Internet Kennen hiesige User den Begriff Web 2.0? Nutzen sie es überhaupt? Eine aktuelle Studie gibt Antworten.
Andreas Flückiger (34) arbeitet als Controller in einem Industrieunternehmen. Morgens liest er neben seinen Emails auch RSS-Feeds, die er abonniert hat. Während der Arbeit tummelt er sich in Business Netzwerken wie Xing, knüpft neue Kontakte oder beteiligt sich mit eigenen Beiträgen in Foren. Nach der Arbeit trifft sich der studierte Betriebswirtschaftler mit Freunden. Nicht beim Bier in einer Quartierbeiz, sondern in einer virtuellen Welt wie Second Life. Stunden später besucht Flückiger die Videoplattform YouTube und guckt sich vergnügt Beiträge an.
So oder ähnlich beschreibt eine aktuelle Studie den durchschnittlichen Schweizer Internetnutzer. Die Studie «Web 2.0 in der Schweiz» analysiert erstmals das 2.0-Verhalten hiesiger User. Während zwei Wochen im letzten September befragte Simon Künzler von der Online-Marketingagentur Styropor Digital zusammen mit dem Internetvermarkter Web2com und der Agentur Konsumfreu.de die Internetgemeinschaft.
Jetzt liegen die Ergebnisse vor und zeigen in aller Deutlichkeit, dass der Begriff Web 2.0 und die Philosophie dahinter den Schweizern nicht unbekannt sind. Mehr noch: Die Schweizer kommentieren, bewerten und «gruscheln» fleissig.
Die weit verbreitete Meinung, Web 2.0 sei ein Phänomen einer Minderheit, konnte Künzler widerlegen. Trotzdem müssen die Resultate mit Vorsicht interpretiert werden. «Die Resultate sind extrem ausgefallen», so Künzler. Er vermutet, dass, obwohl unterschiedliche Kanäle für die Bekanntmachung der Befragung genutzt wurden, überwiegend das webaffine Bloggerumfeld an der Befragung teilgenommen habe. Deshalb sei die Studie auch nur eingeschränkt repräsentativ. Bezüglich soziodemografischer Daten sei das Spektrum der Teilnehmenden aber sehr breit, sagt Künzler. Insgesamt nahmen 400 Personen an der Befragung teil, mehrheitlich Männer.
Den Begriff Web 2.0 bringen fast 70 Prozent der Umfrageteilnehmer mit Weblogs und sozialen Netzwerken in Verbindung. Die Mehrheit der Befragten liest mindestens einmal pro Monat Weblogs. Jeder Vierte sogar täglich. Auch Podcasts, quasi die audiovisuelle Form der Weblogs, geniessen gemäss Studie einen hohen Bekanntheitsgrad. Genutzt werde das Jekami-Format von rund der Hälfte der Befragten, und das im Schnitt einmal wöchentlich.
Klassenprimus MySpaceGanz oben auf der Nutzungsskala stehen Foto- und Videoplattformen. 40 Prozent der Befragten konsumieren wöchentlich mindestens einmal Onlinevideos, jeder Dritte täglich. Allerdings beschränken sich viele Teilnehmer der Umfrage auf Plattformen wie YouTube oder MyVideo. Schweizer Portale bewegen sich unter dem Wahrnehmungsradar der hiesigen Nutzer. Auch Informationsseiten wie die Mitmach-Enzyklopädie Wikipedia werden stark besucht, aber die Nutzung beschränkt sich im Prinzip nur auf die Grossen, eben Wikipedia. Schweizer User tummeln sich auch gern auf so genannten Social-Networking-Plattformen. Das Zugpferd ist MySpace. Der Star unter diesen Internetangeboten ist mit
Abstand die beliebteste 2.0-Anwendung. Keine Kopie aus der Schweiz konnte dem amerikanischen Vorbild bislang den Rang ablaufen. Projekte wie Youme.net oder Meinbild sind den Schweizern schlicht unbekannt.
Mit der Erhebung solcher Nutzungsdaten konnte Simon Künzler vier verschiedene Nutzertypen ableiten. Die Heavy-User nennen Künzler und Co-Autorin Andrea Iltgen weniger liebevoll «die Freaks», darunter fallen all jene, die aktiv im Internet Inhalte produzieren, diese ins Netz stellen und immer auf dem neusten technischen Stand sind. «Die Interaktiven» bilden die Gruppe, die sich aktiv im Web 2.0 herumtreibt, Inhalte kommentiert und bewertet. «Die Konsumenten» beschreibt Künzler als diejenigen, die das Angebot zwar intensiv nutzen, aber nichts dazu beitragen wollen. «Die wenig Affinen» sind für Künzler die älteren User, die sich auf vorwiegend einfache Anwendungen beschränken. Wie Künzler in der Studie schreibt, seien die passiven Nutzer noch klar in der Mehrheit, was sich in absehbarer Zeit aber ändern werde. «Die Interaktiven und Freaks werden immer zahlreicher», sagt er. Grosser Handlungsbedarf sei deshalb bei Firmen vonnöten. Je länger, je mehr besteht die Herausforderung darin, die Nutzergruppen gezielt anzusprechen und mit den Usern zu interagieren. Künzler: «Ein Community-Manager gehört heute genauso in die Unternehmenskommunikation wie ein Pressesprecher.»
Christian Lüscher
Wissenswertes zum Web 2.0 auf einen BlickDerzeit ist eine Handvoll
Web-2.0- Studien vorhanden, die den Trend analysieren. Neben der Studie von Simon Künzler hat sich die Journalistenschule MAZ zusammen mit der PR-Agentur Bernet dem Thema gewidmet, jedoch steht nicht der Nutzer im Fokus, sondern die Schweizer Unternehmen und deren Umgang mit dem Social Web. Über das Nutzungsverhalten speziell informiert die Studie mit dem Namen «Web 2.0: Nutzung und Nutzertypen» ausführlich, erschienen in Media Perspektiven (4/2007). «Web 2.0 in der Schweiz» kann bestellt werden unter .