseren Partneragenturen geschaffen wurde. Später im Jahr dann die Kampagne mit den Netflix-Zitaten und natürlich die Aktion zu Roger Federers Rücktritt, wo kurzerhand der Provider-Name Sunrise in «Thanks Roger» geändert wurde. Toll, dass ein Kunde so eine Idee möglich macht. Weiter begeistert mich, dass wir für Ochsner Sport jedes Jahr so viele tolle Kommunikationschancen bekommen, dafür kann man als Agentur einfach nur dankbar sein. Meine Highlights waren die Wintersportkampagne mit den fotografischen Flashbacks, der WM-Spot, in dem der Kopf eines Schneemanns zum Fussball wird und Fussball zum neuen Wintersport macht, und das aus Merinowolle gestrickte Nati-Winter-Trikot.

 

Und welche Kampagnen haben Sie besonders berührt?

Persönlich berührt hat mich, dass die Credit Suisse mit dem Schweizerischen Fussballverband gleiche Prämien für Frauen und Männer eingeführt hat. Im Spot dazu singt eine einzelne Frau die Fussballhymne «You never walk alone» – davon bekomme ich noch heute Gänsehaut. Und dann bin ich ein Mensch, der gerne lacht. Fragen Sie mein Team. Darum schaue ich den Hundespot von Denner immer wieder gerne.

 

Was ist Ihrer Meinung nach Gift für die Kreativität?

Eine Agentur ist ein Biotop. Damit das Ökosystem funktioniert, braucht es Nahrung, Pflege und Schutz. Das alles Entscheidende ist, dass das Klima stimmt. Das kann das Klima in einer Agentur sein, aber auch das Klima in einem Unternehmen, das uns den Auftrag erteilt. Unsere Aufgabe in der Führung ist es, dieses Klima zu schützen und zu fördern. Dann übersteht es auch mal einen Sturm.

 

Kreation, Beratung, Strategie. Wie bringt Ihre Agentur das in Balance, und wo liegen welche Schwerpunkte?

Alle Punkte sind in unserer Arbeit gleich wichtig, deshalb sind sie in der Geschäftsführung auch gleichwertig vertreten. Die Geschäftsleitung sitzt in der Agentur an einem Tisch, und dieser Tisch befindet sich in einem grossen Raum, in dem fast das komplette Team sitzt. Es gibt keine Türen. Das macht die Kommunikationswege kurz und schafft Transparenz. Selbst in Zeiten von Homeoffice haben wir eine gute Belegung in der Agentur. Einfach, weil alle merken, wie effizient diese Arbeitsweise ist und wie viel besser die kreative Energie. Ausserdem müssen wir als Agentur den Zusammenhalt und unsere Kultur pflegen, sonst unterscheidet uns bald nichts mehr von einem Freelancer-Konsortium. Selbst die Freelancer arbeiten gerne bei uns vor Ort. (lacht)

 

Zu guter Letzt: Ihr Ausblick auf das angebrochene Jahr 2023?

Wir sind inzwischen bei einer Grösse von 34 Mitarbeiter:innen angelangt. Eine ideale Grösse für eine Einheit, wie ich aus meiner Zeit bei Springer & Jacoby weiss. Diese Grösse erlaubt es uns, national sichtbare Kampagnen zu machen, aber gleichzeitig noch voll im Tagesgeschäft involviert zu sein. Für 2023 steht das qualitative Wachstum im Vordergrund, Kreativität und Kundenzufriedenheit steigern.

Knappheit und Kreativität

2023 steht uns ein weiteres Jahr der limitierten Mittel bevor; die Krisen der Gegenwart hinterlassen Spuren. Zeit, uns auf eine Ressource zu konzentrieren, die uns niemand nehmen kann: Kreativität.

Dr. Alexander Haldemann ist CEO der Publicis Groupe Zürich. (Illustration: Silvan Borer)

Zur Entwarnung vorab: Dies ist nicht der Beginn einer weiteren düsteren Untergangsprognose, wie sie dieser Tage allzu häufig in den Medien rezipiert werden kann. Aber wie der Lead meiner Kolumne andeutet, müssen selbst die grössten Pragmatiker:innen, die unerschütterlichsten Optimist:innen anerkennen, dass wir uns zu Beginn des Jahres 2023 geopolitisch und ökonomisch auf unsicherem Terrain bewegen. Die Coronapandemie hat globale Lieferketten unterbrochen, die Fragilität unseres ­gesellschaftlichen Miteinanders schmerzlich aufgezeigt. Und der Krieg in der Ukraine hat bewiesen, dass Frieden auch auf unserer europäischen «Insel der Seligen» keine Selbstverständlichkeit ist.

Knappheit hält Einzug

Ressourcen sind knapper geworden: Ganz praktisch, weil Fabriken in Fernost oder bedarfssynchrone Produktion seit Dekaden eher auf Effizienz als auf Resilienz getrimmt wurden – ein Körnchen Sand im Uhrwerk, und schon bleibt weltweit die Zeit stehen. Auch geistige Ressourcen sind gefährdet, wenn die «Stapelkrisen» der Gegenwart Menschen müde und mürbe machen. Ich hatte Ihnen versprochen, auf eine Untergangsprognose zu verzichten … und nun klingt mein Text doch genau danach?!

Eine Ressource namens Kreativität

Nein, denn ich bin aller negativer Vorzeichen zum Trotz überzeugt, dass es eine mentale Ressource gibt, die gerade bei Mangel und Müdigkeit zu ihrer (manchmal beinahe wundersamen) Entfaltung gelangt: Kreativität. Sie ist eine unserer «Superkräfte», und ihre Bedeutung in der aktuellen Situation kann gar nicht überschätzt werden. Gerade wenn wir nicht von vorgefertigten Problemlösungen umgeben sind und unsere «comfort zone» verlassen, wachsen wir über uns hinaus. Dann nämlich sind wir gezwungen, selbst ins Denken und ins Handeln zu kommen. Unsere Grosseltern – in einigen Fällen auch unsere Eltern – haben sich die Welt mit einer «Make-do-and-mend»-Mentalität erschlossen, von Marmeladegläsern als Trinkgläser bis hin zu Gitarren aus Zigarrenkisten. Der Geheimagent MacGyver hat sich mit Büroklammern und Streichhölzern aus vermeintlich ausweglosen Situationen befreit. Und zahlreiche aktuelle «Unicorn»-Startups, ebenso wie längst etablierte Unternehmen, wurden nicht etwa aus Überfluss und Langeweile, sondern aus Mangel und Dringlichkeit gegründet.

Werden wir mutig!

Was ich damit sagen will: Die Fähigkeit zur Improvisation; den Mut zum Beschreiten neuer Wege entdecken wir bei uns selbst – in unseren Unternehmen – und in den Agenturen, mit denen wir zusammenarbeiten, vor allem dann, wenn es wirklich darauf ankommt. Satt sein, gemütlich sein, das ist angenehm. Aber manchmal braucht es externe Treiber, um uns aus der Bequemlichkeit zu locken. Folgen wir ihnen also – jetzt.

Mara Harvey: Es geht um Geld

Die VP Bank Schweiz kann sich glücklich schätzen, eine so erfahrene CEO zu haben. Denn nicht nur ist Dr. Mara Harvey eine brillante Finanzexpertin, sie ist auch eine versierte Kinderbuchautorin. Immer geht es um Geld.

Dr. Mara Catherine Harvey, CEO VP Bank Schweiz und Buchautorin. (Bild: Martin Rütschi)

Dass Mara Harvey nun auf dem Chefinnensessel bei der VP Bank  Schweiz sitzt, war so nicht geplant, scheint aber im Rückblick durchaus logisch. Aber beginnen wir zum Verständnis etwas früher. 2021 verlässt die Finanzexpertin nach 21 Jahren die UBS. Warum? «Nun, ich wollte und habe diesen Schnitt vollzogen, um mich selbstständig zu machen.» So der ursprüngliche Plan. Sie widmet sich voll und ganz, also «selbst» und «ständig» ihrer Plattform FinancialParentingWorld.com. Dort bietet sie Masterkurse und Toolkits für Eltern an, die lernen wollen, wie sie im Umgang mit ihren Kindern das Thema Geld und Finanzen in die Erziehung so einbauen, dass Kinder, und vor allem Mädchen, schon früh verstehen, was Geld wert ist, was sie damit machen können, wie sie es ausgeben, sparen, anlegen. Um zu verstehen, wo sie das Know-how und die Passion für dieses Thema hernimmt, gehen wir noch einen Schritt zurück. Ursprünglich ist Mara Harvey in England geboren, ihre Mutter zieht mit ihr und der älteren Schwester ins Tessin, als Mara zehn Jahre alt ist. Italienisch lernt sie in der Schule, auf der Strasse, mit den Freundinnen. Sie lernt gern und gut, die analytischen Fächer begeistern sie. Da es im Tessin keine Uni gibt, beginnt sie nach der Matura ihr Studium der Volkswirtschaft in Fribourg. Auf Französisch. «Sprachen sind mir nicht immer leichtgefallen, aber wenn man kommunizieren muss, lernt man», sagt Mara lachend.Wir sitzen in Zürich in einem Café, der Lärm ist unglaublich. Menschen um uns lachen, die Kellner rufen, die Kaffee­maschine dröhnt. So eine Atmosphäre macht Mara glücklich. Fast wie in Italien, schwärmt sie. Gerade hat sie sich mit ihrem Partner dort ein Haus gekauft. Er hat seine Wurzeln dort. Für Mara kehrt mit der italienischen Sprache die Kindheit zurück, die Sprache erinnert sie an Fröhlichkeit, Wärme und gutes Essen.

Sie holt die Frauen an den Tisch, hört bei Gesprächen heraus, dass es oft an Selbstvertrauen fehlt, sich mit Finanzen zu beschäftigen.

Aber wir schweifen ab, Mara Harvey beginnt nach dem Studium bei der UBS. In ihrer 21-jährigen Tätigkeit für die Grossbank bewegt sie sich in den verschiedensten Geschäftsfeldern, zieht nach Frankfurt, kehrt zurück nach Zürich und kümmert sich final um die Superreichen und deren Geld. «So einfach kann man das zusammenfassen», lacht sie. Ihr fällt auf, dass sie in der Kommunikation um Wealth-Management die Frauen vermisst. Es sind durchgehend die Männer, die mit ihr über die Finanzen sprechen. Ihr wird klar, wie viel Potenzial ihr und auch der Bank da durch die Lappen geht. In ihrer raren Freizeit, sie ist alleinerziehende Mutter zweier Kinder, erstellt Mara Strategietools, macht Businesspläne und überzeugt die Geschäftsleitung, den Bereich Wealth-Management umzubauen. Sie holt die Frauen an den Tisch, hört bei Gesprächen heraus, dass es oft an Selbstvertrauen fehlt, sich mit Finanzen zu beschäftigen. Diese Erkenntnis gleicht sie innerlich ab und merkt, dass auch sie selber erst spät begann, mit ihrem Geld zu arbeiten. Obwohl sie ihr ganzes Leben mit Finanzen zu tun hatte. Diesen Gap möchte Mara Harvey unbedingt beheben.

Warum Kinderbücher?

Mara hat nicht vor, Kinderbücher zu schreiben. 2018 schreibt sie ein Buch für Erwachsene mit dem Titel «Women and Risk». Frauen und Risiko: Die Regeln neu schreiben, um das Bewusstsein für geschlechtsspezifische Lohnunterschiede, Vermögensunterschiede und Hindernisse für die finanzielle Teilhabe von Frauen zu schärfen, als ihr klar wird, dass sie die eigentlichen Ursachen nicht anpackt. Nämlich die Kindererziehung in Sachen Finanzen. Jetzt wird ihr klar, dass sie nicht bei den Frauen beginnen muss, sondern bei den Mädchen. Sie startet eine Kinderbuchserie, «A Smart Way To Start», um Mädchen die Möglichkeit zu geben, selbstbewusst über Geld zu sprechen und den Wert des Geldes zu verstehen.

