Von der Weisheit der Massen
Online-Werbung Social Media werden in den USA zu den Lieblingen der Media-Einkäufer.
Online-Werbung Social Media werden in den USA zu den Lieblingen der Media-Einkäufer.
In den USA macht sich eine neue Werbestrategie breit: Quantität ist jetzt nicht mehr das Nonplusultra. Qualität ist mehr und mehr gefragt. «Engagement» lautete das Mantra der neuen digitalen Welt, also nicht mehr unbedingt, wie viele Konsumenten eine Werbebotschaft sehen, sondern wie eingehend sich ein Kunde damit befasst. Und welches Medium ist dafür besser geeignet als das Internet, insbesondere Networking-Seiten wie MySpace und Facebook, Blogs und Videoseiten wie YouTube, wo endloser User Generated Content zu sehen ist. Diese Seiten, wo die Nutzer miteinander in Kontakt treten und selbst Inhalte beisteuern, fasst die Branche unter dem Begriff «Social Media» zusammen. Laut einem Bericht des US-Branchendienstes eMarketer nutzten im vergangenen Jahr 70 Prozent aller Teenager und 37 Prozent der amerikanischen Erwachsenen Social-Networking-Seiten mindestens einmal im Monat. Wo die Mediennutzung vorhanden ist, halten sich auch die Marketer nicht fern: Laut einer Umfrage des Forschungsunternehmens Advertiser Perceptions wollen 76 Prozent aller befragten Werbeunternehmen in diesem Jahr mehr Geld für Online-Werbung ausgeben, 78 Prozent gaben an, weniger oder genauso viel in Fernsehwerbung zu stecken wie vor einem Jahr.
Dagegen gaben die werbungtreibenden Unternehmen im vergangenen Jahr insgesamt 920 Millionen Dollar für Networking-Seiten aus, ein Zuwachs von 163 Prozent. «Die Reifung interaktiver Kanäle bei gleichzeitiger Entwicklung technischer Möglichkeiten führt zu einer kundenzentrierten Zukunft, wobei interaktive Technologien alle Marketingmittel beeinflussen», heisst es denn auch in einem Bericht des Marktforschungsinstituts Forrester zum Thema.
Das grösste Problem dabei ist jedoch, dass es bisher keine einheitlichen Standards gibt, mit denen «Engagement» gemessen werden kann. Darüber hinaus sei es nun mal eine Tatsache, dass «die Leute solche Networking-Seiten nutzen, weil sie Interesse an anderen Menschen haben und nicht an einem Produkt», sagt Shelby Saville, Direktorin bei Spark Communications, der digitalen Media-Agentur des Werbeeinkaufsunternehmens Starcom MediaVest. Kein Marketer komme jedoch am neuen Medium vorbei, vor allem jene, die ein jugendliches Publikum ansprechen wollen. Daher sei es wichtig, «sich ein klares Ziel zu setzen und offen zu legen, was man damit erreichen will». Denn die Erfahrung lehrt, dass Firmenrepräsentanten, die ihre Identität geheim hielten, sich in den Online-Foren als Konsumenten ausgaben und ihr Produkt in den höchsten Tönen lobten, am Ende doch blossgestellt und gnadenlos verhöhnt werden.
An Kampagnen fehlt es nicht, nutzen doch alle grossen Marketer, von Microsoft bis hin zu Budweiser- Bier, die neuen Möglichkeiten. Die Aktionen reichen von simplen MySpace-Postingboards, wo etwa die Fans des Toyota Yaris ihre Liebe zum Auto beschwören können, bis hin zu ausgefeilten Kooperationen. So sponserte etwa Burger King vor zwei Jahren als eines der ersten Unternehmen in diesem Bereich Downloads der Fox-Serie «24» und konnte sich damit des Engagements der jugendlichen Jack-Bauer-Fans sicher sein. Als misslungenes Beispiel für den Einsatz von Social Media gilt eine Wal-Mart-Kampagne auf Facebook, wo der Schwerpunkt auf den Werbebotschaften lag, aber kein Platz geschaffen wurde, in dem sich die Nutzer austauschen konnten.
Besonders attraktiv sind die Networking-Seiten wegen ihrer Authentizität. Viele der jugendlichen Konsumenten tendieren dazu, Produkte oder Content, den sie cool finden, per Internet an ihre Freunde weiter zu empfehlen. Eine Studie des Marktforschungsunternehmens Nielsen besagt, dass 78 Prozent der Konsumenten einer Empfehlung eines Freundes vertrauen, im Vergleich zu mageren 26 Prozent, die den Ratschlägen etwa einer Online-Werbung nachgehen.
Um im Dickicht der Werbebotschaften herauszustechen, nutzen vor allem kleinere und mittelgrosse Unternehmen Social Media besonders kreativ. So beschloss der kanadische Schuhhersteller Fluevog, nicht nur eine MySpace-Seite für seine Produkte einzurichten, sondern bezog seine Kunden in eine seiner Mediabuying-Entscheidungen mit ein. Im Rahmen der Online-Aktion «Vog Populi» forderte das Unternehmen seine Fans auf der Firmenwebseite auf, zwischen drei verschiedenen Kunst- und Musikmagazinen zu wählen, um durch Mehrheitsbeschluss zu entscheiden, in welchem der drei Blätter Fluevog am Ende Werbung schalten sollte. «Unsere Kunden sind bekannt für ihre Loyalität zu unserer Marke, und wir wollen ihnen das Gefühl geben, dass wir ihr Feedback zu schätzen wissen», sagt Fluevog-Marketingdirektor Stephen Bailey. Der Anteil jener Anzeigen, die von den Kunden für das am Ende gewählte Blatt «Juxtapoz» ausgewählt wurden, machte zehn Prozent des Fluevog-Jahresbudgets für Mediaeinkäufe für 2007 aus.
Brad Adgate, Research-Direktor beim Medienforschungsinstitut Horizon Media in New York, sagt, das sei das erste Mal, dass er von so einer ungewöhnlichen Aktion höre, findet aber umgehend Gefallen an der Idee: «Das fällt unter das Label der Weisheit der Massen», sagt er. «Consumer Generated Content und Mitbestimmung der Verbraucher, das ist in anderen Bereichen ja ein angesagter Trend, warum also nicht auch im Media Buying?»
Gerti Schön, New York
Rasantes WachstumUS-Werbeausgaben für Social Networking
2006-2011 und Zuwachs in Prozent
2006 $ 350 Mio
2007 $ 920 Mio (163 %)
2008 $ 1,56 Mrd (70 %)
2009 $ 2,02 Mrd (29 %)
2010 $ 2,4 Mrd (19 %)
2011 $ 2,7 Mrd (13 %)
Quelle: eMarketer
Anmerkung:
Die Tabelle schliesst Social-Networking-Seiten wie MySpace und Networking-Angebote von Portalen wie Google und MSN ein, jedoch nicht Content-Seiten mit Networkingfeatures wie YouTube.
