Am 17. März 2002 erschien die NZZ am Sonntag (NZZaS) zum ersten Mal. Seither ist sie ein wichtiger Teil des Sonntagsmarktes. Chefredaktor Felix E. Müller sagt, wo sein Blatt heute steht und wo es morgen voraussichtlich stehen wird. WW: Die SonntagsZeitung (SoZ) wurde eben 20 Jahre alt, die NZZaS wird 5-jährig. Wie beurteilen Sie die Wettbewerbssituation zwischen den beiden Titeln?Felix E. Müller: Ich glaube, es hat dem ganzen Sonntagsmarkt gut getan, dass wir kamen. Die SoZ wurde angespornt, sich mehr Mühe zu geben, und am Anfang hat sie ihre Leistung auch deutlich gesteigert. Mit unserem Markteintritt kam es zudem sowohl auf der Leser- als auch auf der Anzeigenseite zu einer Ausweitung des Sonntagsmarkts.WW: Wie ist denn die Ertragssituation der NZZaS heute?Felix E. Müller: Wir schrieben letztes Jahr zum ersten Mal schwarze Zahlen, was ich persönlich als sehr gute Leistung empfinde.WW: Von den drei nationalen Sonntagstiteln hatte die NZZaS mit 13,3 Prozent klar die höchste Zuwachsrate beim Inseratevolumen. Ein Drittel sind allerdings konjunkturabhängige Stellenanzeigen. Wie sähe die Situation ohne diese aus?Felix E. Müller: Ohne Stellen wären wir ebenfalls schwarz gewesen, allerdings nur knapp. Damit steht fest: Das Kriterium von Tamedia-CEO Martin Kall, wonach eine Zeitung auch ohne Stellen schwarz schreiben sollte, erfüllen wir bereits.WW: War dies im Businessplan so vorgesehen?Felix E. Müller: Nein, wir waren um etwa zwei bis drei Jahre schneller am Break-even. Und dazu mit bloss gut 50 Prozent der geplanten Kosten.WW: Angenommen, die nächsten Jahre verlaufen ähnlich gut wie 2006: Wie lange dauert es dann bis zum Return on Investment?Felix E. Müller: Etwa sechs bis sieben Jahre.WW: 2005 wies die Mach Basic letztmals bei allen drei Sonntagstiteln eine Steigerung im Lesermarkt aus. Seither stagniert dieser bei 2,25 Millionen Personen. Ist die Sättigungsgrenze erreicht?Felix E. Müller: Ja, ich glaube schon, dass die Zeit der grossen Zuwächse vorbei ist. Mit drei nationalen Titeln und einer Reichweite von 2,25 Millionen Lesern ist der Sonntag sehr gut besetzt.WW: Punkto Leser ist die NZZaS relativ stabil, während die SoZ auf dem absteigenden Ast zu sein scheint. Der SonntagsBlick (SoBli) hingegen hat andernorts Baustellen. Kommt Ihnen das entgegen?Felix E. Müller: Ob es dem SoBli gut oder weniger gut geht, spüren wir nicht unbedingt, denn das ist eine ganz andere Zielgruppe im Lesermarkt. Für uns ist die SoZ, die Zeitung in der Mitte, wichtiger. Wenn sie verliert, legen wir tendenziell zu, was aus unserer Sicht natürlich positiv ist, weil dies den Abstand zur SoZ verkleinert.WW: 55 Prozent der NZZ-Leser lesen die NZZaS nicht. Da liegt doch Potenzial brach.Felix E. Müller: Umgekehrt kann man auch sagen, dass wir primär ausserhalb des NZZ-Leserkreises gewachsen sind.WW: Aber wissen Sie, weshalb die exklusiven NZZ-Leser die NZZaS nicht wollen?Felix E. Müller: Nicht wirklich. Wir vermuten, dass vielen das Angebot der NZZ-Wochenendausgabe mit ihren sehr hintergründigen Beilagen reicht.WW: Da wären doch zusätzliche Marketing-Anstrengungen am Platz.Felix