Trends
Die diesjährige Konferenz der SNDS stand unter dem Motto «Designing the Future». Die Werbewoche war als Trendscout dabei. Trend 1: Zeitungen müssen ihren Hoheitsanspruch aufgeben und die Kontrolle mit dem Leser teilen. Die Zeitung muss sich von der Einbahn- Kommunikation weg bewegen, transparent und einladender werden. Die Blogs machen es uns vor: Es ist einfach mitzumachen, User können ihr Wissen und Können einbringen, indem sie selber Inhalte generieren. Der Online-Auftritt der Zeitungen verläuft mittlerweile recht schematisiert. Der Aufbau der Websites kann hinsichtlich Rezeption von Online-Inhalten noch optimiert werden.
Trend 2:
Mit den verschiedenen Medienkanälen spielen. Das Medienverhalten ändert sich ständig. Zu den alten Medien sind laufend neue dazu gekommen. Das Radio koexistiert friedlich mit dem Fernsehen, das Internet hat das TV nicht ersetzt. Trotzdem muss das eine auf das andere reagieren.
Die Herausforderung besteht darin, Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen Kanälen auszureizen. Zeitungen gehen dazu über, ihren Internetauftritt getrennt vom Printprodukt zu erstellen, indem sie unabhängige Online-Redaktionen bilden, die den Schwerpunkt auf Interaktion setzen: kurze News via Blogs, mit der Möglichkeit, Artikel an Freunde zu senden und sich darüber auszutauschen, mit Tools für den eigenen Web-Auftritt, interaktiven Grafiken und Filmen.
Die gedruckte Zeitung spezialisiert sich demgegenüber auf Reportagen, Hintergrund und Analysen, Themen-Packages und Zusatznutzen wie Beilagen und Magazine (siehe Kasten Dagens industri und Politiken).
Trend 3:
Die Zeitung als starke Marke. Das Printprodukt soll zum Luxusprodukt avancieren, das neben dem Internet als flüchtigem Nachrichtenmedium mit exklusiven Reportagen für Nachhaltigkeit sorgt.
Trend 4:
Zeitungen verlieren Anzeigenkunden ans Web. Websites liefern messbare Resultate. Durch die steigende Beliebtheit von Blogs und Communities werden deren Sites auch für die Platzierung von Werbung immer interessanter.
Trend 5:
Beilagen dienen als Plattform für den Anzeigenkunden und dazu, ein anderes Zielpublikum zu gewinnen. Um dem negativen Anzeigentrend entgegen zu wirken, müssen zwischen der Marketingabteilung und der Redaktion neue Strategien entwickelt werden, ohne den journalistischen Ethos zu untergraben. Indem Magazine mit durchgängigen fotografischen oder typografischen Konzepten arbeiten, erreicht man trotz störender Anzeigen eine stringente Leserführung.
Trend 6:
Am Ball bleiben. Um eine gute Marktstellung zu behalten oder erzielen, ist es unabdingbar, in die neuen Medien zu investieren, sich mit neuen Technologien vertraut zu machen und sie zu nutzen.
Trend 7:
Gratiszeitungen sind eine grosse Konkurrenz. Gratiszeitungen bilden mittlerweile beinahe ein Viertel des europäischen Zeitungsmarktes. Noch sind sie keine Qualitätszeitungen, aber der Standard steigt und sie diversifizieren sich.
Trend 8:
Information wird aufwändig visualisiert. Im Print und Online gibt es verstärkt gut recherchierte und stark visualisierte Infografiken. In den Redaktionen findet eine Arbeitsteilung zwischen Layout und Infografik statt. Um die Infografikabteilung für die Erstellung komplexer Darstellungen zu entlasten, werden einfache Torten- und Balkendiagramme von Layoutern erstellt.
Doris Oberneder
Doris Oberneder ist Artdirektorin der Werbewoche und Freelance Designerin für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung und KircherBurkhardt GmbH.
Zum 28. Mal: The Best of Newspaper Design
Seit 1979
veranstaltet die Society for News Design (SND) und die S.I. Newhouse School of Public Communication einen jährlichen Wettbewerb. Es werden die besten Beiträge in den Bereichen Zeitungsdesign, Infografik und Fotografie juriert.
In den 19 Kategorien
wurden vier «Best Designed Newspapers» ausgewählt (s. Kasten rechts), 8 Goldmedaillen, 82 Silbermedaillen, 7 Judges‘ Special Recognitions und 1647 Awards of Excellence.
Unter den deutschsprachigen Zeitungen
rangieren dieses Jahr: SonntagsZeitung, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Financial Times Deutschland, Welt am Sonntag, Tagesspiegel, Berliner Morgenpost und Stuttgarter Zeitung (siehe Auswahl rechts).
Die Gewinner
sind abrufbar unter www.snd.org/competitions/contest28.lasso.
Das Buch zum Wettbewerb
«The Best of Newspaper Design™» (28. Ausgabe) kann auf www.snd.org bestellt werden.
Society for News Design (SND)
Die SND ist eine internationale Organisation mit dem Ziel,
die weltweite Kommunikation durch qualitativ hochwertigen visuellen Journalismus zu verbessern.
