Meine Mama drückte so aus, wie erleichtert sie über den glimpflichen Ausgang der Sache war – und wie wenig meine Handlung zu ihrem Bild von mir passte, zur «Marke Friederike».
Der Duden erklärt ein wenig sachlicher zu dieser Redensart, man sage «Du bist ’ne Marke», wenn sich eine Person merkwürdig verhalte. Neulich kam mir Mamas Ausruf wieder in den Sinn, genauer: auf die Zunge. Denn fast hätte ich selbst «Du bist ’ne Marke!» ausgerufen – und zwar in einer noblen Uhrenboutique an der Zürcher Bahnhofstrasse. Denn dort kam mir einiges sehr seltsam vor. Vor allem war es überhaupt nicht mit dem Bild, das ich bis anhin von der Marke gehabt hatte, vereinbar. Mit absehbaren Folgen.
Aber von vorn: Die Sommerferien sind die richtige Zeit, mal wieder den Plastikwecker ans Handgelenk zu schnallen und die wertige Lebensabschnitts-Begleit- Uhr zur Revision zu geben. Mein lieber Mann nennt eine Schaffhauser Preziose sein Eigen, ich stehe mehr auf George Clooney. Nach unseren Ferien oblag es mir, unsere Glanzstücke wieder einzuholen.
Zuerst spazierte ich bei Clooney vorbei. Die schwere Tür der Boutique an der Bahnhofstrasse wurde mir von einer winzigen Chinesin so geschwind geöffnet, dass der Luftzug mich herrlich erfrischte. Schon eilte mir eine zweite Dienstbeflissene entgegen, die, nachdem ich in den bequemen Ledersitz gesunken war, mit meinem Abholschein entschwebte und blitzartig wieder zurück war. Da ich das wieder auf Hochglanz polierte Schmuckstück wegen einer Konkurrentin am Handgelenk nicht direkt umlegen wollte, hüllte die Dame es in ein rotes, besticktes Samtetui und entliess mich mit «Danke Frau Heinrich, einen schönen Tag Frau Heinrich» in die Sommerhitze. Die Rechnung – immerhin hatte ich einen KV über einen höheren dreistelligen Betrag erhalten – müsse ich nicht begleichen. Das sei im Service inbegriffen. Fehlten nur noch ein zackiger Nespresso und eine Fussmassage. Und vielleicht ein Augenzwinkern von George.
Beglückt schwebte ich zur nächsten Uhrenboutique, voller Erwartung, was mir dort geboten würde. Vielleicht doch noch eine Fussmassage? Eine Preisklasse höher gleich eine Klasse besser?
Ich stand vor der Tür und sah den Türsteher drinnen auf und ab flanieren. Mich, schwitzend hinter Glas, würdigte er keines Blickes. Ich atmete tief durch und legte die Hand auf den Türgriff – der Herr ging weiter auf und ab. Also drückte ich die Tür auf. Der Herr liess das geschehen, seine Hände auf dem Rücken gefaltet. Er sagte artig «Grüezi» und sah mich erwartungsvoll an. Ich wolle eine Uhr abholen, fast hätte ich mich für die Störung entschuldigt. Der Herr sagte nichts, wedelte aber aus dem Off einen Mann in weissem Kittel heran. Der Zahnarzt? «Ja?», sprach dieser. Ich hielt ihm von der Vielzahl der Zettel mit Silberprägung, die uns zugeschickt worden waren, einen hin. Seine Reaktion: «Nein.» Langsam wurde ich etwas ärgerlich. Ich drückte ihm den ganzen Zettel pack in die Hand: «Sicher finden Sie hierbei das, was Sie brauchen.»
Er nickte kurz und verschwand hinter einer schweren dunklen Tür mit Supersicherheitsschloss. Ich stand da. Stühle gab es genug, aber keiner wollte etwas mit mir zu tun haben. Also stand ich weiter, der Herr hinter der Tür flanierte. Ich kam mir blöd vor. Um mich von diesem Gefühl abzulenken, schaute ich mir die Uhren in den Glaskästen an. Niemand interessierte sich für mich. Der Zahnarzt kam wieder: «So!» Er knallte die Uhr auf den Tisch. Ich durfte mich setzen. «Ich würde gerne das Armband noch auswechseln lassen», sagte ich. «Das geht», sagte er. «Ganz toll, Glückwunsch!», dachte ich und sagte «ja bitte». Wieder dauerte es eine Ewigkeit, bis er mit dem Stück Leder zurückkam, das, wie sich herausstellte, etwa so viel kostete wie die Revision bei George, die ich nicht hatte bezahlen müssen.
Als ich meine Karte in das Lesegerät schob, um den Gesamtbetrag zu begleichen, für den wir uns 37 Pop-Swatches hätten kaufen können, blaffte mich der Zahnarzt an: «Halt, das geht bei uns nicht so schnell!» «Entschuldigung», hörte ich mich sagen und dachte, «du blöde Kuh, warum lässt du dir das bieten?!» Immerhin wusste ich mich kurz vor Ende dieser beschämenden Vorstellung und wollte nur noch raus aus dem Laden. Ach, sagte der Zahnarzt, bei den Böxli hätten sie übrigens Lieferschwierigkeiten, ob ich die Uhr sofort umlegen wolle. Exgüsi, es handelt sich um eine Herrenuhr. Zudem habe ich bereits eine am Handgelenk. Na dann könne er sie mir etwas einwickeln.
Schliesslich bekam ich ein Päckchen überreicht: die gute Uhr meines Mannes, hochpoliert und wild tickend, in einem Stück Luftpolsterfolie. Ob er noch ein Tesa drum machen könne, sagte ich mit ironischem Unterton. Ungerührt bekam ich auch noch diese Serviceleistung, selbstredend kostenlos.
Kurze Zeit nach diesem Erlebnis las ich, dass Schreie das Angstzentrum im Gehirn alarmieren. Und fragte mich, ob es auch für Marken ein Alarmzentrum gibt, in dem alle Glocken schrillen, wenn jemand die Marke gehörig beschädigt. Wenn ich jedenfalls noch einmal in die Verlegenheit kommen sollte, eine Uhr zu kaufen – zur Konfirmation unserer Jungs oder für unsere Gottenkinder, von denen wir einige haben – habe ich den Glocken in meinem Gehirn den Auftrag gegeben, ordentlich Rabatz zu machen, sollte ich auch nur in Erwägung ziehen, zu einem Schaffhauser Produkt zu greifen. Denn manches bewahrt man bis weit in die nächste Generation.
Anne-Friederike Heinrich, Chefredaktorin
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