Interview Das Wirtschaftsmagazin Cash geht ein. Thomas Trüb, bei Ringier Leiter Wirtschaftsmedien, erklärt Markus Knöpfli, warum er glaubt, beim Cash-Medienverbund auf Cash Weekly verzichten zu können. WW: Mit der Einstellung von Cash wird erstmals eine Bezahlzeitung direkt einer Gratiszeitung geopfert. Warum glauben Sie mehr an Cash Daily als an Cash?Thomas Trüb: Ich glaube, es geht hier nicht um den Gegensatz Bezahl- und Gratisblatt, sondern um den von Tages- und Wochenzeitung. Ich bin überzeugt, dass insbesondere im Wirtschaftsbereich Real-Time-Informationen über digitale Kanäle (Internet, Mobile) gefragter sind als wöchentliche. Da die Leute, die sich Wirtschaftsinformationen reinziehen, bereits mehrere Kanäle nutzen, ist es Zeit, dass auch die Medienhäuser diese Anforderungen erfüllen.WW: Cash-TV, Cash-Talk, Cash Daily, Cash Mobile – diese Produkte hätten den Kern, das Wochenblatt Cash, stärken sollen. Nun wird ausgerechnet der Kern entzogen. Der Marke Cash fehlt doch nun das Rückgrat.Thomas Trüb: Ich teile diese Meinung überhaupt nicht. Denn die Marke Cash ist eine starke Marke. Diese bleibt erhalten, richtet sich aber neu aus.WW: Wirklich? Sie suchen doch noch einen Investor für Cash. Das zeigt, dass Sie nicht mehr so recht an die Marke glauben.Thomas Trüb: Wir warten auf keinen Investor und wir haben auch noch nie einen gesucht. Wir sind aber von Gesetzes wegen verpflichtet, der Personalkommission eine Woche lang Zeit zu geben, uns alternative Vorschläge zur Einstellung zu unterbreiten. Ich will dieser Frist nicht vorgreifen. Aber Cash steht selbstverständlich nicht zum Verkauf.WW: Zu hören ist, die Redaktion habe ein Konzept mit einem gemeinsamen Newsroom für Daily, Internet und Weekly, durfte es aber der Konzernleitung nicht vorstellen. Warum?Thomas Trüb: Wir haben alle möglichen Optionen geprüft, darunter auch die von Ihnen beschriebene. Wir sind aber zum Schluss gekommen, dass die konsequente Neuausrichtung die richtige Antwort ist.WW: Unter den Wirtschaftstiteln hat Cash am meisten Leser und am meisten Leader. Das geben Sie auf. Die Alternative heisst: nochmals bei null anfangen.Thomas Trüb: Ganz und gar nicht, wir bauen auf Cash Daily und unserer starken Internetplattform auf. Cash.ch ist die grösste unabhängige Wirtschaftsplattform der Schweiz, diese entwickeln wir weiter. Das zweite Standbein ist Cash Daily – mit einer verteilten Printauflage von rund 100 000 Exemplaren und mit 27 000 registrierten Livepaper-Usern. Cash-TV hat ferner knapp 200 000 Zuschauer pro Woche. Wir verzichten also nur auf unsere Print-Wochenreichweiten. Das sind zwar sehr gute Werte , die sich aber im Werbemarkt nicht umsetzen liessen.WW: Die 200000 gemessenen Zuschauer von Cash-TV lasse ich gelten. Aber alles andere sind doch einfach Spekulationen.Thomas Trüb: Halt, bei Cash.ch weist uns die Wemf 14 Millionen Page Impressions pro Monat aus, eine Verdoppelung innerhalb von 18 Monaten. Diese Zahlen sind hart. Beglaubigte Reichweiten für Cash Daily sind nächstes Jahr erhältlich, aber wir sehen, wie sich die Distribution positiv entwickelt.WW: Für Cash Daily lassen sich die Auflagenzahlen erst im Herbst 2008 ausweisen, die Reichweiten erhalten Sie frühestens im nächsten