Sechs Bände erscheinen. Marty, die Hauptfigur, ist frech, klug und wissbegierig. Die Reimform macht die Bücher zu wahren Kultwerken für Kinder, die sich mit Marty gut identifizieren können. Aber sie will natürlich auch Jungs ansprechen. «Mir war wichtig, dass wir beide Geschlechter abholen», sagt Mara. Die Kinder lernen durch Marty, wie man Geld verdient, spart, Geld ausgibt und auch, wie man es vermehren kann, indem man es anlegt. Band 5 der Serie, in der es um Geld und Nachhaltigkeit geht, wird sogar von den United Nations ins Perception Change Programme für Sustainability aufgenommen.

Jetzt kommen die Eltern ins Spiel

Mit der Plattform Financial Parenting World spricht Mara nun aber vor allem die Eltern an. Ihr wird klar, dass sie die Erwachsenen ansprechen muss, damit sie die Kinder lehren können. Mit den Kursen, die sie anbietet, erwerben die Eltern die Skills und Tools, die sie dann den Kindern mit auf den Weg geben können.

Zurück zur Bank

Kommen wir zurück zum Anfang. Als Mara Harvey die Stelle der CEO bei der VP Bank Schweiz angeboten wurde, war sie zwar nicht auf der Suche, aber sie glaubt fest daran, dass alles zum richtigen Zeitpunkt in ihr Leben tritt. Deshalb sitzt sie nun auf dem Chefinnensessel und kann all ihr Know-how in die Entwicklung der Bank einfliessen lassen. Und die Plattform? «Ich baue ein gutes Team und delegiere mehr, die Grundpfeiler sind alle gelegt, deshalb braucht es mich nur noch strategisch.» Und weil Mara Harvey schon ihr ganzes Leben die Extrameile geht, wird sie auch die kommenden Herausforderungen meistern. So wie immer.

Das Streben nach Glück

Als Kind erlebte Chris Gardner Armut, Gewalt und Ausgrenzung; später wurden er und sein kleiner Sohn obdachlos. Doch Gardner kämpfte sich ins Leben zurück, brachte es zum Multimillionär mit eigenem Hollywood-Blockbuster.

Illustration: Constantinos Elysios.

m&k: Millionen von Menschen kennen die Ereignisse, die sich in einem bestimmten Zeitraum Ihres Lebens zugetragen haben – denn diese Ereignisse wurden unter dem Titel «The Pursuit of Happyness» mit Will Smith in der Hauptrolle verfilmt. Wenn man Ihre gleichnamige Biographie liest, merkt man allerdings: Da ist noch viel mehr passiert …

Chris Gardner: Ich bin froh, dass Sie das erwähnen. Ich weise die Leute immer darauf hin, dass der Film – so grossartig er auch ist – nur einen begrenzten Einblick bietet. Er konzentriert sich auf das Jahr vor meinem dreissigsten Geburtstag, in dem ich – trotz eines Jobs – obdachlos wurde; die Vollzeitbetreuung meines 14 Monate alten Sohns übernehmen musste und in ständiger Angst vor dem totalen Absturz lebte. In dem Buch «The Pursuit of Happyness», auf dem der Film basiert, komme ich auch auf die Jahre zu sprechen, die diesem Zeitraum vorausgingen – meine «Checkliste», wie ich sie gerne nenne. Aufgewachsen zum Teil in einer Pflegefamilie, die Mutter immer wieder im Gefängnis, den biologischen Vater nie kennengelernt, Opfer häuslicher Gewalt und sexueller Übergriffe, nie eine höhere Schulbildung genossen, Militärdienst, alleinerziehend, obdachlos, schwarz. Mein Leben – und die in vielerlei Hinsicht entscheidenden Momente, die Sie im Film sehen – hätten sich also auch in eine ganz andere Richtung entwickeln können. Aber ich habe eine wichtige Entscheidung getroffen, als ich selbst noch ein kleiner Junge war: Ich wollte immer, dass meine Kinder sowohl wissen, wer ihr Vater ist, als auch, dass ich für sie da bin. Egal, was passiert. Also musste ich alle Hindernisse überwinden, die mir das Leben in den Weg stellte.

 

Sie hatten – laut Ihrer Biographie – sowohl negative als auch positive Vorbilder, die Sie in dieser Entscheidung bestärkten, richtig?

Ganz genau. Sprechen wir zunächst über das negative «Vorbild»: Ich habe meinen Stiefvater beobachtet und den Entschluss gefasst, dass ich niemals ein alkoholabhängiger, seine Frau und Kinder missbrauchender, ungebildeter Loser werden wollte. Aber wie sollte ich sonst sein? Das haben mir meine Onkel Willie, Henry und Archie gezeigt, die eine Art Vaterersatz für mich waren; jeder auf seine Weise. Das Licht, das ich in ihnen sah, wies mir den Weg. Und ich habe mich entschieden, diesem Licht zu folgen. Wissen Sie: Ich glaube fest daran, dass man immer eine Wahl hat; dass man immer die Richtung ändern kann. Deshalb ist es auch so schwer, mit mir über Dinge zu sprechen, die «unmöglich» sind – ich glaube einfach nicht an «unmöglich!» (lacht)

 

Ihre Mutter konnte nicht immer für Sie da sein – aber wenn sie präsent war, dann hat auch sie Sie in Ihren Träumen bestärkt, oder?

Oh, ja! Meine Mutter hat mir jeden Tag gesagt, dass ich werden kann, was und wer ich möchte – und ich habe ihr geglaubt. Sie sagte nicht: «Du hast ein Recht darauf, reich zu werden», oder: «Du wirst garantiert ein schönes Auto haben, wenn du erwachsen bist.» Aber sie sagte, wenn ich hart arbeiten und mein Bestes geben würde, dann sei nichts unmöglich. Meine Mutter legte ausserdem enormen Wert auf Bildung: Mein Stiefvater konnte nicht lesen, und um mich für seine cholerischen Anfälle zu «rächen», habe ich zu Hause bei jeder Gelegenheit laut vorgelesen … und meine Mutter in seiner Gegenwart nach der Bedeutung bestimmter Wörter gefragt! (lacht) Das war meine Art, ihm zu zeigen: «Du kannst uns verprügeln, aber ich kann lesen – und du nicht – und eines Tages werde ich es zu etwas bringen.» Klar, dass meine Mutter mich bei jeder sich bietenden Gelegenheit in die öffentliche Bibliothek schickte. Ich habe ihre Stimme noch im Ohr: «Mein Sohn», sagte sie, «die Bibliothek ist ein machtvoller Ort. Wenn du lesen kannst und dort hingehst, kannst du die Antwort auf jede Frage der Welt finden.» Man muss betonen: Sie reden gerade mit jemandem, der in den 1950er- und 1960er- Jahren in den Vereinigten Staaten aufgewachsen ist; mit all den Unruhen, der Bürgerrechtsbewegung, dem Vietnamkrieg, den Morden an Präsident Kennedy und Martin Luther King … Und dann war da meine Mutter, die meinte: «Wenn du ein harter Kerl werden willst, schliess’ dich einer Bewegung an. Wenn du ein wirklich harter Kerl werden willst, dann bilde dich weiter.» Und das tat ich. Ich verstand, dass ich, wenn ich etwas wissen wollte, fragen musste. Zum Beispiel: «Wie zur Hölle sind Sie an so einen schönen Ferrari gekommen?» (lacht)

 

Sie spielen jetzt auf die Szene in «The Pursuit of Happyness» an, in der Ihr Alter Ego die Entscheidung trifft, Börsenmakler zu werden …?

Ja, das ist wirklich passiert! Als ich gerade eine wirklich harte Zeit im Leben hatte, da sah ich diesen Typen – und er fuhr einen fantastischen, roten Ferrari. Also ging ich auf ihn zu und fragte: «Was machen Sie? Und wie machen Sie es?» Die Antwort war sowohl im Film als auch in der Realität dieselbe: «Ich bin Börsenmakler. Das kann man lernen – auch ohne ein Studium.» Voilà: Ich hatte plötzlich eine ganz klare Vorstellung davon, was ich wollte. Jetzt musste ich bloss noch einen Weg finden, um das zu bekommen. Klingt eigentlich simpel, oder?

 

Aber ganz so simpel war das natürlich nicht …

Nein. Aber den schwierigsten Teil bei der Verwirklichung von Plänen – den nennt man «Leben». Und ich kann Ihnen sagen: Das Leben kommt uns allen hin und wieder in die Quere! (lacht) Früher haben mich die Leute oft gefragt: «Wie sind Sie obdachlos geworden? Gab es einen entscheidenden Moment, haben Sie mit Drogen oder Alkohol zu tun gehabt … Haben Sie ein paar schlechte Entscheidungen getroffen?» Und ich habe immer geantwortet: «Nichts von alledem. Was passiert ist, war einfach – das Leben.» Schauen wir uns die Gegenwart an: In den Vereinigten Staaten ist seit dem Beginn der Pandemie im Jahr 2020 eine ganz neue «Gruppe» von Obdachlosen entstanden; und wir wissen nicht einmal, wie viele es sind, weil sie noch niemand gezählt hat. Ich spreche von Leuten mit Jobs; nicht von Alkoholikern, nicht von Drogenabhängigen. Hart arbeitende Menschen, die sich einfach keine Wohnung mehr leisten können. Noch kurz vor Ausbruch der Pandemie habe ich eine Rede bei den Vereinten Nationen gehalten, die gerade an der ersten Resolution zur Bekämpfung von Obdachlosigkeit arbeiteten. Und mein zentraler Punkt war: «Es kann jeden treffen.» Denken Sie an eine Mutter, die für einen Mindestlohn arbeitet; die Familie kommt kaum über die Runden – dann stirbt ihr Mann, der ebenfalls nur den Mindestlohn verdient hatte. Wird die Frau ihren Job behalten können? Wahrscheinlich. Aber kann sie damit ihr Haus oder ihre Wohnung finan­zieren? Wahrscheinlich nicht.

 

Jedes Leben, jede Geschichte ist einzigartig. Dennoch haben Sie in Interviews mehrfach gesagt, dass die Erfahrung der Obdachlosigkeit Sie zu dem Unternehmer gemacht hat, der Sie schliesslich geworden sind. Können Sie das näher erläutern?

Nun, wenn man ein Unternehmen gründet, beginnt man in der Regel mit begrenzten Mitteln. Wenn man obdachlos ist, hat man überhaupt keine Mittel zur Verfügung. Das heisst … als ich schliesslich Unternehmer wurde, hatte ich mir erst einmal die Grundvoraussetzungen dafür schaffen müssen. Ich musste das Rennen bereits einmal gewonnen haben, um überhaupt an die Startlinie zu gelangen, an der andere a priori standen. Mir ist jedoch eines wichtig: Wir sollten die Not, die Obdachlosigkeit mit sich bringt, keinesfalls idealisieren. Mein Sohn und ich – wir waren «unsichtbar». Niemand wusste von unserer Situation, niemand brauchte davon zu wissen. Wir waren immer sauber gekleidet, ich ging zur Arbeit, keiner stellte Fragen. Aber danach ging es zurück auf die Strassen, die Bahnhöfe, die Bus-Terminals und Flughäfen, in die Lobbys der Hotels und sogar in den Park, wenn das Wetter es zuliess.

 

Sie haben vorhin selbst erwähnt, dass viele Menschen in vergleichbaren Umständen zu Alkohol und Drogen greifen. Wenn Sie mir eine derart persönliche Frage gestatten: Wieso haben Sie das nicht getan?

