Arzneimittel Seit die Pharmaindustrie in den USA informative Promo schaltet, explodieren die Werbeausgaben.Noch vor zwei Jahren waren während der Werbepausen dutzendweise auch TV-Spots für die Potenzpillen Viagra, Cialis und Levitra zu sehen. Sport-Ligen wie Nascar und die NFL liessen sich von Pfizer & Co. mit Kusshand für ein Sponsoring gewinnen, die Clips präsentierten potenz-strotzende Männer mitunter gar mit einer lasziven Blondine im Arm. Doch damit war es schnell vorbei. Eine Werbekampagne nach der anderen wurde von der US-Regulierungsbehörde, der Food and Drug Administration (FDA), beanstandet, sei es wegen Vernachlässigung der Informationspflicht, sei es wegen unwahrer oder übertriebener Inhalte. Der Chef der Regulierungsbehörde, FDA-Kommissar Thomas Abrams, liess gar verlauten, er sei «generell besorgt über die sinkende Qualität» der Direct-to-Consumer-Werbung (DTC), vor allem in der Kategorie «Erectile Dysfunction» (ED), also Potenzstörungen. Die Kampagnen wurden aus dem Äther verbannt, und die NFL kündigte Anfang des Jahres gar das 18 Millionen Dollar schwere Sponsorship von Schering-Ploughs Medikament Levitra.
Um weitere Pleiten zu verhindern, riss sich die Pharma-Lobby am Riemen. Seit Anfang des Jahres gelten neue Richtlinien der Interessenorganisation PhRMA (Pharmeceutical Research and Manufacturers of America) für das DTC-Advertising. Darin heisst es unter anderem, dass verschreibungspflichtige Medikamente klar als solche ausgewiesen werden müssen, dass der Inhalt die Vorteile eines Medikaments wie auch seine Risiken beschreiben soll und dass Zielgruppen, die «nicht altersgemäss» für ein bestimmtes Mittel seien, nicht beworben werden sollten: sprich Kinder und Jugendliche sollten keine Viagra-Spots zu sehen bekommen.
Darüber hinaus wurde festgelegt, dass jede neue DTC-Werbekampagne zuerst der FDA zur Überprüfung vorgelegt werden soll. Nicht mehr erlaubt sind so genannte «reminder ads», in denen die Marke eines Medikaments angepriesen wurde, ohne ausreichende Informationen zu geben, wofür sie gut sind und welche Risiken sie haben können. «Die Regeln sind ein Schritt in die richtige Richtung», kommentiert John Mack, Verleger der Pharma Marketing News. Allerdings glaubt er, dass es der FDA unmöglich sein wird, alle neuen DTC-Kampagnen abzusegnen, weil sie dies personell schlichtweg nicht leisten kann. «Das ist eher ein PR-Schachzug als ein realistisches Ziel. Es wird allgemein erwartet, dass sich nur ein paar Unternehmen daran halten werden.»
Die Richtlinien sind eine Massnahme der freiwilligen Selbstkontrolle. Sie wurden auch deshalb eingeführt, weil diverse Politiker drohten, gesetzlich verbindliche Regeln für DTC einzuführen. «Die Regeln sind ein Präventivschlag gegen mögliche Massnahmen, die dem Gesetzgeber in einem Wahljahr einfallen könnten», sagt Mack. Die Kongresswahlen finden im November statt.
In einem Bereich haben die neuen Richtlinien bereits Fuss gefasst: bei der Werbung für die Potenzpillen. In den Levitra-Spots des Pharmakonzerns GlaxoSmithKline (GSK) diskutieren zwei Männer über Impotenz und wie diese mit anderen Krankheiten wie Diabetes oder hohem Blutdruck zusammenhängt. Das gleiche Ziel hat sich die Internetkampagne Mensfacts.com zum Ziel gesetzt, die von den drei Konzernen Bayer, GSK und Schering-Plough gesponsert wird.
