Fernsehen Internetbasiertes Fernsehen hat Zukunft und das Potential, zum Massenphänomen zu werden. Denis Gaumondie hat es gut. Der 26-jährige Franzose ist Kunde beim Französischen Telekommunikationsanbieter Free und hat den Service Freebox TV abonniert. Damit verfügt er nicht nur über einen schnellen ADSL2+-Internet- Flatrate mit 28 MBit pro Sekunde, sondern kann zusätzlich noch kostenfrei ins französische Festnetz und in zahlreiche Auslandsnetze telefonieren. Doch damit nicht genug. Die kostenlos mitgelieferte Set-Top-Box schliesst er einfach an seinen Fernseher an und empfängt damit mehr als 100 TV-Programme. Will er mehr TV-Sender sehen, könnte er für zusätzliche Gebühren Pay-TV oder einen Video-on-Demand-Dienst nutzen, mit dem die neusten Hollywood-Filme abrufbar sind. Das Interessante an Free ist der Preis: Für das komplette Paket zahlt Denis Gaumondie 29,99 Euro im Monat. – Ein vergleichbares Angebot kostet in vielen europäischen Ländern meistens das Doppelte.Triple Play, das Kombi-Angebot von Telefon, Internet und TV-Anschluss aus einer Hand und über eine einzige Leitung ist für viele Telekommunikationsunternehmen heute das wichtigste Zugpferd für die Vermarktung ihrer multimedialen Dienste. Die mittlerweile verfügbaren Bandbreiten (über ADSL2+/VDSL) und effiziente Kompressionsstandards erlauben es, neben Sprach- und Datendiensten auch TV-Signale in hoher Qualität zu übertragen. Solche Dreifach-Angebote sollen helfen, die zum Teil herben Verluste der grossen Telcos im Bereich der klassischen Telefonie aufzufangen.
Doch sind es vor allem die Endkunden, die davon profitieren können: Sie erhalten eine riesige Auswahl an TV-Programmen, darunter auch kleine und kleinste Spartenkanäle. Sogar Real Madrid, der Lieblingsverein von Denis Gaumondie, bietet auf Free einen eigenen TV-Sender. Zudem werden auch interaktive TV-Dienste wie Video on Demand, Shopping, nutzergenerierte Inhalte oder Multiplayer-Spiele Realität. Zum Teil sind sie in einigen Angeboten heute schon enthalten.
IPTV – die Übertragung von Fernsehen über das Internet-Protokoll# – hat also das Potenzial, eine ernst zu nehmende Alternative für die bestehenden TV-Infrastrukturkanäle zu werden. IPTV ist keinesfalls nur ein neuer Verbreitungsweg für bestehende TV-Programme, sondern erweitert das klassische Fernsehen im grossen Stil. Zudem ist IPTV unabhängig vom Distributionskanal: Ob DSL, Kabel, Satellit, Terrestrik oder mobil: IPTV kann über alle Kanäle verbreitet werden.
IPTV startet 2007 in Europa richtig durch Wurden bereits 2006 für die Entwicklung von IPTV wichtige Impulse gesetzt, wird es in diesem Jahr europaweit so richtig durchstarten. Die Prognosen sind viel versprechend: Ende 2007 wird es in Europa mit 5,6 Millionen Abonnenten schon doppelt so viele IPTV-Kunden geben wie 2006. Auch die Umsatzzahlen aus IPTV-Abonnements steigen von 470 Millionen Euro in 2006 bis Ende 2007 auf über eine Milliarde Euro.
Mehr als 50 IPTV-Angebote sind in Europa heute schon auf dem Markt. Allein 19 existieren in den fünf grössten europäischen IPTV-Märkten Frankreich, Spanien, Italien, Deutschland und Grossbritannien. In Europas führendem IPTV-Markt Frankreich bieten die Telekommunikationsunternehmen mittlerweile 8 IPTV-Services an und versorgen damit bereits jetzt mehr als 1,3 Millionen Kunden.
