Distribution Mit der neuen Presseförderung ist niemand ganz glücklich – weder die Post noch die Verlage. Das neue Modell schafft offene Fragen. Diese erläutert Hanspeter Kellermüller, Geschäftsführer beim Verband Schweizer Presse. WW: Bei der Presseförderung kam das Ständeratsmodell durch – aus Sicht des Verlegerverbandes die zweitbeste Lösung. Welches sind die Folgen?
Hanspeter Kellermüller: Gute Frage. Das Modell bringt uns und die Post in eine Situation, in der wir noch nicht alles abschätzen können. So ist etwa unklar, wie die Profit- von der Nonprofit-Mitgliedschaftspresse abgegrenzt werden soll. Auch die Ausgestaltung des Gesamttarifs ist offen. Das Hauptproblem aber sind die Titel, die nicht unter die Sonderförderung fallen, bei der Post aber zu wenig Volumen erreichen, um mit ihr Grosskundenrabatte aushandeln zu können. Wir befürchten, dass dieses Mittelfeld am Ende die Zeche bezahlt und dass es an den Grenzen zu Marktverzerrungen kommt. Letzteres passiert zwar bei jedem Förderungsmodell, aber unseres Erachtens wäre das nationalrätliche Modell ausgewogener gewesen. Schliesslich stehen auch 50 Millionen Franken weniger zur Verfügung, so dass wir Tariferhöhungen befürchten.
WW: Das hat die Post auch mehrfach angedroht. Welchen Spielraum hat sie tatsächlich?
HK: Auf Grund des neuen Entscheids besteht diese Möglichkeit. Dies wäre angesichts der bisherigen Preisentwicklung für die Branche untragbar und wir erwarten deshalb von der Post keine volle Überwälzung. Im Tarifbereich, den die Post nicht mehr vom UVEK genehmigen lassen muss, wird für uns aber rein rechtlich die Handhabe kleiner. Immerhin gibt es noch den Preisüberwacher, der bei marktmächtigen Unternehmen mitredet.
WW: Was wissen Sie schon über die Zeitungstransporttarife ab 2008?
HK: Nichts Konkretes. Die Post muss erst alles durchrechnen und entscheiden, wie viel von den fehlenden 50 Millionen Franken sie auf die Verlage abwälzen will. Konkrete Zahlen sollen in der zweiten Hälfte August vorliegen. Das ist knapp, denn das fällt genau in die Budgetphase der Verlage. Kommt dazu, dass auch das UVEK und der Preisüberwacher noch Zeit benötigen.
WW: Ihr Verband und die Post haben das Pressetarifsystem überarbeitet. Ist das nun Makulatur?
HK: Hoffentlich nicht. Wir erwarten, dass die Post das vorgeschlagene Tarifsystem nun in dem Bereich anwendet, der nicht mehr vom UVEK genehmigt werden muss.
WW: Worin unterscheidet es sich denn vom geltenden Tarifsystem?
HK: Das bisherige System enthielt Aspekte, die nicht betriebswirtschaftlich, sondern pressepolitisch motiviert waren: Grob gesagt kamen die leichten Titel relativ gut davon, die schweren Zeitungen bezahlten eine Art Solidaritätsbeitrag. Wir einigten uns dann mit der Post auf ein transparenteres, kostenbasiertes Tarifsystem, bei dem die pressepolitischen Aspekte in Form von Förderungsrabatten abgezogen werden. Das war übrigens auch die Basis für das nationalrätliche Presseförderungsmodell.
WW: Die Verlage scheinen sich damit abzufinden, dass ihnen ein Teil der wegfallenden Millionen überwälzt wird. Das Verbandscommuniqué vor 14 Tagen klang da noch kämpferischer: Sie forderten von der Post Kostensenkungsmassnahmen, die die Kürzungen auffangen.
HK: Diese Forderung ist in einem speziellen Kontext zu sehen: In den letzten zehn Jahren überwälzte die Post den Verlagen insgesamt 120 Millionen Franken an Mehrkosten. Diese ständigen Preisanstiege wollten wir als wichtige Kundengruppe nicht mehr akzeptieren und verlangten von der Post Einsparungen. Diesbezüglich haben wir gemeinsam mit der Post auch einiges erreicht, etwa bei der Zeitungslogistik. Aber wir sehen weiteres Potenzial. Der nun wegfallende Betrag verändert zwar die Ausgangslage. Aber unsere Grundforderung nach Kosten- und Tarifsenkungen bleibt aktuell.
WW: Dies, obwohl die Post derzeit bei der Zeitungsdistribution ein Millionendefizit geltend macht?
HK: Das Defizit der Post bezweifeln wir zwar in dieser Form. Allerdings ist es sehr schwierig, von aussen ein klares Bild über ihr Kostensystem zu erhalten.
WW: Im Communiqué gingen Sie noch weiter und verlangten von der Post gar Tarifsenkungen. Ist das realistisch?
HK: Wir sind nicht so naiv, nun eine globale Tarifsenkung zu erwarten. Aber wir verlangen Reduktionen vor allem für die mittelgrossen und schweren Zeitungen, weil sie vom geltenden Tarifsystem überdurchschnittlich zur Kasse gebeten werden. Es darf nun nicht sein, dass die Post den Solidaritätsbeitrag einfach beibehält und noch x Millionen an Kosten obendrauf setzt. WW: Die Post-Tochter Direct Mail Company (DMC) bietet der neuen Gratiszeitung .ch die Distribution wesentlich günstiger an, als es die Post je tat. Verlangen Sie die Tarifsenkungen auch deshalb?
