Regionalpresse Die Regionaloffensive des Tages-Anzeigers ist noch keine drei Monate alt. Bei den angegriffenen Landzeitungen geht man zur Tagesordnung über – vorerst.Seit dem 6. November ist Tamedia mit Regionalausgaben am Zürichsee, im Zürcher Ober- und Unterland sowie in der Limmatstadt selbst präsent. Bei den direkt von Tamedia attackierten Regionalblättern sorgte die Offensive für grosse Unruhe. Nach knapp drei Monaten Lokaljournalismus aus dem Hause Tamedia haben sich die Wogen etwas geglättet. Bei den Regionaltiteln, die als Reaktion auf die Tamedia-Offensive zur gemeinsamen Zürcher Landzeitung zusammengerückt sind, atmet man auf. Obwohl die Bedrohungslage eine permanente ist und der Druck auf das Inserategeschäft mit der auf den Frühling angekündigten Tagi-Grossauflage noch einmal zunehmen wird, geht man vorerst zur Tagesordnung über. Das jedenfalls zeigt eine kleine Umfrage bei den Verantwortlichen. Keine Euphorie weit und breit«Ernüchterung macht sich bemerkbar», sagt Christine Fivian, die Chefredaktorin des Zürcher Unterländers, nach offensichtlich grossen Versprechungen der Tamedia-Strategen im Zürcher Unterland. Die Tagi-Regionalausgabe sei zwar gut aufgemacht, doch publizistisch könne diese dem Unterländer den Rang nicht ablaufen. Ähnlich unspektakulär findet auch Christian Müller, stellvertretender Chefredaktor beim Zürcher Oberländer, die Tagi-Regionalausgabe. «Konkrete Auswirkungen spüren wir keine.» Man konzentriere sich beim Oberländer darauf, möglichst alle Themen aktuell im Blatt zu haben, um ja der Konkurrenz zuvor zu kommen. Das ist indessen keine grosse Kunst. Denn die Abschlusszeiten der Tagi-Regionalredaktionen bereits um 20 Uhr lassen den Medienschaffenden keine Möglichkeiten, mit den angestammten Zeitungen Schritt zu halten.
Unter anderem auch deshalb macht sich Benjamin Geiger, Chefredaktor der Zürichsee Zeitung in Stäfa, kaum mehr die Mühe, täglich den Tagi-Split aus dem Briefkasten zu nesteln. Bei Primeurs, Themenbreite und Aktualität stellt Geiger am rechten Seeufer dieselben Schwierigkeiten des Tages-Anzeigers fest, mit denen schon die erste Tagi-Regionalredaktion am linken Seeufer seit ihrem Start im März 2005 kämpft. Die Konkurrenz fokussiere deshalb die Themen stärker auf Personen und Porträts, sagt Geiger. Das Abschlusszeiten-Handicap bedingt zudem, dass man beim Tagi-Split versucht, Veranstaltungen mit Vorschauen zu antizipieren. «Vielen Veranstaltern reicht aber eine Vorschau allein nicht», diese wollten auch die Präsenz der Journalisten, sagt Christine Fivian.
Wenig Euphorie über die Präsenz des Tages-Anzeigers in den Regionen zeigen die Behörden. Kaum eine Gemeinde macht vom Angebot Gebrauch, amtliche Mitteilungen gratis abzudrucken. «Ich habe den Eindruck, beim Tagi hat man sich von dieser Idee verabschiedet», sagt Geiger.
Status quo bei AnzeigenAuch beim Inserategeschäft scheint es kaum zu Verschiebungen zu kommen, weder beim Unterländer noch beim Oberländer. Am linken Seeufer zählt Publicitas-Filialleiter Peter Curiger regelmässig die Inserate im Tagi-Split. Im Durchschnitt seien zweieinhalb bis drei von acht Seiten mit so genannten Füller-Inseraten belegt. Auch Jost Kessler, Publicitas-Departementsleiter in Stäfa, zählt pro Split-Ausgabe maximal eine Seite Inserate. «Bezahlte Werbung ist mager», sagt Kessler. Sowohl Curiger wie Kessler stellen fest, dass das lokale Gewerbe bei der Konkurrenz nicht inserieren will. Eine Ausnahme bilden Wahlen, wenn etwa die FDP für ihre Wahlwerbung das angestammte Blatt gleich wie den Split des Tages-Anzeigers berücksichtigt.
Die Auswirkungen der angekündigten Grossauflage des Tages-Anzeigers lassen sich hingegen noch nicht abschätzen. «Das wird der letzte Schlag, uns Grossinserenten wegzunehmen», schätzt Christine Fivian. Die Grossauflage wird voraussichtlich Ende Februar lanciert, das Datum will Rolf Bollmann, verantwortlich für die Tagi-Regionalisierungsstrategie und GL-Mitglied bei Tamedia, noch nicht bekannt geben. Es sei ausserdem zu früh, über erste Erfolgsergebnisse der Regionalisierung zu sprechen. «Im Lesermarkt lassen sich kaum grosse Sprünge machen», sagt Bollmann und setzt damit einen Kontrast zu Tagi-Chefredaktor Peter Hartmeiers Bekräftigungen über die publizistische Effizienz der Strategie. Hartmeier meinte jüngst im Interview mit der Schaffhauser AZ: «In der Leserschaft wird der gebotene Mehrwert hoch geschätzt. Die Leute in Uster und Bülach freuen sich über eine grosse Zeitung, die tief in ihre Regionen hineinsteigt.» Bollmann setzt deshalb seine Karten auf die Grossauflage und hofft, möglichst viele Grossinserenten weg von den Landzeitungen auf seine Seite zu ziehen.
Kein Regionalsplit in SchaffhausenOffenbar hat sich der Schaffhauser Regierungsrat
anlässlich eines Besuches von Tamedia-VR-Präsident Hans Heinrich Coninx, CEO Martin Kall sowie einer Delegation von Tele Züri leicht enttäuscht darüber gezeigt, dass Tamedia in Schaffhausen nicht auch eine Regionalausgabe lancieren will. Dem Regierungsrat ist die multimediale Monopolstellung der Medien aus dem Hause Meier wohl nicht stets geheuer. Im Interview mit der Schaffhauser AZ dementiert Tagi-Chefredaktor Peter Hartmeier dahingehende Pläne. «Wir beschränken uns auf den Kanton Zürich.» Hingegen beabsichtigt Tamedia, mit einem Sendefenster auf TeleZüri nach Schaffhausen zu expandieren. René Worni