E. Müller: Natürlich versuchen wir das immer wieder, das sind aber im Moment nicht unsere Hauptanstrengungen. Wir denken eher daran, die Kooperation mit den Regionaltiteln auszubauen. So haben wir beispielsweise mit der ZürichseeZeitung ein attraktives Kombi ausgearbeitet, das wir jetzt anbieten.WW: Demnächst erscheint eine neue MA Leader. Gemäss der Studie von 2005 halten sich SoZ und NZZaS aber bei den Leadern und Topleadern in etwa die Waage, mit einem leichten Vorsprung der SoZ. Erwarten Sie noch Verschiebungen zu Gunsten der NZZaS?Felix E. Müller: Langfristig schon, aber auch hier kommen wir in die Phase der kleineren Schritte. Denn gemeinsam haben wir doch einen Marktanteil von 80 bis 90 Prozent in diesem Segment. Das ist einer der harten Fakten, mit denen man die Bedeutung dieser Titel im publizistischen Markt der Schweiz erklären kann. Denn wenn so viele Leader diese Titel lesen, können diese Titel bei ihnen wiederum Themen setzen oder die Diskussion beeinflussen.WW: Sie dachten Anfang Jahr laut über Regionalsplits nach.Felix E. Müller: Ja, das war ein Gedankenexperiment. Ob Regionalsplits auch aus ökonomischer Sicht sinnvoll sind, darüber gehen die Meinungen auseinander. Mich beschäftigt aber der Drang der Regionaltitel Richtung Sonntagsmarkt; das ist für diese der Strohhalm in einem Tal der Tränen, das heisst, der sinkenden Auflagen. Ich bin zwar überzeugt, dass uns dies publizistisch nicht stark tangiert. Aber falls die Regionaltitel im Anzeigenbereich Verbünde konstruieren sollten, könnten wir dies schon zu spüren bekommen.WW: Die Sonntagsausgabe der Südostschweiz existiert bereits, doch bisher habt Ihr sie im Lesermarkt noch kaum zu spüren bekommen.Felix E. Müller: Das ist richtig, publizistisch habe ich keinen wirklichen Kummer. Allerdings sind wir im Südostschweiz-Gebiet auch nicht besonders stark. Aber ich habe das Gefühl, dass Herr Lebrument seine siebte Ausgabe langfristig nicht allein auf diesem Niveau durchziehen kann, er braucht dringend Herrn Wanner, um mit ihm einen Anzeigenverbund am Sonntag machen zu können.WW: Die Mittelland Zeitung hat jüngst mitgeteilt, dass sie ihre siebte Ausgabe lancieren wird. Werden nun Ihre Regionalsplits konkret?Felix E. Müller: Nein, das ist vorerst eine Idee, die man nochmals kritisch diskutieren muss.WW: Wie werden Sie denn reagieren?Felix E. Müller: Wir werden abwarten und Tee trinken. Das machten wir schon bei der Südostschweiz so. Seit ich sah, wie gering das Anzeigenvolumen dieses Titels ist, kann ich auch Wanners Sonntagsausgabe gelassener entgegen sehen. Die Alarmlämpchen werden bei mir erst dann aufleuchten, wenn es unter den Regionalblättern zu einem Anzeigenkombi käme.WW: Noch eine letzte Frage: Markus Spillmann ist seit rund einem Jahr NZZ-Chefredaktor. Was hat sich für Sie verändert?Felix E. Müller: Aus meiner Sicht nichts Grundsätzliches. Solange die Entwicklung bei der NZZ am Sonntag so positiv ist, hat man im Haus NZZ wohl auch nicht das Gefühl, massiv eingreifen zu müssen. Es gibt im Haus NZZ andere Baustellen, die mehr Aufmerksamkeit erfordern.Interview: Markus Knöpfli