Manchmal gilt im Leben die Devise «Walk the talk!». Da war ein kleiner, unschuldiger Junge an meiner Seite, für den ich alleine verantwortlich war – ein fragiles, menschliches Wesen, für das seine Mutter aus diversen Gründen nicht sorgen konnte. Ich wollte, dass mein Sohn nie an dem Versprechen zweifeln musste, das ich mir selbst als Kind gegeben hatte: dass ich immer für meine Kinder da sein würde. Ich erzähle Ihnen von einem besonderen Moment, ja? Irgendwann fanden wir eine kleine Wohnung, rappelten uns langsam auf. Doch eines Monats konnte ich die Stromrechnung nicht bezahlen, hatte Schulden in der spektakulären Höhe von dreizehn US-Dollars. (lacht) Der Strom wurde abgeschaltet. Da sass ich nun, badete meinen Sohn im Schein einiger Kerzen und konnte die negativen Gedanken nicht mehr aussperren. «Was, wenn wir es niemals schaffen? Wenn wir niemals auf die Füsse kommen?» Doch plötzlich stand mein Sohn in der Badewanne auf … sah mir direkt in die Augen … und sagte: «Papa? Du bist ein guter Papa!» Das war alles, was ich brauchte, damit die Zweifel und die Schmerzen verschwanden. Und ich glaube, das ist die beste Antwort, die ich auf Ihre Frage zu geben vermag.

 

Es gibt noch eine weitere, wichtige Tatsache über Ihr Leben als Unternehmer, die im Film «The Pursuit of Happyness» nicht gezeigt wird: Selbst nachdem Ihre Karriere Fahrt aufnahm und Sie von San Francisco nach New York zogen, hatten Sie zu kämpfen. Ihr erstes eigenes Unternehmen war nicht sofort erfolgreich. Dennoch: Sie machten weiter.

Es gibt ein Wort dafür: Das nennt sich «nichtlinearer Fortschritt» – und auch das ist ein Teil des Lebens. Uns gefällt natürlich die Idee, dass es immer «A-B-C» oder «1-2-3» geht, aber Rückschläge sind unvermeidlich; sogar notwendig. Das klingt jetzt vielleicht wie etwas, das direkt aus einer meiner Keynotes stammt – was auch der Wahrheit entspricht (lacht) –, aber ich meine es todernst. Scheitern kann Ihr bester Freund werden. Warum? Weil Sie daraus so viel mehr lernen können als aus dem Erfolg. Scheitern Sie ruhig, aber geben Sie nicht auf! Aufgeben wird zur Gewohnheit. Und dann: «Game over.»

Szene aus dem Hollywood-Block­buster «The Pursuit of Happyness»: Will Smith spielt die Rolle von Christopher Gardner, Smiths Sohn Jaden spielt die Rolle von Christopher Jr. Im Unterschied zum Film war Gardners Kind in Realität erst 14 Monate alt, als die beiden obdachlos wurden. (Bild: Moviestore Collection Ltd. / Alamy Stock Photo.)

Die Schweiz ist eines der reichsten Länder der Erde. Viele Menschen hier sind in der aktuellen Krisensituation zum ersten Mal mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten konfrontiert – und machen sich Sorgen. Was würden Sie diesen Menschen raten?

Okay, vielleicht ist es wirklich das erste Mal für viele Schweizer:innen, dass sie sich mit wirtschaftlichen Problemen konfrontiert sehen. Aber lassen Sie mich eine Gegenfrage stellen: Ist es für diese Menschen auch das erste Mal, dass sie überhaupt gezwungen sind, Schwierigkeiten zu überwinden? Höchstwahrscheinlich nicht. Jeder hat Narben auf der Seele. Hat vielleicht jemanden verloren, leidet unter einer Krankheit oder hat eine Scheidung hinter sich. Und trotzdem sind diese Menschen immer noch da, ihr Leben geht weiter. Was ich ihnen also sage, ist: «Bruder, Schwester, du bist dieser Angst und diesem Schmerz schon einmal begegnet, in anderer Form, und du warst stärker.» Wissen Sie, in einem der letzten Gespräche, die ich mit meiner lieben Freundin Maya Angelou hatte …

 

… der 2014 verstorbenen amerikanischen Autorin und Bürgerrechtlerin …

… da sagte sie zu mir: «We are the people to climb this mountain.» Und wir wissen das, weil die Generationen vor uns einen noch höheren Berg zu erklimmen hatten, mit einer noch schwereren Last auf dem Rücken. Dennoch haben sie es bis zum Gipfel geschafft. «And still, I rise.» Jetzt sind wir an der Reihe. Ich habe meinen persönlichen Berg bereits bestiegen und erzähle jungen Menschen meine Geschichte, damit sie wissen, dass sie dazu ebenfalls in der Lage sind.

 

Hier kommt Ihr zweiter Bestseller ins Spiel: Im Mittelpunkt von «Permission to Dream» steht ein Gespräch zwischen Ihnen und Ihrer Enkelin Brooke. Sie ist zum Zeitpunkt der Erzählung neun Jahre alt, und Sie unterhalten sich mit ihr über die Erkenntnisse, die Sie in Ihrem Leben gewonnen haben.

Ich glaube fest an ein Konzept, das sich «intergenerationelle Verantwortung» nennt. Das bedeutet, dass jede Generation dafür sorgen muss, dass die nächste Generation in der Lage ist, es ein bisschen weiter zu bringen, ein bisschen höher zu klettern. Ich habe bereits darüber gesprochen, wie meine Mutter mir die «Erlaubnis zum Träumen» gab – aber zuerst gab sie sich selbst diese Erlaubnis. Ihr Traum war es, die letzte Person in unserer Familie zu sein, die jemals in Amerika zur Baumwollernte gehen müsste. Als sie schliesslich 1954 entschied, ihre Arbeit in der Landwirtschaft aufzu­geben und gen Norden zu ziehen, war sie mit mir schwanger. Ihre Entscheidung prägte mein Leben, so wie meine Entscheidungen das Leben meines Sohnes prägten, und so weiter.

 

Es wird wohl einen Grund geben , weshalb Sie die «Erlaubnis» zum Träumen so explizit machen?

Die Erlaubnis kommt zuerst! Das klingt vielleicht simpel, aber das ist eine mentale Barriere, die sich nur schwer überwinden lässt. Vor allem, wenn man in harten Verhältnissen aufgewachsen ist. «Ich werde es nie schaffen», das ist das selbstbegrenzende Mindset, das so viele junge Menschen haben; und das ist der Punkt, an dem ich zu ihnen durchdringen will: «Du darfst nicht auf irgendeine Erlaubnis von aussen warten oder darauf, dass sich die Umstände auf magische Weise ändern. Und wenn man eine Vision hat – egal welche! – wird sie nicht jeder sehen. Aber wenn du sie siehst, erlaube dir zu träumen. Und dann handle entsprechend.» Ich möchte Ihnen ein Beispiel geben: Oprah Winfrey und ich sind im selben Jahr geboren, haben dasselbe Sternzeichen und haben dieselbe Grundschule besucht. Woher wissen wir, dass der nächste Chris Gardner oder die nächste Oprah Winfrey nicht aus genau dieser Schule herausspazieren werden? Also muss es unsere Aufgabe sein, den Nachwuchs zu ermutigen. Das macht mir heutzutage am meisten Freude; erfüllt mich mit Purpose. Natürlich kann ich einem Teenager nicht jeden einzelnen Schritt erklären, den man gehen muss, um ein Fortune-500-CEO zu werden – denn ich selbst bin so etwas nie gewesen. Ich war auch kein Astronaut, kein Ingenieur und kein Maler. Aber ich weiss sehr viel darüber, wie wichtig es ist, sich individuelle Träume zu erlauben und seinen eigenen Weg zu finden. Und dabei kann ich behilflich sein. Manchmal halte ich vor einem jungen Publikum nicht einmal eine Rede, sondern stelle ihnen nur Fragen – oder besser gesagt: Ich gebe Fragen an sie weiter.

 

Was meinen Sie damit?

Vor ein paar Jahren hielt ich eine Keynote bei einer Veranstaltung in Spanien. Viele Leute, sehr bunt gemischt. Am Ende gab es eine Fragerunde. Ein kleines Mädchen nahm das Mikrofon und sagte: «Mister Gardner, was würden Sie von Gott wissen wollen?» Ich meine … wow, das ist ein grosses Thema! (lacht) Es fiel mir schwer, spontan zu antworten, also habe ich die Frage umgedreht: «Angenommen, es gibt ein höheres Wesen, ungeachtet der religiösen Uniform, die es trägt», sagte ich, «was denkst du, würde es uns fragen?» Wir sind an diesem Tag nicht zu einer Konklusion gelangt, aber ich habe lange über diesen Austausch nachgedacht. Und mittlerweile glaube ich, einige dieser Fragen zu kennen – also gebe ich sie weiter.

 

Auch an uns?

Nun, ich denke, das göttliche Wesen würde etwas fragen wie: «Ich habe dir das gleiche Gehirn gegeben, das ich Albert Einstein gegeben habe. Siehst du, was er mit seinem gemacht hat?! Also … was wirst du mit deinem tun? Ich habe dir dieselben Hände gegeben, die ich Pablo Picasso gegeben habe – dasselbe Herz, das ich Mutter Teresa gegeben habe – was wirst du mit diesen Gaben erreichen? Ich habe dir zwei Füsse gegeben, auf denen du stehen kannst. Wofür wirst du stehen und an wessen Seite?» Das sind Fragen, die jeder – insbesondere, aber nicht nur junge Menschen – für sich selbst beantworten muss. Die Rolle derjenigen, die ihre Antwort bereits gefunden haben, besteht darin, der nächsten Generation «einen Platz am Tisch» vorzubereiten. Einen Platz, der auf sie wartet. Weil sie die Einzigen sind, die uns helfen können, dorthin zu gelangen, wo wir hin müssen: an einen Ort namens Zukunft. Ich sage immer: Lasst uns einander helfen, lasst uns einander aufrichten. Manchmal habe ich das Gefühl, dass es dem Zeitgeist entspricht, niederträchtig und boshaft zu sein. Aber dagegen stemme ich mich mit aller Kraft. Wir müssen eine Kerze im Dunkel entzünden. Und wenn ich das mache, und du ebenfalls, und sich immer mehr Menschen anschliessen – dann wird es endlich wieder hell.


Christopher Paul Gardner ist ein US-amerikanischer Broker, der den Aufstieg vom Obdachlosen zum Self-made-Millionär schaffte. Gardner wuchs zeitweise bei seiner Mutter und seinem gewalttätigen, alkoholkranken Stiefvater auf; trat später der Navy bei und nahm nach seinem Militärdienst eine Stelle als Vertreter an. Anfang der 1980er-Jahre erhielt er ein Praktikum bei einer Finanzfirma, das ihm und seinem Sohn, für den er allein sorgte, die Chance auf ein besseres Leben eröffnete; allerdings zunächst ohne Bezahlung. Während er tagsüber zur Arbeit ging, übernachtete er mit seinem Kind fast ein Jahr lang in Obdachlosenheimen, in U-Bahn-Stationen oder an anderen öffentlichen Orten. Chris Gardner bekam nach der Broker-Ausbildung einen Job und wurde später, mit seiner eigenen Firma Gardner Rich, zum Millionär. Mit der gemeinsam mit Quincy Troupe erstellten Buch­fassung seiner Geschichte eroberte er die Spitze der US-Bestsellerliste. Das Buch wurde unter dem Titel «The Pursuit of Happyness» mit Will Smith in der Hauptrolle verfilmt.

