«Blick ist die erste visuelle Zeitung»
Daniel Pillard, Leiter von Ringier Schweiz ad interim, erläutert im Gespräch, was er sich vom neuen Blick erhofft, wie er seine Mannschaft drillen lässt und weshalb eine Formatveränderung das Dessert nach dem Hauptgang wäre. Und die Werbewoche zeigt, wie der neue Blick aussehen wird.
Im Gespräch erläutert Daniel Pillard, Leiter von Ringier Schweiz ad interim, was er sich vom neuen Blick erhofft, wie er seine Mannschaft drillen lässt und weshalb eine Formatveränderung das Dessert nach dem Hauptgang wäre.
WW: Im letzten September sagten Sie, der Blick müsse sich radikal verbessern. Daniel Pillard: Ich bin zuversichtlich, dass er das wird. Denn der Blick wird dynamischer. Es gibt nur noch einen Bund, und das hat viele Konsequenzen. So werden wir viel magaziniger werden. Blick wird die erste visuelle Tageszeitung sein.Warum haben Sie sich für ein Einbundkonzept entschieden?Mit zwei Bünden hatten wir zwei dünne Hefte, die man zwar vorteilhaft in Sport und News teilen kann. Hat man aber nur ein Heft, so muss es von der ersten bis zur letzten Seite spannend sein. Ausserdem muss man sich von den Gratiszeitungen abgrenzen und sichtbaren Mehrwert bieten. Das Heft muss dick und interessant sein.
Welches ist die grösste Veränderung verglichen mit dem bisherigen Blick?Die Bildsprache ist sehr viel stärker. Wir werden exklusive und grössere Bilder zeigen und vieles mit Infografiken erklären. Wir haben mit Igor Kravarik ausserdem einen der besten Illustratoren, der Karikaturen und Cartoons macht und der auch den berühmten Käfer wieder neu gezeichnet hat.
Sie haben einige neue Leute auf die Redaktion geholt.Ja. Mit Walter de Gregorio zum Beispiel als neuem Sportchef hat sich auf der Redaktion bereits viel bewegt. Blick ist und bleibt die Sportzeitung der Schweiz.
Mit dieser Einbundzeitung ist aber auch ein Trick verbunden.Wir haben einerseits eine Titelseite für News und eine für den Sport. Das ist der Trick (dreht das Heft um und zeigt die Blick-Titelseite). Man kann wählen.
Wo ist denn der Unterschied zum Zweibund-Blick?Vorher hatten wir einfach News und Sport. Jetzt haben wir neue Rubriken: News, People und Service. Das ist qualitativ konstant. Hinten kommt dann der Sport. Der nimmt manchmal mehr, manchmal weniger Platz ein. Je nach Umfang kann man damit spielen und muss nicht Seiten mit uninteressanten Dingen füllen wie bisher. Wenn das Heft aber wie ein Magazin gestaltet ist, dann ändert sich alles. Diesen Mehrwert muss man auf jeder Seite sehen. Das hat auch interessante Konsequenzen für die Redaktion beim Produzieren. Beide Mannschaften müssen jetzt zusammenarbeiten.
Wie geht diese Annäherung vonstatten? Geplant ist ja, dass die Redaktionen in einem Newsroom zusammenarbeiten werden. Wir werden mehrere Schritte machen. Das Ziel in ungefähr zwei Jahren wird der integrierte Newsroom sein. Das Zusammenarbeiten von News und Sport ist der erste Schritt. Ab März werden dann auch Print und Online in einem Raum zusammenarbeiten. In einem nächsten Schritt werden wir uns überlegen, wie wir einen Inhalt über verschiedene Kanäle verbreiten und wie wir mit Online first umgehen sollen. Mittelfristig werden Blick, SonntagsBlick und heute aus dem selben Newsroom heraus arbeiten. Das braucht seine Zeit.
