Die Jungen laufen aus dem Kino
Mach Basic 2007-1 Die Wemf weist die tiefsten Kinobesucherzahlen der letzten sieben Jahre aus. Der Anteil der Jugendlichen ist seit 2004 signifikant gesunken.
Mit rund 16,85 Millionen Eintritten gegenüber 15,2 Millionen im Jahr zuvor hat das Kinogeschäft in der Schweiz 2006 eine Steigerung von 9,2 Prozent verzeichnet. Dies liess die Branche vor wenigen Tagen verlauten. Die aktuelle Mach-Basic-Studie stützt diese Aussage allerdings (noch) nicht. Zwar deckt ihr Befragungszeitraum nur die ersten neun Monate des Jahres 2006 ab (plus die letzten drei des Vorjahres), doch von einem Kinoaufschwung nach dem Krisenjahr 2005 ist nicht das kleinste Anzeichen zu finden.
Im Gegenteil, gemäss der Wemf-Erhebung ging die Zahl der Kinobesucher erneut um 2,5 Prozent zurück, ähnlich wie in den vergangenen Jahren, sie liegt aber mit nunmehr 424 000 Eintritten pro Woche so tief wie noch nie seit dem Jahr 2000. Das sinkende Interesse manifestiert sich in allen Landesteilen und allen Regionen – mit einer Ausnahme: In Bern blieben die Besucherzahlen stabil.
Zwar liegen die Rückgänge gegenüber Mach Basic 2006-2 oder 2006-1 im Vertrauensbereich – wie immer in den letzten Jahren. Doch im längerfristigen Vergleich, etwa seit der Mach Basic 2003, die damals eine Rekordwochenreichweite von 486 000 Kinogängern auswies, hat die Branche 62 000 Besucher pro Woche verloren, was einem signifikanten Rückgang um 12,8 Prozent entspricht.
Es ist jedoch sinnvoller, die Mach Basic 2004 als Massstab heranzuziehen. Der Grund: Die Wemf weist die Kinos nach Vermarkter aus – und weil es bis 2003 noch zwei Kinovermarkter (Cinecom und Mediavision) mit unterschiedlichen Verkaufsregionen gab, ist ein direkter Vergleich heutiger Zahlen mit jenen vor 2004 bisweilen schwierig.
Doch auch seit der Mach Basic 2004, die mit einer Kinoreichweite von 464 000 wöchentlichen Besuchern dem Schnitt der letzten Jahre recht nahe kommt, ist die Zahl der Kinobesuche signifikant rückläufig (–8,6 Prozent). Bezogen auf die Regionen bleiben die Zahlen zwar im Vertrauensbereich, sie sind aber in der Deutschschweiz und besonders in Luzern nahe an der Grenze zur Signifikanz.
Keine Zweifel gibt es zudem am stark abnehmenden Kinointeresse der Jungen. Allein seit 2004 hat das Kino von den 14- bis 24-jährigen Besuchern ein gutes Viertel (28,7 Prozent) verloren. Das heisst: Schweizweit gehen heute pro Woche 47 000 Personen dieser Zielgruppe weniger ins Kino. Signifikant sind die Rückgänge aber auch in der Deutschschweiz (minus 25,2 Prozent) und erst recht in der Romandie: Dort kehrte gar mehr als ein Drittel dieser Altersgruppe dem so genannt jungen Medium den Rücken.
Seit 2004 ist auch die Zahl der Kinobesuche der 14- bis 34-Jährigen signifikant tiefer. Gesamtschweizerisch reduzierten sich die Kontakte mit dieser Zielgruppe um 57 000 pro Woche oder minus 20,7 Prozent. In der Deutschschweiz betrug der Rückgang 19,9 Prozent, in der Romandie 24,3 Prozent.
Ein weiterer Vergleich ist interessant: 2004 war noch eine deutliche Mehrheit der Kinobesucher zwischen 14 und 34 Jahre alt, und zwar galt dies damals für alle ausgewiesenen Landesteile und Regionen. Heute ist dies nur noch in den Regionen Luzern und St. Gallen/ Schaffhausen (je 61 Prozent) der Fall.
Riesendifferenz zwischen Procinema und Wemf Die Zahlen der Wemf und des Branchenverbandes Procinema unterscheiden sich massiv – seit Jahren. Gemäss Procinema verzeichneten die Schweizer Kinos im Kalenderjahr 2006 fast 17 Millionen Eintritte, gemäss Mach Basic 2007-1 waren es dagegen zwischen September 2005 und September 2006 fast 26 Millionen.
Der grosse Unterschied liegt nicht nur an den verschiedenen Erhebungsperioden, sondern vor allem an den Erhebungsmethoden. Die Wemf will von den befragten Personen wissen, ob sie «in den letzten sieben Tagen im Kino waren», die Procinema-Zahlen basieren auf den Angaben der Kinobesitzer über den Ticketverkauf – ohne Gratiseintritte und Eintritte mit Kinopass. Letztere machen aber gemäss Procinema-Geschäftsführer René Gerber maximal 1,5 Prozent aus.
Auch die These, wonach die Kinobesitzer bei der Deklaration ihrer Zahlen in einem Interessenkonflikt stecken, zieht kaum. Zwar steigen bei höheren Besucherzahlen in den Kinos die Abgaben an die Filmverleiher – aber auch die Werbeeinnahmen. Zudem überprüfen die Filmverleiher die Angaben der Kinobetreiber mit eigenen Stichproben. Für den Cinecom-Geschäftsführer Matthias Luchsinger «liegt die Wahrheit deshalb irgendwo in der Mitte». So handhabt es die Cinecom im Prinzip auch beim Prognosetool CAM (Cinema Admission Monitor): Ausgehend von den wöchentlich gemeldeten Procinema-Daten der jeweils letzten drei Jahre errechnet das System pro Kalenderwoche einen Erfahrungswert, der anhand der Wemf-Daten nach oben oder unten gewichtet und mit soziodemografischen Angaben angereichert wird.
Markus Knöpfli
