Strategie Brauchen wir die Werbeidee eigentlich noch? In London haben sich Top-Strategen über die Kunst ihres Metiers unterhalten. Pascal Schaub von Publicis hat «The Battle of Big Thinking» verfolgt.Engländer jammern nicht. Sie teilen aus und nicht zu knapp. Als die Account Planning Group der Engländer diesen Herbst einlud, um über die Zukunft von uns allen zu debattieren, kamen sie alle: Strategen, Marketingfachleute, Mediaprofis, Marktforscher, Branding-Experten und Top-Werber. Ihre Referate à je 15 Minuten liessen die gute alte Werbeagentur aussehen wie eine Vogelscheuche aus dem letzten Jahrhundert. In guter Planer-Manier begannen fast alle beim Konsumenten. Der ist ja heute bestens informiert, hat eine weltweite Auswahl und oft nur noch einen einzigen Klick bis zum Erfolgserlebnis. Er weiss, was er will, und fast noch genauer, was er nicht will. Das sei aber gar nicht das Problem, meint der New-Media-Experte John Owen. Das Entscheidende sei, dass der Konsument heute auch mitteilen kann, was ihm nicht gefällt.
Verrückter noch. Er tut es auch. Im täglichen Austausch mit Abermillionen Menschen in Foren, Blogs, Chats. Je kleiner und spezieller eine Zielgruppe, umso grösser die Heftigkeit. Brand-Denunzianten finden sich ebenso ganz von alleine wie Brand-Fans. Ivan Pollard vom Hotshop Naked meint deshalb, dass es nicht mehr auf die Media ankomme. Entscheidend sei vielmehr, was nach dem Kontaktpunkt mit einer Markenbotschaft passiere. Es zählt nur, ob sie von Konsumenten weiterverbreitet wird.
Von da ist es ein kleiner Schritt zum «Consumer created content». Die Community dreht die Spots selbst, lädt sie selbst auf Webplatformen und schickt sie sich selber untereinander zu. Tschüss Kreation, Media, Direct Marketing. Neuerdings wird dies bereits prononciert von Kundenseite gefordert. Der CEO von Procter & Gamble, A. G. Lafley, weist Marketer an, ihre Marken nicht länger zu kontrollieren, sondern die Hoheit abzugeben und mehr auf die Kunden zu hören. Unterton: Werbeagenturen sind viel zu teuer, Marketer können eh nicht entscheiden, was eine gute und was eine bessere kreative Idee ist, und die Erfolgskontrolle ist praktischerweise beim «Consumer created content» gleich mit eingebaut, denn angesehen und weitergeschickt wird ja nur, was gefällt.
Das sei die miserabelste Lösung, reine Selbstaufgabe, womöglich geboren aus Unvermögen oder ganz einfach Kommunikationsfaulheit, konstatieren andere Referenten vehement. Das klarste Gegenbeispiel stammt, natürlich, vom Markenexperten von Interbrand, Andy Milligan. Minutiös bis ins kleinste Detail geplant und patronal geführt sei eine Marke am erfolgreichsten.
«Geek Squad», die «Computerfreak-Soforthilfe-Truppe» demonstriert, was mit durchkonzeptioniertem Branding gemeint ist. Ruft man dort wegen seiner Computerpanne an, meldet sich rund um die Uhr ein zackiger Sheriff, garantiert Ankunft in einer Stunde, erscheint in Geek Squad Uniform (man achte auf die weissen Socken), marschiert zum Tatort, markiert diesen mit gelbem Crime-Tape, löst das Computerproblem vor Ort – zurück bleibt nichts ausser der Abdruck auf dem Trottoir mit dem Geek-Squad-Logo von der gebrandeten Fusssohle. Alles sei Branding und immer brauche es dafür eine geniale Idee.
Allerdings ist sich die Mehrheit der Referenten einig, dass die besten Ideen heute keine Werbeidee mehr sein können. Am zahmsten noch formuliert es Jim Carroll, CEO von Bartle, Bogle, Hegarty. In einer Welt der «Bashful Brands» sei es heute an der Tagesordnung, über Marken und ihren Auftritt zu lästern. Carroll empfiehlt als Befreiung daraus immer noch Werbung. Allerdings nur noch, wenn sie inszeniert ist als kommunikative Verführung, die vernetzt. Die grosse Idee als Vernetzungsidee.
