Kaufverhalten Regula Fecker und David Schärer über das Prinzip der selbsterfüllenden Prophezeiung und das Phänomen des immer selektiveren Konsums.
Hand aufs Herz: Wann haben Sie zuletzt ein Musikalbum vom ersten Riff an durchgehört und sich nach den ersten drei Aufwärmnummern den experimentell-schmerzhaften vierten Song angetan, um danach den wahren Bringer des Albums – die berüchtigte Nummer fünf – hemmungslos mitjohlen zu können, um alsdann mit Nummer sechs wieder zu leiden – bis beim siebten Song wieder ein musikalischer Lichtblick wartete? Ja, das muss schon einige Zeit zurückliegen. MP3-Player generell und der iPod spezifisch haben das Verhalten der Menschen in Bezug auf ihren Musikkonsum nachhaltig verändert. Was wiederum einen Effekt auf das menschliche Verhalten im allgemeinen Konsum hat, wie wir später aufzeigen werden.
Erlebnis nach eigenem GustoZurück zur Musik: Intelligente Musiklisten spielen das ab, was man ohnehin schon mag, Wertung mit vier und mehr Sternchen sei Dank. Jeder Song mit vier Sternchen plus aus dem Œuvre der Beatles vermag zwar für ein mehrstündiges Musikerlebnis nach eigenem Gusto zu sorgen. Wehe aber dem, der es verpasst hat, den Song «Helter Skelter» mit mindestens vier Sternchen zu werten! Ihm bleibt wahrscheinlich der Grundstein des Heavy Metal – erschienen als 6. Song auf der C-Seite auf dem «White Album» – für immer und ewig verwehrt. Es sei denn, er stolpert im Shuffle-Modus nach 14 Tagen und zig Megabytes zufällig drüber.
Wie Musik konsumiert wird, ist eine präzise Analogie dafür, wie Inhalte, Angebote und Dienstleistungen genutzt werden. Denn abgesehen davon, dass Beatles-Songs voraussichtlich erst im Laufe dieses Jahres auf Musikdownload-Portalen zu haben sein werden, ist es umso wahrscheinlicher, dass es «Helter Skelter» gar nicht erst auf den iPod der «Generation Playlist» schaffen wird. Denn diese Generation bezieht beim primären Rohstofflieferanten der MP3 Player – dem iTunes MusicStore – nicht mehr ganze Alben, sondern nur einzelne Songs zu 1.50 Franken das Stück. Für den Konsumenten der «Generation Playlist» ist dort sichtbar, welcher Song tagesaktuell von den meisten Kunden gekauft wird. Damit ist die Spreu schon vom Weizen und der Hit sichtbar vom Ladenhüter getrennt.
Für den Konsumenten bedeutet dies natürlich eine wertvolle Orientierung für den Einkauf in einer Umgebung, in der die Auswahl schier unendlich ist. Aber es ist auch Self-Fullfilling Prophecy: Wird ein Song oft gekauft, steigt er sofort in der Kaufempfehlung. Steigt er in der Kaufempfehlung, wird er noch öfter gekauft. So orientieren sich Menschen in der totalen Überforderung, welche ihnen die Individualisierung beschert, wieder am Geschmack der Masse. Dasselbe Phänomen lässt sich übrigens auch auf YouTube beobachten – ein Blick auf die «Most Viewed Videos» beweist es.
Nur noch Singles gewünschtMenschen werden je länger, je mehr zu Hitjägern. Nie wurde es einem leichter gemacht als heute, nicht nur in musikalischer Hinsicht nur noch das Beste zu «snacken», statt einen Mehrgänger, ergo ein ganzes Album zu geniessen. Kurzum: Das Benutzerverhalten von Menschen im Web führt dazu, dass die Musikindustrie nach dem Napster-Fiasko vor einer neuen Herausforderung steht. Wie verkauft man heute noch Alben mit zwölf, dreizehn Songs, wenn eine junge Generation sich daran gewöhnt hat, nur noch Singles zu kaufen?
Die Musikindustrie reagiert auf diese Entwicklung. Erstaunlich schnell sogar. In den vergangenen Wochen erreichen uns aus der Musikindustrie interessante neue Töne: Die wiedervereinigte amerikanische Erfolgsband Smashing Pumpkins liessen per Pressecommuniqué verlautbaren, dass sie plane, das gute alte Albenformat zu verlassen und in Zukunft nur noch Mini-Alben mit drei bis vier Songs auf den Markt zu bringen. Um schneller, aktueller zu werden, aber auch, um direkter auf Strömungen, Trends und Launen der Käuferschaft, ihren immer sprunghafteren Fans, eingehen zu können. «Ein 24-Jähriger kauft heute keine Alben mehr, sondern nur noch Songs. Es ist darum in unserem besten Interesse, kleinere Blockalben zu lancieren», heisst es aus den USA. Die Band plant dafür, ihre Mini-Alben in einer höheren Kadenz sowie via alternative Kanäle zu lancieren. Mit dieser Idee sind die Smashing Pumpkins nicht alleine. Auch Muse, die Überflieger der Konzertsaison 2007, schlagen denselben Weg ein.