Wie soll sich Online first in der Blick-Praxis bewähren?Dass wir alles auf dem schnellsten Kanal verbreiten, kann für den Boulevard nicht grundsätzlich gelten. News und Scoops ja, Recherchen nein. Das ist aber ein Prozess, der im März beginnt.
Der Blick ist ja mit doppelseitigen Geschichten bereits leicht «magaziniger» geworden. Wir probieren unsere Werkzeuge bereits aus.
Haben Sie schon Echo von Lesern und Inserenten erhalten?Wir stiessen mit der Nullnummer bei den Agenturen bereits auf ein gutes Echo. Da hat man offensichtlich das Gefühl, dass sich in der Welt des Blick endlich etwas bewegt. Auf der Leserseite braucht es mehr Zeit, bis sich das bei den Abos manifestiert.
Im Moment hat der Diskurs über journalistische Qualität in der Branche Hochkonjunktur. Wie definieren Sie Qualität für den Blick?Das betrifft zunächst die Bildsprache. Die Bilder müssen Superqualität haben. Wir haben mit Koni Nordmann einen Spezialisten der Fotografie engagiert, der unsere Leute coacht und ausbildet. Ein gutes Bild bringt soviel Information wie ein guter Text, das hat bei Ringier grosse Tradition. Bilder sind für den Blick sehr wichtig.
…solange sie nicht so unscharf sind wie seinerzeit jenes von Djamila Rowe.(lacht) Ein unscharfes Bild kann auch interessant sein, solange es exklusiv ist.
Die Texte sollen länger werden. Wir wollen mindestens dreimal in der Woche eine Reportage bringen, eine Forderung von Chefredaktor Bernhard Weissberg. Aber bereits kleine Texte müssen gut geschrieben sein.
Nochmal: Was heisst Qualität ganz allgemein für den Blick?Spannend, witzig muss er sein, mit guter Sprache, aber nicht wie die NZZ. Walter de Gregorio hat ja in der Weltwoche Kolumnen geschrieben. Jetzt schreibt er für uns, und er schreibt deswegen nicht anders. Das Produkt insgesamt muss gut gestaltet sein. Unter Qualität verstehe ich, wie wir Bild und Text zusammenbringen.
Welchen Stellenwert hat Recherchierjournalismus?Qualität heisst natürlich auch Recherche. Man muss bei einigen Geschichten der Leader sein. Man muss Scoops bringen. Im Sport beschäftigen wir 50 und im ersten Teil etwa 80 Journalistinnen und Journalisten. Sie sehen, wir haben auch die Mittel. Die muss man im Blatt auch spüren.
Die oft geäusserte Kritik, Blick sei nicht mehr die angriffige Boulevardzeitung von einst, gründet auch darauf, das Blatt habe die Leute gar nicht, die Boulevardgeschichten schreiben können. Es wäre eine lange Diskussion, was genau Boulevard ist und was nicht. Ich bin überzeugt, dass sich der Boulevard verändert. Wir machen bei Ringier viele Erfahrungen. In Ländern wie Ungarn oder Rumänien funktioniert harter Boulevard noch. Grosse Brüste, Krimis mit viel Blut und so weiter, das ist bei uns vorbei. Die Gesellschaft hat sich verändert. So ein Boulevard würde das Publikum hier gar nicht erreichen. Man muss mit Emotionen arbeiten, ganz klar, aber auch eine Zeitung wie Blick muss die Welt erklären. Was passiert zum Beispiel gerade im Kosovo. Das sind grosse Themen, da müssen wir die Besten sein.
Diese Themen machen andere auch. Und die Presse hat sich durchwegs boulevardisiert. Was ist die Weltwoche anderes als Boulevard für Intellektuelle?Das stimmt schon, aber die Weltwoche hat andere, politische Ziele, eine andere Linie. Wir sind offener.
