Verlage Andreas Zehnder ist mit Elan dabei, die bereits hohe Auslastung seiner Zehnder Print AG weiter auszubauen.
Andreas Zehnder und Vater Peter Zehnder.
Die Unternehmensgruppe Zehnder mit Sitz in Wil kann mit Fug und Recht als aussergewöhnlich bezeichnet werden. 1856 gegründet, gliedert sie sich in drei Geschäftsfelder: den Bereich Verlag mit 22 Wochenzeitungen und vier Illustrierten, den Bereich grafische Produktionsunternehmen und den Bereich Dienstleistungsunternehmen mit Kinos, Fitnesscentern und Restaurationsbetrieben. Zu den Produktionsunternehmen gehören ein Copy-Center, die Zehnder Print AG mit Standort Rickenbach und die Rolf Peter Zehnder AG mit Standort Wil. Die Unternehmensgruppe beschäftigt heute über 400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.
Die insgesamt 22 Gratiszeitungen stellt die Zehnder Print AG in Rickenbach bei Wil her, was Andreas Zehnder zum unbestrittenen «König der Gratiszeitungen» macht. «Trotz wirtschaftlich nicht sehr günstigem Umfeld für die grafische Industrie ist es uns in den letzten Jahren gelungen, uns auf dem Markt zu behaupten. Nicht zuletzt auch dank dem Zeitungs-Kundendruck. Seit 2000 durften wir gute Jahre verzeichnen und die Zeichen stehen gut, dass es auch die nächsten sieben Jahre so weitergehen wird.» Die Zeiten waren jedoch nicht immer so rosig wie heute. Der Zeitungsdruck der Druckerei Zehnder war bis Ende 1999 an der Hubstrasse in Wil domiziliert. Unter demselben Dach wie der Bogendruck.
Mit der Unterschrift unter einen Fünfjahresvertrag mit der schwedischen Metropol blieb für den Zeitungsdruck kein Stein mehr auf dem anderen. Um die erste Gratiszeitung in der Schweiz produzieren zu können, musste ein Neubau her. Land dafür fand man im benachbarten Rickenbach, wo in Rekordzeit ein moderner Bau hochgezogen wurde. Die Zeit war knapp, am 8. April 2000 musste die erste Ausgabe produziert werden. Zu jenem Zeitpunkt war auch noch keine Druckmaschine gekauft. Zur bestehenden Solna Distributor musste eine neue einfachbreite Maschine angeschafft werden. Andreas Zehnder entschied sich für eine hybride Goss Universal mit einem Trocknerofen.
Ausbau mit VolldampfKnappe sechs Monate später wurde auf der Goss die erste Metropol-Ausgabe gedruckt, wenn auch unter misslichen Umständen, weil der Neubau noch nicht fertig war. Dass nach gerade mal zwei Jahren das Aus für Metropol kam, war ein herber Schlag für Andreas Zehnder. Doch mit dem Druck der beiden englischsprachigen Tageszeitungen International Herald Tribune und Wall Street Journal konnte das entstandene Loch wieder gestopft werden. Seit 2002 wird die International Herald Tribune sechsmal wöchentlich für die Schweiz und das Wall Street Journal seit 2000 für die Schweiz und Norditalien in Rickenbach gedruckt. Und nachdem die Huber & Co. von der Tamedia aufgekauft worden war, übernahm Zehnder Print den Druck der Regional Zeitung Hinterthurgau. Seit dem 19. September hat die Zeitungsdruckerei mit .ch einen weiteren «grossen Fisch» in ihrem Portfolio. Sie druckt eine Teilauflage des neuen Gratisblattes.
In den letzten Jahren wurden immer mehr Wochentitel hinzugekauft. Sie machen heute mit 22 Titeln den Löwenanteil der Auslastung aus. Heute gehören noch die Zuger Woche, Züri Nachrichte, Züri Rundschau und die neu gegründete Uster Rundschau Peter Zehnder, 15 weitere Titel hat er vor eineinhalb Jahren an seinen Sohn verkauft. Von Erbvorbezug, wie oft gemunkelt wurde, könne also nicht die Rede sein, betont Andreas Zehnder. 12 der 15 Titel hatte Zehnder unlängst der St.-Galler-Nachrichten-Gruppe abgekauft. Nicht in Familienbesitz sind die Appenzeller Rundschau, die Herisauer Zeitung und die Bündner Nachrichten.
Bei der Toggenburger Zeitung/See&Gaster Zeitung hat Andreas Zehnder eine Minderheitsbeteiligung. Er ist ein umtriebiger Geschäftsmann, Inhaber der Zehnder Print AG, seit 2000 Inhaber des Bogenoffsets der Peter Zehnder AG und seit kurzem auch Verlagsleiter der Zehnder Verlagshaus in Personalunion: «Das geht nur dank kompetenter Mitarbeiter in den Schlüsselfunktionen.» Andreas Zehnder war nach absolvierter Matur und esig+-Studium sieben Jahre an der Seite seines Vaters in der Geschäftsleitung des Familienbetriebs tätig, bevor er die Geschäftsleitung der Imsag übernahm und diese während fünf Jahren innehatte.
