Web-TV im Mikrokosmos
Lokalpresse Die Jungfrau Zeitung besinnt sich verstärkt auf ihre Region und launcht, nebst anderen Neuerungen, Mikro TV.
«Noch ist nicht alles optimal», sagt Stefan Regez, der ehemalige Chefredaktor der Jungfrau Zeitung, der vorübergehend die neuen Features der Version 2.0 coacht. Techische Lösungen sind gefragt. Doch die Redaktion habe keinerlei Berührungsängste mit dem Medium Film: «Es sind durchwegs junge Leute, die alle über die Jungfrau Zeitung zum Journalismus gekommen sind.»
Mikro TV bietet ausserdem Unternehmen die Möglichkeit, Werbespots in den Filmchen zu platzieren. Offenbar gefällt die Idee, denn bereits haben Migros und die Jungfraubahnen Werbespots gebucht, weshalb Mikro TV schon seit dem 4. Dezember läuft. «Die Jungfraubahnen haben sogar ihren MTV-Spot einen Monat früher bei uns geschaltet», freut sich Regez. Die Anwendung funktioniert ohne zusätzliche Programme und Plugins, ist Bestandteil der Website und problemlos zugänglich.
Mehr Power für die RedaktionAngepasst wurde ferner das Layout der Veranstaltungs- und Ausgeh-Beilage 7Tage. Jene Veranstaltungshinweise, auf welche Inserenten bei Gossweiler Media ein Anrecht haben, wurden aus dem Mutterblatt gelöst. Mehr Freiraum im Blatt schafft ausserdem eine neu gelaunchte Immobilien- und Stellenbeilage «Marktplatz», ein durchgehend vierfarbig gedrucktes Tabloid. Parallel dazu wurde die Redaktion um 140 Stellenprozente aufgestockt. Ein Zweierteam ist neu für Blattmacheraufgaben und Korrektorat verantwortlich. «Das entlastet die Redaktion merklich von Dienstaufgaben», erklärt Regez. Dank den Beilagen wird es im Blatt ausserdem möglich, mit Bildern grösser zu fahren. Bunt soll es dennoch nicht werden. Man gibt sich in Brienz eher zurückhaltend und orientiert sich beim Umgang mit den Bildern an der NZZ.
Im Unterhaltungsbereich will man auch bei der Jungfrau Zeitung 2.0 ganz auf Community-Elemente verzichten. Die Leserschaft wird nicht aufgefordert, ihre Bilder und Filme einzusenden, geschweige denn sich als Bürgerjournalisten zu betätigen. «Ich glaube nicht an ein Medium, das nicht von Journalisten gemacht ist, denn ohne sie sind die Inhalte bloss eine Hülle», sagt Urs Gossweiler.
Als wichtige Weiterentwicklung verfügt die Redaktion jetzt auch über ein neues Arbeitsinstrument, den so genannten Publisher, der als Schnittstelle zwischen Redaktion und Produktion funktioniert. Die Schreibenden können ihre Texte jederzeit von überall her übers Intranet direkt ins Layout einspeisen.
BenutzerfreundlichAlle Texte der Jungfrau Zeitung sind neu mit einer Identifikationsnummer versehen, die den Lesern müheloses Wiederfinden auf der Website erlaubt und zu weiterführenden Texten leitet beziehungsweise Recherchen ermöglicht. Auf der Website, die nach Eingang der Texte über mehrere Fassungen laufend aktualisiert wird, ist die Vernetzung möglichst total. Die Hauptseite listet die am meisten gelesenen Artikel auf. «Das kann schon mal den Ehrgeiz auslösen, es mit einem Text dorthin zu schaffen», sagt Regez. So war zum Beispiel bereits eine Stunde nach der Verleihung des Newcomer-Swissgastro-Award-Siegers der Bericht plus Film auf dem Netz.
Als eines der ersten Medien überhaupt betreibt die Jungfrau Zeitung zudem einen so genannten virtuellen Friedhof. Dort sind neben aktuellen Todesanzeigen und Danksagungen auch solche bis ins Jahr 2001 abrufbar. Selbst stark in die Jahre gekommene Leute könnten, so Regez, bestens damit umgehen. Die Blattarchitektur mit den Ressorts Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur und Sport wurde nicht angetastet. Mitte 2007 soll auch eine englische Version der Jungfrau Zeitung entstehen. Damit trägt man dem internationalen Publikum und entsprechenden Werbetreibenden Rechnung. Die Mikrozeitung sollte überall funktionieren, deshalb hatte man bisher regionale Besonderheiten wie den touristischen Hotspot Jungfrauregion ausgeblendet. Jetzt wird das Blatt noch unverwechselbarer und entspricht nicht mehr dem strengen Raster einer Mikrozeitung.
KrisenresistentDas Konzept der Jungfrau Zeitung
verzahnt Online und Print praktisch nahtlos und fokussiert inhaltlich rigoros auf den so genannten Mikrokosmos Jungfrau im Berner Oberland. Das Blatt erscheint im siebten Jahrgang im Web und als Ausdruck jeweils dienstags und freitags auf Zeitungspapier. Die Jungfrau Zeitung hat sich im Markt bei 67 Prozent der rund 50’000 Einwohnerinnen und Einwohner der Region etabliert und erwies sich in den schwersten Jahren der Printbranche im Vergleich als krisenresistent. Die Grundidee des Konzeptes Mikrozeitung war, die ganze Schweiz in Mikrokosmen mit Lokalzeitungen und zugehörigem Webauftritt zu unterteilen, die allesamt mit dem von Gossweiler entwickelten Redaktionssystem arbeiten sollten. René Worni