Zum Weiterlesen: «Permission to Dream»

Nach dem Bestseller «The Pursuit of Happyness», der mit Will Smith in der Hauptrolle verfilmt wurde, hat Chris Gardner zusammen mit Mim Eichler Rivas ein weiteres Buch geschrieben: «Permission to Dream» erschien 2021 und thematisiert die wichtigsten Lektionen seines Lebens, aber auch seine heutige Arbeit als Philanthrop und in der Jugend­bildung.

Social Storytelling: Irgendwo hakt es

Man könnte meinen, die Hardcore-Digitalisierung durch Covid hätte auch die Kunst des Social Storytelling geprägt. Aber dem ist nicht so – und eine ganze Generation von Digital Marketers steht vor einem Dilemma.

(Illustration: unsplash.com / Carlos PX)

Die Marketing-Verantwortlichen in den Unternehmen beneide ich gerade überhaupt nicht. Da kämpfen die armen Schweine jahrelang dafür, dass die knausrige Chefetage endlich mehr Budget auf den Tisch für die ganzen hippen Social-Media-Plattformen knallt. Und kaum öffnen sie die digitalen Geldschleusen, weiss man gar nicht, wohin der ganze Schotter fliessen soll.

So «meta» ist Meta nicht mehr

Werben auf den Meta-Plattformen (Facebook, Instagram, Messenger und Co.): Da ist man doch sicher unterwegs, oder? Naja. Der Gigant strauchelt. Aktuell überschlagen sich die News: «Zuckerberg holt zum Kahlschlag aus», «Zuck zückt den Rotstift», «Dreizehn Prozent der Belegschaft von Meta landen auf der Strasse». Meta – ehemals Facebook, aber das weisst du mittlerweile, oder? – stand schon auf stabileren Beinen. Seit Beginn des Jahres wird die Aktie abgestraft. Sie kennt nur eine Richtung: abwärts. 11 000 Stellen wird man insgesamt streichen und selbst Zuckerberg, ansonsten emotionslos und kalt, wirkt beim internen Call mit den Betroffenen für einmal sehr emotional. Was also ist passiert? Seit einiger Zeit kämpfen Instagram und Facebook, die Vorzeigeplattformen des Meta-Universums, mit Rückgängen in den Erlösen durch Werbeplatzierungen. Und zeitgleich investiert Gründer Zuckerberg Milliarden in die Entwicklung digitaler Welten. Wie viel vom Metaverse-Hype übrig geblieben ist, lasse ich an dieser Stelle aus – m&k kann mir schliesslich nicht die ganze Ausgabe zur Verfügung stellen.

Instagram, das «Arbeitstier» von Meta, entwickelt sich seit geraumer Zeit eher seitwärts als vorwärts. Es werden immer wieder marginale Rollouts angekündigt, nur um wenig später in Vergessenheit zu geraten. Zu sehr wirkt es, dass die Plattform vor allem durch die Konkurrenz getrieben wird und nicht mehr durch die eigene Innovationskraft.

Der Vogel stürzt ab

Also zurück zum geliebten blauen Vogel, der dich als Marketer, Blogger:in oder Journalist:in nie im Stich gelassen hat, richtig? Nun ja. Von Twitter war ich ohnehin niemals wirklich Fan – sorry, not sorry. Aber seit Elon Musk das Unternehmen übernommen hat, muss ich jedem, der dort Etats allozieren will, ganz ehrlich sagen: Mach mal lieber nicht. Und das sehen auch grosse Unternehmen wie VW ähnlich. Enorme Werbeetats werden eingefroren; immer mehr Werbekunden wird von Agenturen zum Rückzug von der Plattform geraten. Und was macht Musk? Er droht den abtrünnigen Werbekunden mit öffentlicher Blossstellung.

So sehr ich an das unternehmerische Geschick von Elon Musk glaube, so sehr überkommt mich dieser Tage das Gefühl, dass er nicht die Person sein sollte, die eine Meinungsmaschinerie wie Twitter unter sich haben sollte. Elon hat in den letzten Jahren wohl einfach zu selten das Wort «Nein» gehört – und bei Twitter wäre es besser bei «Nein» geblieben. Twitter kämpft seit Langem gegen Hatespeech, Rassismus, Fake News und viele andere Probleme. Und jetzt stellt Musk die Hälfte der Belegschaft vor die Tür.

Twitter steht vor einem massiven Schuldenberg. Der Zinsaufwand soll höher als das Ebitda sein, und dann sind die Investitionen von ein paar Hundert Millionen noch nicht dabei. Jetzt könnten wir in einen Finanz-Talk abschweifen. Aber machen wir es kurz: Es läuft bei Twitter in Sachen Finanzen in etwa so gut wie beim FC Barcelona. Oder noch einfacher ausgedrückt: Es läuft bescheiden.

Aber nicht verzagen, liebe Freunde des gepflegten Social Marketings. Es gibt noch ein wenig Hoffnung.

«A new hope»

Die guten Nachrichten a priori: Luke und Han müssen nicht zuerst den Social-Media-Todesstern zerstören, damit die «neue Hoffnung» aufkeimen kann (kurzer Einschub: Wenn die herrliche Titelmetapher nicht trifft, ab vor die Flimmerkiste und «Krieg der Sterne» schauen!). Also, zurück zum Text:

Noch nie haben so viele Menschen weltweit Social Media genutzt. In einem Report von «We are social» und «Hootsuite» wird ausgewiesen, dass mittlerweile 4,7 Milliarden User:innen auf Social-Media-Plattformen unterwegs sind. Das entspricht 59 Prozent der Welt­bevölkerung. Und gleichzeitig sind rund zwei Drittel der Menschheit online. Man könnte daraus ableiten: Fast alle Menschen, die online unterwegs sind, sind auch auf mindestens einer Social-Media-Plattform.

Gleichzeitig steigt der Smartphone-Anteil des globalen Webtraffics auf knapp 60 Prozent. Das widerspiegelt auch den Erfolg neuer Rising Stars wie TikTok. Menschen nutzen mehr Social-Media-Plattformen parallel als noch vor einigen Jahren. Bevor wir hier in einen Sog von Zahlen und Statistiken hineingezogen werden, lass mich es dir einfach zusammenfassen:

Die Zielgruppe, die du erreichen möchtest, ist definitiv auf Social Media. Keine Angst. Sie ist einfach nicht immer nur genau dort, wo du es dir vielleicht vorgestellt hast. Und es werden täglich mehr User:innen. Das Wachstum wird jedoch in den nächsten Jahren abflachen. Bedeutet für uns im Digital Marketing: Wir müssen endlich besser werden im Spiel um die Aufmerksamkeit.

Lernen wir es endlich!

Neues Jahr, altes Spiel, also lernen wir es endlich: Kommunikation auf Social Media folgt nicht den «klassischen Regeln», wo es einen Empfänger und einen Sender gibt. Trotzdem kommunizieren und werben 2022 noch immer Unternehmen, als wären sie das Zentrum des Universums. Stumpf werden TV-Spots auf die Formate der Social-Plattformen hinuntergebrochen – und dann feiert man sich für plattformübergreifende Werbung? Hut ab, Freunde!

In Lehrgängen werde ich fragend angesehen, wenn die hauseigenen Posts, die doch so viel Tolles über die Firma erzählen, einfach nicht performen. Schliesslich liefere man doch Mehrwert, und darum geht’s doch? «Mehrwert». Das wird für mich langsam zum Unwort, wenn es um Storytelling geht. Aber ich verrate dir ein Geheimnis: Den Mehrwert deines Storytellings definierst nicht du, sondern die User:innen.

Mindblowing, oder? Ist es eben nicht, aber irgendwie begreift es niemand. Also: Vielleicht doch, aber es wird nicht umgesetzt. Warum? Weil zu oft der langfristige Gedanken für Content auf Social-Plattformen fehlt. Man macht es für die schnelle Conversion. Für den sofortigen Nutzen. Und das wäre total in Ordnung, wenn diese Plattformen ein digitaler Werbekatalog wären. Sind sie aber nicht.

User:innen erleben dank Social Feeds ein mehrdimensionales Angebot an Inhalten aus jeder erdenklichen Sparte: Entertainment, Humor, Nachrichten, Sport und vielem mehr. Warum also sollten Menschen ihre Zeit mit deinem von Call-to-Actions zugemüllten Inhalt verbringen? Du würdest den Inhalt ja auch nicht gerne anschauen, liken oder sogar damit interagieren, oder?

Wofür also plädiere ich in Sachen Storytelling 2023? Endlich die Unternehmensbrille abzulegen und den Mut zu haben, User-zentriertes Storytelling zu praktizieren. Ich weiss, liebe Marketer, ich weiss. Das wird hart. Aber beisst euch durch, sucht nochmal die Diskussion mit der Geschäftsleitung – es wird sich ­lohnen.


* Roger Hämmerli ist Founder und Managing Partner des Digital Content Newsroom «Andy Was Right». Zuvor war er unter anderem Head of Social Media bei Ringier – und doziert regelmässig an der Hochschule für Wirtschaft Zürich HWZ.

Eine Branche kehrt zurück

Die Zukunft von Messen und Events ist hybrid. Das Live-Geschäft wird dadurch gestärkt, nicht geschwächt. Die Live-Kommunikationswirtschaft hat sich nach der Pandemie als äusserst resistent erwiesen.

(Bilder: unsplash.com/Jon Tyson)

Brian Ruchti, CEO der Digitalagentur Newsroom, bringt es am Expo Event Breakfastclub vom 8. November auf den Punkt. «Niemand sagt, dass der physische Weg nicht funktioniert, aber wir wollen herausfinden, welche hybriden Formen der Markt erlaubt.» Und fügt dann noch hinzu: «Wir stehen erst am Anfang.» Sein Votum spiegelt so etwas wie den Status quo in der Event-Wirtschaft. Digitalität hat sie nicht geschwächt, sondern führt sie auf neue Pfade zur Stärkung des Kerngeschäfts.

Mit Resilienz und Agilität zur Transformation

Messeveranstalter, Eventdienstleister und –agenturen haben die Covid-Ära gut gemeistert. Auch deshalb, weil Veranstaltungen sich nicht digital ersetzen lassen. Zu den oft prognostizierten Übernahmen oder Konkursen ist es auf jeden Fall nicht gekommen. Nicht wenige Messeveranstalter halten fest, dass die Pandemie in gewisser Weise ihrem Kerngeschäft sogar geholfen hat, weil sich die ausstellende Wirtschaft bewusst wurde, wie unersetzlich persönliche Begegnungen sind. Der erfahrene Mergers- und Acquisitionsprofi Björn Kempe mit einem eigenen Investmentfonds in der Messewirtschaft sagt dazu: «Mich treibt zurzeit um, wie wir Communities am besten bewegen können. Für mich hat das online ganz klar nicht funktioniert und auch hybrid nur bedingt. Ich sehe eher einen Trend zurück zu den Basics im Marketing, zu Medien, sozialen Netzwerken und zu Themenmarketing.»

Wahrscheinlich war der Drang, auf Messen und Events zurückzukehren, noch nie so gross wie jetzt nach dem Wegfall der Pandemierestriktionen mit Social Distancing oder dem Veranstaltungsverbot. Gemäss dem AUMA Berlin sind auf den grossen deutschen Leitmessen erst 70 Prozent der Aussteller und 55 Prozent der Besucher:innen zurückgekehrt. Aber die jüngsten Leitmessen wie die Kunststoffmesse K oder die Robotikmesse SPS haben diese Werte schon wieder weit, weit überschritten.