Wenn sich Sonntagspresse, Gratiszeitungen und teilweise auch die Regionalpresse bereits boulevardisieren, warum braucht es da noch den Blick?Die Gratiszeitungen haben nicht unsere Mittel. Die Sonntagszeitungen bringen längere Texte, zum Beispiel im Wirtschaftsteil Wir sprechen auch über Wirtschaft, aber einfach und verständlich. Auch wir haben in den letzten Tagen über die UBS oder über Liechtenstein geschrieben.
Wie ist das Blatt mit Online verknüpft?Diese Verknüpfung ist sehr wichtig, und das sieht man auch bereits etwas. Es gibt Links zu den Artikeln, einen Blog von Chefredaktor Bernhard Weissberg, auf den die Leute reagieren können. Das geht sofort online, und am Morgen sind die Reaktionen im Blatt. Wir haben User Generated Content, Leserbilder, Lesermeinungen. Die Interaktivität mit dem Leser wird immer wichtiger. Wir arbeiten deshalb jetzt schon sehr eng mit Blick online zusammen. Das Publikum reagiert schnell und auch mit Emotionen. Das muss sich aber noch weiter entwickeln und eine Community werden.
Sie haben vor kurzem Web-TV eingeführt, mit einer moderierten News-Sendung. Welche Kanäle sind weiter geplant?Unser Web-TV ist noch nicht perfekt, denn es genügt nicht, bloss zweimal am Tag eine Sendung zu machen. Aber Web-TV wird schnell an Bedeutung gewinnen, wie auch Mobile. Print, Online und Mobile müssen zusammenarbeiten. Wir haben mit Cash daily ja quasi ein Labor im Haus.
Ab 2009 werden Sie in Adligenswil die drucktechnischen Möglichkeiten haben, um ein stattlicheres Tabloidformat zu drucken, so wie die Libération oder el País. Kommt das einmal für den Blick?Da ist noch nichts entschieden, aber dies wäre ein tolles Format. Es ist für mich allerdings ein bisschen wie das Dessert nach einem guten Menu. Denn zuerst müssen wir beim Blick unsere Hausaufgaben machen. So gesehen bin ich froh, dass wir die Formatfrage noch nicht sofort beantworten müssen.
Sie haben begonnen, den Blick mit der Frühzustellung der Post zu verteilen. Was ist das Ziel?Wir haben auf diese Weise bereits 10’000 Exemplare ausgeliefert. Wir müssen aber auch die Restaurants beliefern, ich bin überzeugt, dass man die wieder haben kann. Wir werden deshalb eine grosse Verteil- und Promoaktion starten. Restaurants und Frühzustellung sind zwei Waffen.
Der Blick muss in die Stadt. Wir haben viel Boden in der Stadt verloren. Blick ist eine populäre Zeitung, das soll sie auch bleiben. Deshalb müssen wir auch in der Stadt sein, doch nicht unbedingt in jedem Stadtteil. Mit Blick als Stammtischzeitung ist es vorbei, denn Blick soll auch den Jugendlichen gefallen. Wir kommen bei ihnen und auch bei den älteren Leuten recht gut an, aber in der Mitte fehlen uns die Leser. Auch diese Leute wollen wir bekommen. Auf dem Land ist es im Moment okay, denn wir haben keine Mitbewerber.
Was haben Sie für Ziele bei der Auflage?Wir haben keine konkreten Auflagenziele, denn zuerst müssen wir den Abwärtstrend, den alle Zeitungen spüren, stabilisieren. Vor allem der Einzelverkauf muss sich bewegen, denn die Abos sind gesund und stabil. Doch Blick ist auch eine Imagefrage, er muss wieder zum Muss werden, auch auf dem Anzeigenmarkt. Das ist die Herausforderung. Wir könnten auch mit 700’000 Lesern leben, aber mit diesen müssen wir mehr Anzeigen bekommen. Das ist möglich. Die Media-Agenturen spüren schon jetzt, dass da beim Blick plötzlich etwas passiert.
Interview: René Worni
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