Buch Benjamin Bartels und Maximilian Kohler gingen als Grafikgesellen in Amerika auf die Walz. Wie das Praktikum zur Wanderschaft wurde.
Die Walz, im Volksmund auch als Gesellenwanderung bekannt, hat in Europa eine lange Tradition. Im 12. Jahrhundert zogen die ersten Handwerker los, um in der Fremde zu lernen. Heute wird der Brauch jedoch nur noch bei den Zimmerleuten gelebt. In ihrer typischen Kluft – Hut mit breiter Krempe und schwarze Schlaghosen – wandern sie auf der Suche nach Lehrmeistern durchs Land. Dass eine Walz nicht einzig die Angelegenheit einer Handwerkszunft ist, beweisen zwei Designer aus Deutschland. Benjamin Bartels und Maximilian Kohler haben sich vor etwa einem Jahr auf eine Grafikwalz begeben. Im Rahmen ihres Studiums an der Fachhochschule Wiesbaden gingen die beiden Studenten auf Wanderschaft, um ihr Wissen in Agenturen im Ausland zu vertiefen. «Es ging uns darum, dem Gedanken der Walz zu folgen», so Bartels. Wie die Zimmerleute einem strengen Regelwerk unterworfen sind, wollten die Grafikstudenten ebenfalls eines aufstellen, um dem Vorhaben eine gewisse Ernsthaftigkeit zu geben. Wichtigster Leitsatz war die «Zwei plus eins»-Regel. «Verweile nie länger als zwei Wochen und einen Tag an einem Ort», erklärt Bartels.
Man habe sich an der Wanderzeit der Zimmerleute orientiert, die heute laut Zunftbestimmungen zwei Jahre und einen Tag unterwegs seien. Für Maximilian Kohler und Benjamin Bartels hatte die «Zwei plus eins»-Regel aber einen zeitlichen Zweck: «Wir wollten möglichst viele Bräuche, Biermarken und andere Tastaturbelegungen kennen lernen.»
Für ihr Gesellenstück wählten die beiden Studenten die Autopista Panamericana, jenen interkontinentalen Highway, der Nord- und Südamerika verbindet. Für die Wahl der Panamericana gab es verschiedene Gründe. Zum einen schien es den Grafikern auf Grund der Strassengegebenheiten möglich, die 17’000 Kilometer lange Route in sechs Monaten zu schaffen. Zum anderen ermöglichte sie den Kontakt mit unterschiedlichsten Kulturen und Gesellschaftsschichten. Das wichtigste Kriterium war allerdings, dass der deutsche Pass als 90-tägiges Visum in den meisten amerikanischen Ländern anerkannt ist.
Damit Bartels und Kohler unterwegs zu Arbeit kamen, gaben sie sich den international verständlichen Namen «Gringografico» und richteten eine Website ein, die als digitale Visitenkarte diente.
Am 7. Juli 2005 war es so weit. Ausgerüstet mit dem Allernötigsten startete das Duo in Vancouver die Reise quer durch Amerika. Ganz den Handwerkskollegen gleich, sogar in einer eigenen Kluft. In sportlich schwarzer Kleidung mit einer knallgelben Gürteltasche klopften sie an Agenturtüren. Die Tasche enthielt das so genannte Walzbuch, in das sie, übernommen aus der Handwerkertradition, ihre Zeugnisse der Meister geschrieben bekommen hatten und das letztlich auch als Skizzenbuch diente. Bei vielen Agenturchefs kam die Idee offensichtlich an. Creative Director Jell Helm von W+K: «A ballsy, fucked-up, optimistic idea.»
Um ihre Arbeit als Grafikhandwerker aufzunehmen, hatten die Grafiktagelöhner einen Laptop, eine Digitalkamera, einen Camcorder und Skizzenblöcke dabei. Arbeit zu finden sei, so erzählten die beiden Abenteurer kürzlich in Zürich an einem Orell-Füssli-Anlass, nie ein Problem gewesen. «Die Durchführung schliesslich zeigte uns sehr deutlich die Grenzen auf», so Bartels. «Statt des Druckers nahmen wir Stift und Papier in die Hand. Als Scanner diente die Digitalkamera. Fotoshootings fanden nicht im Studio, sondern auf rostigen Waschmaschinen im Garten statt. Als Fond diente ein Ikea-Vorhang», so Kohler.
In elf Ländern und vier Zeitzonen mühten sich Bartels und Kohler ab. Dabei machten sie die Entdeckung, dass auf dem amerikanischen Kontinent anders gearbeitet wird als in Deutschland. Benjamin Bartels meint: «Werbung auf dem amerikanischen Kontinent basiert nicht auf Konzepten und Briefings. Da muss in erster Linie alles einfach sein. Zwischen Ideen, die in unseren deutschen Köpfen entstanden, und jenen, die in amerikanischen Köpfen funktionieren, lagen teils Welten.»
In 14 Agenturen konnten Bartels und Kohler ihr Wissen vertiefen. Realisieren durften sie während der Walz nur wenige Ideen, die von Kunden auch genutzt wurden. «Wir gingen den Agenturleuten meist in alltäglichen Dingen zur Hand, um sie zu entlasten», so Bartels.
Die Agenturen zu überzeugen, war nicht immer leicht. Die renommierte Werbeagentur Wieden + Kennedy etwa war eine grosse Knacknuss. Die beiden Gesellen hatten zwar Kontaktadressen, doch erwies es sich als fast unmöglich, den «Drachen» am Empfang zu überzeugen. Wieden +Kennedy ist die grösste Agentur Portlands und eine der grössten in den USA. Ein Konstrukt mit einer gewaltigen Organisation. «Nach nervenden Anrufen und hartnäckigem E-Mail-Schreiben landeten wir bei W+K 12», erinnert sich Bartels.
Dieser Unterbereich der Agentur ist eine interne Schule. Jedes Jahr werden aus Tausenden von Bewerbern zwölf ausgewählt, die zusammen als eigenständige Agentur für reale Kunden arbeiten. Bartels und Kohler durften beim Bau eines kreativen Donut-Minigolflochs mithelfen.
Eine Dokumentation der Abenteuer, die zugleich die Diplomarbeit der beiden ist, erschien als Buch mit dem Titel «Gringografico – on the road for food and fame!». Der Verlag Hermann Schmidt hat die Anekdoten der beiden als Tagebuch veröffentlicht. Eine Pflichtlektüre für all diejenigen, die in Zeiten der Globalisierung eine ähnliche Reise unternehmen wollen. Fotostrecken, Skizzen, Illustrationen und Kommentare fliessen zu einem eindrucksvollen Gesamtbild dieser Pionierleistung zusammen. Das Werk steckt in einer knallgelben Gürteltasche, wie sie die beiden Helden tatsächlich auf ihrer Wanderschaft getragen haben. Das Buch von Bartels und Kohler wurde Anfang April mit einem silbernen Nagel des ADC Deutschland ausgezeichnet.
Christian Lüscher