Für Chefredaktor Philippe Pfister vom neuen Pendlerblatt News ist der Name Programm. Die Konkurrenz beunruhigt ihn nicht, und bis zum Start im Dezember wird er noch viele Trockenübungen durchführen.
Nicht viele Journalisten können eine völlig neue Zeitung von 0 auf 100 bringen. «Diese Herausforderung ist der spannendste Augenblick meiner bisherigen Karriere», sagt Philippe Pfister. Bis jetzt war der News-Chefredaktor vor allem als Blattmacher tätig. Er hat «Nachrichtenflüsse beobachtet, Stories eingeschätzt, mit Leuten Geschichten entwickelt, Schlagzeilen getextet». Jetzt darf er «alle Facetten eines Zeitungsprojekts hautnah miterleben». Dies stelle ihn täglich vor neue spannende Fragen. Diese Woche beispielsweise hat er erstmals eine Werbekampagne beurteilt, die er als Chefredaktor mitbegleiten darf, um das Image und die Identität seines neuen Blattes richtig zu vermitteln.
In der Redaktion, wo die Schlüsselstellen besetzt sind, trifft sich Philippe Pfister knapp zwei Monate vor dem Start täglich zum Entwickeln neuer Ideen. Mit im Kernteam sind Christian Maurer als Blattmacher (zuvor Blattmacher beim Tages-Anzeiger), Stefan Regez (Ex-Chefredaktor Jungfrau Zeitung) als Nachrichtenchef, Rolf Hürzeler (Facts) als Kulturchef, Ruth Cipriani (Facts) als Fotochefin und Tobias Schär (SonntagsZeitung) als Art Director. «Wir reden über Leute, technische Rahmenbedingen und Ablaufspläne», erklärt Pfister. Natürlich wird die Nachrichtenlage kreativ analysiert: «Wie würde News das machen? Welche Schlagzeile würden wir formulieren? Was käme auf die Front?»
Mit solchen «Trockenübungen» will Pfister einen eigenen Redaktionsstil entwickeln, der eine eigenständige Form der Newsvermittlung hervorbringen soll. «Dieses tägliche Abmischen und Aufmachen wird in den nächsten Wochen zu einigen Nullnummern führen, bevor wir Anfang Dezember scharf los gehen.»
Ein Tag der Wahrheit, der bei einigen schlaflose Nächte mit sich bringt? «Viele Beobachter glauben, dass wir gebannt auf die Konkurrenz schielen. Aber dem ist nicht so», meint der News-Chef auf die Frage, ob es ihn belaste, dass er nun als (vorläufig) letzter «Nachzügler» in das bereits heiss laufende Rennen der Gratiszeitungen eingreifen müsse.
Natürlich sei .ch ein weiterer Anstoss für Tamedia gewesen, den Bereich Gratis-Pendlerzeitungen auszubauen. «Aber das gab nicht den Ausschlag. In unserem Hause war seit langem klar, dass neben 20 Minuten eine zweite Zeitung Platz hat.»
Und die interne Konkurrenz? Ist es überhaupt möglich, zwischen den beteiligten Partnerzeitungen (Tages-Anzeiger, Basler Zeitung, Berner Zeitung) einerseits und 20 Minuten andererseits eine journalistisch echt eigenständige Linie zu finden?
Wer die in den noch halbleeren Redaktionsräumen herumliegende Nullnummer betrachtet, wagt die Frage mit «Ja» zu beantworten.
News: Das ist ein neugierig machendes Design und ein Konzept, bei dem der Name Programm sein soll. «Wir machen drei Dinge: erstens News, zweitens News, drittens News. Das mag auf den ersten Blick banal erscheinen. Aber wir glauben, dass Pendlerinnen und Pendler am liebsten mit griffigen, kurzen und auf den Punkt geschriebenen News beliefert werden wollen», findet Pfister. Mit einem extrem fokussierten Blatt, bei dem «die relevanten News absolut im Zentrum stehen», könne man die «Konkurrenz auf dem absolut wichtigsten Feld für eine Zeitung schlagen».
Dazu wird News mehr als bereits bekannte Agenturmeldungen bringen müssen. «Umschreiben, andere Aspekte reinbringen, nachrecherchieren, ein Interview dazu stellen», sind für Pfister weiterführende Möglichkeiten. Dazu will News eigene News generieren. «Wir wollen mit unserem Blatt auch mal die Schlagzeilen der anderen bestimmen.» Eine Ambition, die Pfister nicht als zu hoch gegriffen erscheint, denn er ist überzeugt: «Nach dem kommerziellen Erfolg der Gratiszeitungen wird die Publizistik diesem Trend folgen. Wenn wir in vier Jahren vor nationalen Wahlen stehen, werden Gratismedien stärker als heute entscheidende Geschichten lancieren, die in die politische Arena einfliessen.»
