Komm zum Kiosk, Kapitalist!
Gratispresse Cash daily startet mit einem Problem: Wie bringt Ringier wirtschaftsaffine Leser täglich an den Kiosk?
Gratispresse Cash daily startet mit einem Problem: Wie bringt Ringier wirtschaftsaffine Leser täglich an den Kiosk?Cash daily, seit längerem im Gespräch, startet am 8. September mit einem Paukenschlag: «Wir werden von Anfang an in 1150 Kiosken der Valora präsent sein und so, quasi über Nacht, die ganze Deutschschweiz abdecken. Damit bieten wir eine Reichweite, wie es bisher keine Gratiszeitung vom Start weg erreichte», sagt Christoph Bauer, seit kurzem Geschäftsführer der Cash-Gruppe. Sein Optimismus ist gross: «Im ersten Jahr garantieren wir täglich 75’000 abgesetzte Exemplare», sagt er.Tatsächlich erscheint das weitverzweigte Verkaufsstellennetz der k-Group als idealer Vertriebskanal, immerhin verzeichnen die k-Kioske pro Tag über eine Million Kundenbesuche. Da ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass die in Boxen oder im Kassenbereich der Auslage präsentierten Cash-daily-Gratisexemplare weggehen wie warme Semmeln. Kein Wunder, haben sich vor fünf Jahren auch schon 20 Minuten und Metropol um einen Platz am Kiosk bemüht (siehe unten).
Über Wirtschaft liest man meistens im Abonnement Bei genauerem Hinsehen bietet der gewählte Vertriebsweg jedoch nicht nur Vorteile. Werden die potenziellen Cash-daily-Leser, die sich gewöhnlich mit Gratiszeitungen an der Busstation oder am Bahnhofeingang bedienen, für das neue Ringier-Gratisblatt einen Umweg an den nächsten Kiosk machen – und sich schlimmstenfalls in eine Warteschlange einreihen? Entscheidend ist der Inhalt, keine Frage. Doch wird Cash daily – gemessen an den schon bestehenden Gratiszeitungen – so unentbehrlich sein, dass man sich in der morgendlichen Rushhour in die Reihe stellen mag?
Ausserdem beziehen an Wirtschaft Interessierte ihre Zeitungslektüre mehrheitlich über ein Abonnement und kaum am Kiosk. Dies geht aus der Wemf-Auflagenstatistik 2005 hervor. Demnach werden an einem durchschnittlichen Tag von den Titeln Cash, Finanz und Wirtschaft, Handelszeitung, Bilanz und Stocks nur gerade 2200 Exemplare am Kiosk verkauft. Nimmt man den täglichen Einzelverkauf der NZZ dazu (9500 Exemplare, teilweise jedoch aus Zeitungsboxen), kommt man auf maximal 10’000 wirtschaftlich interessierte Personen pro Tag, die ihre bevorzugte Lektüre am Kiosk erstehen.
Natürlich kaufen wirtschaftsaffine Personen nicht nur Zeitungen, sondern frequentieren einen Kiosk auch wegen Zigaretten oder Pfefferminzbonbons – und greifen bei der Gelegenheit auch gleich zu Cash daily. Solche Einkäufe geschehen indessen spontan, unregelmässig und zu beliebiger Tageszeit. Der Informationswert von Cash daily ist aber am Morgen, bei Börsenstart, am grössten – und er sinkt mit jeder Stunde. Weshalb sollte man sich am Mittag noch ein Cash daily zu Gemüte führen?
Wenn selbst die Bezahlzeitung Blick an Kiosken schätzungsweise 75’000 Exemplare absetzt, so werde dies dem kostenlosen Cash daily erst recht gelingen. Wer so argumentiert, vergisst, welch grossen werblichen Aufwand Ringier regelmässig betreibt, um die verkaufte Blick-Auflage täglich auf diese Höhen zu bringen. Zudem ist zu erwarten, dass die Halbwertszeit des Blick länger hält als jene von Cash daily. Kaum anzunehmen, dass allzu viele Blick-Käufer gleichzeitig ein Gratisblatt mitnehmen. Zu unterschiedlich sind die Leserprofile.
Vorteil – und AchillesferseDer Vertriebsweg über den Kiosk wirft eine weitere Frage auf: Wer sich das Gratisblatt besorgen will, gerät zwangsläufig unter Kaufdruck. In gewissen Abständen mag man sich dem zwar aussetzen, aber nicht täglich und womöglich immer an derselben Verkaufsstelle.
Dies zeigt: Das k-Group-Netz ist für Cash daily nicht nur ein strategischer Vorteil, sondern auch Achillesferse. Was überwiegt, wird sich zeigen – und hängt nicht zuletzt von den Kommunikationsanstrengungen der Macher ab. Dessen ist man sich bei Ringier bewusst. «Wir haben mit der Agentur Publicis eine Lancierungskampagne aufgebaut, mit der wir in einem ersten Schritt sowohl die Zeitung wie auch den Vertrieb über die k-Kioske bewerben», sagt Bauer. Die Startauflage beträgt über 100’000 Exemplare, die nicht nur an den k-Kiosken aufliegen, sondern in einer ersten Phase auch von Kolporteuren verteilt werden. Die neue Zeitung wird zudem über 30 weitere Vertriebspartner wie Flughäfen und Grossfirmen verteilt.