Frühling, für die Nutzung des E-Papers gibt es noch keine Messmöglichkeit, ebenso wenig bei Mobile. Kurz: Ohne die harten Werte von Cash Weekly investiert Ringier ins Blaue hinaus.Thomas Trüb: Der Bereich Livepaper und Mobile macht mir wenig Sorgen, denn das ist für mich ein Laboratorium. Es ist zwar ärgerlich, dass man es nicht ausweisen kann, aber die Wemf wird bestimmt in vernünftiger Zeit eine Messlösung haben. Dass wir uns bei den Printreichweiten an die üblichen Spielregeln halten müssen, ist auch normal. Für uns ist es wichtig, einen Trend zu sehen. Cash Daily hat sich bereits eine gute inhaltliche Akzeptanz erarbeitet – die ständig steigenden Vertriebszahlen untermauern dies.WW: Bisher haben das die Inserenten aber nicht geglaubt: Cash Daily dümpelt vor sich hin, die Erträge lassen auf sich warten.Thomas Trüb: Cash Daily hat sich in der Finanzindustrie innert kürzester Zeit eine sehr gute Akzeptanz erarbeitet und erhält dementsprechend Anzeigen. Im Konsumgüterbereich haben wir aber noch viel Arbeit vor uns. Wir mussten tatsächlich lernen, dass die Werbewirtschaft etwas konservativer ist, als sie sich selber sieht. Sie stürzt sich nicht wohlwollend auf neue Projekte, sondern will zuerst harte Fakten. Das müssen wir akzeptieren. Bei 20 Minuten war das auch so, bei Heute ist es dasselbe.WW: Aber bei Cash hat Ringier schon fünf Jahre lang das Defizit getragen – wie viel will man denn noch in diese Marke investieren?Thomas Trüb: Da muss man eben unterscheiden: Cash Daily ist als Multimediaverbund ein neues Projekt, das erst acht Monate alt ist. Da werden wir schon noch etwas Geduld zeigen.WW: Cash Daily soll bereits 4,5 Millionen Franken aufgelaufene Kosten generiert haben und dem Budget um das Dreifache hinterherhinken. Bestätigen Sie diese Zahlen?Thomas Trüb: Interne Zahlen publizieren wir nicht. Aber dass die Lancierung einer neuen Tageszeitung in der Schweiz nicht zum Nulltarif zu haben ist, ist doch wohl klar. Gerüchteweise soll ja im Herbst ein neues Projekt in der Schweiz lanciert werden, da spricht man von einem Investitionsvolumen von 50 Millionen Franken an aufwärts …
WW: Wie sieht der Businessplan ohne Cash Weekly aus?Thomas Trüb: Ich gehe davon aus, dass wir in drei bis vier Jahren in die Gewinnzone kommen.WW: Und das primär basierend auf Inseraten und etwas Onlinewerbung?Thomas Trüb: Wir gehen von einem sehr starken Werbewachstum im ganzen digitalen Bereich aus. In der Schweiz ist das zwar noch auf tiefem Niveau, trotzdem wächst der Markt jährlich um 30 bis 35 Prozent. Wir rechnen zudem damit, dass wir dank der Multimediastrategie nicht nur Anzeigenkunden gewinnen, sondern auch Partner für längerfristige Projekte.WW: Was mich dennoch wundert: Als Sie Cash Daily lancierten, wussten Sie ja, dass dies zunächst nur hohe Zusatzkosten verursachen würde. Trotzdem haben Sie nach nur acht Monaten das Doppelexperiment Cash Weekly/Cash Daily abgeblasen. Ziemlich mutlos, oder?Thomas Trüb: Halt. Das neue Projekt blasen wir nicht ab, sondern bauen es aus. Bei Cash Weekly, das längerfristig defizitär bleiben würde, standen wir aber vor der Frage, ob wir es uns neben Cash Daily noch leisten wollten. Wir entschieden uns für einen konsequenten Schritt und setzen