Zwischen einer geschäftigen Kebab-Filiale und einem beschaulichen Blumenladen im Herzen von Zürichs Kreis 3, da, wo sich viele Kreative beruflich verwirklichen, befindet sich das Büro von Encore Pictures. Jürg Steudler logiert hier Tür an Tür mit Le Mob, dem Motion Design Studio seines Freundes Bart Wasem, der bei den meisten seiner beruflichen Stationen – den glanzvollen und den harzigeren – mit von der Partie war. Rund 80 Prozent ihrer Filme produzieren die beiden gemeinsam. Steudler geht im während der Sommerferien verlassenen Nachbarbüro ein und aus, rümpft die Nase über die abgestandene Luft und reisst die Fenster auf. «Wir funktionieren wie ein altes Ehepaar», beschreibt er die Arbeitsbeziehung. «Wir reden uns dauernd drein, aber wir wissen auch, wann wir die Klappe halten müssen und was die Qualitäten des anderen sind.»
Steudler wurde Produzent beim Fernsehen, als dieses seine Boom-Zeit erlebte, als es (zumindest in Deutschland) nicht laut und bunt genug sein konnte und zu diesem Zweck riesige Budgets aufgefahren wurden. Nach Festanstellungen im In- und Ausland machten er und Wasem sich Anfang 2000 selbstständig mit der Broadcast-Design-Firma Regardez! und entwarfen aufwendige Programm- und Sendungs-Trailer.
Dann fielen die attraktiven Grossaufträge der deutschen Sender weg. Eine Phase der Umorientierung folgte. «Rückblickend war das eigentlich gar nicht so schlecht», findet Steudler, denn irgendwann hatte man genug von der inhaltslosen Effekthascherei und wünschte sich, auch Geschichten zu erzählen. Heute führen beide je ihre eigene Firma und produzieren neben Broadcast Design auch Werbe- und Unternehmensfilme, was mehr ausgefeiltes Storytelling erfordert.
Dank starker Nachfrage nach Bewegtbild-Content fürs Web hat Steudler mit Animated Explainer Videos ein zusätzliches Geschäftsfeld gefunden. Allerdings in einem schwierigen Marktumfeld in Zeiten, in denen jeder technisch einigermassen Geschickte mit iPhone und Laptop selbst einen Film drehen kann. Erklärfilme gibt es für (fast) jedes Budget. Steudler setzt die Qualitätslatte bewusst hoch an und will keinen Durchschnitt liefern: «Ein Erklärfilm von uns muss sich von der Masse abheben. Durch eine stärkere Story, mehr Spannung, hohe Informationsdichte und eine überzeugende Argumentation. Die Leute sollen unseren Film noch ein zweites Mal ansehen wollen.»
Vom Text zum Bewegt-Bild
Produzent war in seiner Jugend für viele Kollegen ein Traumberuf. Steudler zog es aber noch nicht zum Film. «Ich war als Kind sehr introvertiert und habe viel gelesen. Die Fantasiewelt meiner Jugend war die Literatur. Sie war mir näher als das Medium Film.» Nach einer Ausbildung am Sawi in Biel arbeitete er zunächst in der Beratung bei Wirz Werbung (was dem gelernten Kaufmann aber «zu kaufmännisch» war), dann bei Fruitcake als Texter und Konzepter.
Wie landet ein introvertierter Schweizer Texter beim deutschen Fernsehen der 90er-Jahre?
Er rutschte einfach ins Filmgeschäft rein und merkte dann, dass es eigentlich noch viel besser zu ihm passte als das Schreiben. In einer Phase des Umbruchs bewarb sich Steudler aufs Geratewohl beim frisch gegründeten Tele Bärn. Der Sender rekrutierte in den Anfängen fast ausschliesslich Print-Leute, erinnert sich Steudler. Für einen Werbefilmer oder gar jemanden vom Schweizer Fernsehen war die Stelle in der «Provinz» schlicht nicht interessant genug. Für einen Autodidakten wie Steudler, der «Selbstgemachtes super» findet, kam das Jobangebot gerade recht: «Plötzlich war ich Werbefilmproduzent und Creative Director – mit null Erfahrung im Filmbereich. Wie das ganze Team musste auch ich erst lernen, mit Kamera, Mikrophon und Schnittplatz umzugehen.» Er brachte sich selber bei, wie man den Trailer für eine Sendung schneidet oder Spots für Werbekunden produziert, denen eine Werbeagentur dafür zu teuer ist.
«Anfangs habe ich schreckliches Zeug gemacht, aber ich hatte eine steile Lernkurve», so Steudler. Nach zwei Jahren bei Tele Bärn wurden er und Wasem von Sat.1 abgeworben. Auf die schweizerische Bescheidenheit folgte die deutsche Grossspurigkeit. «Die deutschen Sender rüsteten damals auf wie verrückt – für uns war es das reinste Schlaraffenland», schwärmt der Produzent. «Wenn man den Bruce-Willis-Synchronsprecher brauchte, wurde er rasch geholt. Wenn man eine individuelle Vertonung wünschte, wurden zwei Komponisten ins Haus beordert. Die Grafikabteilung schob Nachtschichten, um unsere Ideen bis zum nächsten Morgen umzusetzen.»
Wenn die meisten deutschen Kollegen ihre 35-Stunden-Woche beendet hatten, arbeiteten Steudler und Wasem einfach weiter. «So wird man extrem schnell besser. Wir wurden in Deutschland zu Top-TV-Kreativen ausgebildet», meint Steudler rückblickend. «Es brauchte nur viel Energie. Und ein wenig Talent.»
Er tauge letztlich besser zum Produzenten als zum Texter, resümiert Steudler. Schreiben habe viel mit Disziplin zu tun. Er sei eher lustorientiert, Disziplin sei nie seine Stärke gewesen. «Einen ganzen Prospekt durchzutexten war mir als Werbetexter ein Gräuel.» Wiederentdeckt hat er in den vergangenen Jahren die «eher journalistische Arbeitsweise», die Lust am Argumentieren, etwas von A bis Z zu erklären. Stilistisch setzt er auf eigenständige Umsetzungen aus einem bunten Mix von Darstellungsformen und Techniken: Fantastische Markenwelten mit virtuosen Animationen und viel Emotion kreiert er für seine Kunden. «Die Welt, die in der Werbung als echt verkauft wird, ist weit weg von der Realität. Das iPhone schärft heute den Blick fürs Reale», sagt Steudler und setzt mit Encore Pictures dann lieber gleich aufs offensichtlich Fantastische.
In der alternativen Szene um die Berner Reithalle gross geworden, liegt es für Steudler auf der Hand, sein Büro im Kreis 3 zu haben, wo «die Grafiker- und Journalistenszene zu Hause» ist. Ende August feiern Steudler und Wasem hier an der Schmiede Wiedikon gleich mehrfaches Jubiläum: 20 Jahre Zusammenarbeit, 15 Jahre Selbstständigkeit, 10 Jahre Le Mob und Encore Pictures. Und sie hoffen, sie können noch eine Weile hier bleiben. Der Coiffeur-Shop nebenan wurde unlängst vertrieben, weil er mit den steigenden Mieten im Quartier nicht mithalten konnte. «Bei diesen Fixkosten hätten sie viel zu viele Haare schneiden müssen.»
Encore Pictures setzt stattdessen einfach weiterhin auf Qualität. Um zwischen der geschäftigen Kebab-Filiale und dem beschaulichen Blumenladen mit einem Höchstmass an Fantasie der Realität zu trotzen.