Zeitschrift Nach Notebook lanciert Rainer Kuhn im April Stylebook. Beide Magazine sind «user-generated», und die Leser finden das cool.
«User-generated» ist ein Modebegriff, den man im Internet dann findet, wenn es um Plattformen wie MySpace, Wikipedia oder YouTube geht. Das Prinzip ist simpel. Menschen produzieren Bilder, Texte, Audiodateien oder Filme, die sie mit Hilfe einer Website anderen Nutzern kostenfrei anbieten. Die Zahlen sprechen für sich und lassen klassische Medien oft blass aussehen. So werden täglich mehr als 65 000 Videos auf YouTube publiziert. Weltweit werden jeden Tag Tausende neue Blogs eröffnet. Beeindruckend ist auch die Statistik der deutschsprachigen Online-Enzyklopädie Wikipedia: Täglich kommen rund tausend neue Artikel ins Archiv. Tendenz steigend. Von der Schaffenskraft der Masse begeistert, lancierte Rainer Kuhn, ehemaliger Herausgeber der Zeitschrift Kult, vor zwei Jahren das Heft Notebook. Ein Printmagazin, das sich dem Trend im Internet annimmt und von den Lesern selbst produziert wird. Und das funktioniert so: Die User können ihre Gedanken, Meinungen, Bilder oder Notizen auf der Notebook-Website uploaden. Sind die Inhalte «cool», wie Rainer Kuhn selbst sagt, werden sie abgedruckt.
Anforderungen an die Texte oder Bilder gibt es ansonsten keine. Sie können intelligent, aber auch banal sein. Dass sich das Qualitätsniveau der Beiträge oft nicht in unermessliche Höhen schwingt, zeigt eine Textprobe: «Heute ist Freitag, der so genannte schönste Tag im Leben eines Agglos. Aber eigentlich ist der Montag viel schöner. Da kann man sich länger aufs Wochenende freuen.» Solche oder ähnliche Texte prägen das Heft. Und Rainer Kuhn findet das auch okay und wichtig. Er sieht in seinem Konzept nämlich eine «Content-Demokratie», die deshalb sympathisch sei, weil sie einem das Bild vermittle, was die Leute gerade beschäftige.
Kommt hinzu, dass sein Projekt die reale Welt abbilde und nicht die, welche von Medien und Unternehmen mit ihren Marken suggeriert werde. Dass die Inhalte in seinem Magazin an «narzisstischen Informationsschrott» erinnerten, so ein Kritiker, kommentiert Kuhn gelassen: «Man kann bei jedem journalistischen Produkt ebenfalls Banalität hinterfragen. Mich interessiert nicht, ob es Notebook braucht oder nicht. Mich interessiert nur, ob die Leute Freude an der Sache haben. Und die haben sie.»
Für Rainer Kuhn ist die Kraft von «user-generated» unbestritten. Und weil er das «kollektive Game», wie er es auch gerne nennt, als einzig wahre Printinnovation der letzten Jahre betrachtet, lanciert Kuhn im April das Heft Stylebook. Wiederum ein auf der Blogkultur basierendes Magazin, das zu 100 Prozent von der Zielgruppe über eine Website erstellt wird. Anders als Notebook erscheint Kuhns neustes Projekt nur zweimal im Jahr. Und zwar im April mit «spring/summer» und im Oktober mit «fall/winter». Der Style-Community will der Ex-Werber eine Plattform bieten, wo Fotografen, Stylisten und Designer Mode machen können. Denn in der Modebranche sei die «Redaktionsdiktatur» noch ausgeprägter als anderswo. Kuhn: «Für mich ist es lustvoll zu beobachten, was Profis und Laien unter Mode verstehen. Denn da gibt es eine grosse Divergenz zwischen Laufsteg und Strasse.»
Laut Sandro Proietto von der Agentur Mediabox, die Trendzeitschriften wie 7sky, soDa oder Notebook vermarktet, warten Kunden wie Nokia oder Mediaagenturen gespannt auf die Lancierung des neuen Magazins. Kuhns Ideen seien innovativ und Notebook habe als junges Heft das Potenzial, schon in ein paar Jahren andere Independent-Magazine in den Schatten zu stellen. «Die Symbiose zwischen Online und Print ist einzigartig. Solche Produkte suchen die Kunden», sagt Proietto.
So soll Nokia an einer Zusammenarbeit interessiert sein, damit die Nokia-User mit ihren Handys an den Tagebüchern mittexten können.
Kenner der Szene sind sich einig, dass Notebook und Stylebook nicht die einzigen interaktiven Blog-Magazine bleiben werden. Branchenkenner wissen von Projekten, die in der Konzeptphase sind und die Kuhns Magazine an Kreativität und Lesevergnügen in nichts nachstehen.
«Notebook wird garantiert Nachahmer finden», prophezeit Proietto. Auch Kuhn weiss das: «Die Idee ist auf so viele Themen deklinierbar. Über ein Politbook denke ich schon länger nach.»
Sandro Proietto, übrigens auch Mitgründer des Kult-Magazins, verweist aber auch auf die Schwierigkeiten von «User-generated»-Zeitschriften. Diese müssten aus der Nische wachsen. Und grosse Verlage seien wegen ihrer Hierarchien für solche Ideen zu unflexibel. Der Fall Musenalp-Express illustriere das klassisch. Obwohl der Besitzer mehrmals gewechselt habe, habe keiner der grossen Verlage es auf die Reihe gekriegt, etwas Schlaues aus der Zeitschrift zu machen.
Zwei PioniereNotebook und Stylebook sind die ersten Zielgruppenblogs in Tagebuchformat und weltweit wohl die einzigen interaktiven Printmagazine. Über die Website, seit neustem auch über das Handy, kann sich der User der Leserschaft mitteilen. Beide Hefte werden kostenlos in trendigen Boutiquen verteilt. Ebenso wird jeder Contributor automatisch Abonnent, was laut Rainer Kuhn eine stets wachsende Community garantieren soll. Notebook erscheint in einer Auflage von 30 000 Exemplaren, Stylebook mit 50 000.
Christian Lüscher