nun das Geld dort ein, wo wir Zukunftsperspektiven sehen: in einem Multimediaverbund, analog jenem von Betty Bossi und Gesundheit Sprechstunde. Diese Verbünde haben im Haus Ringier oberste Priorität. Im Übrigen stehen nicht nur wir vor solchen Entscheiden, sondern alle Wochenzeitungen, denn es ist ja schon lange klar, dass die meisten Wochentitel ihren Zenit überschritten haben. WW: Sie gehen also davon aus, dass es andern Schweizer Wochentiteln ähnlich ergehen wird?Thomas Trüb: Das will ich nicht kommentieren. Aber die Medienlandschaft ist im Umbruch, es gibt eine simple Folge: Das Internet übernimmt immer mehr Funktionen der Tageszeitungen, diese müssen deshalb mehr von den Funktionen eines Wochentitels übernehmen, indem sie mehr Hintergrund und Analyse bringen. Und damit haben die Wochenzeitungen ein Problem. Hier kommt spätestens der Kampf um die Zeit der Konsumenten hinzu, die aus immer grösseren Angeboten auswählen können. Dieser Trend ist allgemein zu beobachten und nur die wenigsten Wochentitel werden sich ihm entziehen können.WW: Das Wirtschaftsmagazin Bilanz wählte vor zwei Jahren genau den umgekehrten Weg: Das Hauptblatt wurde gestärkt, viele Specials und anderes Drumherum wurden eingestellt. Mit Erfolg. Wäre dies keine Lösung für Cash gewesen?Thomas Trüb: Ich glaube nicht, dass wir das Hauptblatt geschwächt hatten, es war stark und auch mit genügend Budget ausgestattet, um guten Journalismus zu machen. Aber das grosse Problem ist der Anzeigenmarkt, auf dem wir gegen die grossen Reichweitentitel chancenlos sind. Die Bilanz hat eine etwas andere Ausgangslage, weil sie im Bereich Magazine angesiedelt ist und in der Schweiz quasi ein Monopol hat.WW: Cash hat seinerzeit die Wirtschaftsberichterstattung revolutioniert, doch jetzt hat der Mohr seine Schuldigkeit getan. Was sagen Sie zu dieser These?Thomas Trüb: Cash war eindeutig ein Pionier und hat die Wirtschaftsberichterstattung tatsächlich total neu interpretiert und so aufbereitet, dass sie zu einem spannenden Thema wurde. Selbstverständlich werden erfolgreiche Konzepte kopiert. Deshalb sind die Sonntagszeitungen und das Nachrichtenmagazin Facts im Bereich Wirtschaft heute eine Riesenkonkurrenz. Aber mit unserem Multimediakonzept für Cash Daily haben wir jetzt wieder eine Pionierrolle übernommen.WW: Wird es den Cash-Schwestertiteln in Osteuropa und Asien ähnlich ergehen wie der Schweizer Ausgabe?Thomas Trüb: Das Risiko besteht überall, auch wenn jetzt gerade keiner dieser Titel vor einem ähnlichen Problem steht. Sämtliche Schwestertitel von Cash schreiben schwarze Zahlen. Tatsache aber ist: Die Lebenszyklen von Zeitungen und Zeitschriften werden kürzer, nicht länger.WW: Cash hat seit 2001 Jahr für Jahr Inserate verloren. Mit der Lancierung von Cash Daily hat sich die Erosion des Werbevolumens im Mutterblatt eher noch akzentuiert. Bei Blick und Heute ist eine ähnliche Entwicklung feststellbar: hohe Zusatzkosten durch das Gratisblatt, aber kein Mehrvolumen. Dort geht die Rechnung also auch nicht auf.Thomas Trüb: Das ist eine sehr eigenwillige Interpretation. Der Blick hat eine eher ländliche und gesetzte Leserschaft. Ringier überlegte sich deshalb, wie die ganz junge Generation erreicht werden könne und