«Probleme schreien, Lösungen flüstern», schreibt David Bornstein. Der Publizist und Kolumnist der New York Times hat 2011 das Konzept des «Solution Journalism» massgeblich entwickelt, das heute als «konstruktiver» oder «lösungsorientierter» Journalismus in aller Munde ist. Was Bornstein meinte: Weil die Probleme so laut sind, übertönen sie in den klassischen News-Medien fast alles andere: Kriege, Krisen, Katastrophen, wohin man schaut. «So ist die Welt halt», sagt der klassische Journalist, und er hat Recht. Aber die Welt ist eben nicht nur so: Täglich gibt es auch positiven Wandel, soziale Verbesserungen, Reformen, die Fortschritte bringen, kleine, alltägliche Geschichten des Gelingens. Nur berichten die Medien selten darüber. Das hat natürlich mit dem klassischen Selbstverständnis des Journalismus zu tun, das darin besteht, Aufpasser der Gesellschaft zu sein, weniger ihr Gestalter. Die edelste Aufgabe der Medien ist es, «dreckige Geheimnisse» zu enthüllen und damit der Gesellschaft die Möglichkeit zu geben, Missstände zu beheben. Das bleibt eine unverzichtbare Aufgabe, aber der heutige Journalismus täte gut daran, sich nicht darin zu erschöpfen.
Bernd Ulrich von der Zeit hat kürzlich in einem Essay über den gegenwärtigen Zustand des Journalismus geschrieben: «Nicht nur das Böse tarnt sich heute, auch das Gute ist verdeckt.» Deswegen müssten sich die Medien mehr bemühen, auch das Wegweisende darzustellen, der Hoffnung Raum zu geben. David Bornstein schreibt, ihm komme der klassische Krisenjournalismus vor wie ein Vater, der seinem Kind jeden Morgen all seine Mängel und Fehler vorhalte und glaube, das mache es zu einem besseren Menschen. «Kinder aber brauchen Vorbilder. Und die Gesellschaft auch.»
Bevor ich zur Rolle der Medien in der Gesellschaft zurückkomme, möchte ich die Sache aus der Sicht der Leserin und des Lesers ansehen. Viele, vor allem junge Leser, wenden sich heute von den klassischen News-Medien ab. Laut Umfragen ist einer der Gründe, den sie dafür angeben, dass sie «die Negativität der Nachrichten nicht mehr ertragen». Studien belegen, dass die Dominanz negativer Berichterstattung Mediennutzer tendenziell ängstlich, mutlos und passiv macht. Sich an den klassischen Hardnews abzuarbeiten, kann auf Dauer eine ganz schön anstrengende, deprimierende Angelegenheit sein.
Krisen oder Katzenbilder
Leser sehnen sich nach Positivem. Und eine Vielzahl von neuen Online-Medien gibt es ihnen – in Form von putzigen Katzenbildern, lustigen Videos und Absurditäten aus dem Reich der so genannten People. Dieser Feel-Good-Fast-Food wärmt die Menschen, ja. Aber für Nachrichtenmedien gibt es Besseres, Nahrhafteres, Relevanteres.
Solution Journalism, lösungsorientierter Journalismus, konstruktiver Journalismus, Impact Journalism – es existieren mittlerweile viele Namen für eine Berichterstattung, die Lösungen in den Vordergrund stellt statt Probleme. Und von der New York Times über die Washington Post, die Huffington Post, das dänische Staatsfernsehen, Sparknews in Paris, die globalen Positive News bis zu Zeit, Spiegel online und dem Tages-Anzeiger gibt es mittlerweile auch viele Medien, die Erfahrungen mit dem Konzept gesammelt haben. Vor einem Jahr nahm der Tages-Anzeiger unter meiner Leitung erstmals am so genannten Impact Journalism Day teil. An diesem Aktionstag stellen in einer weltweiten Kooperation Zeitungen innovative Lösungen für soziale Probleme vor. Dieses Jahres gehörten der in Paris gegründeten Initiative 47 führende Zeitungen von China bis Südamerika an, aus der Schweiz neben dem Tages-Anzeiger auch die Tamedia-Titel Tribune de Genève und La Regione. Sie präsentierten 104 Projekte, die die Welt verbessern, und erreichten damit 120 Millionen Leser, dazu kamen 22 Millionen Kontakte in den sozialen Medien. In einer Vielzahl von Ländern, auch in der Schweiz, war der Twitter-Hashtag #ImpactJournalism an diesem Tag der Trend Nummer 1. Die Reaktionen der Leserinnen und Leser auf die Aktion waren überwältigend. Dutzende schrieben uns in Briefen und Mails von ihrer Begeisterung: «Endlich einmal etwas, das mich inspiriert, etwas, das Hoffnung gibt.» Und: «Toll, dass der Tages-Anzeiger so etwas macht.» Sehr viele Reaktionen gab es auch aus der Branche der Sozialunternehmer und Non-Profit-Organisationen.
