Star-Branding
Erst werden Nachwuchs-Rapper zu Stars aufgebaut. Dann wird ihre Berühmtheit dazu genutzt, Produkte bei präzise definierten Zielgruppen bekannt zu machen: Die sogenannten Brand-Stars werden zu lebendigen Markenlogos.
Im aktuellen Werbespot der Deo-Marke Tag wird Frische als neuestes Status-Symbol für Hip-Hop-Fans glorifiziert. Tag richtet sich speziell an eine junge und urbane Zielgruppe und ist damit der erste Hip-Hop-Deo-Spray. So neuartig wie die Nischenpositionierung eines Deo-Sprays ist auch die Art und Weise, wie Tag an die Zielgruppe der Hip-Hop-Fans vermarktet wird: Die Deo-Marke verfügt mit Q Da Kid über einen eigenen Rapper, dessen Hauptaufgabe es ist, den Deo-Spray zu bewerben. Es handelt sich dabei um eine neue Marketingstrategie, die als Star-Branding umschrieben werden kann und von der wir in Zukunft sicherlich noch einiges mehr hören werden.
Bei Star-Branding geht es darum, dass Marken ihre eigenen Musik-Stars erschaffen, um sie zu Werbezwecken einzusetzen. Das Prinzip ist ähnlich wie bei Casting Bands: Nachwuchsmusiker werden als Stars aufgebaut, um eine klar definierte Zielgruppe anzusprechen. Der Starkult um die Musiker wird genutzt, um die Markenprodukte in der Zielgruppe bekannt zu machen. Die Verbindung von Musiker und Werbung bekommt damit eine neue Dimension: Anders als bei üblichen Werbeverträgen, bei denen bereits etablierte Stars für eine Marke Werbung machen, verschmelzen Brand-Stars vollkommen mit der jeweiligen Marke – einem personifizierten Marken-Logo gleich. Q Da Kid, ein 20-jähriger Nachwuchs-Rapper aus New York, ist der erste Brand-Star, den die Tag-Marketingmaschinerie hervorgebracht hat – weitere Musiker sind bereits in der Pipeline.
Vorreiter Procter & Gamble
Der Tag-Deo-Spray gehört zur Dachmarke Procter & Gamble, bei der innovatives Marketing eine lange Tradition hat: Procter & Gamble war eine der ersten Firmen, die in den 1930er-Jahren Radioshows sponserte und auch selbst produzierte. Da Procter & Gamble damals hauptsächlich Seife herstellte, wurden die fortlaufenden Radiogeschichten als Soap Operas bekannt. Anfang der 1950er-Jahre übertrug die Firma das Soap-Opera-Konzept aufs Fernsehen und vor kurzem in Form von Web-Serien auch aufs Internet. Damit nutzt Procter & Gamble schon seit mehr als einem halben Jahrhundert mit Cleverness eine Marketingstrategie, die aktuell unter dem Buzzword Branded Content intensiv diskutiert wird.
Der Zweck von Branded Content besteht darin, ein Werbeumfeld für die eigenen Produkte zu schaffen, welches genau auf die jeweilige Zielgruppe aus¬gerichtet ist. Mit Tag Records hat Procter & Gamble das Branded-Content-Konzept auf die Musik ausgeweitet und gleichzeitig von Sendegefässen auf Stars übertragen: Gebranded werden nicht mehr bloss Inhalte, sondern auch die Akteure, die darin agieren. Star-Branding stellt somit die nächste Stufe des Branded Content dar: Brand-Stars personalisieren die Marke und erwecken sie so zum Leben.
Die Marke Tag steht über allem
Um sich Marken-Stars heranzuziehen, hat Procter & Gamble in Zusammenarbeit mit der Plattenfirma Def Jam eine eigene Rap-Plattenfirma namens Tag Records gegründet. Präsident des neuen Labels ist der Rapper und Producer Jermaine Dupri, bekannt durch seine Musikstücke mit Mariah Carey, Jay-Z und Usher. Dupris Aufgabe ist es, neue, noch unentdeckte Rap-Talente zu finden und als Tag-Rapper aufzubauen. Hierfür werden USA-weit Casting Events veranstaltet, an welchen sich hoffnungsvolle Rap-Talente präsentieren können. Daneben haben Nachwuchs-Rapper auch die Möglichkeit, ihre Songs auf die Tag-Records-Website hochzuladen. Die besten Rapper werden von Tag Records unter Vertrag genommen – und danach einem vollständigen Makeover unterzogen, um sie der Marke Tag anzupassen.
Da es Procter & Gamble in erster Linie um die Vermarktung des Deo-Sprays geht, werden die Rapper nicht als eigenständige Künstler vermarktet. Stattdessen fungieren sie als Aushängeschilder und Markenbotschafter im Dienste von Tag: Es gehört zum Plattenvertrag, dass die Rapper in Deo-Werbungen auftreten, an Konzerten das Tag-Deo bewerben und auch darüber hinaus als Markengesichter für Werbezwecke zur Verfügung stehen.