ob dies nur mit bestehenden Marken möglich sei. Unsere Antwort: Nein, wir müssen neue Marken schaffen. Darum machten wir Heute als Abendzeitung für die junge, urbane Bevölkerung. Heute ist derzeit die Zeitung mit dem jüngsten Leserpublikum, wesentlich jünger noch als 20 Minuten. Also ist es zielgenau gelandet. Nun muss Heute zuerst harte Zahlen bringen, danach wird sich auch der Anzeigenmarkt entwickeln. Leider dauert dies länger, als wir gehofft haben. Aber es gelingt, da bin ich mir sicher, weil wir ein einzigartiges Zielpublikum abholen – und erst noch zu einer Zeit, zu der dies sonst niemand tut. Zudem wollen wir auch hier einen Medienverbund kreieren, mit Print, Online, Mobile und dank dem Kauf von Radio Energy auch mit Musik. Der Blick dagegen hat eine fast fünfzigjährige Geschichte und ist in dieser Zeit zu einer ausserordentlich starken Marke gewachsen. Nun wird er rundum erneuert und Sie dürfen gespannt sein, was uns der neue Blick in Zukunft so alles zu bieten hat.WW: In den letzten fünf Monaten haben Sie bei wesentlichen Entscheiden in der Schweiz mitgewirkt: beim Energy-Kauf und jetzt auch bei Cash. An sich hat Ringier in der Person von Thomas Landolt einen neuen Schweiz-Verantwortlichen. Geht es auf die Dauer gut, wenn Sie so stark im Schweizer Geschäft mitreden?Thomas Trüb: Ich bin ja im Geschäftsbereich Schweiz offiziell zuständig für Wirtschaftsmedien. Ich bewege mich also nicht ausserhalb der Organisation. Zudem erfolgten alle Entscheide in Absprache mit Herrn Landolt.WW: Was passiert mit Dirk Schütz, dem Cash-Chefredaktor?Thomas Trüb: Er ist weiter an Bord, um die Sache bis Ende Juni professionell durchzuziehen. Danach werden wir darüber sprechen, ob er weiterhin etwas im Haus Ringier machen oder ob er eine neue Herausforderung annehmen will.WW: Cash hat derzeit um die 45 000 zahlende Abonnenten. Damit stärken Sie nun Axel Springer. Wann verkauft Ringier auch noch die TV-Zeitschriften an Springer?Thomas Trüb: Keine Ahnung. Da bin ich total überfragt (lacht).
Thomas TrübGeburtsdatum: 27. 8. 1952
Zivilstand: verheiratet, ein Sohn (20)
Wohnort: Luzern
WerdegangThomas Trüb absolvierte die Ringier-Journalistenschule, war bis 1977 beim Blick, wechselte dann zur Bilanz und wurde 1980 stellvertretender Chefredaktor der Luzerner Neusten Nachrichten. 1984 ging er zu Denner, wo er beim Konzept einer (nie erschienenen) Sonntagszeitung mithalf. Dann machte er sich selbstständig und entwarf das Konzept für Politik & Wirtschaft, später auch für das SonntagsBlatt. Danach unternahm er während eineinhalb Jahren private Reisen nach Asien und Amerika. 1988 kehrte Trüb zurück zu Ringier und begann mit der Entwicklung von Cash, das 1989 startete. Später baute er die Ringier-Verlagsaktvitäten in Osteuropa und Asien auf. Heute ist Trüb Mitglied der Konzernleitung, zuständig für Ringier Pacific, neue Medien, sowie in der Schweiz für den Bereich Wirtschaftsmedien.
Thomas Trüb zu Stichworten:
L’Hebdo
Hervorragend gemachtes Newsmagazin.
Markus Gisler
Hat als Cash-Chefredaktor einen tollen Job gemacht.
Gratiszeitungsprojekte von Sacha Wigdorovits und Tamedia
In Las Vegas startete letztes Wochenende die Pokerweltmeisterschaft. Hoher Einsatz – und nur einer kann gewinnen.