«Im Vordergrund steht jetzt Cash daily», sagt Bauer. Alle übrigen Cash-Produkte – die Wochenzeitung, Cash TV, Cash Online, Cash Mobile – sollen erst in der zweiten Lancierungsphase breit kommuniziert werden. Bauer: «Wir werden dabei im Lesermarkt immer nur ein konkretes Angebot pushen und das einzelne Produkt mit seinem direkten Nutzen für den Kunden hervorheben. Im Werbemarkt werden wir uns hingegen von Beginn weg als Anbieter von multimedialen Werbemöglichkeiten positionieren.»
Einzige Wirtschafts-TageszeitungLange behandelten die Tageszeitungen
das Thema Wirtschaft entweder elitär oder restriktiv. Bis 1989, als Ringier Cash auf den Markt brachte. Die grösseren Tageszeitungen (inklusive Blick) zogen nach: Auf den Wirtschaftsseiten wurde die Sprache verständlicher, Grafiken, Infoboxen und Bilder kamen dazu. Kurz: Cash hat die Wirtschaftsberichterstattung revolutioniert, so weit, dass man in den Verlagen bald schon Pläne für eine Wirtschafts-Tageszeitung wälzte – vor allem während der Boomjahre an der Börse. Doch es blieb bei den Plänen. Ausser bei Ringier. Mit Cash daily und einem Medienverbund wagt man sich bei Ringier jetzt an die zweite Revolution. Ob diese gelingt, entscheidet der Mehrwert, den das neue Blatt gegenüber den bereits gut gemachten Wirtschaftsseiten der Tageszeitungen bietet.
Vertriebsmodell: nichts Neues2001 und 2002 lagen schon einmal Gratiszeitungen
an Kiosken der k-Group auf: Valora machte damals mit 20 Minuten (und anfänglich auch mit Metropol) einen ausgedehnten Versuch – gegen den Protest zahlreicher Verleger, unter ihnen auch Ringier. Nach 13 Monaten brach Valora den Test ab, ohne zu sagen, weshalb. Fest stand: Der Umsatz der rund 200 ausgewählten Verkaufsstellen konnte mit der Gratisabgabe zwar nicht gesteigert werden, doch es liess sich auch «kein negativer Einfluss» ausmachen. Im Gegenteil: «Die Distribution von Pendlerzeitungen am Point of sale steigert die Kundenfrequenz und generiert Koppelkäufe», hielt Valora fest. So kauften 31 Prozent der Personen, die am Kiosk 20 Minuten bezogen, auch eine zweite Zeitung, 8 Prozent eine Zeitschrift und 22 Prozent sonst etwas. 39 Prozent gaben kein Geld aus. Wieviele Gratiszeitungen täglich am Kiosk bezogen wurden, teilte Valora nicht mit.
Markus Knöpfli
Mehr über Cash daily in dieser Werbewoche:
Hardselling für ein Gratisblatt
Über Wirtschaft liest man meistens im Abonnement Bei genauerem Hinsehen bietet der gewählte Vertriebsweg jedoch nicht nur Vorteile. Werden die potenziellen Cash-daily-Leser, die sich gewöhnlich mit Gratiszeitungen an der Busstation oder am Bahnhofeingang bedienen, für das neue Ringier-Gratisblatt einen Umweg an den nächsten Kiosk machen – und sich schlimmstenfalls in eine Warteschlange einreihen? Entscheidend ist der Inhalt, keine Frage. Doch wird Cash daily – gemessen an den schon bestehenden Gratiszeitungen – so unentbehrlich sein, dass man sich in der morgendlichen Rushhour in die Reihe stellen mag?
Ausserdem beziehen an Wirtschaft Interessierte ihre Zeitungslektüre mehrheitlich über ein Abonnement und kaum am Kiosk. Dies geht aus der Wemf-Auflagenstatistik 2005 hervor. Demnach werden an einem durchschnittlichen Tag von den Titeln Cash, Finanz und Wirtschaft, Handelszeitung, Bilanz und Stocks nur gerade 2200 Exemplare am Kiosk verkauft. Nimmt man den täglichen Einzelverkauf der NZZ dazu (9500 Exemplare, teilweise jedoch aus Zeitungsboxen), kommt man auf maximal 10’000 wirtschaftlich interessierte Personen pro Tag, die ihre bevorzugte Lektüre am Kiosk erstehen.