Die Musikkarriere der Tag-Rapper wird damit zu einem einzigen endlosen Werbespot. Adam Weber, Brand Manager bei Tag Records, erklärt: «Was wir machen, ist etwas anderes als die üblichen Endorsement Deals, bei denen Artists für eine Marke Werbung machen. Normale Werbeverträge haben einen Anfang und ein Ende. Bei uns sind die Rapper während ihrer ganzen Karriere mit dem Tag-Deo verbunden. Die Botschaft von Tag und die der Künstler wird damit ein und dieselbe.» Star-Branding nach dem Modell von Tag basiert somit auf der vollständigen Verschmelzung von Künstler- und Markenpersönlichkeit. Brand-Stars sind nichts anderes als Markenlogos aus Fleisch und Blut: So wie das Michelin-Männchen für die Reifenmarke steht, agieren die Tag-Rapper als lebende Galionsfiguren für den Deo-Spray.
Kolossaler Werbeaufwand für Tonträger
Für die Rapper, die sich bei Tag Records verdingen, lohnt sich ihr Dasein als lebende Werbefigur insofern, als dass sie auf die geballte Marketingkraft von Procter & Gamble und Def Jam zählen können. Die Alben der Tag-Records-Musiker werden mit einem so kolossalen Aufwand beworben, wie es für unbekannte Rapper, die gerade ihr erstes Album herausgeben, normalerweise unvorstellbar ist: «Wir nehmen einen neuen Artist und verschaffen ihm eine so grosse Öffentlichkeit, wie sie nur die berühmtesten Hip-Hop-Stars haben», schwärmt Dupri. «Normalerweise müssen Rapper Unmengen von Alben verkaufen, um auf eine solche Stufe zu kommen. Wir hingegen geben unseren Künstlern diese Plattform vom ersten Tag an. So etwas gab es noch nie in der Musikindustrie.» Der Handel lohnt sich also für beide Parteien: Procter & Gamble hat mit den Rappern ein Vehikel, um den Tag-Deo-Spray an die Zielgruppe der Hip Hopper zu vermarkten, und die Musiker werden über Nacht zu Superstars.
Zurzeit produziert Tag Records gerade das erste Album von Q Da Kid. Auf seiner MySpace-Seite sind zwei Musikstücke bereits vorab zu hören. In den Texten sind keine offensichtlichen Deo-Bezüge zu finden – es steht jedoch ausser Frage, dass Tag auf die Song-Texte massiv Einfluss nimmt: Was nicht im Einklang mit dem Markenimage des Deo-Sprays steht, wird radikal aussortiert. Es ist auch damit zu rechnen, dass Procter & Gamble über kurz oder lang versuchen wird, das Deo und die dazugehörige Thematik subtil in den Musikstücken unterzubringen, um so das volle Marketingpotenzial der Brand-Stars auszuschöpfen: Da Musik im Leben von Hip-Hop-Fans allgegenwärtig ist, werden die Markenbotschaften damit zu einem integralen Bestandteil ihres Alltags – aus Marketingsicht der Idealzustand.
Das Integrieren von Werbebotschaften in Musikstücke ist auch aus Sicht der Musikindustrie interessant: Da durch den grassierenden Musiktausch per Internet immer weniger Einnahmen mit CD-Verkäufen gemacht werden, muss sich die Musikindustrie nach neuen Geschäftsmodellen umsehen. Eine Möglichkeit wäre die Werbefinanzierung von Musik nach dem Vorbild der Gratiszeitungen: Plattenfirmen geben die Musikstücke umsonst heraus und platzieren dafür Werbung in den Songtexten.
Einfluss auf Songtexte wird zunehmen
Schon heute sind Markenbotschaften in Musikstücken weit verbreitet: Seit Run DMC im Jahr 1986 über «My Adidas» rappten, gehören Marken zum festen Inventar von Hip-Hop-Songs: Tim Dog rappt über seine Timberlands, 50 Cent über seinen Bentley, Kool Keith nippt am Dom Perignon, und Busta Rhymes fordert dazu auf, den Courvoisier rüberzureichen. Ob es sich dabei um bezahlte Werbung oder um reine Fan-Bezeugungen handelt, ist nicht bekannt. Es ist jedoch damit zu rechnen, dass das Einflechten von Markennamen in Songtexte stark zunehmen wird, wenn das Tag-Modell des Star-Brandings Schule macht. Die Schwierigkeit besteht einzig darin, die Werbebotschaften sinnvoll mit dem jeweiligen Künstler und Musikgenre zu verbinden. Jermaine Dupri hat dabei jedenfalls schon den Dreh raus. Wie sagt er doch auf der Tag-Records-Website: «Der Tag-Deo passt perfekt zum Rap. Denn wir Rapper haben doch alle ein Ziel: Wie wollen immer möglichst fresh sein. Dafür gibts jetzt Tag: Man sprüht sich einfach ein – und schon ist man frisch.»
Max Celko




