Testkunden sind die besseren Werber
Trend. Tryvertising funktioniert nach dem Motto: Bring den Kunden dazu, dein Produkt zu testen, und lass ihn gut darüber reden.
Trend. Tryvertising funktioniert nach dem Motto: Bring den Kunden dazu, dein Produkt zu testen, und lass ihn gut darüber reden.
Das perfekte Shoppingparadies: einfach in einen Laden spazieren, Uhren, Designer-Accessoires oder den neuesten technischen Schnickschnack mitnehmen und dafür nichts bezahlen. Was utopisch klingt, ist in Japan bereits Realität. In Tokio eröffnete in diesem Jahr ein Laden mit dem Namen Sample Lab. Gegen eine kleine Jahresgebühr können die Besucher die neuesten Produkte aus den unterschiedlichsten Bereichen kostenlos ausprobieren. Das Angebot reicht von der scharfen Grillsauce bis zum schweren Sportgerät. Die Produkte können im Shop, aber auch zu Hause getestet werden. Das Interesse der japanischen Kundschaft ist enorm. Die Shopbetreiber verdienen mit ihrer Idee gutes Geld. Zum einen bezahlen Firmen für die blosse Präsenz, zum andern für Daten und Informationen über die Konsumenten.
Die Geschäftsidee aus Japan hat einen Namen: Tryvertising. Die Wortschöpfung kommt vom Englischen «try» und «advertising». Dahinter steckt eine einfache Überlegung: Man bewirbt ein Produkt, indem man es von den Kunden testen lässt. Tryvertising ist eine Weiterentwicklung des Product Placements. Dabei werden Produkte nicht in Filme integriert, sondernin das nicht heimische Umfeld der Konsumenten. Es ist erwiesen, dass Menschen ausserhalb ihrer eigenen Markenwelt offener für Neues sind.
In den USA ist Tryvertising ein grosses Thema, weil klassische Werbung immer weniger Konsumenten erreicht. Verschiedenste Studien des Marktforschers Forrester Research zeigen, dass lediglich 13 Prozent der US-Konsumenten Produkte kaufen, die sie aus der Werbung kennen. Gerade mal sechs Prozent der Verbraucher vertrauen den Botschaften aus der Werbung. Es ist in der Konsumgesellschaft zum Paradigmenwechsel gekommen. Zukunftsforscher sprechen von der Trysumer-Bewegung. Der neue Konsument ist ein erfahrener Verbraucher, der ein Produkt dank neuer Möglichkeiten erst kostenlos testet und bei Gefallen kauft.
Weil der Trysumer stark vernetzt ist, forcieren Unternehmen ihre Online-Aktivitäten. So zum Beispiel Procter & Gamble. Der Konsumgüterriese kreierte vor zwei Jahren eine Online-Plattform namens Tremor.com. Jugendliche können Produkte bestellen, diese testen und im Netz Testberichte verfassen. Bis heute haben sich mehr als eine Viertelmillion Teenager registrieren lassen. Das Portal ist eine gigantische Marktforschung. Den Erfolg will der Multi nun bei Müttern wiederholen. Deshalb wurde im letzten Jahr Moms.tremor.com gelauncht.
Aber auch andere Big Brands haben das Product Placement für sich entdeckt. Mercedes Benz versorgt die Nobelhotels von Ritz Carlton mit Fahrzeugen. Clubmitglieder der weltweit aktiven Hotelkette können während ihres Aufenthaltes unbeschränkt Modelle Probe fahren. Gleiches tun die Marken Maybach und Porsche. Der Sportwagenhersteller ist mit den Fairmont-Hotels in den USA eine Partnerschaft eingegangen.
Ansätze auch in der SchweizAuch Möbel werden bewusst positioniert, damit sie getestet werden. In Deutschland beispielsweise belieferte Ikea die Hotelkette Etap. Einzelne Zimmer wurden mit dem skandinavischen Mobiliar ausgestattet. Was mit Möbeln geht, funktioniert auch bei Schuhen. Der Sportartikelhersteller Nike liess sich eine spezielle Tryvertising-Kampagne einfallen. Mit so genannten «Nike Trial Vans» tourte der Schuhhersteller dieses Jahr durch Europa. In Sportregionen bot Nike Tausende von Schuhen zum Test an. Ohne Verpflichtungen konnten Läufer vor Ort jeden Schuh probelaufen.
In der Schweiz ist Tryvertising noch nicht so populär wie im Ausland. Wie eine Telefonrecherche der Werbewoche zeigt, distanzieren sich beispielsweise Schweizer Hotels von dieser Art Product Placement. Der Grundtenor: Wir haben unsere eigenen Produkte, die zum Hotelkonzept passen. Die Nachfrage nach Tryvertising ist aber stark vorhanden. Silvia Affolter, Geschäftsführerin des Hotelfernsehkanals Cityguidetv, wird von Firmen regelmässig um Produktplatzierungen angefragt. Affolter: «Klar, wer sich in einem Top-Hotel positionieren kann, macht in einem exklusiven Umfeld Werbung, und das bei einem kaufkräftigen Publikum.» Dem Schweizer Hotelierverband sind noch keine Tryvertising-Kampagnen bekannt.
Zwar wird nicht im Hotel, dafür im Spital geworben. Bulgari, Hersteller von Luxusartikeln wie Parfum, Schmuck und Handtaschen, konnte in diesem Jahr mit der Privatklinik Hirslanden in Aarau eine Partnerschaft eingehen. Im kommenden Jahr können gutbetuchte Patienten Düfte von Louis Widmer probieren.
Christian Lüscher