Die Diskussion um DTC in den USA ist schon so alt wie die Praxis selbst. Vor allem seit 1997, als die FDA neue Richtlinien für verschreibungspflichtige Medikamente erliess, sind die Werbeausgaben für DTC explodiert. Seit die pharmazeutische Industrie auch Radio- und TV-Werbung schalten darf, haben sich die Ausgaben für DTC von 700 Millionen Dollar im Jahr 1997 auf die Rekorsdumme von 5 Milliarden 2006 erhöht. Die Summe lag im vergangenen Jahr etwas niedriger, nachdem Merck Ende 2004 das DTC-beworbene Arthritis-Medikament Vioxx wegen seiner potenziell tödlichen Nebenwirkungen vom Markt nehmen musste.
Vor allem Ärzte-Vereinigungen weisen darauf hin, dass Hilfesuchende, die zum Arzt gehen, ihren Doktor häufig unter Druck setzen, bestimmte Medikamente zu verschreiben, die sie aus der DTC-Werbung kennen. «Ich bin skeptisch, dass die Industrie sich zufriedenstellend selbst regulieren kann», sagt auch Matt Hollon, Professor und Internist an der University of Washington in Seattle. «DTC bleibt letztendlich ein planloser Weg, Gesundheit zu promoten.»
«Wie gut die Industrie in ihren Selbstregulierungsbemühungen ist, werden wir frühestens nächstes Jahr sehen», sagt Michael Santoro, Businessprofessor an der Rutgers-Universität und Mitherausgeber des Buches «Ethics and the Pharmaceutical Industry». «Es hängt davon ab, wie ernst es ihnen damit ist, sich selbst von einer reinen Lobby in eine professionelle Industrie verwandeln zu können.»
«Vorsichtig geworden»Interview mit Michael Guarini,
Executive Group Director von Ogilvyhealthworld.com.WW: Welche Auswirkungen haben die neuen Regeln auf die Pharmawerbung?Michael Guarini: Wir sehen, dass sich ein Trend, den es schon vorher gab, beschleunigt, und zwar dass mehr alternative Formen wie zum Beispiel mehr Relationship Marketing betrieben wird. Auch «help seeking»-Spots mit Ärzten werden gern gezeigt, wir sehen also jede Menge Männer und Frauen in weissen Kitteln, die in den Spots über Krankheiten reden. Was nicht mehr geht, sind die «reminder ads», das sind diese 15-Sekunden-Clips, in denen es heisst: Fragen Sie Ihren Arzt nach diesem oder jenem Medikament. WW: Wurden noch andere Praktiken angesprochen?Michael Guarini: Es gab schon früher Proteste gegen jene Clips, in denen Entertainment-Stars gezeigt wurden, die über ein Medikament redeten. Es wurde diskutiert, ob sie diese Pille wirklich nahmen oder nicht. Da sind die Unternehmen vorsichtiger geworden und setzen weniger Celebrities bei DTC-Werbung ein.WW: Wie beeinträchtigt Sie der neue Prüfungsprozess der FDA?Michael Guarini: Alles muss der FDA jetzt vor Veröffentlichung vorgelegt werden. Das bedeutet eine Menge mehr Arbeit für sie und dass alles etwas länger dauert.Gerti Schön
Swissmedic will Teil-WerbestoppWenn es nach dem Heilmittelinstitut Swissmedic geht,
sollen im Internet keine Infos oder Werbung für rezeptpflichtige Medikamente mehr zu finden sein. Der Grund: Pharmaunternehmen vermischten immer mehr Information mit Werbung. Nicht von der Regelung betroffen sind allerdings die behördlich genehmigten Informationen, wie sie etwa über das Arzneimittel-Kompendium über das Internet öffentlich zugänglich sind. Gemäss der NZZ am Sonntag sollen Ärzte und Apotheker ab 2007 gewisse Informationen nur mit Passwort abrufen können. Die Regelung gilt aber als eher absurd und zu wenig durchdacht, denn das Internet macht an den Schweizer Grenzen nicht Halt. Auch die Pharmaindustrie ist alles andere als begeistert und erwägt rechtliche Schritte gegen Swissmedic.
Der goldene Mittelweg, der ermöglicht, dass Konsumenten vor unzulässiger Werbung geschützt werden und dass gleichzeitig für Patienten umfassende Informationsmöglichkeiten bestehen, ist noch nicht gefunden.
Kathrin Fischer