Eyetracking Eine systematische Studie des Poynter Institute soll allgemeine Lesegewohnheiten in Print und Online aufzeigen.
Eyetracking-Studien haben Tradition am Poynter Institute für Media-Studien, einer Forschungs- und Ausbildungsstätte für Journalisten und Leute, die das werden möchten. Die erste Untersuchung am Institut in St. Petersburg, Florida, wurde bereits 1990 durchgeführt. Diese Studie, an der der Star-Zeitungsdesigner Mario Garcia wesentlich beteiligt war, hat Designprinzipien eingeführt, die nach wie vor Gültigkeit haben. Nun sind die Ergebnisse der dritten, bisher aufwändigsten und wahrscheinlich ergiebigsten Studie publiziert worden.
Die wissenschaftlichen Leiter der diesjährigen Eyetracking-Studie, Sara Quinn und Pegie Stark Adam, setzten sich zum Ziel, wissenschaftlich relevante Daten über Lesegewohnheiten und Nachrichtenrezeption zu erhalten. «Wir wollen den Verlegern und Redaktoren verstehen helfen, wie tief Leser lesen, welche Navigationsmittel das Leseverständnis maximieren und welche Storyformen am effizientesten Information transportieren», sagte Sara Quinn im Vorfeld der Studie.
Dazu musste das Forschungsteam zuerst alle möglichen journalistischen Formen festlegen und genau beschreiben. Insgesamt wurden 150 verschiedene Elemente von Bildunterschriften über Dachzeilen bis zu weiterführenden Links und Zitaten bestimmt. Tag für Tag wurden Kleber mit den jeweiligen Codes akribisch an den Zeitungen, die getestet werden sollten, angebracht. Erst danach konnte mit der eigentlichen Arbeit begonnen werden.
Getestet wurden 600 Probanden und Probandinnen in vier US-Städten. Während 15 Minuten mussten die Versuchspersonen ihre gewohnte Zeitung lesen, ohne sie vorher in den Händen gehalten zu haben. Eine Brille mit einer kleinen Kamera mass dabei Anzahl und Dauer der Augenstopps. Danach wurden die Ergebnisse dekodiert und ausgewertet.
Was wird wie wahrgenommen?In Printmedien wurden grosse Fotos und Headlines viel stärker wahrgenommen als kleine. Online-Leser hingegen schenkten Navigationsleisten und Teasern die erste Aufmerksamkeit. Farbfotos erlangten im Broadsheet etwa 20 Prozent mehr Aufmerksamkeit als schwarzweisse. Dokumentarische Fotos schnitten besser ab als gestellte.
Kleine Porträtfotos wurden jedoch meist übersehen. Alternative Storyformen, zum Beispiel mit Grafiken, Spitzmarken, Zitaten und Kurzinfos aufbereitete Texte bekamen im Schnitt um 15 Prozent mehr Aufmerksamkeit als reguläre Textaufmachungen. Im Broadsheet wuchs der Anteil sogar auf 34 Prozent. Tabloid-Leser und -Leserinnen lasen im Schnitt mehr Textüberlauf als Broadsheet-Leser, nämlich 68 Prozent gegenüber 59 Prozent.
Kurzmeldungen mit Bebilderung funktionierten besser als reine Textmeldungen. Anreisser mit Fotos und anderen Illustrationen zogen im Print das Augenmerk auf sich. Die Anordnung auf der Seite war dabei wesentlich. Die meiste Beachtung erhielten Text-Bild-Teaser oben rechts auf einer Broadsheet-Zeitung. Teaser, die nur Text enthielten, wurden am meisten unten rechts auf einer Seite beachtet. Im Tabloid bekamen visuelle Teaser rechts unten auf der Frontseite die meiste Aufmerksamkeit.
Wie viel wird erinnert?Eine weitere Testreihe betraf Prototypen einer Reportage, aufbereitet in sechs verschiedenen Erzählformen – drei Print- (siehe Abb. unten) und drei Web-Versionen –, wobei die Inhalte nicht verändert wurden. Hier kam es vor allem darauf an, wie viel vom Gelesenen erinnert und verstanden worden ist. Variante 1 war konventionell aufbereitet mit Headline, Lauftext und Foto. Variante 2 beinhaltete zusätzlich eine Karte und eine Infobox. Variante 3 war alternativ gestaltet mit Sideline-Interview, Balkendiagramm und anderen grafischen Storytelling-Elementen.
