Uhren II Jean-Claude Biver hat Blancpain und Hublot zu grossen Marken gemacht. Er erklärt, wieso sein Marketing anders ist.
Er ist der perfekte Showman. Sein Business sind aber nicht Gags und schillernde Effekte, sondern elegante Uhren. Und seine Welt ist nicht die kleine Bühne im Schweizer Jura, sondern der internationale Edelmarkt der Konsumgüter. 250 Millionen Franken Umsatz erwirtschaftete Jean-Claude Biver im letzten Jahr mit seiner Schweizer Uhrenmarke Hublot. 46 Millionen davon sind Gewinn. Übernommen hat er diese Goldgrube im Jahre 2004. Doch seine Hublot mit Preisen ab 14’000 Franken bis zu Auktionsrekordpreisen von einer Million Euro ist nicht aus Gold oder schwerem Platin, sondern hat ein Band aus Kautschuk und ein Gehäuse aus federleichtem Magnesium. Die Uhr ist – «The Art of Fusion» – eine Kombination von Vergangenheit und Zukunft. Und wo zwei Welten zusammenprallen, kann manchmal etwas Neues entstehen mit der Bedeutung eines «Urknalls». Biver verkauft die neuste Hublot deshalb unter dem Namen «Big Bang».Im Januar hat Jean-Claude Biver vor dem Zürcher Werbeclub sein Erfolgskonzept für Uhrenmarketing vorgestellt. Der Vortrag hatte gröss-ten Unterhaltungswert. Immerhin war Biver bis 2003 zwölf Jahre lang in der Konzernleitung der Swatch-Gruppe und leitete dort die Kommunikation. Seine wichtigste Botschaft jetzt in eigener Sache: «Ich muss immer das Gegenteil von dem machen, was die Spezialisten raten.» Ein konkretes Beispiel zur Illustration: Wenn ein Segelteam fünf Minuten nach dem Start von Alinghi mit einem langsameren Boot zum Rennen aufbrechen kann, wird es Alinghi nie einholen, wenn es in ihrem Kielwasser segelt. Steuert das langsamere Schiff aber in eine völlig andere Richtung, bläst dort vielleicht ein Wind, der ihm zum Sieg verhelfen könnte. «Ich will immer in eine Richtung gehen, wo die anderen nicht sind. Damit kann ich gewinnen», gab Biver preis. Und auf Uhren übertragen: «Wenn ich irgendwo bin, wo niemand ist, habe ich Ruhe. Da kann ich ganz leise sprechen und man hört mich. Wenn ich dahin gehe, wo alle laut schreien, dann hört mich keiner.»
1982 hat der Sohn eines Schuhhändlers und studierte Ökonom nach ersten Jobs bei Audemars Piguet die Nobelmarke Blancpain gekauft. Biver zahlte dafür 18’000 Franken, denn die Marke war seit 1959 nicht mehr auf dem Markt. Aber das Label ging zurück auf eine Gründung von 1735. Wieso also nicht diese Rarität noch einmal neu aufgemotzt mit einem Quarzwerk in die Läden bringen? Alle Spezialisten in diesen Achtzigerjahren hätten es so gemacht, wie die Entwicklungsgeschichte von anderen Edelmarken zeigt. Biver machte es anders. Er liess noch einmal die alten mechanischen Werke ausgraben, produzierte die damals einzige Edelmarke ohne neumodischen Quarz und konnte Blancpain 1992 «mit Millionengewinn» an Hayek verkaufen.
Ohne viel eigenes Geld – «denn 18’000 Franken sind ja nichts» – kann man im Uhrenland Schweiz in diese prestigeträchtige Industrie einsteigen, witzelte Biver bei seinem Referat. Dabei sei diese so genannte Industrie nur ein Mythos. 2006 machte die Schweizer Uhrenbranche gerade mal 13 Milliarden Franken Umsatz. «Dieser gesamte Umsatz ist gleichviel, wie die Nestlé Gewinn macht, und vielleicht halb so viel, wie die UBS als Verlust abschreiben muss», zeigte Biver wieder ein wenig Showtalent, bevor er seinen nächsten «Big Bang» vorstellte.
Diese Modellreihe aus der Kollektion von Hublot gilt heute als Schweizer Uhr, wurde aber 1980 «von Italienern gegründet», wie Biver frotzelte. Und er machte sich auch lustig, dass die Übersetzung der Marke Hublot «Glubschauge» heisst. Wer kauft schon eine Marke namens «Glubschauge»? Aber es klingt elegant, weil französisch. Und da spielt es auch keine Rolle, dass das Armband aus Gummi ist. So wie die Autoreifen, die man damals noch mit grossem Gestank verbrannt hat. Aber auch teure Bändchen aus billigem Gummi sind nicht die Norm. Und so hat Biver 2004 die Marke Hublot schliesslich gekauft, nachdem sie seit Mitte der Neunzigerjahre immer weniger in Mode war und zuletzt einen Verlust von 2,6 Millionen Franken schrieb. Wieso?
