SF-Archiv Es wird mehrere Monate dauern, bis das Schweizer Fernsehen sein beschädigtes Sendungsarchiv wieder vollständig im Internet für das Publikum zugänglich machen kann. Wo und weshalb das Schlamassel geschehen konnte, bleibt weiterhin ein Geheimnis. Sowohl bei der SRG als auch beim Schweizer Fernsehen SF heisst es seit Wochen, die Ursache des Defekts habe noch nicht eruiert werden können. Bekannt ist soviel: Seit Mitte März steht der grösste Teil des frei zugänglichen Sendungsarchivs des Schweizer Fernsehens auf dessen Webseite sf.tv nicht mehr zur Verfügung (WW 25/07, Frontseite). Die entsprechenden Daten, das bestätigt SF-Multimedia-Chef Walter Bachmann, sind unwiderruflich beschädigt. Davon betroffen sind mehrere tausend Stunden für den Online-Abruf aufbereitete SF-Produktionen: sieben Jahrgänge «Tagesschau» und «Schweiz aktuell», sechs Jahre «Rundschau» und «Kassensturz» und weiteres – alles futsch und ade. Nicht betroffen von der Mega-Panne sind die Rohmitschnitte der Sendungen.
Herausforderung beim Umzug nicht gemeistert Gerüchteweise und von SRG-Mitarbeitern bestätigt, die ihren Namen jedoch hier nicht lesen möchten, soll es bei der Räumung des Gebäudes der Generaldirektion an der Giaccomettistrasse 3 in Bern zum Datenverlust gekommen sein. Im Untergeschoss der Liegenschaft befanden sich die Server mit den Videodaten von SF. Weil das Hochhaus zur Zeit umgebaut wird, musste die Hardware in einem provisorischen Serverraum bei Swissinfo nebenan untergebracht werden. Irgend etwas muss auf dem Weg zwischen Hausnummer 3 und 1 vorgefallen sein.
Dass der Umzug eine heikle Operation werden würde, war den Verantwortlichen schon seit längerem bewusst. So schreibt der Leiter Information Technology im Jahresbericht 2006 von Swissinfo zu Projekten für das laufende Jahr: «Eine grosse betriebliche Herausforderung ist dabei die Verschiebung aller Systeme vom bisherigen Rechenzentrum in die neuen Räumlichkeiten, ohne dass dabei die Produktionssysteme merkbar unterbrochen werden dürfen.»
Offenbar war man dieser Herausforderung nicht gewachsen. Sicherungskopien der gelöschten Daten gibt es keine. Der Fall liegt nun zur Abklärung bei der internen Revisionsstelle der SRG. Ihr Leiter, Martin Hirschi, wollte auf Anfrage keine Auskunft geben. Unabhängig von seinen Erkenntnissen macht sich das Schweizer Fernsehen nun daran, das eingeschränkte Archivangebot wieder zu vervollständigen. Hierzu müssen die vorhandenen Originaldaten der betroffenen Sendungen in ein Format konvertiert werden, das von der Abspiel-Software Realplayer gelesen werden kann.
Inskünftig bessere Qualität Der Aufwand für diese Datenaufbereitung hält sich sowohl in technischer als auch in finanzieller Hinsicht in Grenzen. Da die SRG ihre kompletten Bestände an historischem Filmmaterial derzeit sowieso digitalisieren lässt, kann die Wiederherstellung der defekten SF-Daten in einem Aufwasch mit dem Grossprojekt erledigt werden (siehe Kasten). Ganz ohne Zusatzkosten geht es aber nicht. «Unter dem Strich kostet es mehr, als wenn wir es nicht hätten tun müssen», sagt der bei SF zuständige Walter Bachmann. Um welche Beträge es sich handelt, sagt er aber nicht. Auch ist noch unklar, wer dafür aufkommt, da ja SF nachweislich nicht selbst für den Schaden verantwortlich ist. So wie es aussieht, müssten die Konten von Swissinfo belastet werden.
Doch der Datenverlust hat auch eine positive Seite. All jene Sendungen, die nun für die Online-Nutzung erneut aufbereitet werden, kann das interessierte Publikum künftig in einer besseren Qualität anschauen als bisher. Bis es soweit ist, wird es allerdings noch eine Weile dauern. «Wenn wir den Fahrplan einhalten können, werden wir in den nächsten rund sechs Monaten die Beiträge wieder aufschalten», sagt Bachmann.
Nick Lüthi
Im Tessin rattert der Roboter
Bis in sieben Jahren soll sämtliches Filmmaterial
in digitaler Form abgespeichert und verfügbar sein, das SF, TSR und TSI, die drei sprachregionalen Fernsehunternehmen der SRG, in den letzten rund 50 Jahren produziert haben. Seit März werden dazu in Comano beim Tessiner Fernsehen Abertausende von Beta-Videobändern, wo die Sendungen zur Sicherung aufgezeichnet sind, in digitaler Form auf LTO-Magnetband-Massenspeicher überspielt. Bei der Abarbeitung der 200000 Stunden Bildmaterial hilft ein Industrieroboter. Entwickelt hat die Anlage eine private Firma im Auftrag der SRG.
Neben der Erleichterung der aktuellen TV-Produktion
– Fernsehmitarbeiter können schneller auf jede beliebige Sequenz aus dem enormen Bilderfundus zugreifen – gibt es bei der SRG auch Pläne, das historische Material dem Publikum zugänglich zu machen. In welcher Form genau, ob kostenpflichtig oder gratis, ist noch nicht entschieden. Berücksichtigt werden müssen in diesem Zusammenhang auch die politischen Vorgaben, das heisst die Konzessionsbestimmungen. «Im Entwurf zur neuen SRG-Konzession ist die Möglichkeit eines kostenpflichtigen Angebots explizit vorgesehen», weiss SF-Multimedia-Chef Walter Bachmann. (nil)