Marc Görtz, 43, seit 2005 Geschäftsführer von Ringier-TV und seit 1. Juli in der Ringier-Geschäftsleitung verantwortlich für die elektronischen Medien, zur TV-Digitalisierung und den Aussichten, die Produzenten mit den neuen Medien haben.
WW: Die Digitalisierung hat – etwas schneller als erwartet – auch die klassischen Medien und damit das Fernsehen erreicht. Ist die Branche gut darauf vorbereitet?Marc Görtz: Bis die technologischen Möglichkeiten auch die Massen erreicht haben werden, dauert es noch ein Weilchen. Das gilt auch für die Digitalisierung beim Fernsehen, obwohl man hier in Riesenschritten voranschreitet. Das digitale Angebot von Cablecom und Bluewin-TV wird in der Schweiz von rund 200’000 Haushalten genutzt, also nicht einmal 10 Prozent des Marktes. Aber hier reden wir von der Distribution des Signals. Die Inhalte sind im Wesentlichen die gleichen wie bis anhin. Die Interaktivität, wie dies in England fleissig praktiziert wird, ist sehr gering. Die Sender, in der Schweiz natürlich in erster Linie die SF-Kanäle mit ihren grossartigen Möglichkeiten, setzen aber zunehmend zum Mediensprung an und machen ihre Inhalte online verfügbar.
Die digitale Technologie impliziert ja Möglichkeiten, die analog nicht machbar sind. Zum Beispiel die Unterteilung des Bildschirms mit unterschiedlichen Inhalten.Die Kernfrage ist, was will der Zuschauer. Bild in Bild ist lustig, aber in der Regel schaue ich mir einen Sender im Vollbildmodus an, nicht auf zwei Schirmen, ich hab zwar zwei Augen, aber die gucken in der Regel in eine Richtung. Bei der Interaktivität hab ich meine Zweifel, ob die Zuschauer überhaupt in einen Dialog mit den Sendern treten wollen. Das grossartig gefloppte Betty TV ist wohl als Indikator dafür zu verstehen, dass es wohl noch ein weiter Weg sein wird, bis die Leute auch tatsächlich interaktiv werden wollen. Fernsehen ist über lange Jahre gelernt. Es ist ein lineares Medium mit Einwegkommunikation. Mehr Aktivität als Rumzappen will niemand.
Welches ist denn aufgrund der Digitalisierung derzeit die grösste Herausforderung für das Fernsehen?Gegenwärtig ist das weniger die technologische Entwicklung als vielmehr die Frage, wie man die Zuschauer vor sein Programm kriegt. Die Digitalisierung bringt ja vor allem eine unerhörte Fragmentierung und eine bislang nicht gekannte Vielfalt an Sendern. Ich habe Bluewin-TV zu Hause, bin aber noch selten beim chinesischen CCTV oder beim russischen Channel 1 hängengeblieben. Ich halte mich an die Gewohnheiten und an die Leuchttürme, weil ich weiss, was mich hier erwartet. Sender sind Marken geworden. Sich als Marke zu etablieren ist die grosse Herausforderung der Sender. Kopfschmerzen bereitet den werbefinanzierten Sendern aber vor allem die Art und Weise, wie zunehmend TV konsumiert wird. Was mich betrifft, so schaue ich heute TV praktisch nicht mehr linear nach Zeitfahrplan. Ich programmiere Sendungen, die ich sehen will via Web und schau sie mir dann an, wenn ich Zeit und Lust dazu habe. Da prallen natürlich Welten aufeinander. Selbstverständlich schaue ich mir Werbung höchstens im Schnellvorlauf an. Ich will nicht mitreden oder das Programm mitgestalten, aber ich will selber bestimmen können, wann ich es mir ansehe.
Wo bleiben die Jugendlichen?Die schauen heute praktisch nicht mehr normal fern. An diese heranzukommen ist heute die grosse Herausforderung. Deshalb bauen die Sender ihr Online-Angebot ja auch massiv aus und versuchen, ihren Brand auf allen möglichen digitalen Medien zu etablieren. Ob das mit den herkömmlichen Inhalten gelingt, bezweifle ich.
Gut, online gehen heute alle Sender, das ist ein Gebot der Stunde.Im Vorteil sind diejenigen, die attraktive Online-Rechte besitzen und eine hohe Newskompetenz haben. Allerdings ist es ein Trugschluss zu glauben, dass das klassische TV-Modell online oder mobil gleich funktioniert, wie über das Kabel. In einer Transitionsphase, in der wir heute stecken, ist es okay, die alten Inhaltsformen auf die neuen Medien zu bringen. DVB-H beispielsweise, das Handy-TV, das im nächsten Jahr gelauncht wird, hat eine ganz grosse Zukunft. Allerdings nicht mit den Inhalten, mit denen es zu Beginn vorwiegend an die Kunden gebracht werden soll, also mit ein paar Free-TV-Sendern. Der langfristige Erfolg kommt mit «made for mobile»-Content, also Inhalten, die spezifisch für dieses Medium hergestellt werden. Diese Inhalte müssen erst noch entwickelt und vom Publikum angenommen werden. Das wird dauern. Aber es wird gelingen. Der Treiber für bewegte Bilder online waren auch nicht die Angebote der TV-Sender, sondern v. a. User Generated Content, wie wir ihn auf Youtube, My Video oder Clipfish finden.
