Wahlwerbung Amerika liegt im Wahlkampf-Fieber. Das Rennen um die US-Präsidentschaft bringt allen voran den TV-Anstalten satte Milliardengewinne.
Der Wahltag des Super Tuesday ist vorbei, und ausser dem republikanischen Senator John McCain, der wahrscheinlich der Präsidentschaftskandidat seiner Partei werden wird, ist nichts entschieden. Das ganze Land und mit ihm die ganze Welt verfolgt fasziniert das Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen den beiden Demokraten Hillary Clinton und Barak Obama und fragt sich, wie lange das noch in diesem Tempo weitergehen soll. Ein langer Wahlkampf bedeutet jede Menge Ausgaben für Marketing. Jeder der Kandidaten gab vor dem Super Tuesday über 100 Millionen Dollar aus. Die Gesamtsumme für politische Werbung wird in diesem Jahr, laut einer Untersuchung des Marktforschungsinstituts Borrell Associates, bei der Rekordsumme von 4,8 Milliarden Dollar liegen. 60 Prozent davon werden die Fernsehsender einheimsen. Eher enttäuschend fallen die Einnahmen für Onlinewerbung aus, für die lediglich 20 Millionen Dollar oder ein halbes Prozent vorhergesagt werden.
Dass Wahlwerbung allein jedoch nicht ausreicht, wurde am Beispiel des Republikaners Mitt Romney deutlich. Er gab rund 30 Millionen Dollar allein für TV-Werbung aus und schied dennoch vergangene Woche aus dem Rennen. Weitaus besser lief es für John McCain, der sich schon früh auf den entscheidenden Staat New Hampshire konzentrierte und nach dem dortigen Sieg wieder reichlich an Spenden für die nächsten Ziele gewann.
Randgruppen profitieren
Komplizierter verhält es sich auf demokratischer Seite. «Wir haben zwei Kandidaten, die ihre Etats zusammen haben und das gesammelte Geld umgehend ausgeben», sagt Evan Tracey von der Campaign Analysis Group des Medienforschungs- unternehmens TNS Media Intelligence. «In den nächsten Wochen werden die Ausgaben sehr gezielt gemacht werden und sich auf die heiss umkämpften Bundesstaaten konzentrieren.» Diese «Battleground States» sind vor allem bevölkerungsreiche Staaten wie Ohio und Texas, wo Anfang März gewählt wird und wo zunehmend Geld in spanischsprachige Medien gesteckt wird. Es wird erwartet, dass die Wahlkampfausgaben mit den Vorwahlen in Pennsylvania Ende April allmählich abflauen werden.
Besorgnis erregend für Hillary Clinton war Ende Januar ein wahrer Spendenregen zugunsten von Obama, der dies umgehend ausnutzte und zahlreiche TV-Spots in den Super-Tuesday-Staaten schaltete. Während Obama 16 Millionen Dollar zur Verfügung hatte, konnte Clinton in dieser Woche nur 12 Millionen ausgeben. Clinton musste vorübergehend sogar 5 Millionen Dollar aus ihrem Privatkonto locker machen. Bezeichnend ist, dass Clinton mit 4 Millionen Dollar mehr Geld für politische Consultants und Medienberater ausgab als Obama mit lediglich 1,4 Millionen. Obama bestätigt damit seinen Ruf, für die Medien weniger zugänglich zu sein als Clinton, die regelmässig mit dem mitreisenden Pressetross auf Schmusekurs geht.
Trotz der geringen Wahlwerbung im Internet spielt dieses Medium im Wahlkampf durchaus eine Rolle. Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts SS&K ergab, dass 40 Prozent der Wähler in New Hampshire die Webseiten mindestens eines Kandidaten besucht haben, und 25 Prozent schauten sich deren Profile auf Networkingseiten wie MySpace an. Die Wahlkampf-strategen behalten für künftige Rennen vor allem die Mediennutzungsgewohnheiten der Zielgruppe unter 30 Jahren im Auge, von denen 52 Prozent der Befragten durch die Webseiten der Kandidaten surften, die unter anderem Blogs, YouTube-Kanäle und Facebook-Seiten hatten.
Wenig in Erscheinung getreten sind bisher die so genannten 527-Gruppen, Special-Interest-Organisationen, die auf eigene Initiative für oder gegen einen Kandidaten Stimmung machen. Wie auch vor vier Jahren, als vor allem der demokratische Kandidat John Kerry Attacken aus dem rechten Lager ausgesetzt war, wird erwartet, dass sie erst dann eine Rolle spielen werden, wenn die beiden Präsidentschaftskandidaten klar sind. «Was wir dann sehen werden, sind die Specialinterest-Rufmord-Kampagnen», sagt Tobe Berkovitz, Kommunikations- professor an der Boston University.
Die Frage ist, ob das demokratische Wettrennen bis in den August hinein laufen könnte, wenn die demokratische Konvention stattfindet, und ob dies dem späteren Kandidaten schaden könnte, weil dann nur noch gut zwei Monate Zeit bis zur Wahl Anfang November ist. Der Parteivorsitzende Howard Dean will dem entgegenwirken: «Die Idee, dass wir auf der Konvention eine grosse Schlacht ausfechten werden und dann in acht Wochen die Wahl gewinnen müssen, ist kein gutes Szenario.»
Gerti Schön, New York
«Fernsehen ist unschlagbar»Im Gespräch mit der Werbewoche sagt Todd Gitlin, Komunikationsprofessor an der New Yorker Columbia-Universität, was die Berichterstattung auszeichnet und warum Fernsehen beim Horserace der Präsidentschaftsanwärter für Wahlwerbung der wichtigste Kanal ist.
WW: Was zeichnet die Berichterstattung in diesem Wahlkampf aus?Todd Gitlin: Es wird schon seit langem beklagt, dass sich die Berichterstattung auf das sogenannte Horserace konzentriert, also den Wettkampf, welcher der Kandidaten liegt vorne, wer gewinnt wo und so weiter. Je länger die Kampagne dauert, desto schwieriger ist es, das Publikum zum Zuschauen zu bewegen, und der Druck frischen Stoff zu liefern wird mit der Zeit grösser. Das Gute daran, dass sich alles so in die Länge zieht, ist, dass sich eine Nische für investigativen Journalismus öffnet, für den man Zeit und Ressourcen braucht. Auf diese Weise besteht die Chance, endlich vom Horserace wegzukommen und sich auf substanzielle Recherchen zu konzentrieren.
Was halten Sie von der bisherigen Wahlwerbung?Sie ist bisher weniger von den gegenseitigen Attacken geprägt, wie es im letzten Wahlkampf am Ende der Fall war. Das heisst aber nicht, dass sie inhaltlich nicht genauso manipulativ ist. John McCain etwa hat eine TV-Werbung gelauncht, in der er als Erbe von Ronald Reagan dargestellt wird, der schon während seiner Kriegsgefangenschaft in den 60ern von ihm beeinflusst wurde. Das ist lächerlich, weil Reagan zu dieser Zeit Gouverneur von Kalifornien war und bis dahin wenig politische Weitsicht demonstriert hatte.
Statistiken besagen, dass die Kandidaten noch immer hauptsächlich TV-Werbung schalten. Überrascht Sie das?Keineswegs. Die Kandidaten entscheiden sich für das Fernsehen, weil es immer noch am besten eine Stimmung, eine Atmosphäre widergeben kann und das ist das Hauptziel von Wahlwerbung. Darin ist das Fernsehen noch immer unschlagbar.
Interview: Gerti Schön