Ökomarketing Anzeigen und PR-Kampagnen, die das Umweltbewusstsein und das ethische Verhalten von Unternehmen preisen, ist der letzte Schrei im US-Marketing. Es vergeht keine Woche, in der nicht eine neue Ökokampagne oder Naturschutzaktion gestartet wird. Grosse Konzerne wie Wal-Mart, FedEx oder Procter & Gamble sind ganz vorne mit dabei. Eines der jüngsten Projekte, das allein durch sein Volumen auffällt, ist eine 20 Milliarden Dollar umfassende Initiative der Bank of America, dem grössten US-Finanzinstitut. Mit dieser Initiative sollen in den nächsten zehn Jahren umweltfreundliche Wirtschaftsprojekte angeschoben und damit auf den Klimawandel aufmerksam gemacht werden. «Die Initiative ist herausragend, weil die Bank of America gute Geschäfte machen kann und zugleich eine hervorragende PR-Kampagne damit verknüpft», sagt Jacquelyn Ottman, Business Consultant und Autorin des Buches «Green Marketing». Und genau dies ist ihrer Meinung nach auch der Grund, dass so viele Firmen auf den Öko-Zug aufspringen. «Es ist nicht nur gut für das Image einer Firma, sondern auch für ihr Geschäft.»
Ähnlich innovativ ist auch die neue Kampagne des Baumaterial-Unternehmens Home Depot, das vor wenigen Wochen als erster Handelskonzern ein hauseigenes grünes Label namens «Eco Options» eingeführt hat. Damit werden über 2500 umweltfreundliche Produkte wie etwa reizstoffarmer Insektenspray oder organischer Torf ausgezeichnet. Die Firma reagiert damit unter anderem auf den wachsenden Trend zum ökologischen Bauen.
Dabei ist es erst wenige Jahre her, dass globale Konzerne wie Nike, The Gap oder Chiquita negative Schlagzeilen wegen unethischer Geschäftspraktiken, wie etwa Kinderarbeit in Drittwelt-Ländern, machten. Alle drei Firmen haben ihre Probleme seitdem öffentlich diskutiert, ihre Methoden revidiert und gehören heute zu jenen US-Konzernen, die als Vorbilder im Bereich Corporate Social Responsibility (CSR) gelten – jenem Unternehmenssektor also, der sich mit den ethischen Fragen des Business auseinandersetzt und Bereiche wie Arbeitnehmerrechte, Philantropie und umweltfreundliche Produktion umfasst. «Früher war es Qualität, was die Marken voneinander unterschied. Heute ist es der Ruf einer Firma», sagt Bradley Googins, Direktor des Boston College Center for Corporate Citizenship. «Die Kunden, aber auch die Beschäftigten erwarten heute mehr von einer Firma in dieser Hinsicht.» Die Zielgruppe dieser Bemühungen auf Konsumentenebene ist das so genannte «Lifestyle of Health and Sustainability» (Lohas)-Segment, eine rund 50 Millionen starke Bevölkerungsgruppe in den USA, die in ihren Kaufentscheidungen grossen Wert auf Umwelt, Menschenrechte und Gesundheit legt.
Einige Unternehmen begannen schon in den 90er-Jahren, Abteilungen für «Community Relations» zu gründen, die häufig dem direkten lokalen Umfeld des Unternehmens zu Nutze kamen. Doch die Bemühungen der Konzerne, diese Aktivitäten auch nach aussen zu kommunizieren, gingen im vergangenen Jahr sprunghaft in die Höhe, sagt Jay Whitehead, CEO des Business-Magazins The CRO. «Die Fachzeitschrift wurde im gleichen Jahr gegründet, nachdem Unternehmen wie General Electric, BP, Toyota oder Ecolab 2006 anfingen, sich von den defensiven Kommunikationspraktiken abzuwenden und offensiv Geld in CSR zu investieren, um mehr Produkte zu verkaufen, Kapital zu gewinnen und talentierte Beschäftigte anzuheuern.» Laut Whitehead wurden allein 2006 insgesamt 31,7 Milliarden Dollar für CSR ausgegeben.
Industriebeobachter glauben jedoch auch, dass mit dem zunehmenden Umweltbewusstsein der Verbraucher auch die Skepsis am Wahrheitsgehalt solcher Kampagnen wachsen wird. So galt die von General Electric (GE) schon 2005 eingeführte Kampagne «Ecomagination», die für die Nutzung umweltverträglicher Energien warb, lange Zeit als Vorbild für eine überzeugende Ökowerbung. Doch nicht alle grünen Marketer sind davon überzeugt, hat GE seitdem doch nicht nur energiesparendere Lokomotiven hergestellt, sondern gleichzeitig auch Lobby betrieben, um geplante neue Smog-Regulierungen der Regierung zu konterkarieren. «GE widerspricht damit seinen eigenen Grundsätzen», sagt BJ Cook, Direktor bei der Ökomarketingagentur Digital Telepathy, der darauf hinweist, dass dies in der Öffentlichkeit jedoch kaum diskutiert wird. «Man wollte in erster Linie Nutzen daraus schlagen, und das gelang auch, indem man beim Kunden Markenbewusstsein schuf.»
Gerti Schön, New York
«CSR ist überall integriert»
Stanley Litow,
bei IBM für die Corporate Social Responsibility zuständig, über Ökologie als Marketingtool.
WW: Wie kann man CSR in eine erfolgreiche Marketing- und Kommunikationsstrategie integrieren?
Stanley Litow: Man kommuniziert seine Grundsätze zuallererst an Kunden und Geschäftspartner. Wir betreiben eine 47 Milliarden Dollar schwere Zuliefererkette, das sind Firmen, die regelmässig mit uns zusammenarbeiten. Es gibt einen Verhaltenskodex für diese Unternehmen, der nicht nur unsere CSR-Praktiken enthält, sondern auch das, was wir von unseren Partnern erwarten. CSR wird in alle unsere Aktivitäten integriert, unser Marketing, unsere Werbung, unsere Kundenbeziehungen, unsere Angestelltenpolitik und Business-Beziehungen.
WW: Wie glaubhaft kann ein Unternehmen dastehen, das sich laufend selbst lobt?
SL: Es ist wichtig, Dritte dabei einzuschalten, statt es allein zu machen. IBM hat beispielsweise ein Netzwerk zur Promotion von Technologien zu Gunsten humanitärer Zwecke gestartet, und viele Organisationen haben darüber berichtet. Wir überlassen es anderen, unsere Fortschritte zu loben.
WW: Was ist der Schlüssel zu einer erfolgreichen CSR-Politik?
SL: Man braucht den entsprechenden Content. Man kann keine schlechten Bilanzen hernehmen und dann versuchen, sie als etwas Positives zu verkaufen, das wäre, als würde man eine Bulldogge mit Lippenstift schminken. Die Leute sind nicht dumm, sie merken, wenn man versucht, sie einzuseifen.
Interview Gerti Schön