Mathis Lüdin, Verleger der Basellandschaftlichen Zeitung (bz), begründet den Verkauf seiner Zeitung an die AZ Medien. Und er sagt, welche Rolle die Basler Zeitung bei diesem Entscheid gespielt hat. Werbewoche: Herr Lüdin, in Ihrem Pressetext bezeichnen Sie die im September 2006 eingegangene Kooperation mit der MittellandZeitung als erfolgreich. Aufgrund welcher Kriterien? Mathis Lüdin: Unsere Zeitung hat inhaltlich massiv gewonnen durch diese Partnerschaft. Wir spielen nun in der oberen Liga. Wir haben einen Mantel, den ich mir zuvor im Alleingang nie im Traum hätte vorstellen können. Im Gegenzug konnten wir uns auf den Regionalteil konzentrieren – auch dadurch hat die Zeitung gewonnen. Quantitativ bieten wir zudem dank zahlreicher Specials ein grösseres Volumen – auch wenn dies nicht alle Leser mögen. Und wir sind eingebunden in eine Gruppe mit grossem Knowhow in allen Bereichen.
WW: Wie erging es der bz im Inseratebereich? Lüdin: Wir konnten uns den Zugang zum nationalen Inseratemarkt voll erschliessen. So haben wir nun auch die Panoramaseiten von der Migros und von weiteren Kunden, die wir zuvor nicht hatten. Der MZ-Stellenmarkt ist zudem überraschend gross und kommerziell um Welten interessanter als zuvor das Kombi mit dem Stellefant der Basler Zeitung (BaZ). Allerdings hätte ich die Stellefant-Inserate trotzdem sehr gern, weil sie stärker auf unsere Region bezogen sind. Aber rein finanziell ist der MZ-Stellenteil deutlich besser.
WW: Hand aufs Herz: Wie entwickelte sich 2007 das Inseratevolumen aus dem bz-Stammland? Lüdin: Hier gab es schon auch eine Kannibalisierung. Denn einige Inserenten aus dem nationalen Markt, die wir zuvor direkt und zu den eigenen bz-Preisen hatten, kommen heute nur noch über die MZ und zu ganz anderen Tarifen. Aldi zum Beispiel eröffnete eine Filiale in Lausen und schaltete zweimal wöchentlich eine Panoramaseite in der bz – zum vollen Preis. Seit unserem Wechsel zur MZ bucht er halt über die MZ – und da erhält die bz nur noch einen Anteil von etwa 10 Prozent. Das ist die Schattenseite. Insgesamt also erhielten wir ein deutliches Mehrvolumen zu einem schlechteren Preis. Aber unter dem Strich geht es mehr als auf.
WW: Können Sie dieses Plus etwas quantifizieren? Lüdin: Gegenüber 2006 legten unsere netto-netto-Werbeeinnahmen um rund 25 bis 30 Prozent zu.
WW: Bisher waren Auflage und Reichweite der bz stabil. Dieses Jahr kam aber die Sonntagsausgabe und ein um 10 Prozent höherer Abopreis dazu. Werden Sie Abonnenten verlieren? Lüdin: Ja, im Promillebereich. Wir haben jeden Tag auch Neu- oder Probeabo-Bestellungen. Die Abo-Kündigungen sind derzeit zwar etwas in der Überzahl. Doch abgerechnet wird erst im Februar, denn im Januar dürften noch einige Personen, bei denen das BaZ-Abo ausläuft, zu uns wechseln. Das Interesse – auch wegen Sonntag – ist sehr gross. Zudem merken viele, dass die bz mit 368 Franken zwar teurer ist als die BaZ, die 347 Franken kostet. Aber sie erhalten bei der bz auch eine Sonntagsausgabe, die sich mit den Sonntagstiteln von Tamedia oder NZZ durchaus messen kann, sowie ein TV-Programm.
WW: Welchen Einfluss hatte die BaZ-Grossauflage (GA) in diesem Jahr? Lüdin: Das ist schwer zu sagen. Sie machte zweifellos den Markt nervöser.
WW: Hat sie der bz Leser oder Inserate gekostet? Lüdin: Nicht spürbar. Sie machte wohl einige Deals mit Inserenten und gab Goodies und Freespace. Insgesamt ging sie sehr aggressiv vor. Doch unsere Stamminserenten zeigten sich davon nicht allzu beeindruckt. Wir aber nur wenige verloren.