Die Zeit ist reif für «back to normal»

Braucht die Wirtschaft eine Eventmesse, nachdem die Marketingmesse SuisseEmex im 2018 ihr Erscheinen eingestellt hat? Die Dienstleistungsbranche – Messebauer, Inszenierer und Eventlocation – sind sich einig: Die LiveKommunikationsbranche braucht wieder einen Treff, um sich mit der Wirtschaft auszutauschen. «Jetzt wollen wir einen Wow-Effekt erzeugen – natürlich mit digitaler Begleitung, aber nicht als Messeersatz», sagt Peter Plan. Die Suisse Event ist aber keine Nachfolgeveranstaltung der eingestellten Suisse Emex, sondern ein auf Eventtechnik, Entertainment und Locations fokussiertes Format. Wer das Messedatum vom 5. bis 7. September 2023 beachtet, bemerkt, dass in dieser Zeit am 7. September auch der Xaver-Award 2023 stattfindet. Aus gutem Grund. Die neu lancierte Suisse Event läuft unter der offiziellen Partnerschaft des Branchenverbands Expo Event Swiss Live Com Association. Die Suisse Event soll im Zweijahresturnus stattfinden.

Innovativ sind auch die sogenannten digitalen Treffpunkte des Entwicklers Conteo (siehe m&k 2020 «Renaissance von Messen mit Digitalisierungsschub»), die an verschiedenen Messen der Messe Luzern und an anderen Messeplätzen zum Einsatz kommen. Diese Verlängerungen der physischen Messen wie der Swiss MedTech, der AM-Expo (3D-Drucktechnologie) oder der Farming Plus, einer Website der Landwirtschaftsmessen «Fruchtwelt Bodensee» der Messe Friedrichshafen, der «Tier & Technik» der Olma Messen und der «SuisseTier» der Messe Luzern, basieren auf der Idee, dass Messeveranstalter nicht mehr einfach ihren Ausstellerkatalog online stellen (Content is King).

Die digitalen Treffpunkte von Conteo basieren auf der Idee, dass die Aussteller einer Messe ihre Messeinhalte auf die Messewebsite stellen, nicht einfach ihren Produktekatalog. Dieses Storytelling-Prinzip kommt in der Wirtschaft an. «Wir haben die Erfahrung gemacht, dass echter Content viel höhere Click-Raten bewirkt als ein Ausstellerkatalog und wir sehen als Messeveranstalter genau, wer welche Themen verfolgt», sagt Fabienne Meyerhans, Mitglied der Geschäftsleitung der Messe Luzern.

Content is King?

Nein, Experience ist König. Die Veranstaltungsentdeckung für uns in der Nach-Covid-Ära sind die Start-up Nights in den bekannten Eulachhallen des Entrepreneurclubs in Winterthur, weil hier sicht- und spürbar beim Netzwerken die Post abging. Die Energie der 160 Aussteller und 8ooo Besucher:innen im November war spürbar und sagte: endlich wieder live! Die meisten der zahlreichen Workshops waren ausgebucht, die Keynotespeakers auf hohem Niveau. Da herrschte durchwegs keine Spur von Covid-Nachwehen, ganz im Gegenteil. Auch das traditionelle Sportforum des ESB-Netzwerks im KKL Luzern wies im November mit 700 Gästen gleich viele auf wie am Vor-Covid-Rekordevent im 2019. «Wir sind äusserst zufrieden», sagt Patrick Seitter, Leiter Kongress und Academy, ESB Netzwerk St. Gallen. Er schildert aber, dass das an den ESB-Events in Deutschland und Österreich weniger positiv aussieht.

Incentive: Deshalb sind Messen so resilient

Die Mipim in Cannes ist eine von zwei Weltleitmessen mit der Expo Real in München. Sie hat eher einen Incentive-Charakter, steht als eine Art Auszeichnung für die teilnehmenden Personen, während die Expo Real als «Arbeitsmesse» gilt. Beide sind in hohem Masse resilient durch die Pandemie geschritten. Die Expo Real vom Oktober hat mit 1887 Ausstellern beinahe das Vor-Corona-Niveau von 2019 erreicht, alle Ausstellungsbereiche sind gegenüber 2021 wieder gewachsen, insgesamt um 60 Prozent. Das wird auch auf der kommenden Mipim im März 2023 in Cannes nicht anders sein. Denn wer, der oder die noch bei Sinnen ist, würde Cannes gegen einen Online-Event eintauschen? Was ich damit sagen möchte: Die wichtigen Messen werden ohne Zweifel zurückkommen. Und: Es gibt keinen «Messetrend», es ist jede Veranstaltung einzeln zu betrachten. Nicht zuletzt hängt die Zukunft von Messen und Events von der Fähigkeit eines Veranstalters ab.

Innovationsgeist im Messebau

Das im Mai 2022 in Betrieb genommene brandneue, CO2-neutrale Logistikzen­trum in Wil ZH der Messerligruppe ist ein bemerkenswertes Statement für Live-Kommunikation. Was heute wie eine Selbstverständlichkeit tönt, war es während der Pandemie alles andere: «Wir glauben an die grosse Zukunft von Live Experience», sagt Verwaltungsratspräsident Andreas Messerli. Das Messebau- und Werbetechnikunternehmen Bexpo in Marthalen hat die Pandemie gemeistert und hinter sich gelassen. Kurz nach dem Veranstaltungsverbot im März 2020 schuf man die neuen Geschäftsfelder der Werbetechnik und Signaletik in der neuen Bexpo Werbetechnik und Signaletik AG. Werbetechnik ist für Bexpo, anders als der Messebau, ein lokales Business mit kleineren Auftragsvolumina, aber dem Vorteil von schnell wiederkehrenden Kundenaufträgen. Jetzt, wo das Messebaubusiness (in der ganzen Branche) wieder auf Hochtouren läuft, hilft das neue Geschäftsfeld, die traditionellen Messepausen im Sommer und über Weihnachten zu kompensieren. Das Werbeatelier Pape hatte sich schon vor Corona von ganz grossen Messestandbauten verabschiedet und Digitaldruck mit einer Millioneninvestition zum Kerngeschäft gemacht. Atelier Bischoff, Dienstleister im Veranstaltungsgeschäft, setzt mit der Neubenennung «Plotfactory» ebenfalls auf Digitaldruck.

Location: Innovation in der Viscosestadt

Im ehemaligen Spinnereigebäude auf dem Viscose-Areal in Emmenbrücke (nahe bei Luzern) befindet sich eine der grössten Eventlocations in der Zentralschweiz mit drei grosszügigen Eventhallen mit Industriecharme. Spektakulär ist die 270-Grad-Projektion mit einem hochmodernen, immersiven Soundsystem. Betreiber sowie Technikpartner der Location ist der Branchendienstleister auviso – audio visual solutions ag. Die 270-Grad-Projektion ist ein innovatives, spektakuläres Highlight für die eventtreibende Wirtschaft. Rolf Schwander, Projektleiter bei auviso, nannte das Spektakel, das sich hier ereignet, eine «multimediale Illusion mit 14 Millionen Pixel».Das Trafo Baden nennt sich «das Schweizer Eventvillage». TrafoBaden hat die «allseated» Software eingeführt, mit der Eventveranstalter ihren Anlass virtuell als digitalen Zwilling gestalten, bestuhlen und via Videorundgang begehen können.

Eventagenturen: digitale Transformation

Im Oktober 2022 ging der «Global Acceleron Day», umgesetzt von der Eventagentur Bright, über die Bühne in der TrafoHalle in Baden. 800 Gäste nahmen vor Ort teil und online Teilnehmende in 54 Ländern. «Man musste während der Pandemie ganz neue Ansätze andenken, aber man konnte viel davon lernen. Was sich verändert hat, dass man sich bei jedem Event überlegt, ob es eine sinnvolle hybride Verschmelzung gibt. Dazu machen wir uns heute sehr viele Gedanken», sagt Markus Walder, Mitinhaber der Eventagentur Bright in Schwerzenbach. Ein Teilnehmer des Breakfast Clubs hat die Resilienz der Messe- und Veranstaltungswirtschaft auf einen plausi­blen Nenner gebracht: «Am Freitag ist Turnverein. Der ist nicht ersetzbar.»

Aus dem Elfenbeinturm

Unsere Kolumnistin Johanna Gollnhofer erklärt wissenschaftlich paradoxe, komische, kuriose und neue Verhaltensweisen von Konsument:innen.

(Illustration: Silvan Borer)

Bizarre Szene: Während ich ausgelassen auf dem «Parov Stelar»-Konzert mittanzte und mithüpfte, fühlte ich mich von Handys umzingelt. Filmen im Querformat – das war eindeutig die ältere Generation. Hochkant: Generation Z, Insta und TikTok liess grüssen. Ich habe diese Hobby-Content-Creator bemitleidet. Der ausgestreckte Arm wurde ziemlich in Mitleidenschaft gezogen, aber noch schlimmer: Wieso sollte ich ein Handy zwischen mir und dem fulminanten Livespektakel auf der Bühne halten? Mit einer realen Erfahrung hat dies für mich nichts mehr zu tun! Opfern Hobby-Content-Creators ihr persönliches Erlebnis für möglichst viele Likes auf Social Media?

Aktuelle Forschung im Marketingbereich hat sich genau dieser Fragestellung angenommen: Eine Gruppe von Menschen wurde aufgefordert, während der Superbowl-Halbzeitpause mit dem Smartphone Bilder von der Live-Übertragung zu machen und auf Social Media zu posten. Eine andere Gruppe wurde gebeten, sich einfach die Live-Übertragung anzuschauen. Das Smartphone war hier tabu.

Im ersten Moment neige ich immer dazu, das Smartphone zu verteufeln: Technologie kann ja schliesslich das reale Leben nicht ersetzen und Multitasking funktioniert erwiesenermassen auch nicht. Mit Social Media könnte ich gleich so weitermachen. Social Media spiegelt nicht das reale Leben wider, sondern erschafft eine Scheinwelt. Vorsicht ist hier geboten – dies kann bei manchen Menschen zu depressiven Verstimmungen und Selbstwertproblemen führen!

Die Studie belehrt mich jedoch eines Besseren: Die erste Gruppe mit dem Smartphone hat das Gefühl, tiefer in die Superbowl-Halbzeitpause einzutauchen, die Zeit verfliegt schneller und letztendlich haben sie mehr Spass. Intuitiv haben die meisten Menschen genau das verstanden: So postet der Grossteil der Besucher:innen des Coachella Festival bereits während des Festivals und nicht erst danach. Dieser positive Effekt von Smartphone und Social Media gilt jedoch nur, wenn Menschen über das jeweilige Event posten. Posts über die Arbeit, Kinder oder andere Events bringen nicht diese positiven Effekte mit sich. Dann sollte das Handy doch lieber in der Hosentasche bleiben.

Noch besser: Das Smartphone und Social Media machen nicht nur Events besser; sie helfen uns auch, besser über die bevorstehenden Feiertage zu kommen. In der Studie konnte gezeigt werden, dass Feiertage wie Halloween oder Thanksgiving schneller vorbeigehen und positiver wahrgenommen werden, wenn an den Feiertagen über sie auf Social Media gepostet wird. Meine Schlussfolgerung: Wenn sich um Weihnachten mal wieder die angespannten Emotionen des Jahres entladen, einfach das Handy zücken und den Weihnachtsbaum auf Insta posten!


Prof. Dr. Johanna Gollnhofer ist assoziierte Professorin für Marketing und eine der Co-Leiterinnen des Instituts für Marketing und Customer Insight an der Universität St.Gallen (IMC-HSG). In m&k Werbewoche.ch schreibt sie monatlich über spannende, aufsehenerregende oder kuriose Marketingstudien aus der ganzen Welt. Grundlage bildet diesmal diese Studie.

Heidi Hauer: Die Erfahrene

Heidi Hauer hat eine beeindruckende, internationale Karriere in der Kommunikation gemacht. Heute begleitet sie als Coach Führungskräfte bei der Suche nach mehr Impact, ganzheitlicher Gesundheit, Erfüllung und Sinn. Warum?