Natürlich kaufen wirtschaftsaffine Personen nicht nur Zeitungen, sondern frequentieren einen Kiosk auch wegen Zigaretten oder Pfefferminzbonbons – und greifen bei der Gelegenheit auch gleich zu Cash daily. Solche Einkäufe geschehen indessen spontan, unregelmässig und zu beliebiger Tageszeit. Der Informationswert von Cash daily ist aber am Morgen, bei Börsenstart, am grössten – und er sinkt mit jeder Stunde. Weshalb sollte man sich am Mittag noch ein Cash daily zu Gemüte führen?
Wenn selbst die Bezahlzeitung Blick an Kiosken schätzungsweise 75’000 Exemplare absetzt, so werde dies dem kostenlosen Cash daily erst recht gelingen. Wer so argumentiert, vergisst, welch grossen werblichen Aufwand Ringier regelmässig betreibt, um die verkaufte Blick-Auflage täglich auf diese Höhen zu bringen. Zudem ist zu erwarten, dass die Halbwertszeit des Blick länger hält als jene von Cash daily. Kaum anzunehmen, dass allzu viele Blick-Käufer gleichzeitig ein Gratisblatt mitnehmen. Zu unterschiedlich sind die Leserprofile.
Vorteil – und AchillesferseDer Vertriebsweg über den Kiosk wirft eine weitere Frage auf: Wer sich das Gratisblatt besorgen will, gerät zwangsläufig unter Kaufdruck. In gewissen Abständen mag man sich dem zwar aussetzen, aber nicht täglich und womöglich immer an derselben Verkaufsstelle.
Dies zeigt: Das k-Group-Netz ist für Cash daily nicht nur ein strategischer Vorteil, sondern auch Achillesferse. Was überwiegt, wird sich zeigen – und hängt nicht zuletzt von den Kommunikationsanstrengungen der Macher ab. Dessen ist man sich bei Ringier bewusst. «Wir haben mit der Agentur Publicis eine Lancierungskampagne aufgebaut, mit der wir in einem ersten Schritt sowohl die Zeitung wie auch den Vertrieb über die k-Kioske bewerben», sagt Bauer. Die Startauflage beträgt über 100’000 Exemplare, die nicht nur an den k-Kiosken aufliegen, sondern in einer ersten Phase auch von Kolporteuren verteilt werden. Die neue Zeitung wird zudem über 30 weitere Vertriebspartner wie Flughäfen und Grossfirmen verteilt.
«Im Vordergrund steht jetzt Cash daily», sagt Bauer. Alle übrigen Cash-Produkte – die Wochenzeitung, Cash TV, Cash Online, Cash Mobile – sollen erst in der zweiten Lancierungsphase breit kommuniziert werden. Bauer: «Wir werden dabei im Lesermarkt immer nur ein konkretes Angebot pushen und das einzelne Produkt mit seinem direkten Nutzen für den Kunden hervorheben. Im Werbemarkt werden wir uns hingegen von Beginn weg als Anbieter von multimedialen Werbemöglichkeiten positionieren.»
Einzige Wirtschafts-TageszeitungLange behandelten die Tageszeitungen
das Thema Wirtschaft entweder elitär oder restriktiv. Bis 1989, als Ringier Cash auf den Markt brachte. Die grösseren Tageszeitungen (inklusive Blick) zogen nach: Auf den Wirtschaftsseiten wurde die Sprache verständlicher, Grafiken, Infoboxen und Bilder kamen dazu. Kurz: Cash hat die Wirtschaftsberichterstattung revolutioniert, so weit, dass man in den Verlagen bald schon Pläne für eine Wirtschafts-Tageszeitung wälzte – vor allem während der Boomjahre an der Börse. Doch es blieb bei den Plänen. Ausser bei Ringier. Mit Cash daily und einem Medienverbund wagt man sich bei Ringier jetzt an die zweite Revolution. Ob diese gelingt, entscheidet der Mehrwert, den das neue Blatt gegenüber den bereits gut gemachten Wirtschaftsseiten der Tageszeitungen bietet.
Vertriebsmodell: nichts Neues2001 und 2002 lagen schon einmal Gratiszeitungen
an Kiosken der k-Group auf: Valora machte damals mit 20 Minuten (und anfänglich auch mit Metropol) einen ausgedehnten Versuch – gegen den Protest zahlreicher Verleger, unter ihnen auch Ringier. Nach 13 Monaten brach Valora den Test ab, ohne zu sagen, weshalb. Fest stand: Der Umsatz der rund 200 ausgewählten Verkaufsstellen konnte mit der Gratisabgabe zwar nicht gesteigert werden, doch es liess sich auch «kein negativer Einfluss» ausmachen. Im Gegenteil: «Die Distribution von Pendlerzeitungen am Point of sale steigert die Kundenfrequenz und generiert Koppelkäufe», hielt Valora fest. So kauften 31 Prozent der Personen, die am Kiosk 20 Minuten bezogen, auch eine zweite Zeitung, 8 Prozent eine Zeitschrift und 22 Prozent sonst etwas. 39 Prozent gaben kein Geld aus. Wieviele Gratiszeitungen täglich am Kiosk bezogen wurden, teilte Valora nicht mit.
Markus Knöpfli
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