Den Testpersonen wurde jeweils eine Version des Prototyps zum Lesen gegeben, ohne Gegenvergleich mit den anderen Varianten. Die Leserschaft wusste weder von der zeitlichen Einschränkung noch was getestet werden würde. Nach fünf Minuten wurde sie gestoppt und musste fünf Fragen zum Inhalt des Textes beantworten. Das Ergebnis dieses Testlaufs war: die Leser und Leserinnen, die Variante 3 gelesen hatten, konnten sich an die meisten Fakten erinnern.
156 Testpersonen hatten sieben von neun Fragen richtig beantwortet. 46 Prozent davon hatten Variante 3 gelesen, 28 Prozent Variante 2 und 26 Prozent Variante 1. Bei der Online-Version hatte auch jene mit dem unkonventionelleren Aufbau den grössten Erinnerungswert. Trotzdem wichen die Ergebnisse stark von der Printversion ab. Nur 25 Prozent der Online-Leser und -Leserinnen konnten sieben von neun Fragen richtig beantworten. Interessant ist auch, dass – obwohl die Inhalte dieselben waren – die Leser den Eindruck hatten, dass die stärker strukturierte Geschichte besser recherchiert und dadurch glaubwürdiger sei.
Wie wird gelesen?Beim Leseverhalten konnten die Forscher zwei unterschiedliche Typen ausfindig machen: den methodischen und den überfliegenden Leser. Methodische Leser – ca. 75 Prozent der Print- und ca. die Hälfte der Online-Leser und -Leserinnen – lasen von oben nach unten, ohne die Seite abzusuchen. Manche Textpassagen lasen sie auch ein zweites Mal. Online verwendeten sie Drop-down-Menüs und Navigatonsleisten, um Geschichten zu entdecken, die sie interessieren.
Überfliegende Leser suchten Seiten nach Headlines und anderen hervorgehobenen Elementen ab, lasen Teile der Geschichte, sprangen zum Foto oder zu anderen Elementen und gingen nicht zurück an dieselbe Stelle im Text, wo sie zu lesen aufgehört hatten. Online sprangen sie über den Bildschirm, schauten sich verschiedene Elemente an und klickten irgendwann auf eine Geschichte, um zu lesen.
Online gab es kaum Unterschiede in der Menge an gelesenem Text zwischen den verschiedenen Lesetypen (rund 77%). Im Print las der methodische Leser mehr (65% zu 57% im Vergleich) sowohl bei Broadsheet als auch bei Tabloid. Am wenigsten las der überfliegende Leser im Tabloid (45%). Den Nachrichten auf Grossformat und Minidisplays werden zukünftige Studien gewidmet werden.
Doris Oberneder
«Eyetracking the News – A Study of Print and Online Reading» kann bestellt werden unter:
http://www.poynter.org/shop/product_view.asp?id=1193
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ZitateNachfolgende Zitate veranschaulichen, wie komplex sich das Zusammenspiel von Inhalt und Form im Zeitungsdesign verhält.
«Wenn man sich für eine Storyform entscheidet, muss man sich von Inhalt leiten lassen.»
Pegie Stark Adam
«Alle Elemente müssen zusammenarbeiten, um die Nachricht eindeutig übermitteln zu können.»
Sara Quinn
«Ich möchte Journalisten, Fotografen, Verleger und Designer ermutigen, zusammenzuarbeiten, um Packages und Leadstorys zu erstellen.»
Pegie Stark Adam
Die StudieWer wurde getestet:
Beinahe 600 Leser und Leserinnen in vier verschiedenen Städten Amerikas (Leser der Rocky Mountain News in Denver, The St. Petersburg (Fla.) Times, Star Tribune in Minneapolis und Philadelphia Daily News)Zusammensetzung der untersuchten Leserschaft:
56% 18–41 Jahre, 44% 42–65 Jahre (Durchschnittsalter 39 Jahre). 49% Männer, 51% Frauen. 29% der getesteten Leser lesen 1–3-mal pro Woche Zeitung, 71% 4-mal oder mehr. 87% haben einen Studienabschluss, 75% sind berufstätig.