Hier kommt der Luxus-Journalismus
Journalismus Amerikas Verlage suchen nach neuen Finanzierungsmodellen für den Qualitätsjournalismus.
Journalismus Amerikas Verlage suchen nach neuen Finanzierungsmodellen für den Qualitätsjournalismus.
Den meisten Zeitungsverlagen in den USA geht es wirtschaftlich nicht gut. Die vorhandenen Gelder werden dazu genutzt, um über die wichtigsten aktuellen Entwicklungen zu berichten. Internationale Berichterstattung und vor allem investigativer Journalismus werden mehr und mehr als Luxus angesehen, den sich viele nicht mehr leisten können, also sehen sie sich nach alternativen Finanzierungsmethoden um. Eine davon ist das Projekt Pro Publica in New York, das aus der Feder des ehemaligen Wall-Street-Journal-Chefredaktors Paul Steiger stammt und sich ausschliesslich investigativen Recherchen widmet.Finanziert wird das ungewöhnliche Projekt durch eine Stiftung der US-Milliardäre Herb und Marion Sandler, die als liberal gelten und für die ersten drei Jahre zehn Millionen Dollar jährlich bereitgestellt haben. Sie wollen enthüllenden Journalismus fördern, ohne sich in die Berichterstattung einzumischen. 25 Reporter und Redakteure, viele davon renommierte, ehemalige Investigativreporter der New York Times oder der Washington Post, stehen auf der Gehaltsliste des neuen Unternehmens. Die Pro Publica Stories sollen kostenlos in grossen nationalen Medien wie der New York Times, dem Wall Street Journal oder dem Fernsehmagazin 60 Minutes publiziert werden, um grösstmögliche Breitenwirkung zu erzielen.
Branchenbeobachter begrüssen das Projekt. «Mir gefällt die Idee, investigative Recherchen im Rahmen einer unabhängigen Non-Profit-Organisation anzustellen», sagt Patrick Philips, Journalismusprofessor an der New York University. «Das bedeutet nicht unbedingt, dass alle investigativen Recherchen in Zukunft in ein solches Modell eingebunden werden müssen, um das Überleben des Genres zu sichern. Solange die Leser daran interessiert sind, werden auch traditionelle Medienbetriebe weiterhin Gelder dafür locker machen.»
Nötige AlternativenInvestigativjournalismus wird in den USA auch von anderen Organisationen wie etwa dem Pulitzer Center for Crisis Reporting oder dem Fund for Independence in Journalism gefördert, die beide durch Gelder öffentlicher Stiftungen finanziert werden und Zuschüsse für entsprechende Recherchen an Medienorganisationen vergeben. Gezielter Berichterstattung über regionale Gesundheitspolitik widmet sich dagegen die Non-Profit-Organisation Kansas Health Institute. Solche Initiativen werden als nötige Alternativen gesehen, um die Qualität des Journalismus zu sichern. «Eine grössere Rolle der Non-Profit-Organisationen könnte allen Medien helfen», glaubt Geneva Overholser, Autorin des Manifesto for Change, eines Leitfadens des Annenberg Public Policy Center für den Journalismus der Zukunft.
Ein anderer Weg, der Kosten für die Verlage sparen soll, ist das Konzept des User Generated Content. Das Prinzip, dass die Nutzer eines Mediums auch die Inhalte liefern, wird bei Online-Seiten wie YouTube längst praktiziert. Printverlage folgen auf dem Fuss: So publiziert etwa der Magazinverlag 8020 Publishing in San Francisco zwei Hochglanzblätter, die inhaltlich komplett von den Lesern bestückt werden. Der Verlag hat nur 19 Mitarbeiter: Redakteure und Verkaufspersonal, aber keine Reporter. Denn sowohl das Fotografiemagazin Jpeg wie auch das Reisemagazin Everywhere leben von den Bildern und Texten der Leser: Diese posten ihre Fotos auf einer Website, wo die Nutzer die besten auswählen, die dann in der Printausgabe publiziert werden. Die Fotografen erhalten hundert Dollar Honorar und ein Jahresabonnement.
Es herrscht MisstrauenDer Verlagsgründer, Halsey Minor, war auch der Gründer von Cnet. Er glaubt, dass man aus jedem Hobby ein Magazin machen kann, so zum Beispiel aus Essen und Autos – Themen, die schon bald in Form von User-Generated-Magazinen erscheinen könnten. Traditionelle Medienmacher beäugen das Modell mit Misstrauen, könnte es sie doch ihre Jobs kosten. «In manchen Fällen sind solche User-Generated-Medien nützlich für die Leser», so der Kommentar von Sree Sreenivasan, Kommunikationsprofessor an der New Yorker Columbia Universität. «Aber man verliert damit Geschichten, die man nur zu lesen bekommt, wenn ein Redakteur danach Ausschau hält.»
Gerti Schön, New York
