Carina Hörler ist Direktorin des Zürcher Büros von ARD Design International und will hier noch mehr Nähe zum Deutschschweizer Markt aufbauen.Diverse Packungen für Migros und Coop,
neue Butter für Emmi, Rivella oder Ramseier, Saftbehälter für Granador,
Snackbeutel für Zweifel, Geschenkpackungen für Cailler und natürlich
die weltbekannten Hüllen für viele Produkte von Nestlé finden sich in
der schmucken Referenz-Schatulle von ARD Design International. Die
weisse Box hat den sinnlichen Titel «naked» eingestanzt. Auf dem ersten
eingelegten Karton findet sich der Claim: «We dress your product for
success.»
Das erfolgreichste Produkt aus dem Portfolio von ARD Design ist
Nescafé. Der führende Schweizer Gestalter für Verpackungen begleitet
das Produkt seit mehr als fünfzehn Jahren rund um die Welt. Die
Mutterfirma, ARD Graphic SA, wurde 1987 in Vevey von Patrick Gaudard
und Philippe Guignard gegründet und beschäftigt heute 32 Mitarbeitende.
Vor drei Jahren erfolgte in London die Gründung von ARD Design
International. 2003 wurde auch ein Büro in Zürich eröffnet. Dieses wird
von Carina Hörler geleitet und beschäftigt zehn Leute.
«Die Idee ist natürlich, dass wir hier näher bei den Kunden sind»,
meint Hörler. Zwar wurden Halter Bonbons und Rivella schon lange neben
vielen anderen Deutschschweizer Kunden in Vevey betreut. Aber die
Welschen merkten: «Man ist zu weit weg. Es gibt viel mehr
Business-Potenzial in der deutschen Schweiz.»
Die Nähe zu Nestlé in Vevey war natürlich kein Zufall. ARD Design hat
viele erfolgreiche Verpackungen für den Lebensmittelmulti gestaltet und
ist so auch mit Nestlé gewachsen.
Dies führte aber auch dazu, dass man heute zu rund 70 Prozent im
Foodbereich tätig ist. Seit vier Jahren arbeitet ARD Design deshalb an
der Diversifikation der Geschäftsfelder. Zu Hörlers Erfolgen gehört es,
dass mit dem Ableger in Zürich vor allem auch die Sparten Pharma und
Kosmetik verstärkt werden konnten. Stolz präsentiert ARD Design auch
Kunden aus ganz anderen Bereichen, zum Beispiel aus der Finanzbranche
oder einen Anwalt, für den zurzeit ein neues CI gestaltet wird.
In der Schweiz finden sich nur zwei grössere Unternehmen für Verpackungsdesign.
Die grössten Konkurrenten für ARD sind deshalb die Werbeagenturen, die
das auch noch «nebenbei» anbieten. «Man sieht hier zum Teil schöne
Sachen, aber oft muss man auch feststellen, dass der Verpackung bei
einem neuen Launch zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt worden ist.» Auf
dem Gebiet des Packaging und der Verkaufsunterstützung am POS wäre es
für Hörler sinnvoll, wenn man «schon früh proaktiv mit der Werbeagentur
zusammenarbeiten könnte». Die Bedeutung der Verpackung wird in ihren
Augen unterschätzt, obwohl diese am nächsten beim Kunden ist und im
Ladenregal oftmals den entscheidenden Kaufimpuls gibt.
Hörler wundert sich deshalb, wie viele Anbieter nach wie vor mit
billigen Archivbildchen auf ihren Packungen arbeiten. Umgekehrt lassen
sich Trends zu Premium-Linien wie zum Beispiel Sélection und Fine Food
beobachten. «Channeling» nennt sich eine der neuen Entwicklungen, zu der natürlich
auch der bereits kultige Erfolg von Migros Budget gehört. Channeling
bedeutet: Man sucht nicht mehr für ein einzelnes Produkt die geeignete
Zielgruppe, sondern man hat eine bestimmte Zielgruppe und ordnet dieser
eine bestimmte Produktgruppe bei.
Segmentübergreifend werden so Packages kreiert, die eine geschlossene,
einfach zu lokalisierende Range-Identität ausstrahlen. Mit diesem
System werden
interaktive Communities gegründet. Das Produkt als solches gerät in den
Hintergrund. Im Vordergrund ist Lifestyle oder eine bestimmte
Lebenshaltung als Differenzierung gegen andere Gruppierungen. Die
Verpackung kann damit zum Fetischobjekt werden.
Unter diesen neuen Gegebenheiten muss sich der Markt und damit auch der
Verpackungsdesigner fragen: Was machen eigentlich unsere Kunden, wie
leben sie? Dann kommt erst die Frage: Welche Produkte könnte man ihnen
in welchen Verpackungen verkaufen?
Fragen, bei denen eine vielseitige Ausbildung helfen kann. Carina
Hörler hat Phil I studiert, Germanistik, Philosophie und Psychologie.
«Nebenbei» machte sie auch noch den Vorkurs und schliesslich das Diplom
als Zeichnungslehrerin an der Kunstgewerbeschule. Weil sie nicht nur
sich, sondern auch noch einen Künstler als Lebenspartner finanziell
durchbringen musste, jobbte sie, zum Beispiel bei ihrem Vater. Dieser
besitzt eine Firma für Baugrafik. Später arbeitete sie in einer Bank.
Hier durfte Hörler eine Dokumentationsabteilung neu organisieren und
merkte, dass sie nicht nur gut organisieren, sondern damit auch Geld
verdienen kann. «Zeichnungslehrerin interessierte mich letztlich zu
wenig und auch im Bereich Phil I fand ich damals keinen gangbaren Weg,
um zu überleben.» Also hat Hörler berufsbegleitend noch eine Ausbildung
zum Marketing-Manager abgeschlossen.
Eine erste «richtige Stelle» fand sie dann im Kabelnetzmanagement bei
Rediffusion. Unter anderem begleitete sie ein Pilotprojekt für
interaktives Fernsehen via Kabel in der Schweiz. «Schon immer habe ich
mich für Content und neue Technologien interessiert», verrät sie. Als
Rediffusion an Cablecom verkauft wurde, wechselte Hörler zu einer der
ersten Internetfirmen der Schweiz. Aus Multimedia Development hat sich
später Namics entwickelt, der heutige Webpublishing- und
E-Commerce-Marktführer der Schweiz im Konglomerat der
PubliGroupe.
Auch Hörler hat schliesslich von diesem Konzern ein Angebot für den
Bereich Business-Development angenommen. Sie wirkte dreieinhalb Jahre
im nationalen und internationalen Beteiligungs-Management mit, bei der
Weiterentwicklung der bestehenden PubliGroupe-Firmen sowie beim Aufbau
neuer Produkte und Firmen. In dieser Zeit des Internet-Hypes hat sie
«viele Sachen geprüft und realisiert», wie zum Beispiel car4you.
Bei ARD in Zürich hat Carina Hörler vor drei Jahren ganz allein
angefangen und dann Schritt für Schritt eine Büroinfrastruktur
aufgebaut. Die ARD-Gruppe ist «organisch gewachsen», und man spürt eine
familiäre Atmosphäre mit vielen langjährigen Mitarbeitern, gut
durchmischt mit jungen Talenten. Weitere Spezialisten werden gesucht.
Je nach Arbeitsanfall können einzelne Mitarbeiter auch zwischen Vevey
und Zürich wählen. Solche Abwechslung gefällt vielen Kreativen. ARD hat
für diesen Austausch temporäre Wohnungen zugemietet.
Andreas Panzeri