Unter den Mitgliedern
finden sich sowohl Verleger, Redakteure, Designer und Infografiker als auch Fotografen, Werbegrafiker und Webdesigner.
Neben jährlichen Workshops
und Ausstellungen werden verschiedene Kurse angeboten und ein jährlicher Wettbewerb «Best of Newspaper Design» ausgeschrieben (siehe Kasten unten).
Regionale Organisation für den deutschsprachigen Raum
www.snd.dach.org
Mehr Infos
auf www.snd.org
Nächste Events 11. – 13. 10.
Boston, 29. Workshop www.sndboston.com 26. – 27. 10.
Jahrestreffen der SND/DACH (Deutschland, Österreich, Schweiz) in Basel auf Einladung der Basler Zeitung
«Man muss nicht aggressiv sein, sondern smart.»
Ally Palmer
, Gründer und Mitinhaber der Agentur Palmer Watson Ltd, Zeitungs- designer und Berater, über aktuelle Trends.
WW: Worauf sollen sich Zeitungen konzentrieren, um gegenüber den neuen Medien konkurrenzfähig zu bleiben?
Ally Palmer: Gerade in England gibt es wenige Abozeitungen. Deshalb reagieren die Leute sehr stark auf das Internet und kommen so gratis an die Nachrichten heran. Zeitungen wie The Guardian, die ganz von Anfang an in ihr Online-Angebot investiert haben, sind sehr erfolgreich geworden. Die Zeitungen müssen sich überlegen, wie sie mit dem Internet zusammenarbeiten können. Wir leben in einer freien Gesellschaft. Die Menschen laden sich gratis Musik herunter, lesen Gratiszeitungen. Aber wenn man etwas wirklich mag, dann soll man auch dafür bezahlen. Das ist zur Zeit ein weiteres Hauptproblem für Zeitungen.
WW: Es gibt eine starke Tendenz Richtung Tabloid. Setzen seriöse Tageszeitungen ihren Ruf aufs Spiel?
Ally Palmer: In England gibt es nur noch drei Broadsheet-Zeitungen, die Financial Times, den Independent und den Daily Telegraph, in Norwegen nur noch eine. Tabloids sind sehr erfolgreich. Durch die allgemein schlechte Anzeigensituation haben jedoch auch sie Leser verloren. Vielleicht werden Zeitungen in Zukunft sogar noch kleinformatiger werden.
WW: Dieses Mal sind nur euopäische Zeitungen als «World’s Best Designed» ausgezeichnet worden. Was ist mit den amerikanischen Zeitungen los?
Ally Palmer: In Amerika fehlt der Konkurrenzdruck in der Zeitungsindustrie. Es gibt so viele Städte in Amerika mit nur einer oder zwei Zeitungen. In Europa dagegen herrscht unglaublicher Konkurrenzdruck. In Edingburgh zum Beispiel gibt es circa 15 Zeitungen täglich. Und es gibt insgesamt recht wenige Abonnenten. Das heisst, jeden Tag treffen die Leser eine Wahl. Darum gibt es in Europa viel bessere Zeitungen hinsichtlich Auftritt und Inhalt, besonders die deutschen. Man muss nicht unbedingt aggressiv sein, sondern sehr smart.
WW: Es gibt einen Trend, komplexe Infografiken zu verwenden. Wie kommen Redaktionen an die nötigen Fakten ran?
Ally Palmer: Die spanischen Grafiken sind zur Zeit die besten, die man in Zeitungen finden kann. Mindestens eine Person des Infografikteams muss Journalist sein. Es macht keinen Sinn, Infografiken zu produzieren, ohne dass man eine gute Basis dafür hat, sie quasi als Lückenfüller einzusetzen.
WW: Haben E-Papers Zukunft?*
Ally Palmer: Wenn sich die Technik entwickelt in den nächsten zehn Jahren, dann schon. Leute wollen es nicht kompliziert haben. Wenn sich E-Papers so einfach handhaben lassen wie Papier, dann gibt es sicher einen Markt dafür.
WW: Was halten Sie davon, Journalisten mit Hilfe von Templates Layouts selbst erstellen zu lassen?
Ally Palmer: Verleger wollen mit so wenig Personal wir möglich auskommen. Manchen Zeitungen sieht man es kaum an, dass sie ohne Designer arbeiten. Bei manchen merkt man das sofort. Im Grossen und Ganzen sind solche Zeitungen wenig überraschend und etwas langweilig. Ich hab eine Zeitung gesehen mit einem Teil, der ganz von Lesern gestaltet worden ist. Eine tolle Idee, aber ich hoffe nicht, dass das die Zukunft ist.
WW: Sie waren eines von vier Jurymitgliedern bei der Auswahl der «World’s Best Designed Newspapers» und haben selbst einen Preis bekommen. Waren Sie überrascht?
Ally Palmer: Als Jurymitglied durften wir nicht mitstimmen bei Projekten, wo wir in irgendeiner Weise «vorbelastet» waren. Wir haben das Gesamtbild der Zeitung beurteilt. Wir sind sehr stolz über die Auszeichnung, weil es mittlerweile unser viertes Design ist, das diesen Preis gewinnt.
Interview: Doris Oberneder.
* Im Engl. ist mit «E-Paper» das flexible Display gemeint.