«Im Luxusmarkt ist zu beobachten, dass jemand, der 4’000 Franken für eine Uhr ausgibt, im gleichen Jahr kaum mehr eine zweite kauft. Der Kunde kommt auch im dritten Jahr noch nicht zurück.» Jemand, der für 20’000 Franken eine Uhr kauft, und sie gefällt ihm, «kauft aber nach drei Monaten noch einmal mindestens drei oder vier weitere dazu». In der Schule für Marketing lerne man das nicht. Biver hat es aber mit Blancpain hautnah erfahren können. Denn eine Uhr kauft man heute nicht mehr, um die Zeit ablesen zu können. «Der arme Kerl, der 20’000 Franken ausgibt, um die Zeit ablesen zu können, tut mir leid. Dafür hat man das Handy.»
Mit der Uhr im Luxussegment will sich der Mensch etwas anderes leisten. «Er will sich einen Traum erfüllen und kauft sich dazu ein Statussymbol.» So wie die schönen Frauen, die in Paris mit einem Range Rover durch die flachen Strassen kurven, obwohl es den Vierradantrieb dort gar nicht braucht. «Auch eine Uhr zeigt, wer ich bin, welche Erziehung ich habe, welche Kultur und welche Persönlichkeit.»
Aus diesem Grund hat Biver nach seinem Kauf der Marke Hublot eine Uhr bauen lassen, auf der man die Zeit gar nicht mehr sehen kann. Seine «All Black» hatte ein schwarzes Zifferblatt, schwarze Zahlen und schwarze Zeiger. Biver nannte die Kreation «Die unsichtbare Sichtbarkeit». An der folgenden Uhrenmesse wurden 2’727 Stück bestellt. Biver hat aber nur 250 ausliefern lassen. Seither ist die «All Black» im Internet für 22’000 Franken zu haben.
Die Weiterentwicklung mit «Big Bang» will jetzt die Tradition der Uhrmacherkunst mit der Welt des Hightech verbinden. Ein mechanisches Werk wie früher. Aber völlig neue Materialien. Wenn Vater Biver früher eine Blancpain in die Hand genommen hat, konnte er den Reichtum spüren. «Wow! Platin.» Die Uhr war schwer. Wenn sein Sohn, der «im 21. Jahrhundert erwachsen geworden ist», eine Hublot-Uhr in die Hand nimmt, dann sagt er: «Wow! Magnesium.» Die Uhr ist leicht. Die jungen Menschen von heute erleben, dass alles Wertvolle klein und leicht ist. Velos aus Carbon und Autobremsen aus Keramik, das ist die neue Welt der edlen Produkte. Hublot bringt somit Materialien zusammen, «die normalerweise nicht zusammengehören». Das kann für die Zukunft der Branche «ein neues Universum öffnen».
Auch in der Werbung bringt Jean-Claude Biver für seine Hublot zwei anscheinend völlig unpassende Welten zusammen. Er sponsert mit der Edelmarke Hublot das populäre Fussballhappening Euro 08. Wer soll dort im Stadion eine 20’000 Franken teure Uhr kaufen? – Popstars leisten sich eigene Fussballclubs, Bankgeneräle lassen sich gerne als Besitzer einer erfolgreichen Elf feiern, ebenso die Erbin eines Chemiemultis und sogar ein ehemaliger italienischer Staatspräsident. Die Stadien werden von Stararchitekten gebaut. Die Spieler für zweistellige Millionenbeträge verkauft. «Wieso soll ich in diesem Umfeld mit Hublot nicht als Sponsor auftreten?», antwortete Biver den staunenden Marketingleuten vom Werbeclub. Der Mythos einer Marke wird nicht dort geschaffen, wo sie auch verkauft wird. «Jedes Kind in den Favelas von Rio kennt die Marke Ferrari. Für Millionen TV-Zuschauer ist dieses Auto ein Traum.» Aber kaum jemand kann sich ein solches Auto leisten. Umso erfüllter wird er für die, die es wirklich geschafft haben.
Aber Biver müsste nicht Biver sein, wenn er auch hier einen völlig anderen Weg einschlagen würde. Vor wenigen Tagen hat er nämlich bekannt gegeben, dass er die Sponsoring-Flächen im Wert von drei bis fünf Millionen in den Euro-Stadien einer Stiftung gegen Rassismus verschenken will. Plakate von «Unite Against Racism» werden so anstelle von Hublot während der Spiele weltweit über die Bildschirme flimmern.
Andreas Panzeri