Deutlich bringt es John Owen auf den Punkt: Wir brauchen heute Ideen, die man bewerben kann, keine Werbeideen mehr. Das Prinzip Lead-Agency habe ausgedient. Owen würde für jeden Auftrag immer mehrere Agenturen pitchen lassen, die jeweils in ihrer Disziplin top sind: Webdesigner, Werber, Branding-Spezialisten und so weiter. Alle müssten sich verpflichten, an der vom Auftraggeber ausgewählten Idee gemeinsam weiterzuarbeiten, alle würden dafür gleich entlöhnt. Werbung wird zum Nebenprodukt, zur Nebenerscheinung.
Internet-Brands werben nichtNicht umsonst zitieren die Referenten immer wieder, dass die starken Marken, die im Internet gross geworden sind, dies fast ausnahmslos ohne Werbekampagnen geschafft haben. Google, Amazon, Craigslist, flickr, MySpace, Odeo. Die Liste ist lang und wird ständig länger. Die grosse Provokation in diesem Zusammenhang stellt Russell Davies, der brillante Planer-Guru in den Raum: Ein Mediabudget null? Her damit! Jede Hirnzelle in die Win-Win-Win-Verknüpfung. Die Connectivity-Idee ist alles. Den Rest macht die Community selbst. Das Ideenprimat des Kreativdirektors kollabiert. Mit dem Leistungsausweis als Global Planning Director bei Nike weiss Russell, wovon er spricht. Er wurde schliesslich auch vom Saal unter tosendem Applaus zum «Big Thinker of them all» gekürt.
Brand Communities ohne Internet – fast nicht denkbar. Wer online ist, ist interaktiv. Wer interaktiv ist, betreibt Brand Building. Aber schauen wir uns die Webuser einmal etwas näher an, meint Andrew Walmsley, Gründer von i-Level. Fast alle haben einen Hang zum Pseudonym, zum Nickname. Im Netz gibt sich je nach Studie über die Hälfte als jemand anderes aus. Alte Knacker als unschuldige Teenies. Mädels als Jungs. Jugendliche als Professoren. Reiche als arm. Heteros als Homos. Die Freude am Rollenspiel sei an sich nichts Neues, meint Walmsley, das kennen wir alle von der Verkleidungskiste im Kinderzimmer. Nur das Ausmass ist eben komplett neu. Gamer sind durchschnittlich 20 Stunden pro Woche drin.
Kein Wunder, schielt die Werbeindustrie nach Möglichkeiten, in Game-Welten zu werben. Der Challenge: Wir haben ja nicht den Hauch einer Ahnung, was sich in der Game-Welt für Personen tummeln, weil der gleiche Mensch als Online-Figur und als Offline-Person schizoid zweigeteilt sein kann. Konkret erscheint wohl eine Mädchenplattform ausgezeichnet geeignet für Tamponwerbung, allerdings wäre Kukident dort womöglich viel wirkungsvoller platziert, wenn der grössere Teil der User im realen Leben gar keine Girls sind. Gute Nacht.
Neue fundamentale FragenDie drei zentralen Fragen für die Kommunikationsbranche heissen also nicht mehr: Was tun angesichts der gallopierenden Fragmentierung der Märkte, der Medien und der Zielgruppen? Sondern die drei fundamentalen Fragen lauten neu: 1. Was kommt eigentlich nach der Media, nach dem gekauften Werberaum, nach dem Touch Point – wie lebt eine Botschaft weiter, zirkuliert, vermehrt und verändert sich jenseits unseres Zugriffs und Kontrolle? 2. Was kommt eigentlich nach der Werbeidee, also nach der Kreation – wenn Konsumenten eine Idee aufnehmen, abwandeln, selbst umsetzen, weiterdenken, wenn man eine Idee nicht mehr besitzen, sondern im besten Fall teilen kann? Und schliesslich: 3. Was kommt eigentlich nach der Zielgruppe – wenn jeder einzelne Konsument so und so und so und so ist, ein unergründliches Rollenspiel lebt, mit dem er alle an der Nase herumführt, inklusive sich selbst, und wir nie mehr wissen, mit wem wir es wirklich zu tun haben und was er wirklich braucht?
Vermutungen und Antworten gibt es bereits einige. Gesicherte Erkenntnisse weniger. Der brisante Tagungscocktail von Substanz, Charme und Show zeigte zumindest ansatzweise einen Weg. Der kann nur Interdisziplinarität, Teamwork und Planning heissen. Wie wäre es übrigens, wenn die Account Planning Group Switzerland das neue Tagungsformat nächstes Jahr in die Schweiz bringen würde?