Website statt ZeitungsaboHellhörig macht auch ein 65-jähriger, den Verfassern bekannter Mann, der nach 40 Jahren das Abonnement bei seiner Tageszeitung kündigte, weil er sich auf deren Website mit Informationen versorgen könne – gratis, versteht sich. Er, der die Geschichten seiner Tageszeitung 40 Jahre lang jeden Tag vom grossen Aufreger auf der Frontseite über die Todesanzeigen bis hin zur Kritik einer schwer verdaulichen Inszenierung einer deutschen Kleinbühne von A bis Z verschlang, will sich denselben Gehalt der Information im Web holen. Das ist zwar möglich, aber nach dem Prinzip der Self-Fullfilling Prophecy äusserst unwahrscheinlich. Weil auch er sich an der Bestsellerliste des Mainstream orientieren wird. Und dazu gehört die Medea-Inszenierung der Kleinbühne in Bern, Hannover oder Innsbruck mit Sicherheit nicht. Wer liest schon eine Website von Anfang bis Ende durch? Niemand.
End- und uferlosDenn es gibt im Web keinen Anfang und kein Ende mehr, die Navigation in der virtuellen Dreidimensionalität ist end- und uferlos. Man entdeckt zwar öfters neue Themen, von denen man nicht einmal wusste, dass sie einen interessieren könnte, man verliert sich aber auch in der unendlichen Themenvielfalt und hat keinen Überblick mehr. Kein Wunder, wenden Plattformen wie Blick.ch dasselbe Prinzip an wie der iTunes MusicStore. Um Orientierung zu verschaffen, werden im Verlaufe des Tages Geschichten auf Grund ihrer Beliebtheit im Sinn einer Hitparade dynamisch neu arrangiert. Was wiederum die beliebtesten Storys noch beliebter macht. Immer mehr Menschen betrachten so dieselben Mainstream-Geschichten und tauchen tiefer in individuelle Interessensgebiete ein, aber im Vergleich zur gedruckten Zeitung geht im Web der gesellschaftlich integrierende Überblick über viele Themen zunehmend abhanden.
Sicher ist, dass sich die Rolle der Massenmedien längst verändert hat. Über was die Menschen nachdenken, wird nicht mehr von den Redaktionsstuben diktiert, sondern hat sich längst schon demokratisiert. Die gesellschaftliche und kulturelle Tragweite dieser Konsequenz lässt sich nicht abschätzen. Für Markenartikler bedeutet dies, im Marketing dem Prinzip der selbsterfüllenden Prophezeiung getreu zu folgen. Eintritt in das öffentliche Bewusstsein verschafft man sich nicht mehr mit der Brechstange, sondern indem man schlau und nach unkonventionellen Rezepten die Bestenliste besetzt. So wird selbst der sperrigste Track zum Hit.
Die Box der PandoraMan hört einen Song
und denkt sich «Mensch, könnten doch nur alle Lieder so geil sein!». Das Problem: Man kennt nur ein bestimmtes Spektrum und hat keine Zeit/keine Lust/kein Geld, um die anderen 279 Künstler mit ähnlichen Stilen ausfindig zu machen. Natürlich hat sich «das Internet» da was einfallen lassen und bereits Pandora.com hervorgebracht. Pandora basiert auf dem Music Genome Project. Dieses analysiert anhand statistischer Merkmale die persönlichen Präferenzen anhand eines angegebenen Songs oder Künstlers und sucht dazu «passende» Titel und Interpreten aus seiner Datenbank. Dort werden die Lieder in voller Länge gespielt. Dazu gibt es einen Link, wo man die Musik kaufen kann. (pan)RodRegula Fecker und David Schärer
sind zwei der Gründer der Zürcher Kommunikationsagentur Rod, welche vor kurzem ihre Tore öffnete und mittlerweile zehn Mitarbeitende beschäftigt. Fecker und Schärer waren zusammen mit dem dritten Gründungsmitglied und Partner, Oliver Fennel, während sieben Jahren bei einer Zürcher Kreativagentur beschäftigt, bis sie den Sprung in die Selbstständigkeit wagten. Rod arbeitet für Kunden wie 20 Minuten, Denner, Dove, Ikea, Sanitas und Weleda.