CGC Consumer Generated Content, kurz CGC, ist der letzte Schrei in der US-Werbeszene. Der Superbowl 2007, Amerikas populärster SportEvent, steht ganz im Zeichen des neuesten Werbetrends.Gemeint ist damit, dass Otto Normalverbraucher, ausgerüstet mit digitaler Videokamera und einer guten Idee, in die obersten Etagen der Medien- und Werbekonzerne vorstossen kann, sofern er einen professionell umsetzbaren Vorschlag für ein Stück Content liefert. Das heisst konsequenterweise, dass nach der Videomanie auf YouTube und MySpace nun auch Werbung von den Konsumenten selber gemacht wird. Die grosse Frage ist dabei, wie man den Kunden so in den Schaffungsprozess einbinden kann, dass sowohl das Unternehmen wie auch die Konsumenten profitieren können.Eines der ersten Unternehmen, die diese Strategie erfolgreich umgesetzt hat, ist Nike mit seinem Schuhmodell Converse. Auch American Apparel hat bereits vor zwei Jahren Fotografien für Werbezwecke verwendet, die einige ihrer künstlerisch talentierten Fans gemacht hatten. Und der Jugendsender Current TV, der vom früheren Vizepräsidenten Al Gore aufgebaut wurde, schrieb einen Wettbewerb unter den Zuschauern aus, Spots für Unternehmen wie Sony, L´Oréal und Toyota einzureichen. «Der Konsument muss zu einem Bestandteil des kreativen Prozesses werden», sagt Paul Bennett, Chief Creative Officer der Design-Agentur Ideo in Palo Alto. «Die leisten bessere Arbeit als wir.»
Kein Wunder also, dass auch der Superbowl 2007, das jährliche Endspiel der National Football League (NFL) und Amerikas populärster Sport-Event, ganz im Zeichen des neuesten Werbetrends steht. Gleich drei Unternehmen schrieben im Vorfeld des Superbowl Wettbewerbe aus, bei denen die Teilnehmer Vorschläge für die Kreation eines Werbeclips machen konnten: Frito Lays Chipsmarke Doritos, Chevrolet von General Motors und die Veranstalter der NFL selbst. Jedes der Unternehmen hatte gewisse Vorgaben kreiert, um sicher zu stellen, dass die Clips trotz einer potenziell amateurhaften Aufmachung dennoch professionell aussehen, ohne dabei vulgär oder obszön zu wirken.
Kontrolle bei WerbetreibendenChevrolet und die NFL wollten lediglich Vorschläge, die dann von ihren Agenturprofis produziert wurden. Nur Doritos erlaubte es den Konsumenten, einen fertigen Film einzureichen. Kein Wunder, denn die Platzierung eines einzigen 30-Sekunden-Spots in diesem Jahr kostet nie dagewesene 2,6 Millionen Dollar. «Die Werbetreibenden hatten am Ende doch die Kontrolle über alles, es ist also nicht sehr riskant», sagt Chris Allen, Vice President für National Broadcasting bei der Agentur GSD&M. «Und CBS ist sowieso sehr vorsichtig, was über den Äther geht.» CBS, das den heurigen Superbowl ausstrahlt, war vor drei Jahren in die Schlagzeilen geraten, als Janet Jackson in der Pausenshow eine Brust enthüllte, was mit dem Titel Nipplegate Mediengeschichte schrieb.
Dass die Gewinner des Wettbewerbs ihr Machwerk im Rahmen des Superbowl zu sehen bekommen, ist der Hauptpreis für die Teilnehmer. Doritos setzte jedoch noch 10’000 Dollar oben drauf. Denn der Superbowl ist mitnichten ein gewöhnlicher Event für die Werbung. Immerhin schalten sich in der Regel 80 bis 90 Millionen Zuschauer ein, eine Rekordzahl im Zeitalter der Publikumsfragmentierung. «Die Zuschauer verfolgen die Werbeclips genauso aufmerksam wie das Spiel», sagt John Condon, Chief Creative Officer bei Leo Burnett. «Es ist eine beispiellose Gelegenheit für jeden Werbetreibenden.» Für die Agenturen ist die Kreation eine besondere Herausforderung, denn man will für sein Produkt mit einem memorablen Spot beim Publikum für Gesprächsstoff sorgen.
Dies gelingt besonders im Internetzeitalter immer besser, denn die Spots werden wochenlang vor und nach der Ausstrahlung breit in Blogs, Fachzeitschriften und Online-Communities diskutiert. Vor allem der Bierkonzern Anheuser-Bush, der gemeinsam mit PepsiCo in diesem Jahr zum 21. Mal im Rahmen des Superbowl wirbt, sucht das vorwiegend junge, männliche Publikum mit witzigen Stories vor den Bildschirm zu holen. «Humor ist ein Trend, der jedes Jahr wiederkehrt, genauso wie der immense Produktionsaufwand, der geleistet wird», sagt Condon. «Man will sicher stellen, dass sich die Clips im Gedächtnis der Kunden festsetzen.» Das gilt im Zeitalter der Konsumenten-generierten Inhalte auch weiterhin.
Durchbruch ins Big BusinessDoch die Endauswahl zeigt, dass der CGC durchaus professionell gestaltet sein kann. Es zeigt sich immer wieder, dass viele der Teilnehmer Filmemacher oder Marketingprofis sind, die so den Durchbruch in das Big Business schaffen wollen. Dennoch werden die Filme mit weitaus geringerem Aufwand produziert als herkömmliche Werbeclips. Ein Dorito-Spot mit dem Titel «Live the Flavor», bei dem ein Lenker, der beim Autofahren Chips isst, beinahe eine ebenfalls Chips kauende Passantin und Sexbombe platt macht, hat 15 Dollar gekostet. Angesichts von 380’000 Dollar, welche die Produktion eines durchschnittlichen TV-Spots kostet – ganz zu schweigen von den Extras, die Hollywoodstars in der Regel für die Mitwirkung bei Superbowlclips verlangen –, ist das ein niedliches Sümmchen.
Für die Initiatoren der Wettbewerbe hat sich die Idee schon jetzt gelohnt, denn es gab bereits im Vorfeld zahllose Zeitungs- und Zeitschriftenartikel zu lesen, für General Motors die optimale Gelegenheit, die schwer erreichbaren Jugendlichen anzusprechen. Man beschloss, den Wettbewerb nicht für die Allgemeinheit zu öffnen, sondern ausschliesslich für College-Studenten. «Chevrolet hatte schon immer Interesse an einer Verbindung zum Bildungssektor», sagt Kelly O´Neill, Werbemanager bei Chevrolet. «Es war für uns daher sowohl eine Kommunikationsstrategie als auch eine Business-Strategie.»
Allerdings trifft die Idee nicht auf die uneingeschränkte Unterstützung der Werbebranche. «Der Umstand, dass Agenturen und grosse Konzerne sich an die Kunden wenden, ist der Tod der traditionellen Verkaufs- und Marketingstrategien», seufzt etwa Mark Stevens, CEO des Marketingunternehmens MSCO. «Als Nächstes kommt wohl, dass GM die Kunden fragt, ihre Autos selbst zu schweissen.»
Gerti Schön