Presse Vor neun Jahren erschien letztmals die Genfer Tageszeitung Le Journal de Genève. Nun wollen ehemalige Mitglieder des Verwaltungsrates das Blatt wieder aufleben lassen. Im Februar 1998 erschien die letzte Nummer der Tageszeitung Le Journal de Genève. Sie ging in der Fusion mit dem Lausanner Nouveau Quotidien unter. Es entstand die Zeitung Le Temps, mit dem ehrgeizigen Ziel, zur «NZZ der Romandie» zu werden. Doch als die ersten Sparpläne bei Le Temps einsetzten und die Zeitung redimensioniert wurde, gab es Enttäuschte, vor allem im linksliberalen Genfer Bürgertum und in intellektuellen Kreisen der Westschweiz. Und im «Verein der Freunde des Journal de Genève et Gazette de Lausanne» scharte sich ein harter Kern von treuen Leserinnen und Lesern des verschwundenen, stolzen Traditionsblatts. Dieser Verein mit seinen 650 Mitgliedern hat nun ein aussergewöhnliches Projekt: Das Journal de Genève soll eine neue Chance erhalten, und zwar in Form eines wöchentlichen Briefs an interessierte Kreise. Mitte März erscheint die Nullnummer des vier- bis achtseitigen Briefs. Er geht an eine Leserschaft, die mehr fordert als Mainstream-Journalismus. Mitte April startet das Projekt, das im Titelkopf, in der Farbe und im Layout an seinen berühmten Vorgänger erinnert.
Einer der wichtigsten Persönlichkeiten, die hinter dem Projekt stehen, ist der ehemalige Genfer Rechtsprofessor Pierre Engel, der sich als Mitglied des Journal-de-Genève-Verwaltungsrats vergeblich gegen die Fusion zur Wehr setzte und im Jahr 2006 vor Bundesgericht das Recht erstritt, den Namen der fusionierten Zeitung wieder zu benützen. Mit dabei ist auch ein ehemaliger Redaktor des «Journal», Christian Campiche, der die redaktionelle Leitung übernimmt. Auch Dominique Flaux, der einstige Marketing-Verantwortliche, ist dabei. Von ihm stammt die Idee, statt einer wöchentlich oder zweiwöchentlich erscheinenden Zeitschrift mit einem einfachen Brief zu starten. «Eine Wochenzeitung wäre der schnellste Weg in die Katastrophe gewesen», meint Flaux, der Wert auf die Feststellung legt, dass das Projekt weder von Nostalgie beseelt noch ein unrealistisches Abenteuer sei. «Wir haben die notwendigen Gelder zusammen, um den Brief mindestens ein Jahr lang herauszugeben.» Und das geschieht völlig ohne Werbung, ohne Verteilung an den Kiosken und mit geringen Produktionskosten – laut Flaux gehen 85 Prozent der Mittel an die Redaktion. Er rechnet für den Beginn vorsichtig mit rund 300 Abonnenten, deren Zahl, falls sie auf 800 bis 1000 anwächst, die Publikation tragen kann. Alles Weitere ist Zukunftsmusik – doch der Wunsch, das ehrwürdige «Journal» als Zeitung wiederaufleben zu lassen, steht weiterhin Pate beim Projekt.
Das Jahresabonnement kostet stolze 750 Franken. «Das ist der Preis der Unabhängigkeit!», sagt Chefredaktor Christian Campiche. Der heutige Wirtschaftsredaktor bei der Regionalzeitung La Liberté arbeitet zu 60 Prozent für das Projekt, 40 Stellenprozente sind für eine weitere Person vorgesehen. Journalistisch soll der Brief von einem grossen Netz von freien Mitarbeitern und Informanten leben. Er soll Informationen aus Wirtschaft und Politik bringen, die nach Ansicht von Campiche heute allzu oft untergehen oder unterdrückt werden. Und die redaktionelle Linie? Im Redaktionsstatut heisst es, der Brief werde eine «Referenzpublikation für Information, Analyse, Reflexion und Kommentar» sein, vollständig unabhängig und nur dem Publikum und der Gesellschaft gegenüber verantwortlich. «Unsere Publikation ist für alle Meinungen offen, sofern sie die Würde des Menschen in all ihren kulturellen, sozialen, wirtschaftlichen und geistigen Dimensionen achtet und fördert», sagt Campiche. Der Brief richtet sich an die Mitglieder des Vereins der Freunde des Journal de Genève, aber auch an Unternehmen, Institutionen, Rechtsanwälte, kurz Entscheidungsträger in der Romandie, die auf unabhängige und zuverlässige Informationen angewiesen sind.
Und was meint man bei Le Temps zu diesem Projekt? «Wir sind stolz auf unseren Vorgänger, das Journal de Genève», sagt Valérie Boagno, die stellvertretende Direktorin. Le Temps bemühe sich, die Tradition des «Journal» aufrechtzuerhalten. Pierre Engel hingegen habe die Fusion nie akzeptiert und nehme jetzt die Verantwortung auf sich, das ehrwürdige Blatt in der Gestalt eines Heftchens neu zu lancieren. «Wir sind ein wenig traurig, dass die Sache nun so läuft.» Boagno weist darauf hin, dass Le Temps noch dieses Jahr die Digitalisierung des gesamten Journal-de-Genève-Archivs abschliessen will. Es handelt sich um ein gross angelegtes Projekt in Zusammenarbeit mit der Genfer Universität und der Schweizer Nationalbibliothek: 600000 Seiten «Journal» in verschiedenen Formaten – sämtliche Jahrgänge der Zeitung über zwei Jahrhunderte hinweg – werden erfasst und anschliessend für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. «Dies ist unser Weg, das Journal wieder aufleben zu lassen und es für die Menschen zugänglich zu machen, die es geliebt haben», sagt Boagno.
Helen Brügger