Heidi Hauer, Kommunikationsexpertin und Coach. (Bild: Wendy Yalom)

Ehrgeizig, zielstrebig, fleissig und fokussiert. Seit jeher ist Heidi Hauer ihren Weg gegangen. Während ihrer bisherigen 20-jährigen Karriere stand beruflicher Erfolg immer an erster Stelle. Rückblickend nahm sie sich zu wenig Raum für Entschleunigung, Pausen, Rückzug und Selbstwahrnehmung. Dafür sammelte Heidi Hauer zahlreiche internationale Berufserfahrung, Anerkennung und Auszeichnung. Auch wenn der Körper schon des Öfteren Signale gesendet hatte, brauchte es viele Jahre, bis Heidi Hauer einen gesünderen, ausgeglicheneren Lebensstil entwickelte. Schliesslich folgte sie der inneren Stimme und unterstützt heute Führungskräfte dabei, in ihre wahre Kraft zu kommen, das eigene Potenzial zu sehen und zu nutzen.

Same same, but different

Fleissig, ehrgeizig, zielstrebig ist sie noch immer, aber ihre Energie nutzt sie heute, um ihr Wissen über Ernährung, Resilienz, Meditation, Mindfulness, Führungsthemen und Sinnfragen weiterzugeben. Sie coacht Menschen, die mehr in ihrem Leben wollen, als nur bestmöglich zu funktionieren. Peak Performance um jeden Preis ist ein Auslaufmodell. Mitarbeiterinitiativen zu Themen wie «Wellbeing at work» und «Mental Health» gehören mittlerweile zum guten Ton der Unternehmensführung. Ein achtsamer Umgang mit uns selbst und unseren Mitmenschen stärkt Resilienz, Kreativität, Konzentrationsfähigkeit, Empathie und schliesslich unser Wohlbefinden und unseren Erfolg.

«All meine früheren Erfahrungen als Kommunikationsspezialistin, PR-Expertin, Pressesprecherin und oft auch als fleissige Biene im Hamsterrad helfen mir heute, meine Coachees wirklich zu verstehen. Ich weiss um den Sog, in den man geraten kann, gerade wenn einem der Beruf Spass macht und der Karriereweg steil bergauf geht», sagt Heidi und erinnert sich lachend an ihren unermüdlichen Arbeitseinsatz. Heute weiss sie, dass wenn man sich selbst dabei nicht vergisst, sondern lernt, auf seinen Körper zu hören, dann gibt es kaum ein Limit, die Ziele zu erreichen, die einem vorschweben.

Der Weg…

Gehen wir zurück zum 2. Januar 2013. Heidi Hauer hat in den vorhergehenden Jahren einen Karriereschritt nach dem anderen absolviert. In Oberösterreich aufgewachsen, in Wien studiert, führt ihr Weg sie nach London, wo sie zuerst als Public Affairs Consultant tätig war und dann in-house in das globale Kommunikationsteam eines Süsswarenkonzerns wechselte. Danach folgten zwei Jahre in Brüssel. Dann ging’s zurück nach Wien, wo sie die Leitung der Unternehmenskommunikation übernahm und als Konzernsprecherin für mehrere Länder verantwortlich war. Genau dort im Büro steht sie am 2. Januar 2013. Das Office ist so gut wie menschenleer. Die Österreicher nehmen es nach Neujahr gern gelassen und gehen noch eine Woche Skifahren.

Nicht so Heidi. Als ein Mitarbeiter sie fragt, ob sie Zeit für einen Kaffee hätte, winkt sie ab, mit der Begründung, viel zu viel zu tun zu haben. What? Am 2.1.? Sie hetzt durch den leeren Büroraum und alles erscheint ihr plötzlich absurd. Das Rennen, die Überstunden, der Druck, die Selbstüberforderung … Ihr wird bewusst, dass die Bauchschmerzen, die schlechte Haut, der miserable Schlaf, das niedrige Energielevel, die Nackenverspannungen, die blanken Nerven etwas mit ihrem ungebrochenen Leistungswillen und zu hohen Erwartungen an sich selbst zu tun haben könnten.

…ist weit…

Sie checkt in eine Health-Klinik ein, lernt die innere Stimme besser kennen und lernt vor allem, auf sich besser zu hören. Sie passt ihren Lebensstil an, stellt die Ernährung um und schrittweise tritt Besserung ein. Wieder im Job, spricht sie mit dem Team, erlaubt sich regelmässige Pausen, delegiert, grenzt sich auf gesunde und freundliche Art ab. Parallel zur Arbeit bildet sie sich aus zur Ernährungstrainerin und Coachin.

Doch trotz aller Achtsamkeit braucht es noch zwei weitere, kürzere Rückschläge, bis sie begreift, dass sie für Gesundheit und wahre Zufriedenheit den Lebensstil dauerhaft ändern muss, anstatt nur temporär sich darauf zu konzentrieren. Die Entscheidung, dem zweiten beruflichen Traum vom Coaching & Consulting Raum zu geben war zwar wohlüberlegt, aber letztlich eine Herzens­angelegenheit.

…und das Ziel

Heidi Hauer macht sich selbstständig und zieht mit ihrer Hündin in ein Haus mit Garten. Damit erfüllt sie sich Lebensträume. Durch diverse Weiterbildungen hat sie sich viel Know-how angeeignet. Das ergibt einen Mix aus Kompetenz, Erfahrung, Weisheit und Geduld, der sie einzigartig macht in ihrer Art und Weise des Coachings. Sie kann ihre Liebe zu Menschen genauso ausleben wie die Liebe zur Arbeit. Den Ehrgeiz von früher hat sie noch. Aber er zerstört sie nicht, sondern verleiht ihr Flügel.


Heidi Hauer begleitet Führungskräfte in Einzel- und Gruppencoachings. Sie hält Vorträge und leitet Workshops. «The Heidi Hauer Podcast» ist eine Show über Gesundheit, Geld, Entrepreneurship und Spiritualität. Ihr Buch «The Queendom Within – rewrite your fairy tale and create your own happily ever after» ist Wegweiser zur Erfüllung eigener Träume.

Leicht gesagt und schwer getan

Gute Kommunikation soll ­komplexe Sachverhalte einfach darstellen. Bei kaum einem Thema klaffen dieser Anspruch und die Wirklichkeit so weit auseinander wie bei der Nachhaltigkeit.

(Illustration: Silvan Borer)

Vor einigen Wochen hatte ich Gelegenheit, mich mit einem inspirierenden Zürcher Unternehmer zu unterhalten. Sein Name ist Peter Hornung, er ist studierter Architekt und hat kurz vor Beginn der Pandemie das Start-up «Round Rivers» gegründet. Dessen (Eigen-)Beschreibung: «Round Rivers fischt PET-Flaschen aus der Limmat und fertigt daraus ein kleines, aber feines Sortiment an Bademode.» Was Peter mir über die Idee hinter seiner Firma, die mit der Gründung verbundenen Herausforderungen und die Pläne für die Zukunft erzählte, beeindruckt mich. Der Start-up-Founder hat meine Aufmerksamkeit aber auch darauf gelenkt, wie schwierig es ist, den komplexen Sachverhalten der Nachhaltigkeit kommunikativ gerecht zu werden. Woran liegt das? Und gibt es Lösungsansätze?

Ein anspruchsvolles, vielschichtiges Thema

Fest steht: Konsument:innen verlangen nach nachhaltigen Produkten und fordern von Unternehmen, ihre Wertschöpfung danach auszurichten. In der unternehmerischen Realität ist aber echte Nachhaltigkeit ein komplexer, vielschichtiger Prozess.

Ein Beispiel: Textilien aus PET-Flaschen sind nicht gleich Textilien aus PET-Flaschen, wie mir Peter Hornung erklärt. Nimmt man korrekt entsorgtes Plastik aus dem Rohstoffzyklus heraus, um damit Pullover zu fertigen, dann ist das sinnloses «Downcycling». Fischt man allerdings PET-Flaschen aus der Limmat und macht sie zu Bademode, ist das lobenswertes «Upcycling». Lässt man alte Kleidungsstücke einmal um die Welt reisen, um daraus «Recycling-Wolle» zu machen, vernichtet der Carbon-Footprint jede noch so gute Intention. Agiert man hingegen regional, kombiniert man Abfallreduktion und Umweltschutz. Und so weiter, und so fort.

Den Weg als Ziel kommunizieren

Nachhaltiges Wirtschaften ist ein vielschichtiger Prozess, der die Wertschöpfung auf allen Ebenen betrifft. In der Konsequenz lassen sich die gewünschten Ziele oft erst langfristig erreichen. Es ist in Ordnung, das zu sagen – und die Verbraucher:innen auf diesem Weg «mitzunehmen». Das verlangt nach Offenheit und Mut zur Imperfektion; zwei wichtige Säulen in der Nachhaltigkeitskommunikation.

Die dritte Säule ist Kontinuität. So wie Nachhaltigkeit im Unternehmen braucht auch die damit verbundene Kommunikation unbedingt eine dauerhafte Perspektive. In beiden Fällen ist es so, dass der Erfolg nur durch langfristiges und vor allem regelmässiges Engagement zu erreichen ist. Die grösste Herausforderung in dieser Hinsicht ist, auch in kritischen Phasen am Ball zu bleiben und den Dialog nicht aufzugeben.


* Alexander Haldemann ist CEO der Publicis Groupe Zürich.

Reiseland Schweiz – wie weiter?

André Hefti, Chief Marketing Officer bei Schweiz Tourismus ST, über Destinations-Marketing während der Krise, veränderte Herausforderungen sowie die zukünftige Positionierung des Reiselands Schweiz.

Schweiz Tourismus hat auch während der Pandemie darauf geachet, dass das Reiseland Schweiz in den Köpfen der Touristen blieb. Mit Erfolg.

m&k Während der Coronapandemie waren viele Grenzen geschlossen – die Übernachtungszahlen in der Schweiz sanken drastisch. Wie hat sich das auf das Destinations-­Marketing ausgewirkt?

Tourismusmarketing ist durchaus krisenerprobt. In mehr als 100 Jahren hat das Reiseland Schweiz bereits einige dunkle Zeiten gesehen und überstanden. Dennoch war die Pandemie einzigartig in ihrer globalen Auswirkung. Der Tourismus stand weltweit still. Da galt es, agil zu bleiben, flexibel zu arbeiten und alle Aktivitäten den jeweils geltenden Umständen anzupassen.

 

Wie genau hat Schweiz Tourismus reagiert?

Wir haben in allen unseren Märkten Empathie gezeigt, dafür gesorgt, dass die Schweiz als Reiseland in den Köpfen unserer potenziellen Gäste blieb. Denn: Die Reiselust hat nie abgenommen. Sobald man wieder konnte, reiste man wieder. Mit der Pandemie entstanden neue Bedürfnisse, die wir im Marketing gemeinsam mit der Branche rasch aufgenommen haben: Sicherheit, Sauberkeit, Vertrauen – etwa mit der Kampagne «Clean & Safe», der nationalen Auszeichnung von Schutzkonzepten durch Tourismusanbieter. 

Gab es Learnings aus der Krise?

Wir haben vieles gelernt und Chancen identifiziert, die Neues haben entstehen lassen. Mit der Pandemie haben noch mehr Schweizer Gäste ihr Land als Feriendestination entdeckt – mit grosser Begeisterung. Und diese Begeisterung hält seither an.

 

Wie haben sich die Zahlen seit ­Aufhebung der Corona-Massnahmen entwickelt?