HK: Das hängt für viele Verleger sicher eng damit zusammen. Die rund 30 Rappen pro Exemplar, die sie heute der Post bezahlen, sind ja bereits ein staatlich geförderter Vorzugspreis – und nun soll dies plötzlich ohne Presseförderung für gut 7 Rappen möglich sein? Zwar bietet DMC keine adressierte Zustellung, sie geht aber in die Häuser, und das erst noch frühmorgens. Logisch, dass nun mancher Verleger auch von der Post einen deutlich besseren Tarif will.
WW: Wegen des DMC-Angebots warf Ihr Verband der Post vor, es mit der Wahrheit nicht genau zu nehmen. Im Juni fand dann eine Aussprache mit Post-Chef Ulrich Gygi statt. Hat er den DMC-Preis von 7,2 Rappen bestätigt? Und vertrauen Sie ihm nun wieder?
HK: Ein solches Gespräch fand statt. Zum Inhalt kann ich sagen, dass wir verschiedene Aspekte des Projektes .ch diskutierten und auch Bezüge zur laufenden Tarifdebatte und zur Presseförderung herstellten. Wir haben seitens des Verlegerverbands signalisiert, dass wir unsere Partnerschaft nicht als beendet ansehen, dass sie aber wesentlich vom Tarifangebot der Post abhänge. Wir sagten auch, dass die Verleger Hand bieten für weitere logistische Verbesserungen.
WW: Die Verleger haben ja über ein offizielles Post-Papier von den 7,2 Rappen erfahren. Hat sich Postchef Gygi davon distanziert?
HK: Ich persönlich weiss nicht, woher dieser Preis kommt. Meines Wissens wurde dieses Preisniveau aber auch nie dementiert. Offenbar liegt dem Preis jedoch ein anderes Berechnungsmodell zugrunde als bei der Post. Seitens der Post wurde uns aber versichert, dass DMC von der Post nicht quersubventioniert werde. WW: Zurück zu den Folgen der neuen Presseförderung: Treibt die Politik mit ihrem Entscheid die Mittelfeldzeitungen den Grossverlagen in die Hände? HK: Im volumenmässigen Mittelfeld finden sich auch grosse Titel, die ihre Auflage grösstenteils über private Frühzustellfirmen und nur zu einem kleinen Teil über die Post vertreiben lassen. Sie werden nun vermutlich nach Post-Alternativen Ausschau halten und vielleicht auch eigene aufbauen. Ihr Problem dabei: Der Postmarkt ist noch nicht voll liberalisiert. Wäre dies der Fall, hätte dies einen disziplinierenden Einfluss auf die Post. So aber hat sie bei der Briefpost weiterhin ein relativ hohes Monopol, was Konkurrenten davon abhalten kann, in die Distribution einzusteigen.
WW: Dennoch entwickelten einige Verlage bereits ein Modell für eine alternative Tageszustellorganisation (AZO), die vom Verband auch begleitet wird. Nehmen Sie diese AZO nun wieder aus der Schublade? HK: AZO ist nicht in der Verbandsschublade, sondern bei den Verlagen, die das Modell ausgearbeitet haben. Was diese nun konkret vorhaben, weiss ich nicht. Aber sobald man mehr über die Preisentwicklung bei der Post weiss, wird sich die Suche nach Zustellalternativen sicherlich intensivieren.
Interview: Markus Knöpfli
Eine Idee – zwei Modelle Bei der indirekten Presseförderung
kamen bisher Bund, Post und Verleger gemeinsam für die Verbilligung der Transporttarife für abonnierte Zeitungen und Zeitschriften auf. 2003 wurde der Bundesbeitrag von 100 auf 80 Millionen Franken gesenkt und auf Ende 2007 befristet. Der Nationalrat verlangte aber eine Fortführung, wobei er vom Bund neu 60 Millionen Franken pro Jahr für die allgemeine Verbilligung der Pressetarife verlangte, dazu weitere 20 Millionen, um die Beförderung kleinauflagiger Titel zusätzlich zu vergünstigen.
Der Ständerat sprach dagegen
nur 30 Millionen Franken – 20 Millionen für die Regional- und Lokalzeitungen (Auflage bis 40000 Exemplare) sowie 10 Millionen für Mitgliederzeitungen nicht gewinnorientierter Organisationen (Auflage bis 300000). Die Organe von Coop, Migros und TCS fallen damit raus. In der Differenzbereinigung kam schliesslich das Ständeratsmodell durch. (mk)
Die Post schweigt Ob Gratiszeitung .ch oder Presseförderung
– die Post schweigt seit Wochen. Ulrich Hurni, neuer VR-Präsident von Direkct Mail Company (DMC) und auch Mitglied der Geschäftsleitung von Swiss Post International, wäre zwar für ein Interview bereit, er wurde aber von Post-Sprecher Richard Pfister zurückgepfiffen. «Es ist aus unserer Sicht der falsche Zeitpunkt», sagt Pfister, Auskünfte zu den erwähnten Themen gebe es im September. Zudem sei der Presseförderungsentscheid ja erst gefallen. «Da macht es keinen Sinn mehr, über die Vergangenheit zu reden. Wir müssen jetzt den Entscheid umsetzen und mit den Verlegern reden. Das braucht Zeit», sagt er. (mk)