Gut kommt gut an
Eine Folge dieses Echos ist, dass sich in Zürich auf Initiative von Ashoka und dem Right Livelihood Award, besser bekannt als «Alternativer Nobelpreis», eine Gruppe von Journalisten und Sozialunternehmern gebildet hat, die das Ziel verfolgt, eine von einzelnen Organisationen und Medien unabhängige Schweizer Internet-Plattform zu schaffen. Auf ihr sollen einerseits Medien interessante soziale Innovationen und Projekte finden und sich über die Best Practices des lösungsorientierten Journalismus informieren können, während andererseits Sozialunternehmen und Stiftungen dort mit ihren innovativen Projekten die Gelegenheit haben, die Aufmerksamkeit der Medien auf sich zu lenken. Der Tages-Anzeiger wiederum hat sich in den vergangenen Monaten bemüht, den lösungsorientierten Journalismus im redaktionellen Alltag besser zu verankern. Sichtbarstes Resultat ist die neue wöchentliche Rubrik «Die Lösung».
Konstruktiver Journalismus ist nicht nur gut für das Image eines Mediums, sondern auch kommerziell interessant. Studien aus den USA belegen, dass Artikel, die Lösungen in den Vordergrund stellen, signifikant häufiger gelesen und kommentiert werden als solche, in denen Probleme im Zentrum stehen, und sie werden sogar viermal so häufig mit Freunden geteilt. Belegt ist ebenso, dass die Verbundenheit zu einem Medium steigt, wenn dieses seine Leserschaft inspiriert. Vor allem junge Leser wollen heute nicht mehr nur informiert werden, sondern sich selber engagieren und einbringen. Von der neuen Medienwelt erwarten sie, dass diese sie nicht nur als Leser behandelt, sondern als möglichen Akteur. Sie wollen aktiv gestalten, nicht nur erleiden. Wenn es also nicht an den Lesern liegt, dass die Lösungen in den Medien nur flüstern, liegt es dann vielleicht an den Journalisten? Die alte Branchenmaxime «Only bad news are good news» ist in der DNA des News-Journalismus immer noch tief verankert. Journalisten sind zumeist auf Empörungen, Dramen und Skandale fixiert. Dabei wäre der lösungsorientierte Journalismus gerade bei Problemen leistungsfähig und interessant, die sattsam bekannt sind.
Ich gebe Ihnen drei Beispiele, wie Berichte über neue Ideen, Vorbilder oder Erfindungen die Wahrnehmung eines Problems verändern könnten. Erstens Armut: Statt wieder und wieder über die Misere in amerikanischen Ghettos zu berichten, könnte man über ein Projekt informieren, das derzeit in verschiedenen Städten erprobt wird: Statt Eltern mehr Sozialhilfe zu geben, um sie aus der Armut zu befreien, bezahlt man ihre Kinder dafür, dass sie zur Schule gehen. Der Idee liegt die Einsicht zu Grunde, dass der Schulerfolg der Kinder das künftige Fortkommen der Familien stark beeinflusst. Zweitens Korruption: Statt immer von neuem Bestechungsfälle von Fussballfunktionären in all ihren Verästelungen zu erzählen, könnte es lohnend sein zu fragen, wie eigentlich das Internationale Olympische Komitee seine Korruptionssorgen weitgehend losgeworden ist und was der Weltfussballverband aus dieser Erfahrung lernen könnte. Drittens Behinderung: Forscher haben in Österreich ein Tablet für Blinde entwickelt, aus dessen Bildschirm die Brailleschrift hervortritt, sobald die Finger über einen Text streichen – ein Projekt, das der Tages-Anzeiger am Impact Journalism Day vorgestellt hat.
Journalismus hat gestalterische Kraft
Meine These ist, dass sich der Journalismus heute nicht mehr darin erschöpfen sollte, Probleme zu beschreiben und zu verwalten. Mit vergleichbarem Engagement sollte er Lösungen für soziale Probleme suchen, präsentieren und debattieren, um für seine Nutzer wieder relevanter zu werden. Viele sagen, die Glaubwürdigkeit der Medien in der Gesellschaft habe gelitten. Das trifft zu. Ein Grund dafür liegt darin, dass sie nach Meinung des Publikums nicht mehr genügend mithelfen, die Zukunft der Gesellschaft zu gestalten. Um die Zukunft mitzugestalten, müssten sie sich aber auf die Suche nach sozialen Lösungen begeben und untersuchen, welche funktionieren und welche nicht. Medien müssten zur «subversiven Kraft der Zuversicht» zurückfinden, schrieb Bernd Ulrich in der Zeit, wenn sie der ungeteilten Wahrheit und den Bedürfnissen ihrer Leser wieder gerechter werden wollen.
Margaret Thatcher und Angela Merkel sind berüchtigt für den Satz: «There is no alternative.» Keine Situation ist für Bürger und Leser frustrierender, als wenn es keine Alternativen mehr gibt. Konstruktiver Journalismus sagt: «Es gibt eine Alternative» und erzählt von ihr. Für Medien im Umbruch und in der Krise kann der lösungsorientierte Journalismus selber eine Lösung für die Zukunft sein.
Dominique Eigenmann, 47, ist Deutschland-Korrespondent des Tages-Anzeigers. Zuvor war er acht Jahre lang Nachrichtenchef der Zeitung.