Web-Werbung Die US-Verlage setzen auf die steigenden Umsätze durch Online-Videos.
Frisch vermählte New Yorker Ehepaare, die bisher lediglich hoffen durften, mit einer kurzen Mitteilung auf der «Weddings»-Seite der Printausgabe zu erscheinen, haben jetzt auch die Möglichkeit, ihr Glück mit der ganzen Welt zu teilen, indem sie ein Video unter dem Motto «How we met» bei der Times einreichen. Sofern das Stück anständig gemacht ist, hat es gute Chancen, ausserdem auf der NYTimes.com-Webseite zu erscheinen.Das Projekt ist der erste Vorstoss der Zeitung in Sachen User Generated Content, was heisst, dass nicht nur Videos unter dem Markennamen der Times erscheinen, die von Zeitungsprofis gemacht werden, sondern eben auch die Machwerke ihrer Leser. «Wir werden uns im nächsten Jahr mehr darauf konzentrieren, derzeit experimentieren wir noch», sagt Vivian Schiller, Senior Vice President und General Manager von NYTimes.com. «Wir wollen hören, was unsere Leser zu sagen haben.»
Obwohl die meisten US-Zeitungen Online-Video entdeckt haben, verfolgt die Times eine der innovativsten Strategien. Anfang August launchte NYTimes.com eine Reihe so genannter Langform-Werbeclips für FedEx. Die etwa fünfminütigen Beiträge zeigen FedEx-Angestellte auf der ganzen Welt, die ihre Stories einem breiten Publikum erzählen. Der Verlag rüstet ausserdem die Reporter und Fotografen, die an der Produktion von Videobeiträgen interessiert sind, mit Kameras aus. Rund 25 bis 30 neue Beiträge, jeweils zwischen drei und sieben Minuten lang, erscheinen pro Woche und bescheren der Times im Durchschnitt fünf Millionen Streams monatlich.
Alle Rekorde brach vor kurzem Technologie-Reporter David Pogue, der den Launch von Apples iPhone in eine satirische Story verpackte und es damit zum zweitpopulärsten Video auf YouTube schaffte. Die Times-Videos widmen sich auch politischen und kulturellen Entwicklungen. «Die Themen unserer Videos durchlaufen die ganze Skala von Kochrezepten bis hin zu den jüngsten Grausamkeiten in Tschetschenien», sagt Schiller. Ähnlich viel Aufsehen wie Pogue erregte auch das Washington-Post-Video «Hi, I’m Art Buchwald and I just died». Darin gab der todkranke, populäre Zeitungskolumnist, der kurz darauf starb, in heiterem Ton seinen eigenen Nachruf zum Besten.
TV-Sender abgehängtDie Printpublikationen wollen mit ihrer Online-Strategie den sinkenden Auflagen und Anzeigeneinnahmen ihrer Print-Editionen mit neuen Einnahmequellen im Multimediasektor entgegenwirken. Aus diesem Gund experimentieren viele Zeitungen online mit «Pre-Roll-Advertising», das heisst, vor jedem Videoclip wird ein kurzer, etwa fünf Sekunden langer Werbespot gezeigt. Den Zeitungen hat dies bereits erste Erfolge eingebracht: Laut eines Berichts des Forschungsinstituts Borrell Associates sind es die Zeitungsverlage, die in diesem Jahr mit 35,9 Prozent den grössten Teil der entscheidenden lokalen Werbung online verbuchen können. Selbst die TV-Sender liegen mit 7,7 Prozent weit abgeschlagen am Ende der Tabelle. 2006 gab die werbetreibende Industrie 5,7 Milliarden Dollar für lokale Werbung aus, wovon mit 2,6 Milliarden 45 Prozent an die lokalen und regionalen Zeitungsverlage gingen.
Die New York Times will allein mit den Werbeeinnahmen aus ihrem Online-Video- Business langfristig 30 Millionen Dollar jährlich generieren. «Das heisst jedoch nicht, dass die Zeitungen schon jetzt ihre Verluste aus den Print-Editionen durch die Online-Werbung wettmachen können», sagt Colby Atwood, Präsident des besagten Forschungsinstituts, das sich auf den US-Zeitungsmarkt spezialisiert hat. «Ich bin nicht sicher, ob das jemals passieren wird», warnt er. «Anzeigen im Internet sind weitaus billiger als in Print, weil die Konkurrenz seitens entsprechender Online-Anzeigenservices grösser ist.»
Um noch mehr Neugierige auf ihre Online-Videos aufmerksam zu machen, haben drei der bedeutendsten US-Zeitungen, das Wall Street Journal, die New York Times und die Washington Post, bereits begonnen oder zumindest angekündigt, die Codes für ihre Videos öffentlich zugänglich zu machen. Das heisst, dass die Videos auch auf anderen Webseiten wie YouTube oder im Rahmen von Blogs gesehen werden können.
Als erfolgreich erweisen sich auch Online-Serviceseiten von Lokalzeitungen wie etwa Shopminnesota.com, betrieben von der Minnesota Star Tribune, wo die Besucher Einkaufstips und Auflistungen lokaler Geschäfte in der Umgebung von Minneapolis erhalten. Besonders attraktiv für Marketer ist die Möglichkeit, mit Hilfe der demografischen Daten, die von den Lesern der Zeitungen erfragt werden, genaue Zielgruppen zu definieren.
Auf diese Weise gelang es zum Beispiel der Dallas Morning News, einen Deal mit dem örtlichen Opernhaus abzuschliessen. Die in der Datenbank der Zeitung registrierten Opernfans bekamen die Möglichkeit, sich Tickets für die nächste Saison vorab zu reservieren. Auf diese Weise sicherte sich die Zeitung ein gewisses Anzeigenvolumen der Oper, und die Bühne wurde so sämtliche Tickets der Saison los. «Wenn sich das Angebot auf eine genau ausgesuchte Zielgruppe zuschneiden lässt, kann man auch entsprechend hohe Anzeigenpreise verlangen», sagt Colby Atwood. «Vor allem Lokalzeitungen profitieren davon, weil sie in ländlichen Gegenden weniger Konkurrenz haben und eine direkte Beziehung zu den Lesern herstellen können.»
Gerti Schön, New York