Pfister sieht bei den Pendlerzeitungen eine ähnliche Entwicklung wie beim Handy voraus. «Vor zehn Jahren hätte niemand gedacht, wie umfassend die Mobilkommunikation in alle Kapillaren des Lebens eindringt.» Ob die abonnierten Zeitungen dabei ein ähnliches Schicksal wie der Festnetz-Anschluss ereilen wird, kommentiert Pfister vorerst nur mit einem Lächeln. Sicher sei, dass mit dem Erfolg von 20 Minuten die «publizistischen Möglichkeiten noch nicht ausgereizt sind. Der Pendlerzeitungsmarkt ist ein unglaublich interessantes Feld, um Zeitungsideen zu entwickeln, Nachrichten unter die Leute zu bringen und Geschichten in neuer Form zu lancieren. 20 Minuten macht dies vor und hat schon viel ausprobiert. Wir sind aber noch nicht am Ende des Tages angelangt.»
Um eine solch ambitionierte Zeitung zu machen, braucht es entsprechende Leute. Pfister sieht sich mit über 26 Vollstellen gut dotiert. Das sind neun Redaktorinnen und Redaktoren inklusive Chef am News-Desk für die klassischen Ressorts Inland, Ausland, Wirtschaft. Dazu je drei am Kulturdesk und am Sportdesk sowie sieben Leute in der Produktion und zwei in der Fotoredaktion.
Pfister ist «mit der letzten Faser meines Engagements» überzeugt von seiner neuen Aufgabe. Als er im Juli die ersten Entwürfe gesehen hat, stand News als provisorischer Titel auf einer Frontseite. Pfister meinte: «Wenn ihr das so macht, dann nehme ich die Herausforderung an. News muss darüber stehen, und News müssen im Blatt stehen. Damit kann man die Leute am Morgen abholen.»
Die Erkenntnis ist nicht erst seit diesem publizistisch heissen Sommer gereift. Bereits mit 17 Jahren wollte Philippe Pfister als Gymnasiast in Sursee Journalist werden. Den Eltern hat das weniger gefallen. Man schickte den Sprössling zum Berufsberater. Als dieser «Kulturingenieur» seriöser fand, winkte Pfister ab und entschied sich für ein Studium der Mikro- und Molekularbiologie. «Ich war stark an Naturwissenschaften interessiert und wäre mit der Einschätzung der kommenden Entwicklung sicher richtig gelegen.» Nach zwei Semestern «im weissen Kittel und mit der Schutzbrille auf dem Kopf», stellte er fest, dass es doch lieber journalistische Texte sein müssen. Er schrieb sich in den Fächern Geschichte und Publizistik ein, war parallel zum Studium als Freelancer beim Willisauer Boten und beim Luzerner Vaterland tätig und finanzierte sich schliesslich seine Unizeit als Rewriter beim Blick. «Meldungen umschreiben, Geschichten auf den Punkt bringen, das ging mir in Fleisch und Blut über.»
Nach dreieinhalb Jahren war Pfister Profi genug, um das Aussenbüro der Luzerner Neusten Nachrichten in Sursee zu leiten. 1992, nach dem Abschluss des Studiums, zog es ihn zum Blick zurück, bis er 1999 zu Tamedia wechselte. Reporter bei der SonntagsZeitung, Ressortleiter des Multimedia-Bundes und die letzten fast sechs Jahre als Nachrichtenchef waren hier die Stationen, bevor er im Januar 2007 in die Chefredaktion von Facts berufen wurde.
Und die News aus seinem persönlichen Umfeld: Philippe Pfister will im kommenden Jahr «im gesegneten Alter von 45» heiraten, hat in Adligenswil LU ein Haus gekauft und absolviert ein Nachdiplomstudium, das sich mit «Philosophie und Management» beschäftigt. Das Lesen von Philosophie – früher Nietzsche, heute Blumenberg – ist für den News-Junkie ein «absolut notwendiger Ausgleich, um immer wieder das Denken zu kalibrieren». Aus der Welt der Kurzatmigkeit herauskommen und reflektieren – das werde sicher nicht ohne Auswirkungen auf die Auswahl der News in News bleiben. Dazu läuft Pfister gerne Marathon. Den New Yorker im November will er diesmal auslassen. Er wird auch ohne dieses Rennen seine Ausdauer unter Beweis stellen können.
Andreas Panzeri