Im Vergleich zum Rekordjahr 2019 – dem letzten «normalen» Jahr vor der Pandemie –, können zwischen Januar und September 2022 bereits wieder fast 26 Millionen Hotelübernachtungen verbucht werden. Das ist noch ein Minus von 6 Prozent. Für den Sommer – Mai bis August – sind das schon nur noch −3 Prozent oder 15 Millionen Hotellogiernächte.

 

Sind das eher einheimische oder ausländische Touristen?

Besonders unsere einheimischen Gäste sorgen hier für gutes Geschäft. Aber auch viele Tourist:innen aus den Nachbarländern und sogar aus Amerika oder den arabischen Golfstaaten sind bereits wieder in Scharen zurück in der Schweiz. Nichtsdestotrotz: Die Aussichten sind weiterhin sehr beunruhigend, die Krisen nun nach der Pandemie schon wieder zahlreich. Und – das gab’s noch nie – kumuliert! Energie, Ukraine-Krieg, Wirtschaft, Klimawandel und so weiter. Viele unserer Märkte in Asien – China mit Hongkong und Taiwan, Japan, aber auch Australien – sind darüber hinaus nach wie vor pandemiebedingt schwach. Diese Gäste bleiben aus. Vor der Pandemie war das knapp ein Zehn-Prozent Marktanteil. Trotz allem bleiben wir zuversichtlich – die Lust auf Ferien in der Schweiz ist auch in Asien nach wie vor immens.

 

Stellen Sie seit der Pandemie Verschiebungen im Verhältnis ausländische/inländische Gäste fest?

Es kam mit der Pandemie zu einem eigentlichen Schub an Schweizer Gästen. Unser wichtigster und grösster Markt wurde plötzlich noch grösser. Und die Schweizer Gäste verbringen auch 2022 vermehrt Ferien im eigenen Land. Von Januar bis September sind das 17 Prozent mehr Übernachtungen als 2019. Und: Auch viele ausländische Reisende sind wieder da. Das Vorpandemie-Niveau hat sich jedoch noch nicht wieder eingependelt. Langfristig rechnen wir wieder mit unserem bewährten Märktemix: 45 Prozent einheimische, 35 Prozent europäische und 20 Prozent Überseegäste.

 

Wie positioniert sich das Ferienland Schweiz inmitten einer drohenden Rezession/Energiekrise/des Ukraine-Kriegs?

Die Krisen sind aktuell mannigfaltig. Dabei muss man die einzelnen Herausforderungen differenziert betrachten. Der Krieg in Europa ist ein Elend, hat jedoch keine direkten groben Auswirkungen auf den Schweizer Tourismus. Die Inflation im Ausland drückt vor allem auf das Portemonnaie unserer internationalen Gäste. Und das wirkt ungünstig ausgabenbremsend. Bei der Energiesituation ist die Branche in engem Kontakt mit den Behörden, um mögliche Massnahmen so tourismusfreundlich wie machbar auszugestalten. Seit jeher ist die Schweiz eine Premium-Destination, die sich durch Qualität auszeichnet. Der Schweizer Tourismus setzt weiterhin darauf, aber auch auf Nachhaltigkeit und Convenience. Dies wird in solchen Zeiten nochmals wichtiger.

 

Was ist bei der Vermarktung zu ­beachten?

Tourismusmarketing ist oft austauschbar. Unsere Herausforderung ist unser Produkt, das wir nicht besitzen und somit auch nicht direkt kontrollieren. Mit Fokus auf die ausländischen Märkte vermarkten wir, was die Schweizer Tourismusbranche herstellt und konzentrieren uns auf die Markenführung sowie weltweite Kommunikation. Nur eine klare und starke Positionierung setzt sich im internationalen Konkurrenzkampf durch. Mit packenden Geschichten, die bei potenziellen Reisenden Emotionen und ein Engage­ment auslösen, werden wir im grossen Lärm touristisch attraktiver Bilder wahrgenommen. Schlussendlich ist es unabdingbar, Themen langfristig aufzubauen. Mit Geduld, damit Neues greifen kann. Die Verlockung, von einem Thema zum nächsten zu springen, ist oft sehr gross. Kommt hinzu, dass die Schweiz global gesehen doch eine kleine Reisedestination ist und unsere Budgets verhältnismässig bescheiden sind. Wir sind doppelt gefordert, gross zu denken und kreative Ansätze zu suchen.

 

Welche Zielgruppen avisieren Sie mittelfristig?

Die für den Schweizer Tourismus interessanten Zielgruppen sind sehr vielfältig. Wir bearbeiten weltweit sehr verschiedene Typen von Schweiz-affinen Gästen. Freizeitgäste reisen aus vielen Gründen. Neben den Urlaubern sind auch die Geschäfts- und Kongresstouristinnen sehr wichtig. Sie machen knapp 20 Prozent der Logiernächte aus. Wir zielen ganz gezielt auf lukrative Nischen, wie zum Beispiel den Gesundheits- oder Hochzeitstourismus. Hier spielt unser Märktemix eine wichtige Rolle. Unser Auftrag ist es, sowohl zeitlich als auch regional Spitzen zu glätten – auch Nebensaisons gilt es zu bewerben. Destinationen landesweit, in Berg und Tal, Stadt und Land verdienen unsere Kommunikation. Es gibt nicht die Schweiz, den Touristen. Das ist anspruchsvoll. Mittelfristig geht es aber immer um die junge und junggebliebene, qualitätsbewusste Naturliebhaberin.

 

Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit in der Vermarktung der Schweiz?

Nachhaltigkeit ist wichtiger denn je, auch im Tourismus. Wir positionieren die Schweiz als nachhaltigste Destination der Welt. Wir sind im nachhaltigen Tourismus bereits sehr stark aufgestellt. Dies bestätigen anerkannte internationale Rankings immer wieder. Jetzt gilt es, diese Stärke auszubauen und – vor allem – weltweit sichtbar zu kommunizieren. Dazu haben wir vor zwei Jahren die Bewegung «Swisstainable» ins Leben gerufen, ein Partizipationsmodell für die Branche entlang von Stufen des Engagements in der ökologischen, wirtschaftlichen und sozialen Nachhaltigkeit. Die Strategie nimmt sich verschiedener Handlungsfelder an, von der Verlängerung der Aufenthaltsdauer, der Gästelenkung, bis hin zum Erleben lokaler Kultur und dem Genuss der ursprünglichen Natur. Im Programm «Swisstainable» beteiligen sich mittlerweile über 1300 touristische Leistungsträger und erhalten so globale Sichtbarkeit. Das Potenzial ist jedoch noch sehr gross und die Branche hat noch einen weiten Weg zu gehen.

 

Wie soll sich das Ferien- und Reiseland Schweiz in zehn Jahren präsentieren?

Die Natur ist in der Schweiz bereits seit Beginn des Fremdenverkehrs unser erstes touristisches Ass. Seit mehr als 100 Jahren bewerben wir primär die Natur als Hauptreisemotiv. Dabei ist diese Positionierung viel weitgreifender als bloss Berge und Seen. Auch in Städten und auf Geschäftsreisen ist sie spürbar. Die Natur immer wieder frisch und inspirierend zu inszenieren, bleibt unsere Hauptaufgabe. Unsere Nachhaltigkeitsstrategie passt hier somit hervorragend; sie ist eine logische Konsequenz unseres Handelns. Das Reiseland Schweiz muss weiter auf seine Stärken bauen, sich selbst treu bleiben, ohne den Aktualitätsbezug zu verlieren und um unsere Gäste immer mal wieder positiv zu überraschen.

Die grüne Zeitbombe

Der Klimaschutz ist mittelfristig die grösste Herausforderung für die Weltgemeinschaft. Die Marketing- und Kommunikationsbranche hat darauf längst reagiert. Allerdings ist der grösste Teil des «Output» weit entfernt von der Realität – und das kann ins Auge gehen.

(Bild: pexels.com / Chris Leboutillier)

Bis 2019 rückte das Thema Klimaschutz im öffentlichen Bewusstsein sukzessive in den Vordergrund. Mit dem Ausbruch der Pandemie wurde es für eine Weile vom ersten Platz der Aufmerksamkeitsskala verdrängt – dann kam der russische Angriffskrieg in der Ukraine; gepaart mit einer Diskussion über Energiemangel und die Verlängerung der Laufzeit von Atom- und Kohlekraftwerken.

Aktuell hört man eher wenig zu der Thematik, und doch: Mittelfristig wird Klimaschutz das dominierende Thema in unser aller Leben werden, beruflich wie privat. Jene Menschen in Florida, die Ende September im Hurrikan «Ian» die Grundlage ihrer Existenz verloren (nur ein Jahr, nachdem «Ida» ganz in der Nähe ebenso verheerende Konsequenzen hatte); jene Menschen in von Dürre betroffenen oder im steigenden Meeresspiegel versinkenden Regionen wissen das längst. Und sobald sich beim Krieg und der Pandemie Entspannung abzeichnet, wird auch eine breitere Öffentlichkeit wieder über die Erderwärmung und den Klimaschutz nachdenken (müssen).

Zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Führende Unternehmen haben natürlich bereits damit begonnen, selbiges zu tun. Per August 2021 strebte fast ein Drittel der eintausend grössten, börsennotierten europäischen Firmen offiziell an, bis 2050 Netto-null-Emissionen zu erreichen. Doch nur fünf Prozent sind laut der Accenture-Studie «Reaching Net Zero by 2050» tatsächlich auf einem realistischen Weg, ihr Ziel zu erreichen, wenn sie ihren aktuellen Kurs fortsetzen. Diese Diskrepanz zwischen Anspruch und Realität hält die Unternehmen freilich nicht davon ab, bei Fünf-Jahres-Treffen wie der Klimakonferenz «COP 26» in Glasgow vollmundige Verlautbarungen zu machen.

Der Tenor ist immer ähnlich: «Wir wollen das, wir schaffen das!» – jedoch, um noch einmal auf die genannte Accenture-Studie zu verweisen: Ein Weg zur Erreichung dieser Ziele ist in den wenigsten Fällen erkennbar. Diese eklatante Differenz zwischen oberflächlichem Reden und effektivem Handeln wird in den nächsten Jahren zu einem Problem mit hoher Sprengkraft und führt zu einer weiteren Entfremdung der Unternehmen von ihren Anspruchsgruppen. Wie hoch der mittlerweile vorhandene Druck für grosse Veränderung tatsächlich ist, lässt sich daran ablesen, dass sich selbst Unternehmen aus stark regulierten Industrien wie der Finanzbranche zur Erreichung von verbindlichen Zielen in der Zukunft verpflichten – obwohl sie zum heutigen Zeitpunkt keine Ahnung haben, wie sie diese erreichen können.

Mehr als ein Kommunikationsproblem

Was passiert, wenn der offensiv kommunizierte Anspruch und die tatsächlichen Aktionen derart stark voneinander abweichen? Dann wird der Begriff des Greenwashing in Kundenbefragungen und bei Fokusgruppen immer öfter hörbar. Greenwashing ist der Versuch von Firmen, Institutionen oder Marken, sich durch Geldspenden für ökologische Projekte, PR-Massnahmen oder Werbekampagnen als besonders umweltbewusst und umweltfreundlich darzustellen. Die Kommunikation ist allerdings nur das nachgelagerte Phänomen, welches die zugrundeliegenden, fundamentaleren Probleme zu kaschieren versucht. Greenwashing wird von der breiten Öffentlichkeit in der Zeit des beinahe unbegrenzten Informationsaustausches früher oder später gnadenlos erkannt und als das abgestraft, was es ist: Betrug.

