Journalismus Amerikas Journalisten steigen wegen ökonomischer und technologischer Zwänge mehr und mehr aus ihrem einstigen Traumberuf aus.
Anfang Februar kreierte der amerikanische Freelancer Kiyoshi Martinez die Website AngryJournalist.com mit der Absicht, jenen «unterbezahlten, überlasteten, frustrierten und sauren Medienprofis die Möglichkeit zu geben, ihrem Ärger Luft zu machen». Zwei Wochen später registrierte Martinez über 1’000 Kommentare, nach vier Wochen hatten 164 Blogs darauf aufmerksam gemacht. Martinez, dessen eigene Karriere vom Freelance-Reporter hin zum PR-Berater geführt hatte, war auf einen Trend gestossen. Die am häufigsten zitierten Klagen bezogen sich auf kurzsichtige und sparbesessene Vorgesetzte, Überlastung, schlechte Bezahlung und unzureichende Ausbildung. Angst vor dem InternetEine Umfrage der Fachzeitschrift American Journalism Review (AJR) weist den Trend mit Zahlen nach: Zwei Drittel aller Befagten gaben dort an, dass ihnen die technologischen Neuerungen und das Internet Angst machen und 50 Prozent meinten, dass sie Kollegen kennen, die aus diesem Grund ihren Job verloren haben. 43 Prozent sind sich nicht sicher, ob sie in fünf Jahren noch als Zeitungsjournalist arbeiten werden. «Die Journalisten sind verängstigt, weil ihre Welt auf den Kopf gestellt wurde», sagt AJR-Chefredakteur Rem Rieder. «Viele sind mit dem Vorsatz in die Branche eingestiegen, die Welt zu verbessern, und finden sich heute in der Lage wieder, ein paar Absätze für die Website schreiben zu dürfen.» Eine andere Untersuchung der Journalistenschule der Ball State University in Indiana ergab, dass 75 Prozent der Befragten unter 34 Jahren angaben, sie beabsichtigten aus der Branche auszusteigen oder vermerkten «weiss nicht».
Dass es der Zeitungsbranche schlecht geht, weisen immer neue Statistiken nach, laut denen die Auflagen sinken und die Umsätze einbrechen. «Kaum ein Verlag war bisher in der Lage, die Verluste durch Einkünfte aus den neuen Medien wettzumachen», sagt Craig Rosenbaum von der Journalistengewerkschaft Newspaper Guild in Chicago. Dazu kommt, dass die Zuwachsraten bei der Onlinewerbung der grossen Verlage nicht mehr das gleiche Wachstum aufweisen wie zuvor. So wuchsen die Onlineeinnahmen bei Gannett im letzten Quartal des vergangenen Jahres im Vergleich zum Vorjahr nur noch um 11 Prozent. Zwei Jahre zuvor lag das Wachstum bei 56 Prozent. Bei der Washington Post waren es 11 Prozent im Vergleich zu 43 Prozent.
Investoren machen DruckDazu kommt, dass auch die Flaggschiffe des Journalismus zunehmend in Bedrängnis geraten: Die New York Times ist zunehmend unter Beschuss von Investoren, ist neuem Wettbewerbsdruck von Rupert Murdochs Wall Street Journal ausgesetzt und hat angekündigt, 100 Beschäftigte der Redaktion, die insgesamt 1’300 Mitglieder umfasst, zu entlassen. Im April droht ein erneuter Showdown mit einer Gruppe von Investoren, welche die Times unter Druck setzen wollen, ihre Unternehmensstruktur zu ändern, um die Umsatzmisere abzuwenden. Zeitungsanalyst John Morton bezeichnet das vergangene Jahr als «folgenschwer», es machte jedoch lediglich die Bühne frei für dieses Jahr, in dem es «noch mehr Aufruhr geben wird».
Bei der Washington Post machen sich ähnliche Bedenken breit. «Natürlich bestehen bei uns die gleichen Probleme wie in der ganzen Industrie», sagt Peter Perl, Direktor für Redaktionsfortbildung bei der Zeitung. «Die Stimmung der Redaktion ist besorgt. Manche nehmen die Herausforderung an, andere haben Angst.» Die «Post» ging seit 2003 durch drei Stellenreduktionsphasen, indem sie den Beschäftigten anbot, freiwillig in vorzeitige Rente zu gehen. In der letzten Runde nahmen 70 von 150 Betroffenen an. «Diese Lösung ist weitaus grosszügiger als eine Abfindung», sagt Perl. «Unsere Zeitung steht besser da als die meisten anderen Verlage, obwohl wir den gleichen ökonomischen Zwängen ausgesetzt sind.»
Ein Trend, mit dem die Verlage die Krise abwenden wollen, ist der Fokus auf so genannte hyperlocal News, also Nachrichten aus Gemeinden, in denen das Treffen eines örtlichen Vereins oder eine Ausstellung eines lokalen Künstlers besprochen werden. Auch die Washington Post experimentiert mit dieser Form auf der Website Loudoun.extra.com, die von einer Handvoll «mobiler Journalisten» betrieben wird. Mojos, wie sie auch genannt werden, liefern nicht nur Text und Fotos, sondern auch Videos und Audios zu sämlichen Artikeln – eine weitere Massnahme, um die Recherche schneller zu gestalten und gleichzeitig Geld zu sparen.
Projekte wie dieses, aber auch andere technologiefreundliche Methoden wie Datenbankrecherche oder die Einbeziehung der Leser im Rahmen des sogenannten Citizen Journalism, das sind die Ideen, mit denen die hoffnungsvolleren Proponenten der Zunft den Beginn einer neuen journalistischen Ära beschreiben. Jan Schaffer etwa, Redakteurin des Leitfadens «Journalism 2.0» und Direktorin des Institute for Interactive Journalism, J-Lab, hält die von vielen Journalisten heraufbeschworene Endzeit für selbstgewählt. «Ich glaube nicht an eine Krise», sagt sie. «Es ist eine Krise für jene, die sich den neuen Realitäten nicht anpassen wollen.» Mit Hilfe der Technologien könne man auch neue investigative Projekte vorantreiben, wie es etwa die Website SunlightFoundation.com vorhat, die interessierte Bürger mit Hintergrundinformationen über ihre Kongressabgeordneten versorgt.
Ob solche Einzelprojekte allerdings die miese Stimmung unter den Journalisten beheben können, bleibt abzuwarten. Anfang März startete ein Angestellter der Denver Post ein Gegenblog zu AngryJournalist.com mit dem Titel HappyJournalist.com. Die Anzahl der Kommentare nach einer Woche blieb bei müden 74.
Gerti Schön, New York
Entwicklung der Tageszeitungen in den USA Jahr Anzahl Zeitungen Gesamtauflage (in Mio.)
1997 1509 60,5
1998 1489 60,1
1999 1483 59,9
2000 1480 59,4
2001 1468 59,1
2002 1457 58,8
2003 1456 58,5
2004 1457 57,6
2005 1452 55,3
2006 1437 53,2
Quelle: Newspaper Association of America