«CRM kann man nicht kaufen»
Marken Konsumenten ändern sich und damit die Anforderungen an die Kundenbindung: Ogilvy & Mather lud Schweizer Marketingchefs zum Update.
Marken Konsumenten ändern sich und damit die Anforderungen an die Kundenbindung: Ogilvy & Mather lud Schweizer Marketingchefs zum Update.
Der Konsument hat sich verändert. Er vergleicht, tauscht sich mit anderen Konsumenten über Produkte aus, bewertet und empfiehlt. Alles Aktivitäten, die der klassischen Werbetheorie widersprechen. Das Problem einer neuen Generation Konsumenten, des «Verbrauchers 2.0», wie Trendforscher das Phänomen bezeichnen, ist das grosse Thema. Auch Werbeagenturen haben es sich zur Aufgabe gemacht, das «soziale Marketing» greifbar zu machen. Erst kürzlich lud die Zürcher Werbeagentur Ogilvy & Mather die Marketingchefs hiesiger Unternehmen ein, um die Kundenbindung im Zeitalter der Digitalisierung zu thematisieren. Unter dem Titel «Beziehungswechsel? Ausführungen zur Kundenbindung in der heutigen Markenkommunikation» erläuterte Larissa Pohl von Ogilvy Brains in Frankfurt die neuen Herausforderungen für Marken. Gleich zu Beginn des Referats kam Pohl auf die Vorteile zu sprechen, die sich die Branche Ende der 90er-Jahre vom Customer Relationship Management versprochen hat. Damals feierte man CRM-Lösungen in Form cleverer Software als Zauberformel zur Lösung aller Marketingprobleme. Durch technologische Power sei es möglich, auf einen Schlag die Beziehung zum Kunden zu verbessern, Umsätze in die Höhe zu treiben und das Marketing effizienter zu machen. Alles Illusion. Zehn Jahre später kam die Erkenntnis: CRM funktioniert nicht als Technologie. Die Idee, Kunden einfach in eine Datenbank zu zwängen, hat sich als Flop entpuppt. «Unternehmen kauften im Prinzip teure Sportwagen, ohne Benzin und ohne Fahrer», so Larissa Pohl. Kunden wurden in Datenbanken gehortet, aber niemand wusste etwas Schlaues damit anzufangen. Die in den Direktionsetagen weit verbreitete Erwartung, schnelle Erfolge mit computergestützten CRM-Lösungen herbeizurufen, offenbarte sich als Trugschluss. «CRM kann man nicht kaufen. Man muss sich den Erfolg hart erarbeiten», so Pohl.
So hat ein Umdenken stattgefunden. Der Kunde steht heute als Person und nicht nur als statistische Grösse im Mittelpunkt. Das macht die Kundenbindung allerdings nicht einfacher. Im Gegenteil. Der Kunde definiert sich heute in immer kürzeren Zeitabständen neu, schlüpft nach Belieben in neue Rollen und lässt sich mehr schlecht als recht in Konsumstereotypen einteilen. Es findet ein steter Identitätswandel statt, der die berechtigte Frage aufwirft: Was ist für den heutigen Konsumenten relevant?
Kunden gewinnen ist ein LangstreckensportFür Larissa Pohl bedeutet Relevanz, dass Marken über die reine Produktleistung hinaus Erlebnisse schaffen müssen. «Die Marken haben heute eine wichtige Rolle im Leben der Kunden zu spielen und müssen die Kraft aufbringen, in der Interaktion mit ihnen die Markenidentität zu leben», sagt Pohl. Dies erfordert zum einen ein gutes Beziehungsmanagement. Zum anderen machte Pohl in ihrem Vortrag fünf Kernaussagen darüber, was eine gute Kundenbeziehung heute ausmacht.
Als Erstes gilt es, die Zielgruppen noch genauer zu definieren, weil bei vielen Produkten eine kleine Gruppe für den Grossteil des Umsatzes verantwortlich ist. Man spricht deshalb auch von der 80/20-Regel: Stellt man die Anzahl Kunden und den kumulierten Umsatz dieser Kunden einander gegenüber, wird klar, dass ungefähr 20 Prozent der Kunden für ungefähr 80 Prozent des Umsatzes verantwortlich sind.