The Battle of Big Thinking Die Regeln:
21 Referenten, je 15 Minuten Redezeit, das TED-Publikums-Voting entscheidet live im Saal über Disziplinen- und Tagessieger.
Die Disziplinen:
Branding, Marketing, Marktforschung, Media, New Media, Strategische
Planung, Werbung.
Der Veranstalter:
Die Account Planning Group UK, der Verband der strategischen Planer Englands.
Mehr dazu, inkl. Blog,
unter www.apg.org.uk Big Planning Thinker und Gesamtsieger: Russell Davies (Open Intelligence Agency) Die These:
Menschen lieben Vielschichtigkeit. Die Antwort von Unternehmen darauf muss heissen: Einfachheit. Und zwar nicht didaktische Einfachheit, die vermeintlich Klarheit schafft. Sondern Einfachheit, welche die gefragte Komplexität kreiert. Beispiel 1:
Der Multimediakünstler Brian Eno hat ein Bild gemacht, das 77 Millionen Versionen hat, basierend auf einer einfachen Software mit einfachen Regeln. Der Betrachter sieht jedes Mal eine eigene Version, das Instant-Original. Beispiel 2:
Auf nike.com wird man aufgefordert, ein selbst gemachtes Video einzuschicken. Einzige Bedingung: Am Anfang kommt von links ein Ball ins Bild, zum Schluss verlässt er rechts wieder das Bild. Der Rest ist Geschichte: kreiert von der Nike-Community. Die Zukunft gehört denen, die Kontrolle abgeben. Und die Connectivity-Idee dafür zu erfinden. Big Media Thinker: Ivan Pollard (Naked) Die These: Die Zukunft gehört dem «Transmedia Planning». Alles wird zwar zum Medium. Aber nicht mehr das Medium ist wichtig. Sondern das, was mit der Botschaft nach dem Kontaktpunkt passiert. Wie und ob eine Botschaft in der Zielgruppe weitergereicht wird und eine Eigendynamik entwickelt. Erst dann entsteht Markenwert. In der Brand Community. Damit der virale Effekt passiert, braucht es «Collision engineering» – statt GRP-Berechnungen.
Big Thinker from Communications Agencies: Trevor Beattie (Beattie McGuiness Bungay) Die These:
Big thinking is big schminking. Es ist langweilig. Und einschüchternd. Es treibt Kunden in die Defensive und Kreative in die Enge. Es ist nicht motivierend und nicht inspirierend. Es sind im Gegenteil die kleinen Gedanken, die das Leben grossartig machen können. Kleine Gedanken sind nahbar, zugänglich, ansteckend. Sie sind besser, weil man sie teilen kann, weil sie allen gehören können (Co-ownership). Beispiel:
Die Bank of South Africa mit dem Claim «Trust us» hatte die Plastikkugelschreiber für die Kunden angekettet. Angekettet! Wir haben als Erstes die Ketten durchgeschnitten. Big Brand Thinker: Derek Day, Helen Edwards (Passionbrand) Die These:
Die Antworten auf fünf selten gestellte Fragen können eine Marke weiterbringen. 1. Was kann eine Marke aufhören zu tun, um sich treu zu bleiben? 2. Wie kann man ein Produkt schlechter machen – und dadurch zu einem innovativen Durchbruch gelangen? 3. Wie verarscht zurzeit eine Kategorie mit ihren Gesetzmässigkeiten ihre Konsumenten? 4. Was ist in den Fotoalben unserer Kunden? 5. Was gibt einer Marke das Recht zu existieren? Viele Marken mögen diese letzte Frage gar nicht, aber die anderen werden die Welt verändern.
Big New Media Thinker: Mark Cridge (glue) Die These:
Alle Medien werden digital werden. TV sowieso. Aber auch die anderen. Eine neuere Studie zeigt, dass bereits Ende 2007 rund 50 Prozent von allen Medien, die konsumiert werden, digitale Kanäle sein werden. Auf digitalen Kanälen wird alles transparent. Der ganze Meinungsaustausch. Meinungen werden im Internet gebildet werden. Ganz normale Leute erzählen die kraftvollsten Geschichten über Marken.
Das Internet ist damit schon heute die absolut grösste Quelle für Mundpropaganda geworden. In Anlehnung an ein bekanntes Marketing-Zitat: Wenn die Digitalisierung uns in dieses Schlamassel hineingeritten hat – kann es womöglich die Digitalisierung sein, die uns da wieder rausbringt.
Pascal Schaub
Der Autor ist Head of Strategic Planning bei Publicis und Präsident der Account Planning Group Switzerland.