Digitalisierung führt also auch dazu, dass die Grenzen zwischen den einzelnen Medien und ihren Kanälen verschwimmen, andererseits fragmentiert sich das Publikum. Ist das ein Vor- oder ein Nachteil? Aus Sicht eines Produzenten ist das eine tolle Ausgangslage. Bei den TV-Stationen stehen Gatekeeper, die stark nach Bauchgefühl bestimmen, was ihr Publikum auf den raren Sendeplätzen zu schmecken hat. Logisch, wird da der Massengeschmack nur selten getroffen. Die Digitalisierung öffnet Türen. Jeder kann einen Spartenkanal eröffnen oder im Internet drauflossenden. Das ist wahre Vielfalt mit grandiosen Floprisiken, aber auch grossen Chancen.
Man weicht als Produzent einfach auf andere Medien aus, weil man kein eigenes besitzt. Das ist kein Ausweichen, sondern ein Erweitern. Unser Webcenter, eben erst gegründet, realisiert mit einer Crew von bereits zehn VJs bewegte Bildinhalte ausschliesslich für Websites wie zum Beispiel Cash.ch, Schweizerillustrierte.ch und Blick.ch. Bei Blick haben wir mit «Blickpunkt» das erste Web-Magazin einer News-Site realisiert. Der Erfolg ist überwältigend und macht im Ansatz deutlich, welche Möglichkeiten sich hier für Produzenten eröffnen.
Wird herkömmliches Fernsehen verschwinden?Nein, wenn wir von einem Zeithorizont von zehn Jahren sprechen. Aber Fakt ist: Das Medium verliert kontinuierlich Zuschauer, v. a. jüngere, die ihre bewegten Inhalte zunehmend anders konsumieren.
Das heisst, Fernsehen im klassischen Sinn wird auch als identitätsstiftendes Massenmedium an Bedeutung verlieren, denkt man zum Beispiel an die «Tagesschau»? Es ist noch nicht lange her, als die «Tagesschau» regelmässig eine Million Zuschauer hatte. Davon ist man heute deutlich entfernt. Das hat nichts mit Qualität zu tun, sondern damit, dass das Medium bröckelt. Wenn man zudem bedenkt, dass das Durchschnittsalter des SF-Flaggschiffs knapp 60 Jahre ist, wird klar, dass die Identitätsstiftung zumindest bei den Jugendlichen nicht über die «Tagesschau» stattfindet. Die haben ihr heute, ihr 20 Minuten, gehen auf Google und Yahoo, um ihre Newsbedürfnisse abzuholen. Und sie werden nicht zu den alten Medien zurückkehren. Meine Generation ist mit der «Tagesschau» aufgewachsen, Alternativen gab es kaum. Aber heute muss ich nicht mehr bis halb acht abends warten, um meine Newsbedürfnisse zu decken.
Was sind die nächsten Veränderungen des Fernsehens in unmittelbarer Zukunft?Wir haben relativ grosse Flopraten, nicht nur in der Schweiz, das ist in Deutschland nicht viel anders. Die Herausforderung ist, neue Formate zu finden, die auch auf weiteren Plattformen verwendbar sind und einerseits bei der jungen Zielgruppe zum Thema werden, andererseits aber die älteren Zuschauer nicht erschrecken – ein schwieriger Spagat. Es geht aber auch um die Konvergenz der Inhalte. Die müssen an die heutigen Bedürfnisse und mediumgerecht aufbereitet werden. Ich bin jetzt rund 14 Jahre im TV-Bereich tätig. Gerade im Free-TV-Bereich war es noch nie so schwierig wie jetzt, Inhalte zu produzieren, welche die Leute auch wirklich sehen wollen. Wirklich noch gut laufen im Moment grosse Events und US-Serien und Movies. Hausgemachtes hat es sehr schwer. Diejenigen, die sich vom TV verabschiedet haben, müssen wir auf anderen Vektoren mit mediumgerechten Inhalten abholen. Das ist vor allem auch eine grosse Chance für die Hersteller von Inhalten.
Für das Gedeihen von Web-TV, Mobile und so weiter ist die Werbung ein wichtiger Motor. Wie sehen Sie hier die Zukunft?Internetwerbung ist zu billig. Das wird sich mit dem Reifegrad des Mediums ändern, keine Frage. Die Werbewirtschaft und die ContentAnbieter sind im Frühstadium eines noch langen Lernprozesses. Mit guten Inhalten kommen die Reichweiten. Und mit Reichweiten kommt der Werbefranken. Wie in keinem Medium sonst gilt in den neuen Medien das Prinzip des Trail and Error. Die Schweiz ist träg, optimistisch geschätzt ist der Online-Anteil am Werbekuchen in diesem Jahr gerade mal bei 2%, beim Nachbarn Frankreich liegt er bereits bei über 10%. Die neuen Medien werden auch hier explodieren, und dass es dabei zu grossen Umschichtungen in die digitalen Kanäle kommt, ist ausser Frage.
Interview: René Worni