Die Geschäftsmodelle der einzelnen IPTV-Anbieter sind verschieden. Ähnlich kostengünstig wie das Angebot von Free aus Frankreich ist etwa der Service der niederländischen KPN. Die Kunden können für einen Monatsbeitrag von 19,95 Euro zusätzlich zum Telefon- und DSL-Anschluss ein IPTV-Paket mit immerhin 70 Programmen empfangen. Ein Hybrid-Modell verfolgt dagegen die British Telecom, bei dem Free-TV-Programme via DVB-T übertragen werden und per IPTV zusätzliche Programme und interaktive Services abgerufen werden können. Für 29 Franken gibt es bei der Swisscom zur bestehenden Breitbandverbindung ein TV-Angebot mit 120 Programmen. Deren IPTV-Paket Bluewin TV bietet darüber hinaus nationale Eishockey- und Fussballspiele zum Kampfpreis von nur einem Franken pro Partie im Einzelabruf. Vergleichbare Angebote liegen bei anderen Pay-TV-Anbietern deutlich höher zwischen fünf und zehn Euro.
Zu den diesjährigen Entwicklungstrends auf dem europäischen IPTV-Markt gehört auch die Tendenz zur Globalisierung. Viele Anbieter sind mit IPTV-Diensten heute schon über ihre Landesgrenzen hinaus präsent. So ist die Telecom Italia zusätzlich in Deutschland (HanseNet/Alice und AOL) sowie in Frankreich (Alice) vertreten und die Swisscom AG gerade dabei, die Übernahme des italienischen Anbieters Fastweb zu vollziehen.
Entwickelt sich IPTV künftig zum Massenmarkt?Von einem echten Massenmarkt ist IPTV in den meisten europäischen Ländern derzeit noch weit entfernt. Dennoch: hier wächst eine Plattform, die mit den bestehenden TV-Distributionswegen Kabel, Satellit und Terrestrik ernsthaft konkurrieren wird. Attraktiv ist IPTV auch für alle Programmanbieter, entstehen doch für sie plötzlich alternative Verbreitungswege für ihre Inhalte.
In welchem Masse IPTV künftig zum Medienalltag gehören wird, hängt von diversen Faktoren ab. Dazu gehören nicht nur die Attraktivität des Contents und wettbewerbsfähige Preise. Auf dem Weg zum Kunden bestehen noch andere Hürden. Zum einen sind dies technische Fragen, etwa eine stabile Übertragungsqualität oder standardisierte Set-Top-Boxen. Zum anderen sind es komfortable Bedienfunktionen. Auch wenn eine vergleichbar simple Handhabung wie in der analogen Fernsehwelt schon allein durch die diversen interaktiven Dienste kaum umsetzbar sein wird, ist eine intuitive Benutzerführung – neben dem Preis – sicher für den Erfolg entscheidend. Noch wichtiger aber wird die Kommunikation mit den Endnutzern sein: Welchen Mehrwert und welche Vorteile bietet IPTV gegenüber dem klassischen Fernsehen? Gelingt all dies, wird IPTV die zukünftige Entwicklung des Fernsehens und vor allem die der Telekommunikationsbranche nachhaltig beeinflussen.
Bis vor kurzem waren die Infrastrukturen für Fernsehen und Internet klar aufgeteilt. Während TV über Antenne, Satellit oder das Kabelnetz übertragen wurde, kommunizierte per ISDN oder DSL der heimische Computer breitbandig mit dem Internet. Diese Situation hat sich mit IPTV grundlegend verändert. Für den zufriedenen Free-Kunden Denis Gaumondie eine Selbstverständlichkeit.
Klaus Goldhammer (1967) ist seit 2004 Gastprofessor an der freien Universität Berlin für Ökonomie und Massenkommunikation. 1998 hat er die Goldmedia GmbH in Berlin gegründet, deren Schwerpunkt die Unternehmensberatung im TIME-Markt ist, welcher Anwendungen der Telekommunikation, IT, Medien und Unterhaltung umfasst. Goldhammer wird am 10. Mai am Branchenanlass Mediarena mit acht weiteren Referenten die Trends für die Werbebranche skizzieren.