Massgeschneiderte DrucktechnologieIn Rickenbach stehen heute – nach mehreren Zügelaktionen – zwei zusammengeschaltete Solna Distributor und die bereits erwähnte Goss Universal mit Trockenofen. Durch den Zukauf einer zweiten Solna verfügt die Zehnder Print AG heute über eine wohl einzigartige Konfiguration: Gedruckt wird auf 16 Y-Druckwerken (2+1). Die Maschine ist mit zwei Falzapparaten ausgestattet, einer davon ist ein Ballonfalzapparat, der auch Spezialeffekte erlaubt. Zehnder Print kann bis zu 128 Seiten im Tabloidformat im Bund leimen. Auf der Goss Universal können Druckprodukte inline mit einem Drei-Seiten-Beschnitt versehen werden, in der Weiterverarbeitung können die Zeitungen auf dem Kreuzleger inline umreift werden und für das schonende Verarbeiten von Bogensignaturen wird mit Stangen gearbeitet.
Als einzige Zeitungsdruckerei in der Schweiz kann Zehnder stufenlos jedes Seitenformat von 140×200 mm bis 500×630 mm produzieren. Dank der frei wählbaren Papierbahnbreite entsteht auch bei werbewirksamen Spezialformaten keine zusätzliche, teure Makulatur. Dank dem dreiseitigen Rotationsschnitt kann auf der Goss zudem randabfallend gedruckt werden. Als eine von zwei Zeitungsdruckereien in der Schweiz kann Zehnder überdies Produkte im Tabloidformat-Bereich (160×240 mm bis 250×315 mm) im Bund leimen. Der Akzidenzrollen-Druck auf der Goss Universal ermöglicht dank dem sieben Meter langen Trocknungsofen auch das Drucken auf gestrichene Papiere verschiedenster Sorten mit Grammaturen zwischen 40 und 120 g/m2 Papier glänzend. Im gleichzeitigen Druck und Zusammenführen mit dem Zeitungsdruck kann eine Zeitung wirtschaftlich und in Topqualität mit einem werbewirksamen, auf Glanzpapier gedruckten Umschlag veredelt werden. Alle Dienstleistungen rund um das Druckprodukt wie Prepress-, Postpress- oder verlegerische Leistungen, z.B. Abonnentenverwaltung, Postroutensortierung, Fein-Distribution usw., werden in Rickenbach aus einer Hand angeboten. Ein Service, den die Druckkunden der wohl einzigen Lohndruckerei in der Schweiz zu schätzen wissen.
Damit das Datenhandling auf den Redaktionen reibungslos klappt, setzt die Zehnder Print AG seit knapp vier Jahren auf das K4-Publishing-System, an das alle Aussenredaktionen direkt angebunden sind. Derzeit erstellen 26 Mitarbeiter die verschiedenen Zeitungen mit Adobe InDesign und K4. Dabei wird auch in der Redaktion mit InDesign gearbeitet. «Die Produktion unserer Zeitungen unterliegt deshalb speziellen Rahmenbedingungen, weil die Inserateakquisition erst eine Stunde vor dem Anlaufen der Druckmaschinen enden soll. Dadurch sind wir gefordert, den Inserateabteilungen und den Redaktionen in den jeweiligen Aussenstellen Funktionalitäten in die Hand zu geben, die über normale Standardarbeitsplätze hinausgehen. Flexibilität ist bei uns in jeder Hinsicht das A und O und sichert uns den entscheidenden Wettbewerbsvorteil», erklärt Roger Staub, Leiter Verlagskoordination.
Starker Partner PostVor vierzig Jahren lancierte Peter Zehnder die erste Gratiszeitung der Schweiz. Heute erscheinen im Verlagshaus Zehnder in Wil 22 Wochenzeitungen. Den Grossteil der wöchentlich über 790’000 Zeitungen verteilt die Post. Auf die Frage, weshalb er für die Distribution auf die Post setzt, meint Andreas Zehnder: «Entscheidend ist die taggenaue Zustellung, weil wir viele Termininserate haben. Die meisten unserer Titel müssen spätestens am Donnerstagmittag bei den Leserinnen und Lesern sein. Weshalb die Zustellung durch die Post? Die Post arbeitet flexibler und zuverlässiger als die privaten Verteiler. Die Privaten bieten eine bestimmte Tour nur ein oder zwei Mal pro Woche an. Die kleinste Verzögerung kann deshalb die taggenaue Zustellung gefährden. Bei der Post ist das kein Problem, weil sie täglich alle Briefkästen bedient.» Zehnder lässt auch die Auflagen von der Post beglaubigen.
Die Zahlen seien dadurch immer aktuell und nicht wie die Wemf-Zahlen vergangenheitsorientiert, erklärt Andreas Zehnder: «Wieso soll ich eine Wemf-Beglaubigung vornehmen lassen, wenn jene von der Post meiner Ansicht nach viel besser ist. Die Post macht eigentlich nichts anderes, als mir zu bescheinigen, wie viele Exemplare ich bei ihr aufgegeben habe. Unter dem Strich also schneller, besser und erst noch günstiger.» Ein Motto, das auch zur Zehnder Print AG gut passen würde, ein vitales, junges Unternehmen mit jungen, motivierten Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen, deren Hunger nach weiteren Zeitungstiteln noch lange nicht gestillt sein dürfte. «Freie Kapazitäten für zusätzliche Aufträge haben wir jedenfalls noch. Und wenn wir uns die aktuellen Entwicklungen auf dem Markt der Gratiszeitungen anschauen, stimmt uns das zusätzlich optimistisch für die nahe Zukunft.»
Daniel Bischof