Das neue TV-Versorgungsgebiet Zürich-Nordostschweiz, das nun die Kantone Zürich, Thurgau und Schaffhausen mit insgesamt 1,6 Millionen Einwohnern umfasst und zwei Fensterlösungen vorsieht, hat schon jetzt mindestens drei Interessenten. Nicht überraschend hat sich der Medienkonzern Tamedia über seinen TV-Sender Tele Züri am Mittwoch sofort bekannt, dass er sich um eine Konzession bewerben will. Zwar wurde im Pressetext bedauert, dass das Gebiet im Westen exakt der Kantonsgrenze folgt und nicht mehr in den Aargau und auch nicht mehr bis fast nach Zug reicht. Grundsätzlich aber begrüsst Tamedia den Entscheid des Bundesrates. Der zweite Interessent ist der Glatttaler Lokalsender Züri Plus, dem eigentlich ein Gebiet vorschwebt, das sich von Glarus über Zürich bis Schaffhausen erstreckt – so wie das im ursprünglichen Vorschlag vorgesehen war. Um dieses Gebiet abdecken zu können, hatte sich Züri Plus mit Ringier, SchaffhauserTV, Tele Südostschweiz und Goldbach Media zusammen getan. Obwohl der Kanton Glarus nun nicht mehr zum Versorgungsgebiet Zürich-Nordostschweiz gehört, «werden wir uns trotzdem um die Konzession bemühen – halt ohne Tele Südostschweiz», meinte Züri-Plus-Geschäftsführer Peter Steinmann. Er schränkte jedoch ein, dass er sich nach dem gestrigen Bundesratsentscheid noch nicht mit seinen Partnern habe absprechen können.
Seine Bewerbungsabsicht ebenfalls sehr rasch kund getan hat Tele Top, das heute neben seinem Kerngebiet Winterthur/Frauenfeld auch Schaffhausen und St. Gallen abdeckt. Top-Chef Günter Heuberger zeigte sich «sehr zufrieden» über das Versorgungsgebiet Zürich-Nordostschweiz, möchte aber auch St. Gallen dazu: Er wird sich deshalb auch für die zweite Ostschweizer Konzession, die St. Gallen, die beiden Appenzell und das Oberthurgau umfasst, bewerben, wohl wissend, dass er – im Falle eines Zuschlags – dann gegen zwei starke, ja übermächtige Gegner antreten müsste: Tele Züri im Westen und Tele Ostschweiz im Osten – die beide schon früher klar gemacht hatten, notfalls auch ohne Gebührensplitting und Leistungsauftrag weiter zu senden.
Am Mittwoch allerdings mochte sich Hanspeter Klauser, VR-Präsident von Tele Ostschweiz, nicht zu einem solchen Szenario äussern. Er verwies vielmehr auf die «guten Leistungswerte» seines Senders, die sich «eklatant» von den Werten von Tele Top im Gebiet St. Gallen abhöben. «Wir werden uns jedenfalls bewerben und rechnen uns auch gute Chancen aus», sagte er.
Unzufrieden über den «etwas aussergewöhnlichen Entscheid des Bundesrates» zeigte sich Norbert Neininger, Verleger der Schaffhauser Nachrichten und Chef des Schaffhauser Fernsehens. Als Präsidiumsmitlied des Verlegerverbandes hatte er seinerzeit ein Konzept präsentiert, das 14 Versorgungsgebiete vorsah, darunter auch ein eigenes für den Kanton Schaffhausen. Dass es für die Kantone Schaffhausen, Zürich und Thurgau nun eine «Grosskonzession» geben soll, bedauert er. Ins selbe Horn stiess am Mittwoch auch die Schaffhauser Kantonsregierung. Sie erwarte nun, schrieb sie, dass bei der Schaffhauser Fensterlösung nun wenigstens das Schaffhauser Fernsehen zum Zug komme.
Nicht zuletzt diese deutliche Parteinahme bringt Neininger in eine spezielle Position: Sein Sender dürfte nun besonders stark umworben werden und somit gewissermassen das Zünglein an der Waage spielen. Diese Situation scheint er auch auszukosten, sieht er für sich doch gleich vier Handlungsoptionen. Im Zentrum stehe eine Fortsetzung des Projektes Züri Plus mit Fensterlösungen für Schaffhausen und Thurgau, sagte er. Offen halten will er sich aber auch Kooperationsgespräche «mit andern potenziellen Bewerbern für das Versorgungsgebiet Zürich-Nordostschweiz». Drittens schliesst Neininger auch einen Weiterbetrieb seines Senders ohne Gebührensplitting und Leistungsauftrag nicht aus, er fügt jedoch hinzu, dass dies nicht seine Lieblingslösung sei. Und als letztes behält er sich vor, den gestrigen Bundesratentscheid beim Bundesverwaltungsgericht anzufechten.
Nicht nur in Schaffhausen, auch in Winterthur, Uster, Kloten, Frauenfeld und Weinfelden nahmen Behörden Partei für einen Sender – dort allerdings für Tele Top. Die fünf Gemeinden begrüssten den Bundesratsentscheid, weil er Tele Top die Chance gebe, «durch ein gutes Konzept die Konzession für dieses Sendegebiet zu erhalten.» Man werde sich nun dafür einsetzen, «dass der zu wählende Veranstalter gute Startbedingungen erhält, um die Konzentration im Zeitungsbereich nicht auf die elektronischen Medien überschwappen zu lassen.» Ähnlich liess sich auch das Medien-Forum in Köniz vernehmen, das sich selbst als «unabhängige Interessengemeinschaft der Schweizer Medienkonsumenten» bezeichnet.
Markus Knöpfli