Zweiter 2.0-Frühling
Internet Vor einem Jahr startete das Web-2.0-Projekt Youme.net. Und es geht weiter. Nur anders.
Internet Vor einem Jahr startete das Web-2.0-Projekt Youme.net. Und es geht weiter. Nur anders.
Dem Schweizer Web-2.0-Aushängeschild Youme.net wird der Geldhahn nicht zugedreht. Ende Februar noch diskutierte die hiesige Blogosphäre über das bevorstehende Platzen des ersten Schweizer «Web-2.0-Bläschens». Grund: Der so genannte Youme-Cube, eine mobile Holz-Glas-Konstruktion, steht in diesen Tagen auf Ebay für 48’000 Franken zum Verkauf. «Es gibt aber keinen Grund zur Panik», beruhigte Youme-Chef Marcel Meier die kolportierenden Blogger. Das mobile Büro sei von Anfang an ein befristetes Projekt gewesen. Der Stecker wird also nicht herausgezogen.Youme.net ist ein so genanntes Social Network, eine eigene Interpretation der bekannten US-Vorbilder MySpace und YouTube (siehe WW 19. April 2007: «Ringier testet Mitmach-Web»). Das Schweizer Verlagshaus Ringier unterstützt das Projekt mit einer Summe im sechsstelligen Bereich und erhofft sich, durch das Engagement mehr über das Online-Nutzungsverhalten der jungen Generation zu erfahren.
Obwohl das Projekt in diesem Frühling das zweite Jahr erleben kann, hat sich nicht alles so entwickelt, wie es sich die Macher wünschten. Youme-Chef Marcel Meier zieht keineswegs nur eine positive Bilanz. «Wir haben unsere Fehler gemacht», gibt er zu. Das teilweise von der Community und Bloggern stark kritisierte Mitmachportal hatte mit der 2.0-Technologie mehr Mühe als erwartet. Die verbreitete Meinung, die Technologie hinter einem solchen Projekt sei heute nicht entscheidender Faktor, um User an die Seite zu binden, teilt Meier nicht. «Die Mechanismen hinter einem solchen System sind sehr komplex», sagt er. Zudem unterschätze man noch allzu oft die rasante Entwicklung im Technologiebereich. Kaum habe man eine Videolösung lizenziert, sei eine neue auf dem Markt. Meier: «Das macht die Entwicklung ungemein schwierig, gerade für ein Multimediaprojekt wie Youme.net.»
Neben der Programmierung hatte der «digitale Dorfplatz» auch Probleme mit dem grafischen Auftritt. «Wir hatten am Anfang die falsche Design-Agentur, die ihre Ideen um jeden Preis durchboxen wollte», sagt Meier. Man habe schliesslich Grafiker anstellen müssen und entwickelte ein eigenes Layout, was den Start der Plattform um Monate verzögerte. Die Eigenständigkeit sei sehr wichtig, wolle man sich in einem kleinen Markt wie der Schweiz behaupten. Meier: «Wir wollen damit gezielt die Creative Class ansprechen.» Was von den Usern offenbar geschätzt wird. «Wir haben es aber übertrieben», meint Meier. So kommt die Seite seit Anfang März wieder nutzerfreundlicher daher. Das Layout ist ein Kompromiss zwischen den sonst eher steril wirkenden üblichen 2.0-Angeboten und dem alten Design-Konzept vom November vergangenen Jahres.
Neben den technischen Problemen hat sich auch die Gemeinschaft auf Youme.net nicht so entwickelt, wie sich das die Schweizer Web- 2.0-Pioniere erhofft hatten. «Wir sind anfangs mit den Themen breit gegangen, um möglichst viele Bereiche abzudecken», erklärt Meier. Zu seinem Pech, wie er selbst sagt, hat sich dabei kein Schwerpunkt herauskristallisiert. Die Analyse der Nutzungsstatistiken zeigt eine flache Verteilung der Interessen. «Wir können kein Thema ausmachen, auf das die User speziell abfahren», sagt Meier.
Die Konsequenz sei ein Mehraufwand, um die Community zu coachen und zu beobachten. Social Networks mit Inhalten zu füllen, sei ohnehin schon sehr aufwändig. Meier ist zudem überzeugt, dass die Inhalte auf seiner Plattform keine sofortige Wirkung haben. «Wir können die User zu nichts zwingen. Alles ist On-Demand.» Aber die Inhalte würden nach zwei Monaten teilweise entdeckt, und plötzlich kämen die User in Scharen. Das Phänomen sei für ihn neu. Meier: «Entweder ist der Content gut oder er ruht irgendwo nicht beachtet auf der Plattform.»
Ein Rezept für gute Inhalte gebe es nicht. Meier kann nur sagen, dass die Nachfrage der Inhalte stark von der Aktualität in den Medien, von Suchmaschinen und von den Absendern der Botschaft abhänge. Mit «getürkten Dialogen» die Aufmerksamkeit der User zu erregen, bringe nichts. Der «Wolf im Schafspelz» fliege nach Meier immer schnell auf. Er vermutet, dass dies überwiegend Werbeagenturen versuchen. «Der Schuss geht immer nach hinten los», sagt Marcel Meier.
Der kommerzielle Erfolg der Seite lässt noch auf sich warten. «Das Kommerzielle ist um Potenzen langsamer als die Technologie», sagt Meier. Es fehlen verlässliche Basiszahlen, obwohl man im letzten Frühling mit einer Beta-Version online ging. Meier gibt sich allerdings überzeugt, dass der wirtschaftliche Erfolg komme. Auch das Prinzip Cross-Story – Inhalte an Zeitungen oder ans Fernsehen zu verkaufen – funktioniere mittelfristig. So sei man gegenwärtig mit TV-Stationen in Verhandlungen, damit die Youme-Community eine eigene mehrminütige Sendung bekomme. Meier gibt seinem Projekt Zeit, weil man noch nicht in der Lage sei, Inhalte auf einem gewissen Qualitätsniveau konstant herzustellen.
Im zweiten Jahr seines Bestehens wollen die Geldgeber von Youme Leistung sehen. Geändert hat sich deshalb seit März das Bezahlmodell der Moderatoren und Redaktoren, die für das Mitmachprojekt im Solde stehen. So hat Meier einen Leistungslohn, ein so genanntes «Shared Revenue Modell» eingeführt. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden nicht mehr mit einem Fixlohn entlöhnt. Ihr Verdienst setzt sich neu einerseits aus einem Fixanteil zusammen, andererseits werden ihre Leistungen auf Grund der Besucherzahlen bewertet.
Das heisst, dass die Mitarbeitenden am Umsatz teilhaben, wenn ihre Inhalte «performen». «Wir werden in Zukunft nicht mehr Leute einstellen und entlöhnen, wie wir das anfangs getan haben», sagt Meier. Das Modell wird auch auf die User übertragen, die also Geld verdienen können.
Christian Lüscher
