Im Kongressteil der Screen-up & Congress vom Mittwoch diskutierten in einer «Elefantenrunde» die Senderchefs und –chefinnen von SF, RTL, Sat.1, MTV und 3+ in einem Podiumsgespräch zum Thema Digitalisierung. Catherine Mühlemann von MTV Networks Germany antwortete erst mit einem ironischen «das interessiert mich gar nicht» auf die Frage von Moderator Hannes Britschgi nach den Strategien rund um die Digitalisierung. Sie machte dann aber doch klar, dass ihr Sender «dahin will, wo die jungen Leute sind» – sei das TV, Internet oder Mobile. Sie sieht ihr Unternehmen mittlerweile eher als Content-Aggregator denn als klassische Fernsehstation: «Wir wollen Inhalt mit Marken versehen und auf alle möglichen Plattformen bringen». Matthias Alberti, bei Sat.1 Nachfolger von Roger Schawinski, brachte in seiner Aussage auf den Punkt, was allen Senderchefs am Herzen liegt: «Wir wollen auf allen Kanälen präsent sein.» Es gehe darum, den Sprung zu schaffen zwischen TV und Internet.
Wachsende Fragmentierung Punkto Digitalisierung müsse unterschieden werden zwischen dem digitalen Fernsehen und der Internetstrategie eines Senders, betonte RTL-Geschäftsführerin Anke Schäferkordt. Sie relativierte die digitale Begeisterung ein Stück weit: «Beim digitalen Fernsehen stecken wir noch in den Kinderschuhen!». Es resultiere daraus aber eine Fragmentierung der Medienlandschaft, und der Wettbewerb werde stärker.
Selbstbedienung statt Gourmetrestaurant SF-Chefin Ingrid Deltenre bestätigte die wachsende Fragmentierung, die Zunahme der Sender im digitalen Bereich sei massiv. SF will den angekündigten HD-Sender im Dezember lancieren. Die Digitalisierung habe laut Deltenre die Fernsehproduktion stark verändert: «Die Journalisten müssen ganz anders arbeiten als früher». Daneben stehe auch die Zuschaueransprache unter anderen Bedingungen. Bis anhin sei ihr Laden mit Gourmetköchen zu vergleichen gewesen: «Wir sagen, wann welche Speise aus dem Menü folgt». Nun wandle sich das Zuschauerverhalten im übertragenen Sinne zu einem Selbstbedienungsrestaurant: Das Publikum entscheidet, wann es welchen Gang zu sich nimmt. Deltenre geht davon aus, dass der Unterschied zwischen Internetfernsehen und klassischem Fernsehen irgendwann verschwinde: «Das ist ein Prozess, den wir nicht stoppen können». Aus den gleichen Gründen sei der Internetauftritt von SF wichtig, der in der Vergangenheit für einigen Wirbel sorgte.
3+ arbeitet an digitalem Sender Dass das klassische Fernsehen noch lange nicht verschwinden wird, glaubt 3+-Gründer Dominik Kaiser. Die Zuschauer mögen es in seinen Augen nach wie vor, wenn ihnen ein fixfertiges Programm geboten wird. Dennoch werkelt nun aber auch 3+ an einem Digitalsender: «Wir haben vor sechs Wochen angefangen, daran zu arbeiten», so Kaiser. Sein Sender verfügt über zwei digitale Konzessionen, die er sich beim ursprünglichen Konzessionsverfahren gleich mitgesichert hatte – «wir schauten, dass wir etwas auf Vorrat kriegten», wie Kaiser sagte. «Falls Digitalfernsehen sich im grossen Stil durchsetzt, haben wir etwas im Köcher». Wie das Projekt genau aussieht, liess sich der Senderleiter allerdings nicht entlocken.
Keine Angst vor Macht der Produzenten Einhellig schmetterten die Senderbosse die Frage Britschgis ab, ob die «Macht der Produzenten» im digitalen Zeitalter eine Gefahr für die Fernsehanstalten seien. Britschgi wollte wissen, ob Contentproduzenten künftig die Zuschauer an den Sendern vorbei erreiche. «Nein», fand Kaiser. Im fiktionalen Bereich dominieren ihm zufolge nach wie vor die grossen amerikanischen Majors: «Kein Schauspieler kann hochwertige Sendungen alleine produzieren. David Caruso von CSI Miami kann nicht einfach hingehen und diese Serie selbst machen», so der 3+-Chef. Ins gleiche Horn stiess Schäferkordt: «Niemand kann hochwertige fiktionale Programme bloss für Internet oder Mobile machen. Da fehlen einfach die Refinanzierungsmodelle.» Sie erinnerte ausserdem daran, dass die Nachfrage bezüglich Video on demand verglichen mit dem klassischen Fernsehen immer noch marginal sei. Die grosse Frage, so die Podiumsteilnehmer, sei folgende: Wollen die Konsumenten für Inhalte zahlen oder sie gratis sehen, dafür aber Werbung in Kauf nehmen? Die TV-Leute gehen davon aus, dass die Nutzer Content kostenlos beziehen wollen.
Spassbremse beim Handy-TV Skepsis war auch gegenüber dem Handyfernsehen spürbar. «Ich will keine Spassbremse sein, aber wir müssen dieses Thema relativieren», erklärte Schäferkordt beispielsweise. Das sei ein ganz kleiner Geschäftsbereich, ausserdem stünden die Geschäftsmodelle noch nicht. Dennoch will sich RTL ein Teil vom Kuchen abschneiden: «Wir haben uns mit allen Sendern für Handy-TV beworben». Ähnlich klingts bei MTV: «Die Frage ist: Wer zahlt was?», betonte Mühlemann. Auch sie vermisst zwar tragfähige Geschäftsmodelle, dennoch will MTV beim Thema Mobile-Content nicht zurückstehen: «Wir wollen dabei sein». Ein Bonmot steuerte Alberti bei: «Letztes Jahr habe ich während der WM mit zwei Kollegen Fussball auf dem Handy geschaut. Plötzlich dachten wir, es stünde im Spiel Japan-Brasilien 8 zu 1 für Japan – weil wir den Spielstand nicht erkennen konnten».
Carole Scheidegger