Erst kürzlich haben mit Shell und Exxon zwei Vertreter der exponierten Erdölindustrie erfahren, dass kurzfristige Orientierung und oberflächliches Greenwashing weder von der breiten Öffentlichkeit noch vom Regulator akzeptiert wird. Shell wurde – neben einem massiven PR-Fiasko – per Gerichtsbeschluss gezwungen, bis 2030 die Emissionen um 45 Prozent (gegenüber 2019) zu reduzieren. Bei Exxon wurden durch die ­Einwirkung eines aktivistischen Hedgefonds gleich drei «grüne» Verwaltungsräte in den Vorstand gesetzt. Die Geschehnisse bei diesen Exponenten fossiler Energiefirmen sind Vorbote für zahlreiche weitere aktivistische Einflussnahmen in verschiedenen Industrien durch Anspruchsgruppen, welche nicht mehr bereit sind, oberflächliche Schönfärbereien einzelner Unternehmen weiter zu akzeptieren.

In den letzten Jahren haben sich Marktgepflogenheiten und Verhaltensmuster etabliert, welche jetzt schrittweise beleuchtet und entlarvt werden. Kunden, Konsumenten und weitere Anspruchsgruppen werden teilweise systematisch an der Nase herumgeführt. Daran tragen Marketing- und Kommunikationsexperten durch mangelndes Hinterfragen der Situation und fehlende Überprüfung der Fakten eine nicht unwesentliche Schuld. Das Problem ist profund, wie die Beispiele im separaten Infokasten zeigen.

Diese beiden Beispiele demonstrieren die weit verbreitete Oberflächlichkeit vieler Anstrengungen. Sie illustrieren zudem, dass viele Akteure Klimaschutz wie ein kurzfristiges Hype-Thema behandeln, das bald durch das nächste Thema abgelöst wird. Ich habe zu Beginn dieses Textes zwar selbst davon gesprochen, dass der öffentliche Fokus aktuell auf andere Krisen gerichtet ist – aber zu glauben, er würde nicht mehr zur Erderwärmung und der Notwendigkeit von Klimaschutz zurückkehren, ist so realitätsfern wie brandgefährlich.

Auf Worte müssen Taten folgen

Was viele Unternehmen kaum beachten, ist die Gefahr, die der oberflächliche Umgang mit den eigenen Klimaschutz­anstrengungen birgt. Klimaschutz ist keiner der üblichen Hypes der Marketingbranche. Das Thema wird nicht an Bedeutung verlieren oder gar verschwinden. Zu oft werden heute ungerechtfertigte Nachhaltigkeitsversprechen ohne vertiefte Überprüfung in der Kommunikation übernommen. Mit zugespitzten Kampagnen werden Feuerwerke über die vermeintlich nachhaltigen Heldentaten grosser Unternehmen und ihrer Kapitäne entzündet. Viele der grössten Emittenten klimaschädigender Gase legen eine überraschende Naivität an den Tag, wenn sie versuchen, ihre ökologischen Anstrengungen mit einem wohl orchestrierten Pressebild ins richtige Licht zu rücken. Die kaum kaschierte Hoffnung: den Aktienkurs positiv zu beeinflussen.

Wenn sich der Chef eines Grossemittenten von Klimagasen beim eigenhändigen Herausfischen von Plastikmüll aus dem Meer fotografieren lässt, dann beweist das Unternehmen damit lediglich, dass ein langfristig belastbarer Plan zur Erreichung der angekündigten Reduktionsziele fehlt. Die Krux liegt darin, dass die Personen, welche heute die Versprechen für die Zukunft abgeben, aufgrund des langen Zeithorizonts höchstwahrscheinlich nicht mehr persönlich für ihre Verfehlungen zur Rechenschaft gezogen werden.

Viele Marketer führen die Entscheidungsfreiheit der Konsumenten als Argument auf, umweltfreundlichere Produkte und Dienstleistungen nicht mit jener Vehemenz und Konsequenz einzuführen, welche aufgrund der Klimasituation angezeigt wäre (man hört dann Argumente wie «Dann werden wir teurer, und die Kund:innen wandern ab» oder, noch erheblich arroganter, «Wer Klimaschutz will, kann ja woanders kaufen!») Das ist unverantwortlich und zeigt eine fehlende Bereitschaft, Verantwortung gegenüber der Gemeinschaft zu übernehmen.

Zeit, sich der Herausforderung zu stellen

Marketer und Kommunikator:innen müssen eine führende Rolle übernehmen und sich der Herausforderung stellen, welche die (zum grossen Teil menschen-gemachte) Erderwärmung an uns stellt. Gerade wegen der grossen Gefahr von Reputationsschäden für Unternehmen und Marken muss ein oberflächlicher Umgang mit Klimaschutzthemen vermieden werden. Das ist keine neue Erkenntnis. Wer die Grundlagen professioneller Kommunikation beherrscht, weiss um die Bedeutung eines fundierten «Reason Why», also einer belastbaren Begründung, welche kritischen Rückfragen und vertieften journalistischen Untersuchungen standhält.

Challenge und Chance zugleich

Hier bietet sich Marketing- und Kommunika­tions­verantwortlichen eine einmalige Chance, grosse Veränderungen aktiv anzustossen und im Unternehmen am Tisch der Entscheider:innen Platz zu nehmen (dort sitzen sie, wie wir alle wissen, immer noch eher selten). Gerade weil Kund:innen, Mitarbeiter:innen sowie die breite Öffentlichkeit eine klare Erwartungshaltung haben, müssen diese Interessen als relevante Argumente in den Geschäftsleitungen der Unternehmen zur Strategiefindung und Richtungssteuerung eingesetzt werden. Der Druck der Öffentlichkeit kann genutzt werden, um mit konkreten Taten ernsthafte Veränderungen der Unternehmensstrategie in die Wege zu leiten.

Marketer und Kommunikator:innen sind in diesem Zusammenhang gut beraten, sich intensiv mit den Realitäten und Möglichkeiten der am Markt propagierten Klimaschutzaktivitäten zu befassen. Viele scheitern heute bereits bei der Unterscheidung zwischen «Carbon Avoidance» und «Carbon Capture».

Die Goldgräber kommen

Der Markt und die Summe der getätigten Investitionen werden in den kommenden Jahren rapide wachsen. In vielen Köpfen kommt in diesem Zusammenhang Goldgräberstimmung auf. Wer nicht genau hinschaut und die wesentlichen Zusammenhänge nicht erkennt, läuft Gefahr, sein Geld in Klimaschutzprojekten zweifelhafter Güte zu versenken.

Das Wachstum und die zu erwartende Marktgrösse werden das Interesse der Öffentlichkeit auf sich ziehen. Es ist nur eine Frage der Zeit, dass sich investigativ agierende Medienvertreter dieses Themas annehmen und mittels gründlicher Recherchen in der Lage sein werden, viele der angebotenen Projekte als wenig wirksam oder gar als Lug und Trug zu entlarven.

Jenen Unternehmen, die in gutem Glauben in derartige Projekte investiert haben, droht dann – abgesehen vom wirtschaftlichen Schaden – aufgrund der zu erwartenden Negativkommunikation ein massiver Reputationsschaden.

Bleibt anzumerken, dass bis heute lediglich eine geringe Anzahl von Unternehmen sich verpflichtet hat, konsequent zirkuläres Wirtschaften anzustreben (das wäre nämlich für einmal eine konsequente Wegleitung hin zu den am Textbeginn erwähnten, nebulösen «Null-Emissionen-Versprechen», die man dann konkretisieren müsste). Das ist aus Marketingsicht eine vertane Chance. Eine konsequente Ausrichtung auf eine umfassende Betreuung über den gesamten Produktlebenszyklus könnte bei vielen Unternehmen sogar dem bekannten Problem der sinkenden Kundenloyalität entgegenwirken. Denn, wer Kunden über die gesamte Lebensdauer eines Produktes begleitet, weiss im richtigen Moment, wann es effektiv und effizient ist nachhaltigen Ersatz anzupreisen.


Willkürliche Bewertungen und fragwürdige Projekte: BEISPIELE

Environmental, Social & Governance (ESG)-Ratings

Es gibt bisher keine allgemeinen und breit akzeptierten Standards, welche die notwendige Transparenz, Verbindlichkeit und Vergleichbarkeit schaffen. So setzt zum Beispiel die Finanzindustrie seit Jahren bei ESG-Ratings auf den Marktführer MSCI, welcher beinahe alle grossen Finanzhäuser mit aggregierten Fundamentaldaten beliefert. Das ESG-Rating von MSCI ist ein subjektives, unreguliertes Bewertungssystem, welches nicht die Auswirkungen eines Unternehmens auf die Umwelt zeigt, sondern die Auswirkungen einer umweltorientierten Welt auf das Unternehmen.Oder einfacher gesagt: Es geht um die Frage, ob die auf den Klimawandel ausgerichtete Welt den Unternehmensgewinn schmälern könnte. (Bloomberg Businessweek: How to make a killing calling companies green, 2021). In der Finanzbranche ist ESG heute grösstenteils ein Marketingbegriff und keine echte Verpflichtung. Die Kriterien zur Bewertung von ESG-Bemühungen der Unternehmen werden ohne Transparenz von den Produktanbietern zufällig und willkürlich festgelegt. «Nachhaltige» ESG-Fonds gehen so Kompromisse ein und wägen ab, ob Aktien eines Elektroautounternehmens gekauft werden, das Arbeiter ausbeutet, oder Aktien eines Ölunternehmens mit einem wirklich «vielfältigen» Vorstand. Diese unregulierte Willkür hat sonderbare Auswüchse. Wie kann zum Beispiel die Exxon Mobil Corp. als eine der grössten Lieferantinnen von fossilen Brennstoffen, die die Atmosphäre erwärmen, in einem ESG-Index verbleiben, während Tesla aus dem Index fliegt? (NZZ: Tesla gerät ins Schleudern, 21.5.2022). Es zeichnet sich bereits ab, dass in der nahen Zukunft mit stärkeren Regulierungen und Auflagen zu rechnen ist, und das ist richtig und wichtig. Denn Transparenz schafft Vertrauen.

Kompensationen und Off-settings

Mittlerweile weit verbreitet sind Abschöpfungsmechanismen, um Konsumenten die Möglichkeit für umweltbewusstes Handeln einzuräumen. Beim Onlinehändler kann man die «vollständige Klimakompensation» gleich in den Warenkorb packen. Beim Ferienflieger für einen geringen Aufpreis das schlechte Gewissen mit einem zusätzlichen Obolus abgelten. In einem Bericht, der im Mai 2022 von der Beratungsfirma Carbon Direct veröffentlicht wurde, heisst es, dass der Markt für Klimakompensationsleistungen «grösstenteils aus Projekten von fragwürdiger Qualität besteht». Klimakompensationsprojekte werden von Unternehmen bevorzugt eingesetzt, um bestehende Verhaltensweisen und Konsumgewohnheiten zu legitimieren, statt fundamentale Veränderungen und neue Lösungen anzuschieben. Die Mehrheit der Konsumenten stellt sich unter diesen Projekten vor, dass in erster Linie Wiederaufforstungen und Renaturierungen finanziert werden. Die Realität ist weit weg vom «Bäumepflanzen»: Weniger als vier Prozent aller globalen Klimakompensationsprojekte entfernen Klimagase aus der Atmosphäre. 96 Prozent der Projekte versuchen lediglich, das weitere expansive Wachstum von klimaschädigenden Emissionen zu reduzieren. (Taskforce on Scaling Voluntary Carbon Markets [TSVCM]; Inventory analysis, 2020)


* Christian Baertschi ist Gründungspartner von Open Opportunities, welche Unternehmen und Marken aufzeigt, wie durch konkrete Taten erfolgreicher kommuniziert werden kann. Mit Real Carbon Capture bietet das Unternehmen eine Lösung, welche die dauerhafte Entfernung von CO2 aus der Atmosphäre zu einem profitablen, zirkulären Langzeitgeschäft für alle Beteiligten macht. Mehr Informationen auf Realcarboncapture.com.
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