Leser-Analyse Der kleinauflagigen Fachpresse fehlt es an Marktdaten. Darum stärkt ihr der Verlegerverband den Rücken mit einem neuen Instrument. Das Problem ist für die Fach- und Spezialpresse alt: Selbst Titel, die bei der Mach Basic der Wemf mitmachen, erhalten zu wenig Datenmaterial, um ihre Qualitäten und Defizite im Lesermarkt ausreichend repräsentativ analysieren zu können. Die Auflagen sind zu klein, das Zielpublikum zu spezifisch und folglich die Fallzahlen oft zu gering. Schon das Herunterbrechen der erhaltenen Reichweite auf Alter oder Wirtschaftsgebiete ist bisweilen fragwürdig. Doch Fachpresse-Verleger erfahren es immer wieder: Wer keine oder zu wenig aussagekräftige Leistungsdaten ausweist, hat im Werbemarkt einen schweren Stand. Denn die Kunden wollen wissen, wer mit welcher Intensität ein Medium nutzt. Und sie wollen Medien, insbesondere solche mit ähnlichem Zielpublikum, leistungsmässig miteinander vergleichen. Bisher gab es dafür aber kein geeignetes Instrument. Die eine oder die andere Branche hat zwar bei der Wemf eine eigene Reichweitenstudie (Media-Analyse) in Auftrag gegeben (etwa MA Med oder MA IT Business). Doch diese haben zwei Nachteile: Wegen der erforderlichen Grundgesamtheit wurden sie oft zu teuer, um mehrmals durchgeführt zu werden (Beispiel MA Med). Oder die Branche konnte sich gar nicht erst einigen, weshalb etwa die MA IT Business zuletzt zu einer Auftragsstudie eines einzelnen Verlages verkam, die von den andern nicht akzeptiert wurde.
Nun hat sich der Verband Schweizer Presse unter der Führung der Arbeitsgruppe Q-Publikation diesem Thema angenommen und zusammen mit dem Marktforschungsinstitut IHA-GfK eine neue Studienanlage entwickelt, mit welcher die einzelnen Fachzeitschriften relativ kostengünstig (ab 6800 Franken)
ihre Leistungen gegenüber Mediaplanern und Werbeverantwortlichen transparent machen können – und zwar nach Branchen und mit standardisiertem Fragebogen. Es sei das Ziel, «den Fachverlagen branchenspezifisch vergleichbare und verlässliche Informationen zu verschaffen», sagte Ruedi Kaufmann, Leiter Medienforschung bei IHA-GfK. Natürlich sollten die Studien auch wissenschaftliche Anforderungen erfüllen.
Im Gegensatz zu den Media-Analysen der Wemf wird das neue Instrument «Leser-Analyse Fachpresse» genannt. «Sie ist keine Reichweitenstudie», stellt Toni Vetterli vom Verband klar. Denn bei einer Media-Analyse, beispielsweise für die Tourismusbranche, würden alle in diesem Bereich tätigen Behörden, Verbände, Gastrobetriebe und Firmen die Grundgesamtheit bilden. Die Grundgesamtheit der Leser-Analyse Fachpresse hingegen würde auf den Abo-Stämmen jener Titel
basieren, die sich an der Studie über Tourismus-Fachtitel beteiligen. Jeder teilnehmende Verlag muss also seine Abo-Adressen der IHA-GfK aushändigen. Aus der Adressdatei jedes Titels zieht dann das Institut Adressen und befragt 200 Personen (je nach Auftrag auch mehr) per Online-Fragebogen. Dieser enthält einen standardisierten Teil zur Person und zum Informations- und
Leseverhalten sowie einen zweiten titelspezifischen Teil, bei dem die Lesermeinung zur konkreten Zeitschrift erfragt wird. Die Fachverlage erhalten aus der Leser-Analyse also soziodemografische Angaben sowie Informationen darüber, welchen Stellenwert ihr Titel für die Befragten hat. Dazu gehört auch, wie ein Titel genutzt und beurteilt wird. «Die Leser-Analyse Fachpresse soll einerseits Sicherheit in die Planung von Werbegeldern bringen und andererseits den Redaktionen ein Stärken-Schwächen-Profil liefern, welches gewisse Eigenschaften bestätigt oder zu Verbesserungen anregen wird», sagt Vetterli. Geplant ist ausserdem, die Leser-Analysen je Branche alle zwei bis drei Jahre zu wiederholen.
Vetterli hofft nun, dass das neue Instrument von der Fachpresse akzeptiert wird: «Indem sich die Fachzeitschriften auf eine Standardstudie konzentrieren, erleichtern sie den Nutzern, also den Werbeauftraggebern und Mediaagenturen, den Umgang mit der Studie und mit der Wertung der Daten», sagt er.
Bereits wurde das neue Instrument von 22 Titeln aus dem Gesundheitsbereich erprobt. Für die anderen Branchen sind nächstes Jahr vier weitere Erhebungswellen vorgesehen. Obwohl vom Verband Schweizer Presse und von der Fachgruppe Q-Publikation initiiert, steht das neue Instrument nicht nur Verbandsmitgliedern zur Verfügung. Nichtmitglieder bezahlen aber 1000 bis 2000 mehr für die Teilnahme.
Markus Knöpfli
Warum die IHA-GfK statt der Wemf?
Eigentlich würde den Verlegern mit der Wemf
eine Branchenforschungs- organisation zur Verfügung stehen, die für Erhebungen wie die neuen Leser-Analysen prädestiniert wäre. Trotzdem wählte das Projektteam des Verlegerverbands nach einer Ausschreibung unter drei Marktforschungsfirmen (ohne Wemf) die IHA-GfK. Doch warum machte man überhaupt eine Ausschreibung? Toni Vetterli begründet dies mit dem spezifischen Charakter des Forschungsprojekts. «Es war von Anfang an klar, dass es sich nicht um eine grosse Marktuntersuchung, sondern voraussichtlich um eine Vielzahl kleinerer Studien mit identischer methodischer Grundlage handeln wird», sagt er. Deshalb habe man darauf geachtet, dass der Kontakt des Instituts zu den Verlagen möglichst direkt sein würde, insbesondere bezüglich Adressbeschaffung, Zusatzfragen oder Spezialauswertungen. «Da die Wemf selbst aber keine Befragungen durchführt, sondern dafür wiederum Institute beauftragt, wäre das Handling zu kompliziert geworden», sagt Vetterli. Und weiter: «Wir hatten einen auf die Bedürfnisse der Fachpresse zugeschnittenen Forderungskatalog. Der Hauptpunkt: Die Studie sollte kostengünstig, wissenschaftlich, auf alle Branchen anwendbar und rasch realisierbar sein.» Doch mit der Wemf
habe ein regelmässiger Austausch stattgefunden, um zu verhindern, dass die Leser-Analyse in die Nähe einer Reichweitenstudie rückt oder als solche wahrgenommen werden könnte. «Wemf-Forschungsleiter Harald Amschler hat sogar den Fragebogen für die Leser-Analyse geprüft», sagt Vetterli.