WW: Obwohl die BaZ-GA nur halb soviel kostet wie jene der bz, bei fast identischer Auflagenhöhe? Lüdin: Das machte die Inserenten anfangs schon stutzig. Sie fanden, 90’000 GA-Exemplare seien 90’000 GA-Exemplare, warum sollen sie bei der bz doppelt so viel bezahlen wie bei der BaZ? Wir aber sagen: Unsere GA hat 111’000 ausgewiesene Leser, während die BaZ-GA als Neuling kaum mehr als 0,6 Leser pro Ausgabe, also bloss etwa die Hälfte der bz-Reichweite, erreichen dürfte. Insofern ist unser höherer Preis durchaus gerechtfertigt. Das haben viele Kunden auch eingesehen.
WW: Warum haben Sie die bz gerade jetzt verkauft? Lüdin: Der Zeitpunkt ist eher zufällig. Wir merkten aber: Der Markt ist heute viel härter als wir uns dies vor drei Jahren noch vorstellten. Ich nenne nur drei Stichworte, die dies verdeutlichen: Gratiszeitungen, das Projekt Sonntag und der Onlinebereich. Die Chance für eine mittelgrosse Regionalzeitung zu überleben, sind noch schlechter geworden. Darum entschieden wir uns für den vollständigen Verkauf – und damit für klare Besitzverhältnisse.
WW: Man könnte das auch anders sehen: Die bz hat einen vorläufigen Zenith erreicht. Die Zuwachsraten im Inseratebereich dank MZ-Anschluss wiederholen sich 2008 sicher nicht und im Abobereich ist die Situation zumindest unsicher. Das eigentliche MZ-Abenteuer beginnt für die bz also erst jetzt. Den Zeitpunkt, die Hauptverantwortung abzugeben, haben Sie somit geschickt gewählt. Lüdin: Das Tempo der letzten drei Jahre war enorm. Alles folgte Schlag auf Schlag: Zuerst der Anschluss an die MZ, dann die Sonntagsausgabe, jetzt suchen wir nach einer Antwort auf die Gratiszeitung News. Das alles und die damit verbundenen Risiken haben den Entscheid auf unserer Seite natürlich beschleunigt. In diesem Sinne sage ich: Der Zeitpunkt ist – umständehalber – sicher nicht schlecht, und er zwang die AZ Medien, Farbe zu bekennen. Ich bin jedenfalls überzeugt: Wenn die bz ihnen zu 100 Prozent gehört, schauen sie besser dazu, als wenn wir noch die Hälfte mittragen würden. Wir fanden sozusagen eine ideale Kombination: Die Besitzverhältnisse sind geklärt, aber der Verleger, die Mannschaft und der Druck – alles bleibt wie gehabt. Mit einem Wermutstropfen: Die Zeitung gehört nicht mehr uns.
WW: Wie sahen die bisherigen Besitzverhältnisse bei der Basellandschaftlichen Zeitung AG eigentlich aus? Lüdin: Die Familie Lüdin, bestehend aus meinem Bruder Alex und mir sowie vier weiteren Personen, besitzen gut zwei Drittel der Aktien.
WW: Haben Sie ausschliesslich gegen Geld verkauft oder erhalten Sie auch Anteile an der AZ Medien? Lüdin: Nein. Es ist ein reiner Verkauf.
WW: Hat das Verhalten der Basler Zeitung Medien Ihren Entscheid, nun definitiv an Peter Wanner zu verkaufen, beflügelt? Lüdin: Nein. Die BZM reagieren ja auf uns, nicht wir auf sie. Im Grunde aber reagieren sie gar nicht, sondern sind aus Zürich ferngesteuert.
WW: Die bz wurde vor 175 Jahren als Baselbieter Kampfblatt gegründet – anlässlich der Basler Trennungswirren. Heute sind sich die Basler Halbkantone aber politisch und wirtschaftlich näher denn je. Ein bz-Verkauf nach Basel hätte dies noch symbolisch unterstrichen – erst recht an Weihnachten. Haben Sie da nicht eine historische Chance verpasst? Lüdin: Nein. Wenn zwei Zeitungen, die sich räumlich überschneiden, etwas gemeinsam machen, führt dies früher oder später zu einer einzigen Zeitung. Das ist der Unterschied zum MZ-Modell: Dort hatten wir keine Überschneidung. Sehen Sie sich die Kopfblätter der Berner Zeitung an – die kommen zwar noch etwas unterschiedlich daher, aber im Grunde ist es überall dasselbe Blatt. Kurz: Mit der BaZ hätten wir unsere Zeitung aufgegeben.
Markus Knöpfli