Presse In Zürich, Basel und Bern tritt die neue Pendlerzeitung News sachte auf. Dagegen walzt das Blatt das Mittelland mit 132’000 Exemplaren platt. Der Start von News am 5. Dezember wird vor allem im Mittelland interessant. Denn die neue Pendlerzeitung von Tamedia und Basler Zeitung Medien wird ihre Ausgabe Mittelland mit einer täglichen Gratisauflage von 132’000 Exemplaren versehen und damit in den WGs 32 und 41 praktisch omnipräsent sein. Zum Vergleich: Die Titel Aargauer Zeitung, Solothurner Tagblatt, Oltner Tagblatt und Zofinger Tagblatt kommen zusammen auf eine verkaufte Auflage von 185’000 Exemplaren.Was ebenfalls auffällt: In den Heimmärkten der beteiligten Verlage tritt das neue Gratisblatt sehr viel sanfter auf: 100’000 News-Exemplare werden in Zürich gestreut, 60’000 Exemplare in Bern und 42’000 Exemplare in Basel. Das erstaunt, denn selbst das Pendlerblatt 20 Minuten gebärdet sich rücksichtsloser: In Zürich kommt es auf rund 190’000, in Bern auf rund 90’000 und in Basel auf etwa 70’000 Exemplare.
Support durch die MuttertitelDoch Leisetreten ist nicht Rolf Bollmanns Ding. Der Projektleiter von News und VR-Delegierte der Firma NP News Print erklärt die relativ kleinen News-Auflagen in Zürich, Basel und Bern mit der Reichweitenstrategie des neuen Titels. In den drei Grossagglomerationen soll News die Titel Tages-Anzeiger, Basler Zeitung und Berner Zeitung ergänzen, indem es in inhaltlicher Anlehnung an die drei Muttertitel diesen ein urbanes, jüngeres Publikum zwischen 20 und 50 Jahren zuhält. Die News-Reichweiten will Bollmann dann mit den Reichweiten der drei bestehenden Muttertitel addieren. Anders verhält sich das im Raum Aarau-Olten-Solothurn. «Dort verfügt News über keinen Basistitel, weshalb es von Beginn weg im Alleingang eine ansehnliche Reichweite erreichen muss», sagt Bollmann. Das wiederum sei nur mit einer entsprechend hohen Auflage möglich.
Stärkung dank InseratekombiDabei lässt Bollmann ein Ziel des neuen Gratisblattes nicht aus den Augen: Der Titel ist nicht primär ein Selbstläufer, sondern soll Tagi, BaZ und BZ punkto Reichweite, Soziodemografie und Preis/Leistungsverhältnis stützen – so wie in der Westschweiz Le Matin Bleu den Matin Orange. Um diese Stärkung auch wirklich zu erreichen, bietet Bollmann den Inserenten ein flexibles, modulares Inseratekombi zwischen den vier News-Ausgaben und den drei Muttertiteln an: So lässt sich die News-Gesamtauflage von 334’000 Exemplaren, die jene des Blicks notabene um fast 100’000 Exemplare überragt, solo buchen. Doch «News national» kann auch mit dem Metropool kombiniert werden. Letztlich aber kreist alles um das Modul News Mittelland: Es lässt sich sowohl allein buchen als auch mit einem der drei Muttertitel und der entsprechenden News-Ausgabe kombinieren. Das Ziel ist offensichtlich: Tagi, BaZ und BZ wollen aus dem Mittelland so viel herauspressen, wie sie können. Bollmann sagt es so: «Wir wollen in den vier stärksten Wirtschaftsräumen der Deutschschweiz eine hohe Reichweite.»
Doch warum sollen die jüngeren Leser künftig nach News greifen, wenn sie schon 20 Minuten haben? Auch dafür hat Bollmann eine Antwort bereit: «Die Pendler wollen kurze, portionierte Nachrichten. News bietet das ähnlich kurz und kompakt wie 20 Minuten.» Wie kompakt, das steht in der Tarifdokumentation: «Kein Textelement hat mehr als 2400 Zeichen.»
Ergänzung zu 20 MinutenNews soll 20 Minuten aber keineswegs kannibalisieren. Darum wird die neue Gratiszeitung ausschliesslich auf klassische News (Ausland, Inland, Wirtschaft, Kultur, Sport) fokussieren, Lifestyle und Service hingegen, die USPs von 20 Minuten, bleiben gemäss Bollmann unangetastet. «Wir gehen davon aus, dass die Pendlerinnen und Pendler künftig beide Blätter nehmen», sagt der Projektleiter.
Jetzt, da Tagi, BaZ und BZ das Mittelland ohnehin mit News überrollen, stellt sich eine weitere Frage: Wird der Tages-Anzeiger gleichzeitig mit News auch seinen längst erwarteten sechsten Split, jenen fürs Limmattal, lancieren – auch um News dort eine Basis zu geben? «Nein», sagt Bollmann, der auch Verlagsleiter des Tages-Anzeigers ist. «Solche Absichten hegen wir derzeit überhaupt nicht.»
Markus Knöpfli
Siehe auch
«Competitors Strangulation Strategy»AZ-Verleger Peter Wanner
und seine Verlegerkollegen der Mittelland Zeitung hat die Nachricht von einer auflagenstarken Mittellandausgabe von News auf dem linken Fuss erwischt. Wanner zeigte sich im Interview auf werbewoche.ch über den Wortbruch im Nichtangriffspakt («Gentlemen’s Agreement» zwischen Wanner und Tamedia-Verleger Hans Heinrich Coninx beziehungsweise -CEO Martin Kall) enttäuscht, dessen Existenz die andere Seite jedoch bestreitet. Wanner geisselt die Tamedia-Strategie als Kriegserklärung an die gesamte AZ-Mediengruppe. Es macht die Sache nicht einfacher, dass sein einstiger Verlagsleiter Rolf Bollmann die Schlacht für Tamedia anführt. Bollmann kennt die Verhältnisse im Einzugsgebiet Aargau/Solothurn aus dem FF. Auch die weiteren Partner
der Mittelland Zeitung sind wenig froh: «Das Konzept von News mit kleiner Auflage in unserer Region beeindruckt uns nicht sehr», sagt Mathis Lüdin, Verleger der Basellandschaftlichen Zeitung. Dennoch beobachtet er die Sache skeptisch. Christian Müller, CEO der Vogt-Schild AG, welche die Solothurner Zeitung herausgibt, spricht von einer «Competitors Strangulation Strategy». Analog zu früheren Kampfmassnahmen von Tamedia ziele auch News darauf ab, das bestehende Produkt zu zerstören, um an dessen Stelle ein neues zu etablieren. Das wirke sich zwar auf die Leserzahlen seines Blattes kaum, auf dem Werbemarkt jedoch stark aus. In Olten fällt die Reaktion
auf die angekündigte Mittellandausgabe von News gemässigter aus. Laut Thomas Müller, CEO der Dietschi AG, welche das Oltner Tagblatt (OT) herausgibt, stehe sein Blatt nicht unmittelbar in einem mit Baselland, Solothurn oder dem Limmattal vergleichbaren Kriegsgebiet. Müller beobachtet mit Argusaugen die Entwicklung, denn das OT generiert die Hälfte seiner Anzeigen aus dem Verbund der Mittelland Zeitung. Beim Zofinger Tagblatt dürfte die Lage ähnlich beurteilt werden. Ob die verbündeten Verleger am Ende einen eigenen Gratistitel lancieren, ist derzeit offen. Peter Wanner will noch vor Jahresende Abwehrmassnahmen bekannt zu geben. (rw)