Just 50 Tage vor dem offiziellen Start der Uefa Euro 08 bringt das national grösste Telekommunikationsunternehmen Swisscom 20 TV-Sender über das neue DVBH-Netz aufs Handy. Die Verantwortlichen betonten am Freitag vor angemessener Kulisse im Zürcher Letzigrund-Stadion vor den Medien, dass das Bluewin TV mobile genannte Angebot den Konsumenten Fernsehen in nie gekannter Qualität aufs Mobiltelefon bringe. Das Angebot sei in HDTV-Qualität, hiess es. Das ist allerdings ein Etikettenschwindel, denn einerseits gibt es (abgesehen von wenigen Ausnahmen) noch keine Sender, die in vollem High Definition Programme verbreiten und andererseits macht die volle Auflösung auf dem Bildschirm selbst von Handys der neuesten Generation wenig Sinn. Ehrlicherweise hätten die Macher für ihren Auflösungsstandard einen neuen Namen finden müssen. Es sei jedoch darum gegangen, mit dem Begriff HDTV dem Kunden zu vermitteln, dass Fernsehen auf dem Handy «in look and feel» dem nahe komme, was er vom richtigen Fernsehen auf dem Flachbildschirm bereits gewohnt sei.
Verzögerung bei Live-Sendungen Das DVB-H-taugliche Testgerät, ein neues Nokia N77, welches der Handyhersteller in Zusammenarbeit mit Swisscom entwickelt hat, zeigt im Praxistest ausserdem, dass die bewegten Bilder leicht ruckeln. Livesendungen können zudem nur mit einer Verzögerung von durchschnittlich acht Sekunden wiedergegeben werden und das Angebot ist im Ausland nicht nutzbar. Doch Fernsehen ist allemal möglich und sogar Untertitel sind, mit etwas Mühe zwar, doch lesbar. Im Vergleich zum seit Monaten über den Standard UMTS empfangbaren Bluewin TV ist der Unterschied in Bild und Ton deutlich erkennbar. Zudem lässt sich beim neuen Angebot schneller zappen und es bietet einen Programmguide für die schnelle Übersicht über die Senderprogramme.
Drei Bildschirme für den Alltag Der Launch von Bluewin TV mobile verstehe sich als Teil der Multimediastrategie von Swisscom, wie GL-Mitglied und Leiter Privatkunden Christian Petit am Freitag betonte. Die Vision dieser Strategie zielt dabei auf die drei Bildschirme im Lebensalltag der Kunden: Computer, Handy und TV-Bildschirm. Ziel ist, Musik, Internet und bewegte Bilder jederzeit drahtlos nutzbar zu machen. Praxistests hätten ergeben, dass die Leute den Aspekt des persönlichen TV-Geräts besonders schätzten und zum Beispiel das Handy gerne mit ins Bett nähmen, selbst dann, wenn in der guten Stube der grosse Flachbildschirm für die ganze Familie stehe.
Mit dem Start von Handy-TV sei indessen nicht der letzte Schritt in der Entwicklung getan, betonte Petit. Noch fehle zum Beispiel die Interaktivität, das heisst, dass die Benützer zum Beispiel auf TV-Angebote per Tastendruck reagieren und etwa abstimmen könnten. Weiter solle Bluewin-TV und seine Ausprägung fürs Handy mehr und mehr zusammengehen und sich nach Möglichkeit kaum mehr voneinander unterscheiden. Laut Petit werde das den Medien vorgestellte Testgerät Mitte Mai im Handel erhältlich sein. Weitere Modelle folgen.
Aufrüstung zur Euro hin Swisscom wird, wie vom Bakom gefordert, Ende Mai 44 Prozent der Bevölkerung ausser Haus und 31 Prozent indoor mit dem neuen DVB-H-Netz erreichen. Das Netz fokussiert vorerst auf die Zentren Basel, Bern, Zürich sowie den Arc Lémanique mit Genf und Lausanne. Dort wo das Netz nicht verfügbar ist, müssen Handy-TV-Nutzer auf den Standard UMTS umsteigen und haben dafür 30 statt bloss 20 Sender zur Auswahl, darunter dann auch zum Beispiel ARD und ZDF. Das Angebot soll unabhängig davon, ob über DVB-H oder UMTS ferngesehen wird, monatlich 16 Franken kosten.
Die Verantwortlichen schwiegen sich darüber aus, wieviele Zuschauer Swisscom benötigt, damit sich ihr neues Handy-TV rechnet, ebenso, wieviel der Auf- und Ausbau des DVB-H-Netzes, das mit 25 Antennenstandorten am Freitag gestartet ist, den Konzern gekostet hat. «Es ist weniger kostspielig als der Aufbau eines UMTS-Netzes», meinte Christian Petit lediglich.
René Worni