Der Zürcher Werbeclub hat am Donnerstag zum Talk mit Roger Schawinski geladen. Unter dem Titel «Die Marktlücke – und wie man sie findet», hat der ehemalige Radiopionier aufgezeigt, wie er mit seinem Radio 1 erneut Pionierarbeit leisten will.
«Eine Marktlücke findet man dort, wo alle anderen nicht hinschauen», meinte Schawinski zur Einleitung. Es sei «einfallslos», wie heute beim Radio alle in die gleiche Richtung rennen und dem gleichen Mainstream frönen. Mit viel Aufwand für Research entscheiden Manager in irgendwelchen Zentralen, welche 300 Songs den ganzen Tag lang auf und ab gespielt werden sollen. «So entsteht ein Radio ohne Seele», meinte Schawinski, der damals sein Programm noch «aus dem Bauch heraus» gestaltet hatte. Auch die Wortbeiträge seien heute nur noch im Bereich «Unglücksfälle und Verbrechen» angesiedelt.
«Das Medium Radio wird nicht mehr richtig gepflegt», fasste Schawinski zusammen. Und als Entgegnung auf diese «Sosse» kam ihm schliesslich die Idee für seine «Marktlücke»: gepflegtes Radio, wieder so wie damals. Aber für eine neue Zielgruppe. Der Claim für seinen neuen Sender heisst: «Radio 1 – nur für Erwachsene». Das schliesse aus. «Aber es schliesst auch ein.» Er mache ein Radio wie für sich selber, also eines, das er auch selber hören möchte. «Ganz bestimmt «kein Research» werde es deshalb für sein Radio1 geben.
Zur Zeit ist Schawinski damit beschäftigt, mit alten Weggefährten zusammen 5000 Musiktitel auf ihre Tauglichkeit für sein neues Radio zu prüfen. «Alles Titel, die durch die Raster der heutigen Radios gefallen sind.» Schawinski bezeichnete sich vor der Runde des Werbeclubs als «musikalischer Durchschnitts-Typ» und damit sei er der ideale Massstab für sein neues Radio. «Am nächsten ist einem die Musik, mit der man seine erste Liebe erlebt hat…» Das neue Radio 1 soll aber nicht nostalgisch werden und auch keinen «Oldie-Sender».
Mit Radio1 will Schawinski der Branche «einen neuen Impuls» geben. Schon die Reaktionen auf die Ankündigung seien überwältigend ausgefallen. Bereits ist er dabei, «die besten Journalisten und die besten Stimmen» für seinen Sender zu engagieren. Um die «Topqualität» durchziehen zu können, will Radio1 auch nicht jeden Spot senden. Die heutigen Spots passten nämlich vielfach «bestens zu dieser Sosse der heutigen Radios». Schawinski hofft deshalb, dass für seinen Sender auch wieder bessere Spots produziert werden. Wie das konkret möglich werden soll, konnte er allerdings in der Diskussion mit den anwesenden Werbern noch nicht beantworten. Als mögliche Kunden nennt er neben der Gesundheitsbranche auch Reiseveranstalter und Banken. Das funktioniere bereits sehr überzeugend bei «AM 740», einem Sender in Toronto, der ein mögliches Vorbild für Radio 1 sein könnte.
Schawinski, der nach wie vor einen Teil seines Lebens in Berlin verbringt, fühlt sich in dieser Stadt mit 18 Radios am idealen Ort, um sich für seine neues Konzept inspirieren zu lassen. «Jetzt habe ich wieder die Möglichkeit, mit einem weissen Blatt anzufangen.» Der Name Radio 1 sei ebenfalls ein Souvenir aus Berlin. Für die Schweiz war dieser Name noch frei. Nur die Domain www.radio1.ch war bereits besetzt. Schawinski hat sie über eine deutsche Sekretärin anonym kaufen lassen. «Unter meinem Namen hätte das wohl ein Vermögen gekostet.»
Radio1 sendet vorerst auf 93,0 und beginnt im Januar mit einem kontinuierlichen «Sound-Test» als Teaser. Im März soll es richtig losgehen, begleitet von einer grossen Werbekampagne. Bereits in Arbeit ist ein neues Konzessionsgesuch, nach welchem Radio 1 dann statt vom Zürichberg vom Üetliberg aus in ein grösseres Gebiet ausstrahlen kann.
Andreas Panzeri