Aufgrund dieser Faustregel empfiehlt Pohl – zweite Kernaussage – gezielt dort zu fischen, wo sich die «Grossen» tummeln. Dabei sind Kenntnisse über Kunden wichtig, was ihre Werte sind, wo sie sich orientieren und welche Momente sie antreiben. Darauf müsse, als dritter Punkt, eine Kontaktstrategie folgen, die dem Kundensegment angepasst sei und dem Motto folgt: «Don’t count the people you reach, reach the people who count.» Wer diesem Leitsatz folge, müsse im Markt nie mehr laut werden. «Kommunikation, die relevant und persönlich ist», so Larissa Pohl zum vierten Kernpunkt ihres Referats, «bedarf nur noch einer markenspezifischen kreativen Idee, die es aber immer braucht.» Grund: Rationale Kundenbindung hält nur so lange, wie es keine emotionale Alternative gibt.
Larissa Pohl machte ihre Aussagen am Beispiel der Deutschen Bahn anschaulich. Das Unternehmen führte vor Jahren Bonuskarten ein: Wer viel fährt und dabei Punkte sammelt, verbucht Vorteile. Der Erfolg ist beachtlich. Der Bahnkartenbestand stieg innert drei Jahren um 40 Prozent. Larissa Pohl fasste ihre Ausführungen mit dem fünften Kernpunkt, einem Merksatz von David Ogilvy, zusammen: «Loyalty cannot be bought, you must earn it.»
Und wie sieht die Kundenbindung von morgen aus? Larissa Pohl sieht die Zukunft im richtigen Einsatz aller Mittel im Sinne einer «360-Grad-Kommunikation». Sie bestreitet aber nicht, dass das Internet seinen Siegeszug fortsetzen wird. «Alles wird digital», sagt Pohl. Der Verbraucher sei «all-ways-on» und verlange nach stringenter Kommunikation.
Wandel zum launenhaften KonsumentenDer neue Verbraucher bewegt sich heute in einem Netz von Beziehungen, in dem Meinungen, Tendenzen und Verhaltensweisen sich räumlich weiter und zeitlich schneller ausbreiten als je zuvor. Wie Pohl ausführt, stelle sich in der so genannten Generation Web 2.0 nicht die Frage «Wer bin ich?», sondern «Wer will ich sein?». Das Zielpublikum werde komplex und diffus. Wichtig werde deshalb sein, die Beeinflusser von Zielgruppen zu identifizieren, denn sie hätten durch die technologischen Umwälzungen neue Bühnen, die es ihnen erlauben, auf Markenwelten Einfluss auszuüben. Dieses vernetzte Verhalten können Marken nicht steuern. Es gilt daher mehr, einen dynamischen Austauschprozess entstehen zu lassen, in dem Anerkennung stattfinden kann. Wie erfolgreich ein solcher Prozess sein kann, beweist das Beispiel Dove. Pohl findet, dass die Initiative «für wahre Schönheit» eindrücklich aufzeige, wie Markenwerte künftig weitergegeben werden.
«Der Konsument hat sich vom Hund zur Katze gewandelt», beschreibt Pohl den Konsumenten. Das Sinnbild verdeutliche, wie sich der Kunde vom treuen Markenbegleiter zum launenhaften Verbraucher gewandelt habe, der nicht mehr alles glaube, was die Werbung sage. Daraus ergeben sich neue Anforderungen an die Markenkommunikation: «Marken müssen einladend sein, statt nur zu überzeugen zu versuchen. Es müssen mehr Geschichten erzählt, der Dialog akzeptiert und gefördert werden.»
Pohls Fazit: Marken müssen heute auffallen in einem Meer der Uniformität, es gilt, vermehrt Wissen über Kunden zu sammeln, die Meinungsführer zu finden und letztlich den Wandel zuzulassen. Ogilvy hat dies in einem eigenen Leitsatz lustig zusammengefasst: «Dada, Data, Alpha, Beta.»
Christian Lüscher
Dada, Data, Alpha, BetaMit diesem prägnanten Leitspruch beschreibt Ogilvy die Herausforderungen für Marken im Internet.
Dada:
Dadaismus steht für Kunstrebellion. Kreative Arbeit muss überraschen, egal ob durch Worte, Musik, Kunst oder Design. Wie kann die Werbeindustrie heute Marken schaffen, schützen und beeinflussen? Auffallen um jeden Preis heisst die Devise. Data:
Das Internet ist ein wahrer Datenfundus geworden. Die Datenfülle erlaubt neue Formen des Storytellings und ermöglicht die Analyse der Konsumenten. Alpha:
Steht für Meinungsführerschaft. Wenige treiben die Mundpropaganda voran, bestimmen Werte und sorgen in der Zielgruppe für die nötige Differenz, die eine Marke heute braucht. Beta:
Ist ein Synonym für die ständige Weiterentwicklung im Netz. Beta steht für das kontinuierliche Voranschreiten der Techniken und neuer Denkweisen.
