An der Screen-up vom Mittwoch organisiert die Interessengemeinschaft elektronische Medien (IGEM) den Kongressteil, der sich dem Thema «Digitalisierung» widmet. Fachexperten und Senderchefs diskutieren deren Chancen und Risiken. IGEM-Präsident Stephan Küng äussert sich im Interview dazu, welche Folgen die Digitalisierung für die Fernsehwerbung hat, was die IGEM im Moment bewegt und wie sich die TV-Werbung aufgrund des neuen RTVGs verändert hat. Welche Auswirkungen hat die Digitalisierung der Medien auf die TV-Werbung? Stephan Küng: Eine grosse Veränderung bringt die zeit- und ortsunabhängige Möglichkeit, Fernsehinhalte zu nutzen. Damit entsteht für die Nutzer die Option, Werbung zu umgehen. Ich denke, dass die konventionelle Spot-Werbung langfristig leicht zurückgehen wird, dafür aber Sonderwerbeformen an Bedeutung gewinnen werden. Das wären also die Risiken der Digitalisierung?Nicht unbedingt, denn im Gegenzug werden neue Werbeformen im mobilen Bereich entstehen. Die Bedingungen werden sich ändern: Werbung rund um Live-Events beispielsweise wird wohl an Bedeutung zunehmen, da solche Anlässe auch dann wirklich live geschaut werden, wenn die Option des zeitversetzten Schauens besteht. Ein Live-Event ist «live» einfach interessanter. Wir müssen den Nutzern ausserdem ins Bewusstsein rufen, dass es ohne Werbung im TV keine Inhalte zu sehen gibt. Ich kann mir kein Szenario denken, das einem Sender mittelfristig andere Finanzierungsmodelle in die Hand geben würde als die Finanzierung durch Werbung.
Was sind denn die Chancen, die den TV-Werbern durch die Digitalisierung offen stehen?Der Werbetreibende kann zum Content-Lieferanten werden: Es ist möglich, kostengünstig Inhalte zu produzieren und zu verbreiten.
Das würden manche als Risiko sehen.Nun, die klare Trennung zwischen klassischem Programm und Werbung ist ja gesetzlich definiert und bleibt bestehen. Es stehen den Werbetreibenden aber neue Formate offen. Ein Beispiel dafür ist der Automobilkonzern BWM dessen Konzept an der Screen-up vorgestellt wird. BMW betreibt ja ein eigenes Internetfernsehen und hat hier die Option, seine Botschaften zu vermitteln – ohne damit die Trennung zwischen redaktionellen und werblichen Inhalten zu verletzen. Wichtig ist, dass die Werbung für den Konsumenten transparent bleibt; er darf nicht getäuscht werden. Das ist im Fall von BMW absolut gegeben.
Was bringen denn diese neuen Formen den Werbetreibenden?Sie können der Zielgruppe einen Mehrwert bieten – mehr, als ein klassischer Spot liefern könnte. Durch Angebote wie jenes von BMW entsteht eine nähere Beziehung des Zuschauers zur Marke. Aber es ist klar: Chancen für die einen können für die anderen Risiken bedeuten. Die neuen Werbeformen werden eine Gefahr sein für die klassischen Werbespots. Die Sender müssen sich gut überlegen, wie sie damit umgehen.
Könnte ein Ausweg darin bestehen, weniger Werbung zu zeigen, die dafür die Zuschauer besser erreicht?Grundsätzlich reguliert sich die Menge an Werbung selber, denn der Konsument entscheidet, wie viel Werbung er sehen will. Ein Overkill ist sicher kontraproduktiv. Wichtig ist zudem eine Forschungstechnologie, welche die zeit- und ortsversetzte Werbung messen kann. Die Anbieter werden bei den neuen Werbeformen weiterhin in der Pflicht stehen, einen Nachweis zur Nutzung zu liefern.
Wie schnell wird sich die Digitalisierung im TV-Bereich flächendeckend durchsetzen?Die Digitalisierung ist bereits Realität und ermöglicht eine riesige Angebotsvielfalt. Es verschwindet kein Angebot, sondern es kommen neue hinzu. Das klassische Fernsehen geht nicht verloren. Die Nutzung elektronischer Medien wird sich hingegen noch stärker fragmentieren. Das ist ein laufender Prozess.
Wie hat sich die klassische Fernsehwerbung seit Einführung des neuen RTVGs verändert? Diesbezüglich muss man natürlich zwischen den SRG-Sendern und den Privaten unterscheiden. Bei der SRG änderte sich sehr wenig. Bei den ausländischen Privatsendern ist die Entwicklung meiner Meinung nach sehr positiv: Dank den neuen Unterbrecherblöcken wirkt das Programm viel harmonischer, zuvor machte es oft einen zerstückelten Eindruck. Da dachten sich die Sendergestalter im Ausland stimmige Programmkonzepte aus, die durch die Gesetzgebung bei uns auseinander gerissen wurden. Für den Konsumenten bedeutet die neue Regelung in meinen Augen ein Fortschritt, für die Mediaplanung auch. Ich würde mir allerdings eine weitere Liberalisierung wünschen, gerade was Werbung für Wein und Bier betrifft.
Möglicherweise tritt die für die Werbefenster der ausländischen Sender ein, weil das Media-Abkommen mit der EU eine Änderung des RTVGs verlangt. Wie stellt sich die IGEM dazu?Diese Frage stellen Sie mir zu früh – wir analysieren gegenwärtig die Konsequenzen im Detail. Einen IGEM-Standpunkt gibt es aber bis anhin noch nicht.
Was bewegt die IGEM zurzeit sonst noch?In erster Linie die Digitalisierung. Ein zweiter Punkt ist die Forschung, wo wir uns für die Weiterentwicklung einsetzen werden. Sie steht mit der Digitalisierung ebenfalls vor grossen Herausforderungen. Daneben beschäftigten wir uns mit Ausbildung und Information, da bieten wir im November wiederum einen Workshop zum Thema «Digitalisierung zum Anfassen» an. Aber auch die drohenden Werbeverbote beschäftigen uns.